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Wenn ein bestehendes Werk den Übergang in ein anderes Format wagt, ist damit natürlich immer eine Modifizierung verbunden. Die Übertragung von Fernsehformaten ins Kino ist vielleicht nicht die natürliche Bewegungsrichtung. In Fernsehserien können sich die Figuren komplex über längere Zeit entfalten, die Anlage gewisser Konflikte kann großflächig angegangen werden, die Welt ausführlich gestaltet werden. Im Kino muss es kompakter funktionieren, auch spektakulärer, damit die große Leinwand gerechtfertigt ist, und es muss auch für Nichtkenner der Serie verständlich sein, da ein größeres Publikum erreicht werden soll. In die andere Richtung ist es einfacher, da kann im Fernsehen ein Universum weitergedacht werden. An Beispielen wie Sex and the City lässt sich sehen, dass das, was im Fernsehen unterhaltsam war, im Kino oft nicht ausreicht, aber auch, dass künstlich hinzugefügte Spannungserzeuger den Charme des Fernsehoriginals angreifen können. Allerdings gibt es auch genügend Beispiele für eine gelungene Transformation, man denke nur an Star Trek.

Nun, bei Türkisch für Anfänger ist der Übergang ganz und gar nicht geglückt. Das ist umso mehr bedauerlich, weil dem Film eine der besseren deutschen Serien der letzten Jahre zugrunde liegt. Vor allem aber ist das Ausmaß des Misslingens unverständlich, denn der Film enthält höchstens noch einen Schimmer von dem, was die Serie auszeichnete – und das obwohl der Creator der Serie, Bora Dagtekin, auch für den Film verantwortlich ist.

Der Film erzählt die Geschichte der Serie noch einmal neu, damit die Zuschauer kein Vorwissen brauchen. Das alleine ist nicht schlimm, es hat auch an anderer Stelle schon oft funktioniert, siehe zum Beispiel Serenity. Allerdings erschafft Türkisch für Anfänger die Handlung in neuem Rahmen neu – und dieser ist denkbar schlecht gewählt. Therapeutin Doris (Anna Stieblich) reist mit ihrer grundsätzlich sarkastischen und missmutigen Tochter Lena (Josefine Preuß) nach Thailand. Im Flugzeug treffen sie auf den türkischstämmigen Witwer Metin Öztürk (Adnan Maral), der mit seinen Kindern Cem (Elyas M’Barek) und Yagmur (Pegah Ferydoni) auf demselben Weg ist. Unterwegs gibt es Probleme und das Flugzeug muss notwassern. Alle Passagiere, darunter auch Doris und Metin, werden aus dem Meer gerettet. Nur ihre drei Kinder sowie der junge Grieche Costa (Arnel Taci) werden an den Strand einer einsamen Insel gespült. Während sich zwischen Doris und Metin im Hotel langsam Zuneigung entwickelt, herrscht zwischen den jungen Gestrandeten vielmehr Zwietracht.

Der Schauplatz Thailand macht das zentrale Thema Cultural Clash im Prinzip bedeutungslos. Klar, sie sind immer noch Deutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund, doch im Dschungel spielen die womöglich relevanten Alltagsangewohnheiten keine Rolle. Da wirkt es seltsam deplatziert, wenn Lena sich darüber beschwert, mit Migranten durch den Urwald zu laufen. Wo derartig sarkastische Aussprüche in der Serie auf unterschiedlichen Ansichten, die auch diskutiert wurden, basieren, wirken sie hier einfach nur ausländerfeindlich. Rassismus wird auch dem deutschen Fernsehen unterstellt (beziehungsweise es unterstellt diesen sich selbst, denn der Film ist von der ARD mitproduziert), wenn die Nachrichtensprecherin der Tagesschau beim Bericht über den Flugzeugabsturz von den Vermissten spricht als „eine Deutsche und drei Migranten mit deutschem Pass“. Vielleicht sollte das ein zynischer Kommentar sein, es ist aber so dämlich, dass es nur negativ auffallen kann.

In der Serie zeigte sich ja auch schnell, dass es eigentlich nicht die unterschiedlichen Kulturen sind, die für Konflikte zwischen den Figuren sorgen, sondern die unterschiedlichen Persönlichkeiten, unabhängig von der Herkunft – das war ja im Prinzip die zentrale Aussage von Türkisch für Anfänger. So hätte also Thailand doch funktionieren können, wenn die einzelnen Figuren interessant gestaltet worden wären und ihre Streitigkeiten untereinander spannend und unterhaltsam entwickelt worden wären. Die Serie wartet mit einer großen Bandbreite schrulliger, aber doch immer authentischer Charaktere auf. Besonders gelungen wirkt zum Beispiel Mutter Doris. Sie bietet eine perfekte Verkörperung dieser alternativen, antiautoritären Mutter, die immer selbstbewusst und besserwisserisch auftritt, im Grunde genommen aber doch selbst verunsichert und ständig auf der Suche ist. Obwohl nahe an der Karikatur, ist die Figur doch glaubhaft und vielschichtig angelegt. Im Film verkommt Doris zu einer sexbesessenen, selbstsüchtigen Frau und vor allem wird sie derart übertrieben inszeniert, dass sie die Schwelle zur Karikatur auf jeden Fall überschreitet. Dabei ist sie beinahe noch einer der gelungeneren Filmcharaktere. Metin, Yagmur und Costa bleiben fast völlig farblos, Cem ist die meiste Zeit über ein eindimensionaler Macho mit lieblos angedichtetem Trauma, das ihn dann doch noch liebenswürdig machen soll. Lena ist der Mittelpunkt der Serie. Seltsam, verschroben, kopfgesteuert, frech und verwirrt führt sie durch die Handlung. Der Film übernimmt dieses Konzept ohne es zu überdenken. So begleitet Lena auch den Film mit einem Voice-over. In der Serie kommentiert sie ihr Leben mithilfe einer Videokamera für ihre beste Freundin, die im Ausland lebt. Im Film hat der Voice-over keine solche Funktion, auch enthält er so viele doofe Sprüche und sinnlos Gesagtes, dass man sich fragt, weshalb nicht auf ihn verzichtet wurde. Vor allem unterstützt der Film Lenas Mittelpunktsposition nicht ausreichend, er macht sie zu einer nervtötenden Schreckschraube. Die lieblose Figurenzeichnung zeigt sich zum Beispiel daran, dass Lena, die zu Beginn noch strenge Vegetarierin ist, spät
er ohne Erklärung von Seiten des Films Affengehirn und Hähnchenschenkel verspeist.

Vielleicht ist der Schauplatz auch deshalb so ungünstig, weil in der Weite, Exotik und Wildheit dieser Natur die Mickerigkeit der Figuren und ihrer Probleme besonders zu Tage treten. Auch werden im Kinoformat die Plattitüden und Unzulänglichkeiten, die sich mit Sicherheit auch in der Serie, vor allem in den späteren Staffeln, zeigten, offensichtlich. Dennoch wurde hier grundlegend etwas falsch gemacht. Und wieder ist es so erstaunlich, dass die Macher der Serie hinter diesem Film stehen, denn was ganz fundamental fehlt, ist die Liebe für das Projekt, für die Figuren und ihre Geschichte, die in mehr Sorgfalt und Durchdachtheit gemündet hätte. So ist natürlich allen, besonders aber den Fans der Serie von einem Kinobesuch abzuraten, weil ihnen ein solcher Umgang mit dem liebgewonnenem Format nicht zugemutet werden sollte.

Türkisch für Anfänger
R: Bora Dagtekin
B: Bora Dagtekin, Andy Raymer
K: Torsten Breuer
D: Josefine Preuß, Elyas M’Barek, Anna Stieblich, Adnan Maral
Deutschland 2012, 105 Min.
Constantin
Kinostart: 15.03.2012

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