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Vor der Wiederkehr des Verdrängten – David Cronenberg rekonstruiert die Welt Sigmund Freuds;
 
Venedig-Blog, Folge 8.

„Peoples brains where different in the past.“ sagte David Cronenberg auf der Pressekonferrenz nach der Venedig-Premiere seines Films, „their nervous systems were different… My film gathers a fascinating puzzle…“. Es muss großartig sein, mit Cronenberg einen Film zu drehen. Man bekommt, das erzählen seine Schauspieler schon seit Jahren, Stapel von Büchern zum Lesen und einen nimmermüden, immer gesprächsbereiten Regisseur. Am Ende läuft das Ganze auf ein kleines Oberseminar hinaus, zum Thema „Existenzphilosophie und virtuelle Welten“ (eXistenZ), „Selbstjustiz, Rache und die Gewaltgeschichte Amerikas“ (A History of Violence), „Mutationen und Hybride“ (Die Fliege), „Kulturgeschichte der Parasiten“ (Shivers), „Wissenschaft, Epidemien und das neue Fleisch“ (Rabid), „Perversion und Fetischismus“ (Crash), „Drogenkultur und künstlerische Produktivität“ (Naked Lunch), „Videokunst und die Präsenz des Leibes im Cyberspace“ (Videodrome), „Russland, seine Menschen, seine Mafia“, „Das Böse und die Musik“ und „Zeichensystem Gefängnis“ (Eastern Promises) – und so weiter. Immer ist dergleichen verbunden mit einem Grundkurs in Kulturgeschichte, postmodernen Körperwelten und Praxis des Filmemachens. Es gibt nur wenige Regisseure, die so klug und gebildet sind wie Cronenberg, und keinen, der so wenig Aufhebens darum macht.

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Pferdekutschen klappern über sandige Straßen, nach Amerika fährt man mit dem Dampfschiff, und die Post kommt achtmal am Tag. Die Herren tragen Bärte und Zylinder, die Damen ein enggeschnürtes Korsett, sind aber gar nicht so selten gern bereit, es aufzuschnüren, und sich den Herren alles andere als damenhaft hinzugeben. Es wird schon gern mal gepeitscht und gefesselt, von hinten genommen sowieso, in jener Welt, wie sie David Cronenberg (eXistenZ) uns zeigt. In seinem neuen Film A Dangerous Method, der bereits am letzten Freitag im Wettbewerb von Venedig lief, nimmt der kanadische Regisseur seine Zuschauer mit auf eine Zeitreise. Sie führt in jene alteuropäische bürgerliche „Welt von Gestern“, die nicht nur Stefan Zweig beschwor, bevor sie in den Stahlgewittern des Ersten Weltkriegs unterging. Genauer: Ins Wien und in die Schweiz der Jahre kurz nach der Jahrhundertwende, als Sigmund Freud das Unbewusste entdeckte, „Überich“ und „Es“ definierte, Dinge wie Hysterie, Neurose, den Ödipus-Komplex und den Todestrieb und mit alldem die Psychoanalyse erfand. Cronenberg erzählt von jener Zeit zwischen 1904 und 1914, als deren Methoden noch unsicher waren, als Freud öffentlich heftig angegriffen wurde, und seine „Bewegung“ erst zu formen begann. Der 1856 geborene Freud (Viggo Mortensen) erkannte in dem eine Generation jüngeren Carl Gustav Jung (Michael Fassbender) einen potentiellen Nachfolger und wollte ihn näher an die eigene Arbeit heranführen. Aus dem anfänglichen Vater-Sohn-Verhältnis zwischen beiden wurde aber binnen weniger Jahre tiefe Eifersucht und Rivalität. Der rationale Freud warf dem irrationalen Jung, der sich auch mit Telepathie und Parapsychologie beschäftigte, „Mythizismus“ und „Schamanismus“ vor – von den tieferen Ursachen dieses Bruchs – theoretischen, wie höchst privaten Differenzen – handelt Cronenbergs Film.

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Der Film ist elegant und cool, zugleich zurückhaltend, wie selbstsicher. Dort wo es mal kurz überflüssig cheesy aussieht, wie beim computergenerierten Ozeandampfer, mit dem Freud und Jung gemeinsam nach Amerika reisen, fallen dann geniale Dialogsätze, die all das in den Schatten stellen: „Do you think they know we’re on our way, bringing them the plague?“ fragt Mortensens Freud süffisant.

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Eine der schönsten Szenen und zentralen Stellen in Cronenbergs Film ist die erste Begegnung zwischen beiden. Sie kennen sich durch Briefwechsel, und irgendwann besucht Jung den bewunderten Meister in der Wiener Berggasse. Es gibt ein kleines charmantes Gespräch darüber, ob Freud nun ein Columbus oder ein Galilei des Unbewussten sei. Er bevorzugt den Vergleich mit Columbus: „Columbus wusste nicht, was er entdeckte, er wusste nur, dass er etwas entdeckt hat.“ Jung kann sich nicht benehmen, besitzt zum Beispiel keine Tischmanieren. Fachlich sind beide Männer voneinander fasziniert, kulturell und politisch überwiegen die Differenzen: „Es gibt ein Problem: Hier in Wien sind nahezu alle Psychoanalytiker Juden.“ – „Ich sehe nicht, wo hier das Problem liegen soll.“ – „Eine exquisit protestantische Antwort.“ Dieser kurze – historisch überlieferte – Dialog zwischen Freud und Jung zeigt Freuds klare Einsicht in den latenten Antisemitismus seiner Gegenwart, wie umgekehrt Jungs politische Blindheit. Man wüsste gerne mehr über Jungs Verhältnis zum Jüdischen. „Jewish, import-export, well educated“ – so beschreibt er eine neue Patientin am Frühstückstisch gegenüber seiner Frau. Da sind die Stereotypen, ungenau maskiert, beisammen: Das Jüdische als das ökonomisch versierte, intellektuell überlegene, insofern allerorten latent bedrohliche Element.
Er zeigt auch, wie Freud sich mit den Jahren zunehmend als Jude zu fühlen begann, wie er immer deutlicher Stolz auf sein Judentum entwickelte – allerdings auch eine gewisse Arroganz: „Ihr Traum von einer mystischen Vereinigung mit dem blonden Siegfried ist zur Verdammung verurteilt. Hören Sie auf, von dem Arier zu träumen. Wir sind Juden.“ Dies sagt Cronenbergs Freud in einer zweiten zentralen Stelle des Films. Er sagt dies zu Sabina Spielrein, der dritten Hauptfigur des Films. Spielrein, eine 1885 geborene russische Jüdin, kam 1904 als Hysterie-Patientin zu Jung, wurde von ihm behandelt – und seine Geliebte. Später dann kam es zum Bruch, Spielrein wurde Freuds Patientin, und ihre Affaire mit Jung zum Modell-Fall, zum Auslöser für Freuds Diktum, ein angehender Analytiker müsse zuerst selbst eine Psychoanalyse durchlaufen. Später wurde Spielrein selbst Psychoanalytikerin. Sie forschte über „Sex als destruktive Macht“. Gespielt wird sie von Keira Knightley. Die grimassiert recht viel, vor allem, am Anfang, aber schließlich ist sie da noch eine Hysterikerin. Aber wenn Knightley im Film redet, interessiert mich das nicht, geht eher auf die Nerven.

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„This is a story about obsession.“ hätte man über diesen Film titeln können. In jedem Fall ist es auch eine Story über Sex. Oder was man seinerzeit darunter verstand. Dazu gehörte in jedem Fall, das lange über Sex geredet wird, bevor er womöglich stattfindet. Und das Schuldgefühle ebenfalls scheinbar untrennbar dazugehörten. Der Kontrast zwischen Spielrein und Jungs Ehefrau Emma zeigt auch, wie Krankheit für sie zu einer Chance werden kann, aus dem Korsett der patriarchalen Gesellschaft zu schlüpfen. Die deutsche Schauspielerin Anna Thalbach kommt nur sehr undankbar vor, ein paar Sekunden lang halbnackt als Nymphomanin, die von drei Schwestern fesgethalten wird und dabei versucht, Jung in die Augen zu sehen.
Spielrein ließ sich, glaubt man dem Film, von Jung beim Sex gern auspeitschen, am liebsten vor dem Spiegel. Ob das alles wirklich so stimmt, dazu muss man wohl die Fachliteratur konsultieren, vor allem Sabine Riechebächer, die mehrere Bücher über die Spielrein geschrieben hat, aber wir glauben sowieso, dass Recherche eine von Cronenbergs Stärken ist.

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Eine der letzten Szenen des Films ist die, in der sich der Bruch zwischen Freud und Jung vollendet. Während aus dem Off Freuds Stimme aus dessen letztem Brief an Jung liest, sieht man Freud selbst durch den Park von Schloß Schönbrunn spazieren. Als er sinnierend im Gehen innehält, steht neben ihm eine Sphinx-Statue…

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Obwohl dieser Film keine akademische Übung ist, und kein Dokumentarfilm, gelingt es Cronenberg besonders gut, das Charisma Freuds einzufangen. Neben der großartigen Leistung dieses Films als Rekonstruktion der Epoche bis in kleinste Einzelheiten, etwa die Einrichtung von Freuds Arbeitszimmer, oder von Nebenfiguren dieses intellektuellen Dramas wie Otto Gross, dem späteren Monte-Verita-Lebensreformer – wirklich lustig mit großartigem Witz und, soweit ich das sagen kann, treffend verkörpert als kokainsüchtiger Derwisch und Befreiungsfanatiker von Vincent Cassel, der hier aber mit Werwolf-Bart eher aussieht wie Kirk Douglas‚ Van Gogh in Vincente Minnellis Lust for Life -, hat der Film freilich noch eine andere, etwas versteckte Pointe: Zwar hat der Kanadier ein Historiendrama gedreht, und eine wichtige Episode der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts erzählt. Zugleich aber liegt der Gedanke nahe, dass die friedlichen Jahre von denen der Film erzählt, unserer eigenen Gegenwart nicht unähnlich sind: Auch wir erleben eine Zeit voller Chancen, voller wissenschaftlicher Errungenschaften, von Reichtum und hohem zivilisatorischem Niveau, in der trotzdem die Unsicherheit zunimmt, die Warnsignale vor Rückschlägen und das Gewittergrollen am Horizont nicht zu übersehen sind. Die scheinbar ewig friedliche milde Zeit vor 1914 war schneller zuende, als Zeitgenossen es sich träumen ließen: Auf 1914 folgte 1918, 1933 und 1945. Kaum einer hätte sich 1913 die Zivilisationsbrüche, die folgten, vorstellen können.

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Irgendwo im Internet lesen wir trotzdem Kritisches: „Und jetzt also ein Kostümfilm, in dem … in sehr geschmackvollen Kulissen geredet und geredet wird, wo die hochbegabte junge Russin Sabina Spielrein ihren Analytiker Jung mit Reden verführt, und Jung zu seinem anfänglichen Übervater Freud mit Reden – das erste Gespräch dauert 13 Stunden – eine Beziehung auf- und radikal wieder abbaut.“ Die Kritikerin findet das schlimm. Aber warum ist reden in der Kunst eigentlich schlimm? Warum darf man im Theater reden, aber nicht im Kino? Ist nicht eher die Tatsache schlimm, dass viele Leute das Reden heute verlernt haben, und das Zuhören auch?

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„We have to go into uncharted territory.“ (Jung in Cronenbergs Film). Merkwürdigerweise kommt im Kino Freud bisher kaum vor. Dabei spricht heute die ganze Welt Freud. Und im Kino spielt das zentrale Motiv Freuds, die Möglichkeit des Verrats an sich selber, ständig eine Rolle. Freud oder auch The Secret Passion hieß einer der unbekannten Filme von John Huston Anfang der Sechziger Jahre, zu dem kein Geringerer als Jean-Paul Sartre das Drehbuch schrieb. Freud wurde von Montgomery Clift gespielt. Es geht darin um die frühen Jahre von Freud, und in gewissem Sinn ist das Ganze, wie Dennis Schwartz in einer Kritik treffend schrieb, „ein Film Noir, mit Freud als Detektiv.“

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„Never repress anything.“ sagt Cronenbergs Gross. Und sein Freud: „Otto Gross … doing great harm to our movement. … you are undisputed crownprince.“

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Wieviel Mut dazu gehörte, sich während des viktorianischen Zeitalters auf Frauen einzulassen, kann man sich vergegenwärtigen, wenn man wieder einmal einen Blick auf Ibsen oder Strindberg wirft, die beide dauernd über Frauen schrieben, sie aber meist zu Karikaturen und Kranken degradierten oder zu mythischen Wesen und archaischen Urmächten überhöhten. Oder einen Blick auf Oscar Wilde: Al Pacino. Der beginnt seinen eigenen Film Wilde Salome zwar mit dem vorhin vermissten Satz: „This is a story about obsession“, versemmelt aber alles völlig. Irgendwie geht es um Oscar Wilde, vor allem aber um Pacino selbst und irgendwie auch um die Figur der Salome. Die begann ja etwa zur gleichen Zeit die bürgerliche Gesellschaft Europas zu faszinieren, in der Freud seine Theorien in die Welt setzte. Salome ist auch eine Ur-Femme Fatale. Auch das hat etwas mit Freud zu tun, alles lag in der gleichen dicken Salonluft – es ging um die Einsicht, dass Geschlecht und Sexualität gesellschaftlich ausbeutbar sind. Das Ergebnis ist Theater-Geschmocke und viel Schauspielereitelkeit. Das bessere „Making of“ eines missglückten Stücks, das ein Film werden sollte. Am meisten enttäuscht sein werden die, die Pacinos Shakespeare-Doku Looking for Richard mochten.

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Auch Philippe Garrel, wir hatten das vor ein paar Tagen erwähnt, wirft in Un été brûlant einen Blick auf „die“ Frauen. In der Pressekonferenz beschreibt Garrel seinen Film als seine persönliche Version von Godards Die Verachtung, und verwies auf eine in der Malerei ganz übliche Tradition: „Ich habe meinen Meister kopiert.“ Ich denke, dass das manchmal besser ist, als verkrampfte Originalität. Das Kino sollte sich wieder mehr auf die Tradition der Werkstatt besinnen.

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Wenn man mal begreifen wollte, was die Wirkung Monica Beluccis ausmacht – miserables Spiel hin oder her -, musste man ihren Auftritt in Garells Pressekonferenz sehen: Sie kam genau jene zehn Sekunden zu spät, um alle Aufmerksamkeit der Presse auf sich zu ziehen. Als erstes ein öffentliches Küsschen für Garell – das war das Foto des Tages.

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In der Pressekonferenz zu A Dangerous Method erzählt Cronenberg: „Mein Zugang zum Kino hat sich verändert. Ich drehe weniger, ich schneide schneller. Ich gebe dem Film, was er will. Meine Hingabe gilt dem Script und den Schauspielern.“ Dann geht es noch darum, dass die Briefwechsel seinerzeit „wie Internet vor dem Internet“ gewesen seien.

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