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Copyright: Concorde Filmverleih

Der Mensch im Mittelpunkt des Films (wo er geschichtlich auch hingehört) – das ist LOOPER. Die Einfachheit in der Gestaltung des Sujets, ihre Distanzierung von dem Technik-Wahn, der im Zeitreise-Film generell zu sehen ist, sind in diesem Film Aspekte, die Lob bei Kritikern ernten. Technikbesessenheit ist in einem breiteren Kontext ein Symptom natürlich nicht nur des Zeitreise-Films, sondern auch der Science-Fiction und ferner des Action Blockbusters. Kamera, Schnitt, Gestaltung und seltener die Handlung werden in diesen Filmen zum Zentrum, zum Ort, wo einst der Mensch angesiedelt war. LOOPER distanziert sich von diesen üblichen Strategien der Inszenierung, gibt wenige Informationen über die technischen Hintergründe seines Zentralmotivs, aber genauso wenige über die Orte, an welchen die Figuren leben, und überlässt den zwei Protagonisten die Bühne.

Ein anderes Extrem der kritischer Wahrnehmung dieses Films greift genau diese Zentriertheit auf den Menschen an. LOOPER simplifiziert nicht, sondern ignoriert fast alles, was den technischen Aspekt der Zeitreise (sein Zentralmotiv) angeht, bis zu dem Punkt, an dem dieser austauschbar erscheint. Das einzige, was zählt, sind die Menschen. Selbst die Zukunft soll durch eine übersinnliche menschliche Kraft gestaltet werden, nicht durch Technik.

Beide Lesarten sind berechtigt, interessant ist aber ihre Koexistenz, denn sie bieten zwei Sichtweisen an, die auf zwei Vorgängen der Distanzierung von gegenwärtig besonders wichtigen und dominanten Herangehensweisen an das Wesen des Filmemachens beruhen.

Gegen die Versachlichung

Die erste Position spricht sich gegen ein Kino der Versachlichung aus; einem Kino, wie es vielleicht Christopher Nolan am prominentesten betreibt, in welchem nicht der Mensch zählt, sondern die Konzeption einer Filmwelt. Ihre technischen Aspekte, ihre Logik oder der Mangel an Logik stehen im Mittelpunkt, werden inszeniert, gefilmt, konstruiert oder erklärt. Verschachtelte Erzählmuster, Computeranimationen, verwackelte Kameras und Schnitttechniken, die zuletzt zur pointierten Bezeichnung dieser Entwicklung des Films als „Chaos Cinema“ führten, dominieren die Form. Der Mensch, der Schauspieler, die Figur sind in diesem Kontext nur Sympathieträger für den Zuschauer, eine Ebene der Identifikation oder des Einstiegs in eine andere Geschichte als die seine. Der Mensch wirkt somit deplatziert, der Realität nicht entsprechend, er wird mit Gegenständen, Techniken oder Abläufen gleichgestellt. Die Materie um ihm herum und ihre simulierte Konsistenz erobern in dieser Art Film den Status, der dem Menschen einst gehörte. Früher war er derjenige, der bis ans Ende der Welt reiste, um die komischsten Wesen und Gestalten zu treffen, zu bekämpfen oder für unsere Bewunderung zurückzubringen, der in überlebensgroßen Geschichten seine Heldenreise beging, oder die Grenzen der Welt überschritten hat, nur um etwas über sich selbst zu lernen. Er war der Träger der Utopie, die das Kino seit eh und je ausmacht.

Nun ist diese Utopie die der Materie. Einer Materie, die, so virtuell sie auch ist (auf Leinwand, Monitor oder Display), immer wieder durch ihre konstruierte und dargestellte Echtheit beeindruckt. Einer Materie, aus welcher Welten gestaltet werden, deren Utopie darin besteht, nicht mehr erklärt zu werden, wie es früher mit dem Menschen geschah, sondern unsere Sinne zu verwirren und uns somit zu vermitteln, dass sie zu verstehen jenseits unserer Auffassungsgabe liegt. Einer Materie, die auf eine Welt hindeutet, in welcher Filme wie THE EXPENDABLES mit ihrer Ausstellung der Action-Helden unserer Kindheit nur ein Hilfeschrei sein können, weil diese Männermodelle inzwischen wie Andys veraltete Spielzeuge in TOY STORY rüberkommen.

Gegen die Vermenschlichung

Die andere Extreme kritisiert genau das, was die erste lobt. Ein Film, gestaltet um Zeitreise, erzählt uns nur etwas über seine Figuren als Menschentypen eines anderen Milieus. Diese Strategie des Films ist insofern interessant, als dass sie geschichtlich wiederholt dem Film Neuerung eingehaucht hat (von Griffith, Lang, über die ersten Genres, Nouvelle Vague in etlichen Ländern, Subgenres Entwicklungen wie Spaghetti-Western oder Giallo, den offenen „Arthouse“ Film, die Indie-Welle Ende der Achtziger, bis hin zum Quality-TV in den letzten Jahren). Die Kritik kann also nur daher kommen, dass die Vetreter dieser Position eine Veränderung der Gesellschaft erkennen oder ahnen, die zu einer anderen Art von LOOPER hätte führen sollen. Zu einem LOOPER, der nicht, obschon aus einem 30 Millionen $ Budget entsprungen, einem Indiefilm ähnelt, welcher vor zwei bis zweieinhalb Dekaden von Sundance aus die Welt erobert hat. Denn die Strategie bei einem solchen Film ist, den Fokus ganz humanistisch auf den Menschen zu legen, mit sämtlichen Begründungen von Budget bis hin zu künstlerischer Vision, aber ultimativ erklärt durch die Tatsache, dass der Mensch schließlich als Schöpfer der Filmkunst der Mittelpunkt von dieser sein muss – Kino der Vermenschlichung.

Die Positionierung gegen ein Kino der Vermenschlichung kann nur in der Annahme stattfinden, dass der Mensch als Träger der Utopie des Kinos falsch platziert ist; genauso wie die Materie für die Gegner des Kinos der Versachlichung. Dass der Mensch, der über sich selbst im Film lernt, erst eimal obsolet ist. Weil sich zurzeit die Gesellschaft weniger um ihn dreht, als um die Materie und ihre Veränderung, nicht zuletzt im Film. Ging es früher um ihre instrumentelle Darstellung, um einen Ort, ein Milieu zu charakterisieren, so muss es heute mit ihrer zunehmenden Virtualisierung (in unserem Alltag, aber auch im Rahmen ihrer Konzeption im Film) um die Darstellung ihrer Beschaffenheit und ihrer Eigenschaften gehen, um die Erklärung ihrer neuen Gesetze. In dieser Interpretation ist also die Zeit gekommen, in welcher die Materie zu einem Charakterisierungsmerkmal für den Menschen avanciert. Die neue Filmutopie muss in diesem Zusammenhang  die Erkundung des Virtuellen sein, um danach wieder auf den Menschen zurückzukommen, ihn damit in Bezug setzen zu können. Aus Sicht dieser Perspektive muss also auch ein Kino der Versachlichung positiv gesehen werden, als ein Versuch, als eine Erkundung der filmischen Mittel zur Erklärung des Virtuellen mit dem Ziel, es im filmischen Menschenbild zu integrieren. Nicht weniger verzweifelt als sich THE EXPENDABLES weiter oben kontextualisieren ließ, doch als ein Schritt in die richtige Richtung zu sehen.

Unterm Strich bleibt Aussage gegen Aussage: Der Mensch, der über seine Umgebung zu viel bestimmt, ist genauso fehl am Platz wie der Mensch, der seine Umgebung nur als Sympathieträger bevölkert.  Und LOOPER ist einer der Filme, die darauf aufmerksam machen.

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