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„Die ganze Situation macht uns sehr pessimistisch…“

von | 14 Aug 2015 | Locarno 2015 | 0 Kommentare

Kaplanoglu+Erdogan

Keine türkischen Intellektuellen, sondern Semih Kaplanoglu, Regisseur, Gewinner des Goldenen Bären, und einer des ganz wenigen türkischen Künstler, der offen Partei für Ministerpräsident Erdogan ergreift – mit dem und dessen Frau er sich hier beim Besuch des neuen monumentalen Regoerungspalastes fotografieren ließ.

Die türkische Kritikerin Nil Kural über das Kino in der Türkei und die gegenwärtige Situation der türkischen Gesellschaft

 

Es sind gute Jahre für das türkische Kino: 2014, passend zum hundertjährigen Jubiläum der türkischen Filmindustrie, gewann Nuri Bilge Ceylan die Goldene Palme von Cannes für seinen Film WINTERSLEEP. Auch zuvor waren türkische Filme auf den Autorenfilmfestivals dieser Welt Dauergäste. Bei den Filmfestspielen von Venedig in drei Wochen laufen gleich drei türkische Werke, darunter der zweite Film des sehr vielversprechenden jungen Regisseurs Emin Alper im Wettbewerb um den Goldenen Löwen, Nobelpreisträger Orhan Pamuk stellt am Lido persönlich einen Dokumentarfilm über sein Buch DAS MUSEUM DER UNSCHULD vor. Und der letztjährige Cannes-Sieger Ceylan sitzt auch noch in der Jury.
Bei den Filmfestspielen von Locarno läuft dagegen noch nicht mal ein Kurzfilm aus der Türkei – dafür ist eine Türkin Mitglied in der internationalen Kritikerjury des Kritikerverbandes FIPRESCI.
Schon in jungen Jahren gehört Kural zu den wichtigsten Filmkritikern der Türkei. Sie schreibt für die Istanbuler Tageszeitung MILLIYET, eine der wenigen unabhängigen Stimmen in der Türkei, in der die Medienlandschaft gegenwärtig unter Druck ist: Denn die Rechtspopulisten der islamistischen Regierungspartei AKP haben wenig Achtung vor der Meinungsfreiheit und bedrohen kritische Stimmen.
Nil Kural und ich kennen uns seit über acht Jahren. Vertrauen und Wissen um das Wissen des Anderen ist die Basis dieses Gesprächs. Darin erinnert Nil an die letzten Wochen, in denen ihre Regierung nicht nur gegen die Terrorbanden der ISIS in den Krieg zog, sondern auch den Friedensprozess mit den kurdischen Rebellen abgebrochen und damit den schwelenden Bürgerkrieg mit den Kurden wieder entflammt hat. Allerdings gibt es Themen, über die wir nicht sprechen wollten, solange das Tonband läuft. Erst vorvergangene Woche würde ein prominenter Kollege und langjähriger Kolumnist ihrer Zeitung auf Regierungsdruck hin entlassen – es war ein Twitter-Kommentar, der ihm zum Verhängnis wurde.
Insofern ist selbst dieses Gespräch in der neutralen Schweiz ein Gespräch im Belagerungszustand, unter imaginärer Beobachtung durch den potentiellen Feind. Man stellt sich vor, wie andere die Zeilen lesen und Sätze interpretieren könnten. Manche Fragen – etwa die danach, was in der Zeitung passiert, was sie über die Regierung denkt, und ob es schwarze Listen mit den Namen von Journalisten gibt – stelle ich erst gar nicht, weil ich weiß, das Nil nicht darauf antworten wird und ich die Antwort bereits kenne. Kluge Leser werden zwischen den Zeilen lesen.

***

Nil, Du bist Mitglied der FIPRESCI-Jury. Was machst Du da?

Kural: Wir schauen uns die 19 Filme des Hauptwettbewerbs an, und vergeben am Ende nur einen einzigen Preis, den FIPRESCI-Preis. Kritikerjurys gibt es bei den meisten internationalen Filmfestivals. Diese Filmkritikerjurys werden von der FIPRESCI, dem internationalen Filmkritikerverband organisiert, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert, und damit noch älter ist, als die ältesten Filmfestivals der Welt. Unser Ziel in der Jury ist die Entdeckung neuer Regietalente und die Verteidigung des unabhängigen Autorenkinos gegen die Übermacht des Marktes wie gegen politische Einflussnahmen.

Es ist Dein erstes Mal in Locarno. Wie ist Dein allgemeiner Eindruck bisher?

Kural: Ich mag das Festival und den Wettbewerb. Es gibt eine gute Mischung aus jungen Regisseuren, die erst noch entdeckt werden müssen, und etablierten Namen wie Chantal Akerman und Andreij Zulawski, auf den ich mich sehr freue. Ich finde den Wettbewerb bislang sehr interessant, um es mal so zu sagen [Lacht] Wow! Wie charmant. Locarno-Direktor Carlo Chatrian wird sich freuen, das zu hören. Hast Du Zeit, um noch andere Filme zu sehen?

Kural: Nicht wirklich. Wir müssen drei Filme am Tag sehen, und ich muss meine täglichen Texte für die Zeitung schreiben, da bleibt nicht viel Zeit. An den letzten Tagen, wenn die Juryarbeit getan ist, werde ich mir Filme der anderen Sektionen anschauen, vor allem Peckinpah, würde ich sagen.

In Locarno sieht man eine seltsame Mischung aus großen Hollywood-Produktionen und anderem Unterhaltungskino, wie einer Bollywood-Produktion auf der Piazza Grande und auf der anderen Seite zartes Autorenkino und dann die Retrospektiven. Vielleicht muss ein Festival so arbeiten, aber überzeugt Dich die Mischung?

Kural: Sie versuchen, eine Balance zu finden. Ich denke das ist eine gute Idee. Man muss „Crowdpleaser“ zeigen, um die bis zu 8000 Zuschauer auf die Piazza zu bekommen, und für die Cinephilen und Filmbuffs gibt es die Wettbewerbe, die Nebensektionen und die Retrospektiven.
In Cannes und Berlin verbringt man viel Zeit mit Schlange-Stehen. Hier geht alles einfacher und schneller. Das ist gut für eine Kritikerin.

Hast Du einen Piazza-Film gesehen?

Kural: Ich sah den Eröffnungsfilm RICKI AND THE FLESH auf der Piazza – der war enttäuschend für mich. Aber immerhin war die Piazza Grande eine tolle Erfahrung.

Du wirst diesmal zum ersten Mal in Venedig sein. Dort gibt es diesmal eine sehr starke türkische Präsenz. Was denkst Du darüber?

Kural: Für die Türkei ist das sehr wichtig, das türkische Kino wird wahrgenommen. Emin Alpers Film ist im Wettbewerb, ein zweiter Film in einer Nebensektion, Nuro Bilge Ceylan sitzt in der Jury und ein bisschen versteckt wird auch Orhan Pamuk da sein, weil es einen Film über sein Buch DAS MUSEUM DER UNSCHULD gibt.
Sie repräsentieren die moderne Seite der Türkei. Nuri Bilge Ceylan und Orhan Pamuk sind die international bekanntesten Intellektuellen der Türkei und Emin Alper ist ein brillianter junger Filmemacher – insofern sieht Venedig die beste und intellektuellste Seite der Türkei.

Es gibt auch Anlaß, weniger gut gelaunt zu sein: Die türkische Politik. Was erleben wir da gerade? Wie nimmst Du als Journalistin einer großen republikanischen Zeitung die Eskalation der letzten Wochen wahr?

Kural: Tatsächlich bin ich froh hier zu sein. Die zehn Tage in der Schweiz sind eine echte Erholung für mich. In der Türkei ist die Situation sehr schlecht: Jeden Tag hören wir von neuen Tragödien. Täglich sterben viele Leute. Dem Land könnte Schreckliches bevorstehen.
Nach den Wahlen erwarteten die Leute, dass sich etwas verändern würde. Aber alles ist außer Kontrolle geraten. Vielleicht gibt es vorgezogene Wahlen. Es gibt ein Chaos im Land – niemand weiß genau, wie die nahe Zukunft aussieht. Die ganze Situation macht uns sehr pessimistisch.

Was ist da die Rolle des Kinos? Das türkische Kino ist sehr kritisch mit der Rolle der AKP-Regierung und der Situation in der Türkei…

Kural: Ja, das stimmt. Wir kennen viele Beispiele dafür: Krisenzeiten sind oft gute Jahre für die Kunst. Wenn es in einer Gesellschaft Druck gibt und Repression, blüht oft künstlerische Kreativität. Das ist die Situation in der Türkei.

Kann man das, was in der Türkei passiert, Paranoia nennen?

Kural: Nein. Nicht von Seiten der Gesellschaft. Denn leider liegen der Furcht der Menschen tatsächliche Fakten zugrunde. Nach den Wahlen hofften viele auf Veränderung. Aber alle Paranoia dahingehend wie blutig es werden kann, ist von der Realität noch übertroffen worden. Wir haben es mit bitteren Wahrheiten zu tun, nicht mit Paranoia.

Können wir im Ausland, besonders Deutschland etwas tun? Als Medien?

Kural: Nein, es liegt nun an der türkischen Öffentlichkeit, in Ruhe über die Zukunft des Landes nachzudenken und zu entscheiden. Man muss sich Informationen beschaffen, auch unabhängige abseits der Mainstreammedien.
Stimmen von Außen helfen da nicht viel. Aber öffentlicher Druck könnte etwas ausrichten.

Ist das Glas halbvoll oder halbleer?

Kural: Angesichts der Terrorattacken bin ich sehr pessimistisch. Aber ich hoffe immer noch, dass die Ergebnisse der Wahlen sich auch im Handeln niederschlagen, und dass es auch einen Ausgleich gibt.

Rüdiger Suchsland aus Locarno

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