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Venedig in der Todeszone…

von | Sep 7, 2015 | Venedig 2015 | 0 Kommentare

Katastrophe on the rocks: Die Filmfestspiele von Venedig eröffneten mit einem Bergsteigerdrama im Eis

Das ging ja zumindest spektakulär los: Venedig on the rocks mit dem Himalaya in 3-D und Bergsteigern in der eisigen Todeszone – ein großer Kontrast zum warmen Lido am vergangenen Mittwochabend eröffnete die 72. Mostra von Venedig.

EVEREST vom isländischen Regisseur Baltasar Kormákur (101 REYKJAVIK) ist ein Bergsteigerdrama in mindestens drei Dimensionen und vereint eine Fülle von Aspekten. Nicht nur lässt die modische 3-D-Technik den höchsten Gipfel der Welt noch höher und gefährlicher aussehen – der Film ist auch noch enorm star-gespickt: Keira Knightley, Emily Watson, Robin Wright, Josh Brolin und Jake Gyllenhaal spielen mit in diesem Katastrophenfilm, der auf den Bestseller von Jon Krakauer zurückgeht – der US-amerikanische Extremsportjournalist war selbst mit dabei, als es 1996 zu einer der schlimmsten Katastrophen der Geschichte des Bergsteigens kam: Zwei kommerzielle Expeditionen gerieten nicht ganz ohne eigene Schuld in eine Schlechtwetterfront, acht Bergsteiger kamen dabei ums Leben.

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Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Allerlei Fakten wurden verändert, vereinfacht, konsumierbar gemacht. Zugleich wird die Version Jon Krakauers übernommen, die in manchem durchaus umstritten ist. Die Angehörigen der Toten dürften mit dem Ergebnis jedenfalls nicht zufrieden sein.

Von den Stars sollte man sich nicht zuviel versprechen: Jake Gyllenhaal spielt einen der beiden leitenden Bergführer. Er taucht aber nur in wenigen Szenen auf, ist ein ständig grinsender, immer etwas bedröhnt wirkender Hippie, der zudem schon zu Beginn des Aufstiegs am Ende seiner Kräfte scheint. Brolin spielt jenen kommerziellen Touristen, der überlebt, aber mit abgefrorenen Händen und Nase. Jason Clarke spielt Rob, Knightleys Ehemann und Alpha-Bergführer, der aber im entscheidenden Moment auch nur falsche Entscheidungen trifft.

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Im Kino ist dies ein satter Katastrophenfilm, der genau das macht, was man so kennt: Wie im Katastrophenfilm üblich, bekommt man zunächst diese ganzen Charaktere vorgestellt. Die sind alle nett, manche etwas weniger, es gibt ein paar Konkurrenzen, sonst ist alles fröhlich und harmonisch, aber wird wissen, dass irgendwann alles ganz schlimm wird. Diese Phase wird richtig ausgebreitet, alles etwas zu lang – es dauert eine Stunde bis die überhaupt zum Gipfelsturm ansetzen.

Und dann steigen die halt hoch. Es gab leichte Vorzeichen, es gab Streit, und einige sind ein bisschen zu risikobereit, aber sie haben auch einfach Pech. Was wir erleben, ist, dass ein Sturm aufzieht, und diese Gruppe voll trifft, als die sich schon verspätet haben, beim Abstieg kommt es dann zum absoluten Desaster.

EVEREST ist auch kein sehr frauenfreundlicher Film. Viele bekannte Schauspielerinnen sind zwar dabei, aber nur dazu, um auf dem Plakat zu stehen – am Ende sind es die Männer, die auf den Berg steigen und die dann auch sterben. Die Entscheidung, wer sterben darf, ist aber im Katastrophenfilm der Ausweis von Bedeutung.

Den Frauen bleibt es, zuhause zu hocken und zu bangen, was denn wohl mit den lieben Männern passiert, dann zu heulen, dann gibt es auch noch einen dramatischen letzten Anruf. Nur zwei sind dann auch noch im Camp, eine hübsche Ärztin (Elizabeth Debecki) und Emily Watson als diejenige, die das alles von unten dirigiert und Wettervorhersagen durchgibt.

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Eine Belanglosigkeit und ein Klischee reihen sich ans nächste: Bergfüher Rob kommt nur deshalb um, weil er Lehrer Doug mit auf den Berg nimmt, um seinen Traum wahr werden zu lassen. Auf dem Rückweg stirbt erst Doug, um Rob darf man noch bangen, dann stirbt auch er. Brolin stirbt nur deshalb nicht, weil er plötzlich vor sich seine Frau Robin Wright sieht, die nach ihm in der Sonne ruft. Er verliert zwar Nase und Hände, aber überlebt, weil Robin Wright bei der Amerikanischen Botschaft eine Riesenszene nach der anderen macht, bis ein Hubschauber geschickt wird – wie die Amerikaner eben so sind. Keira Knightley nennt ihre Tochter natürlich Sarah, wie Rob sich das gewünscht hätte.

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Alles also Unsinn und Kitsch, der aber zum eigenen Amüsement angucken kann. Die 3-D-Technologie ist kein Grund dafür. 3-D-Technik wurde zwar gehyped als das nächste große Ding, aber es bleibt sehr teuer, die Karten auch, und der Effekt nutzt sich bereits ab. Spätestens auf dem Fernseher oder DVD sind alle Filme wieder 2-D, also gut oder schlecht. Zudem hat das Hochglanzphänomen auch visuelle Nachteile: Alles ist klarer als die Wirklichkeit. Man kennt das von dem HD-Fernseher zuhause: Da sind die Bilder so klar, dass man sich dauernd beim Gedanken ertappt: So klar ist es im wirklichen Leben nie, die Barthaare sieht man nicht. Der Effekt von 3-D ist also sonderbarerweise das Gegenteil von der angestrebten Lebensechtheit: man wird eher stärker distanziert. Das stört natürlich erst recht bei einem Film, wo jede Schneeflocke auf einen zuschießt, als handle es sich um eine Maschinengewehrkugel.

Die großen Blockbuster der Amerikaner werden bereits wieder auf 2-D gedreht. Dies ist also eine Mode, die schon wieder vergeht, auch aus finanziellen Gründen. Aber Hollywood ist so, es braucht immer das nächste große Ding.

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Kormákurs Film hat also Digitaltechnik auf höchstem Niveau und beeindruckt durch spektakuläre Naturaufnahmen. Das wirklich Beeindruckende in diesem Film ist nicht die Natur, ist nicht die Technik, sondern es ist das kulturelle Phänomen des Extremsport- und Bergsteigertourismus. Denn es geht in dem Film nicht zuletzt um das soziale Phänomen des Berg-Tourismus und das kommerzielle Bergsteigen, das längst den Mut der Pioniere des Anfangs und wissenschaftliche Expeditionen ersetzt hat. Das moderne Alltagsleben, dem man entfliehen möchte, taucht oben auf dem Berg schon wieder auf: Auf über 6000 Metern Höhe stehen die Bergsteiger-Gruppen Schlange „wie an der Supermarktkasse“, so die von Brolin gespielte Figur im Film, 90 Minuten lang, auf 8300 Metern Höhe, weil man einen schmalen Grat nur einzeln überqueren kann, und das nicht so schnell geht, und wer 65.000 Dollar für seinen Aufstieg bezahlt hat, wird leicht bereit sein, auch unangemessene Risiken in Kauf zu nehmen. Sie bedrängen sich, sind genervt voneinander.

Das eigentliche Thema ist die Verrücktheit des modernen Menschen, der seine Grenzen so weit ausloten will, dass er sich selbst dabei zugrunde richtet.

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Warum machen die das überhaupt? Was geht da in Menschen vor? Im Film werden nur dumme Antworten gegeben: „Because its there.“ Weil der Berg dasteht. Der kulturell interessantere Aspekt ist dieser Drang, gefährlich zu leben, dieser Wahnsinn sich alles zuzutrauen, mit dem dann auch wenig durchtrainierte Lehrer und Postbeamte auf den Mount Everest krakseln.

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Und wo wurde das Ganze gedreht? Tatsächlich in Südtirol! 700.000 Euro, so informiert uns eine Pressemitteilung, gab es dafür, dass der Himalaya nach Südtirol verpflanzt wurde. Das Schnalstal mit dem Hochjochferner Gletscher war 2014 das „perfekte Everest-Double“. Man filmte auf 3.000 Metern Höhe, wo das Everest-Basislager nachgebaut worden war. Die südtiroler Filmförderung heißt BLS. Die drei Buchstaben machen da gleich klar, worum es geht: „Business Location Südtirol. Das bedeutet faktisch, auch wenns in Bozen bestimmt nicht alle gern hören, dass EVEREST auch irgendwie ein italienischer Film ist.

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EVEREST, der im Wettbewerb außer Konkurrenz laufen wird, ist sehr konventionelles Hollywood-Mainstreamkino. Der Film erfindet nicht das Kino neu, das muss man auch nicht von jedem Film verlangen. Es geht bei so einem Festival darum, den Reichtum des Kinos zu feiern. Dieser Film feiert jetzt das 3-D-Kino.

Festivaldirektor Alberto Barbera entpuppt sich damit als ein Festivalleiter, der im Vergleich zu seinen Kollegen mit Abstand am meisten auf 3-D setzt. Bereits vor zwei Jahren bescherte diese nach vor umstrittene Technik mit Alfonso Cuarons GRAVITY Venedig einen der besten Festival-Eröffnungsfilme der letzten Jahrzehnte.

Und mag EVEREST auch künstlerisch dahinter zurückstehen – dies ist ein unterhaltsamer Eröffnungsfilm, der in ungesehenen Bildern von Menschen und Lebensweisen erzählt, die den meisten Zuschauern fremd sein dürften: großes Spektakelkino, der Jahrmarktsaspekt des Kinos ist ja auch ein legitimer Teil des Kinos und muss gepflegt werden. Der andere Teil ist der Autorenfilm, die Frage nach den neuen Stilen.

Was die beiden verbindet, ist die Frage nach dem Sinn des Lebens, die sich ja auch bei so einem Spektakelfilm stellen kann.

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In Deutschland nimmt man das alles wieder einmal richtig ernst. Da wird der EVEREST 3D über jedes Maß verrissen. Über so einen Film kann sich aber nur aufregen, wer davon etwas erwartet. Das kann ich den kritischen Kolleginnen der deutschen Qualitätsmedien beim besten Willen nicht unterstellen. Auch der auftauchende Vergleich zum Bergfilm ist mehr als hergeholt – als wenn jeder Film, in dem hohe Berge oder Bergsteiger vorkommen, gleich ein Bergfilm wäre.

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Danach am Strand des Hotels Excelsior die Eröffnungsfeier, für die ich eine Karte bekam. Getrunken wurde „Moet & Chandon Impérial, „Lido 1932 Müller Thurgau Alto Adige“ und „Belpoggio Di Paolo Toscana“, das Essen war großartig. Ein angenehmer Eröffnungsabend also. Worauf ich mich denn freue, werde ich ein paar Mal gefragt. Wahrheitsgemäß nenne ich neben den vielen Filmen aus Lateinamerika und den viereinhalb türkischen Filmen (der Dokumentarfilm über Orhan Pamuk hat einen britischen Regisseur) auch den neuen Film des Italieners Marco Bellocchio. Bellocchio steht für brisantes, politisch engagiertes, stilistisch oft extremes und gewagtes Kino. Dann der neue Film von Amos Gitai, einem israelischen Regisseur, den ich eigentlich immer blöd fand. Man hört nichts Gutes über diesen Film, aber da er von der Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Rabin vor 20 Jahren handelt und von den Folgen dieser Tat, erwarte ich mir doch Polit-Kino (s.o.) im besten Sinn: Ein Blick in die politischen Eingeweide der israelischen Gesellschaft.

Schließlich: Jerzy Skolimowski, jener großartige polnische Regisseur der Filme macht, die alles sind nur nicht jenes heilige getragene Kino, das wir sonst so oft aus Osteuropa zu sehen bekommen.

Los geht’s!

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