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Venedig – Das Festival der Lässigkeit

von | Sep 3, 2015 | Venedig 2015 | 0 Kommentare

Am Mittwochabend eröffnen die Filmfestspiele von Venedig – mit interessanten Schwerpunkten: Lateinamerika und Türkei

Das geht ja gut los: Der Himalaya in 3D! Ein Bergsteigerdrama in mindestens drei Dimensionen eröffnet an diesem Mittwochabend die 72. Filmfestspiele von Venedig: EVEREST vereint eine Fülle von Dimensionen. Nicht nur lässt die modische 3D-Technik den höchsten Gipfel der Welt noch höher und gefährlicher aussehen – der Film vom isländischen Regisseur Baltasar Kormákur (101 REYKJAVIK) ist auch noch enorm star-gespickt: Keira Knightley, Emily Watson, Robin Wright, Josh Brolin und Jake Gyllenhaal spielen mit in diesem Katastrophenfilm, also genau die Schauspieler, an die man als erstes denkt, wenn man Profi-Bergsteiger besetzen soll. Da ich den Film jetzt noch nicht gesehen habe, wage ich mal die Vermutung: Brolins Figur stirbt, Gyllenhaals überlebt. Bei den Frauen ist dies um Einiges schwieriger einzuschätzen. Gehen sie überhaupt mit auf den Berg oder hocken sie bangend daheim? EVEREST wird im Wettbewerb außer Konkurrenz laufen – und Festivaldirektor Alberto Barbera entpuppt sich damit als ein Festivalleiter, der im Vergleich zu seinen Kollegen mit Abstand am meisten auf 3-D setzt. Bereits vor zwei Jahren bescherte diese nach vor umstrittene Technik mit Alfonso Cuarons GRAVITY Venedig einen der besten Festival-Eröffnungsfilme der letzten Jahrzehnte.

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An den nächsten 12 Tagen geht es dann aber vor allem um Goldene und Silberne Löwen. Insgesamt laufen über 120 Filme in vier Sektionen – erstmals seit vielen Jahren vollkommen ohne deutsche Beteiligung. Und das überrascht mich keineswegs. Darauf kommen wir an dieser Stelle noch zurück – aber erstmal nichts über Filme, die NICHT da sind, sondern über das, was gezeigt wird.

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Einige regionale, thematische Schwerpunkte kristallisieren sich bereits heraus: EL CLAN heißt der Film des 43-jährigen Argentiniers Pablo Trapero, seit 15 Jahren Stammgast auf internationalen Festivals und eine feste Größe unter den lateinamerikanischen Autorenfilmern. Hier erzählt er, angelehnt an einen realen Fall aus den 80er Jahren und in Form einer schwarzen Komödie mit Thrillerelementen, von einer ganzen Familie, darunter einem bekannter Rugby-Star, die mehrere Nachbarn entführt und ermordet haben – dieses, als „bizarres Sittenbild“ angekündigte Werk ist der erste argentinische Film seit 17 Jahren, der um den Goldenen Löwen konkurriert.

Auch sonst ist das lateinamerikanische Kino nach vielen Jahren, in denen in Venedig immer nur zwei, drei Latino-Filme in den Nebenreihen liefen, diesmal auffallend stark am Lido vertreten. Drei Filme aus Argentinien, je zwei aus Brasilien und Mexiko, dazu ein Werk aus Chile und – selten zu sehen – aus Venezuela, sind ein starker Auftritt dieses gelegentlich gegenüber Boom- und Krisenregionen übersehenen Kontinents.

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Und es läuft ARGENTINA! Der neue Film des spanischen Altmeisters Carlos Saura, inzwischen 83 Jahre alt. Einst kämpfte er gegen die Franco-Diktatur, im hohen Alter beschäftigt er sich mit den schönen Dingen des Lebens, besonders der Musik: In ARGENTINA, der in einer Nebensektion gezeigt wird, feiert er die argentinische Popularmusik, auch jenseits von Tango-Rhythmen. In stilisierten, theatralischen Bildern in der Tradition seiner Filme CARMEN, BLUTHOCHZEIT, und FADOS ist dies für Saura auch eine Reise in seine persönliche Vergangenheit: Denn als junger Mann lebte er eine Weile im argentinischen Exil.

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Bei den 1932 gegründeten Filmfestspielen von Venedig handelt es sich nicht nur das älteste Filmfestival der Welt, die „Mostra de Cinema“ hat seit jeher auch einen ganz eigenen Charakter: Wo Cannes unangefochten für die feine Haute Cuisine des Autorenkinos steht, und die Berlinale ein lautes, oft vulgäres Volksfest ist, da repräsentiert Venedig einen gelassenen, oft lässigen Umgang mit der Kunst des Kinos, einen Umgang, der lebensfroh ist, und es weder nötig hat, verkrampft auf Lockerheit zu machen, wie die Berlinale, und man sich selbstverständlich für den roten Teppich gut anzieht, aber andererseits nie wie in Cannes auf den Gedanken käme, einen Gast, der seine Individualität ausgerechnet mit zerrissenen Turnschuhen belegen muss, vor dem Kino abzuweisen.

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Entsprechend leichtes, aber gleichwohl hochästhetisches Kino verspricht auch Alicia Rohrwacher, die Italienerin mit deutschen Wurzeln: Mit LA MERAVIGLIE gewann sie in Cannes eine Silberne Palme für die beste Regie. Jetzt hast sie mit DE DJESS einen 14-minütigen, überaus originellen und lustigen Kurzfilm gedreht, den man bereits im Internet angucken kann – kein Werbeclip, aber im Auftrag eines feinen Labels für Damenunterwäsche, das seit Jahren weibliche Filmemacher mit Kurzfilmen beauftragt, mit denen dann alljährlich die besonders exquisite Nebensektion „Giornate degli Autori“ startet – so auch heute Abend.

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2008 schrieb der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk sein Buch DAS MUSEUM DER UNSCHULD. Der Roman, eigentlich eine Liebesgeschichte, inspirierte den Bau eines echten Museums nach dem im Roman erdachten. Jetzt hat sich auch der Brite Grant Gee inspirieren lassen: INNOCENCE OF MEMORIES, „Unschuld der Erinnerungen“ heißt sein Dokumentaressay, der ein Portrait der Stadt Istanbul ebenso ist, wie des Museums und des Schriftstellers Pamuk. Der Nobelpreisträger hat nicht nur mitgearbeitet, er wird den Film persönlich in Venedig vorstellen.

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Die Türkei, nicht nur ein Land auf der Schwelle zwischen Europa und Asien, Islam und Christentum, sondern auch innerlich zerrissen zwischen Tradition und Moderne, und derzeit im politischen Ausnahmezustand, bildet einen zweiten, auffallenden Schwerpunkt in den nächsten 12 Tagen von Venedig. In der Jury für den Goldenen Löwen sitzt Nuri Bilge Ceylan, der vor 15 Monaten in Cannes mit WINTERSLEEP die Goldene Palme gewann. Vor allem aber werden gleich drei türkische Spielfilme gezeigt. Im Wettbewerb läuft FRENZY, der zweite Film des jungen Emin Alper, der nach seinem vielfach preisgekrönten Debüt BEYOND THE HILL zu den größten Begabungen des europäischen Kinos gezählt wird. In seinem neuen Film geht es um ein brodelndes Istanbul am Rande der Gewalt und eine geheime Polizeieinheit, die Regierungsauftrag mordet. Die Hauptfiguren dieses Paranoiathrillers sind ein Polizist und ein entlassener Sträfling.

Auch das ist die Mostra von Venedig: Harte politische Anklagen und Verschwörungen haben die italienischen Filmemacher und ihr Publikum schon immer gefesselt.