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Selbst nach dem zweiten Sichten ist es nicht möglich, über Zbigniew Bzymeks Utopians Konkretes zu schreiben. Nicht möglich, eine Kernidee zu nehmen, und um sie herum einen „Das ist es.“-Text zu schreiben. Utopians ist einer der Filme, der mir das Schreiben schwer macht, denn er will sich nicht auf Sätze reduziert sehen – und ich verspüre immer das Bedürfnis, die Filme auf den Punkt zu bringen, über sie kritisch zu urteilen und dies zu belegen. Wie eine mathematische Beweisführung stelle ich mir manchmal die eigene Vorstellung von Filmkritik vor. Ich weiß, sie ist nicht gerecht und oft unpassend. Sie spricht Filmen eine Offenheit ab, die ihnen zusteht.

Gesehen habe ich Utopians zum ersten Mal auf der letzten Berlinale, und es war ein besonderer Tag für mich. Der Tag, an dem ich meine Akkreditierung verlor, an dem ich also keine Karten für den nächsten Tag mehr bekam, implizit Nader und Simin verpasst habe, der Tag, an dem ich einen anderen Film (Gandu, demnächst bei Bildstörung auf DVD erhältlich) nicht sehen konnte, weil ich auf die Ersatz-Akkreditierung warten musste, der Tag, schließlich, an dem ich dann spontan noch eine Karte für diesen kleinen Independent bekommen habe. Der perfekte Tag um mich in den Film einzufühlen.

Utopians war der einzige Film, in welchem ich Norbert Grob traf und das versicherte mich von Anfang an davon, dass Erwartungen nicht fehl am Platz sind. Ich sah also den Film, war begeistert und wusste nicht wirklich warum. Die von mir projizierte Beziehung zwischen Film und Norbert Grob hatte sich verändert, denn danach waren sowohl Grob als auch der Film jeweils ein Garant für den anderen. Ich schrieb eine Kritik dazu (der Filmname ist darauf verlinkt). Ich musste feststellen, dass auch andere Kollegen begeistert waren, dass ihre Texte aber auch der Ursache dieser Begeisterung nicht nachgehen konnten.

Zum Kinostart wollte ich den Film noch einmal sehen, um diese mich störende Lücke zu schließen, um endlich über den Film diesen „Das ist es“-Text zu schreiben, um abzuschließen, was ich vor fast einem Jahr offen ließ. Diesmal mit Notizen und nachdem ich sämtliche andere Texte zum Film las. Leider habe ich die Kritik aus den Cahiers du Cinéma nicht gefunden, die sowohl im Presseheft, als auch auf der Homepage des Films zitiert wird:
„Utopians was the most promising film [at the Forum], revealing a young filmmaker to follow. “

Geklammert habe ich mich diesmal an den Filmtitel, an diesen mit teils gerundeten, teils kantigen Buchstaben verkündeten Slogan, der in sich birgt, was Kino seit eh und je ausgemacht hat – Utopie. Gefangen in diesem Schriftzug, der ebenso ist wie der Film, wie die Ereignisse um die Figuren – bei Utopians darf man sogar auf die Floskel zurückgreifen: wie das Leben. Denn der Film kann gut als Floskel wahrgenommen werden, und darin liegt seine Poesie: Er bannt das auf Leinwand, was um uns herum im Alltag geschieht oder geschehen könnte, er verwandelt es dadurch in Kunst und bringt somit rückwirkend ein bisschen mehr Kunst in unser Leben.

Zum Einstieg ein Besuch im Yogakurs von Roger (Jim Fletcher): Denn dort lernt man, dass, obwohl sich der Yogalehrer manchmal verspätet, es doch möglich ist, seinen eigenen Raum zu finden, soweit die gestreckten Hände reichen. Lebenslektionen eben. Nach diesem eigenen Raum wird immer im Film gesucht, aber im Bewusstsein, dass die Umgebung die Erweiterung eines Individuums ist, dass implizit eine gewisse Harmonie zwischen diesem und dem Raum nötig ist. Nicht immer sind aber die passenden Instrumente vorhanden, nicht immer sind die anderen bereit, dies zu akzeptieren, dazu kommt noch die Tatsache, dass die eigenen Überzeugungen doch wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben, dass die innerliche Lyrik eines Individuums es doch zu sehr zu einem Fremdkörper in der Gesellschaft macht.

Genauso einer ist Roger, ein Monument der Lyrik, einer, der sich nie konkret ausdrücken mag, um nichts mit Wörtern einzuschränken, um alles möglichst offen zu lassen. Doch immer wieder bekommt er aufs Neue bewiesen, dass Beziehungen mit den Menschen um einen herum auch eine gewisse Harmonie, einen gemeinsamen Raum, dem Individuum oft Einschränkung abverlangen. Und da muss er einsehen, dass er den Apfel mit einem Einwegmesser nicht so schälen kann, wie er will, dass die Schale nicht ein einziges langes Stück wird. Sie reißt nämlich, wie die meisten Fixpunkte in seinem Leben während des Films verschwinden. Und wie bei jedem sind stellenweise seine Entscheidungen nicht nachvollziehbar, er wirkt sogar immer wieder unsympathisch, doch im großen Ganzen bleibt er einer von uns, einer, der sich nicht zu viel wünscht. Nur, dass das Wenige richtig funktioniert. Was nie in Erfüllung gehen wird.

Wichtig ist bei den Figuren Bzymeks, dass sie dieses Bewusstsein des Scheiterns innehaben. Sie haben alle einiges erlebt und wissen, dass sie nichts Besonderes sind. Und wenn sie etwas zum zweiten Mal ausprobieren, dann eben in dem Bewusstsein, dass es zum zweiten Mal passiert. Es muss nicht besser werden als das erste Mal und es ist auch kein Neuanfang, denn ein Neuversuch beinhaltet den ersten Versuch immer in sich. Aber versucht wird alles immer wieder aufs Neue.

Alle wichtigen Lektionen des Lebens werden in Utopians lyrisch vorgestellt, als Yogalektionen und als Teil der Lebensgeschichte der Protagonisten. Das Verlieren und das Gewinnenwollen – denn tatsächlich gewinnen tut man nie. Dafür aber lernt man die Dinge immer wieder anders zu betrachten, aus dem möglichst besten Licht. Anpassung eben. Großartig in dieser Hinsicht eine andere Lektion aus Rogers Yogakurs, über Zeit. „Zeit ist nicht persönlich, sondern etwas, das mit anderen geteilt wird“. Das Gespräch über dieses Thema nimmt aber rasch Wendungen und damit das Verständnis der Zeit: “Jeder kann über seine eigene Zeit bestimmen”, dann, gleich im Anschluss, “Was passieren muss, passiert”. So ist es eben, die Utopians passen sich an, hören aber nie auf, nach Besserem zu suchen.

Alles wird im Film mit einem sehr feinen Humor präsentiert. Tragisch, denn er ist Bestandteil dieser Lebensentwürfe, die am besten stilisiert werden, als eine der Figuren, Mia, für eine Renovierung Kitt anrührt und dazu einen Teil ihrer Geschichte als Parallelmontage erzählt wird. Eine Geschichte mit vielen Variablen, eine sehr offene, die uns automatisch dazu bringt, den Rest des Films mit der Parallelmontage und dem Kitt in Verbindung zu bringen. In seiner Offenheit lässt sich aber der Film selbst jenseits der Leinwand weiter imaginieren, ins reale Leben eines jeden von uns. Und davon bekommen wir die Synthese immer wieder vor Augen geführt, als Einheitsbrei, als Kitt. Die Zutaten werden unwichtig, die Konsistenz des Ganzen muss stimmen. Leider stimmt diese aber auch nicht, und wir müssen schmunzeln, wenn am Ende des Films Roger nur noch einen Yogaschüler hat. Für ihn ist das aber der Anlass weiterzumachen, es noch einmal zu versuchen und nicht aufzugeben.

Es geht ihm und den anderen nie wirklich schlecht. Bzymek baut ein Szenario auf, das es nicht nötig hat, die Figuren tief fallen zu lassen, um sie wieder herauszuholen oder um sie dem Publikum gegenüber sympathisch zu machen. Das passiert implizit, auch wenn sich wenig ändert. Denn sie sind normale Menschen, denen es nicht besonders gut geht, die aber nie aufhören, von der Utopie eines leicht besseren Lebens zu träumen. Utopians ist zeitlos: Er funktioniert heute wie vor 20 Jahren, wie vor einem Jahrhundert und wie in einem Jahrhundert. Er wird seine Wirkung nicht verlieren, solange Menschen Menschen bleiben.

 

Utopians
R, B: Zbigniew Bzymek
K: Robert Mleczko
D: Jim Fletcher, Courtney Webster, Lauren Hind
USA, 2011, 84 Min
arsenal Berlin
Kinostart: 5.1.2012


@cipriandavid