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Irgendwann hab ich mal gesagt, dass „Kino“ mein Lieblingswort ist. Ich weiß nicht, ob das stimmte oder noch stimmt. Aber es kommt seinem emotionalen Wert nach erstaunlich bald nach „Mama“ und „Papa“. Zuerst war ich ein Kinofan, ein Filmfan wurde ich erst nach und nach. Bei meinem ersten Kinobesuch im Grundschulalter war es auch keineswegs der Film, der mich faszinierte. Im Gegenteil meine ich mich zu erinnern, dass ich ihn schon damals nicht besonders toll fand. Aber das Kino!

Heute liebe ich immer noch das Kino, aber die Filme mehr. Das hat auch mit den großen Veränderungen zu tun, die die Kinos durchgemacht haben. Allein vom Design her. Es gibt sie natürlich noch, die Perlen, aber es gibt heute eben vorherrschend die Einheitsarchitektur von Cinestar und Co., die mich so sehr an die späten Neunziger erinnert. Schwerer wiegt für uns als „cinephile“ Zuschauer aber die im subjektiven Empfinden immer unbefriedigende Filmauswahl. Wie auch zuletzt das Flugblatt des Vorstands der deutschen Filmkritik klar herausstellte, gibt es die Aufteilung der Kinos in Mainstream und Arthouse, wobei letzteres auch ein Mainstream im Wortsinne ist und sich wirklich Spannendes hinsichtlich Erzählung und Filmform dann doch oftmals in den Multiplex-Tempel finden lässt und nicht beim sogenannten Arthouse, das mittlerweile viel formelhafter daherkommt als die meisten „Hollywoodstreifen“. Die Filme, von denen wir lesen, wenn sie bei Festivals gefeiert werden, schaffen es häufig nicht in die deutschen Kinos, weil sich hierzulande der Betrieb eines echten Programmkinos nicht mehr rentiert. Derzeit kämpfen z. B. viele Filmfans im Internet für UNDER THE SKIN, der – obschon von Kritikern gefeiert – es auch nicht auf die große Leinwand schaffen soll.

Wie Frédéric Jaeger kürzlich darlegte, tun sich Kinobetreiber und Verleiher derzeit noch sehr schwer, die Verbreitungsmöglichkeiten des Internets für sich – und damit für die Zuschauer – zu nutzen. Video-on-Demand muss nicht als Feind des Kinos angesehen werden, im Gegenteil können neue Verbreitungsmöglichkeiten dabei helfen, auch Filme, die keine Zuschauerscharen erwarten, dennoch in den Kinos zu zeigen.

Fernsehsender hierzulande haben aufgrund von Sturheit und Unflexibilität, sich neuen Wegen zu öffnen, womöglich noch mehr die Publikumsgunst verloren. Denn eine immer weiter wachsende Zuschauergruppe wird so gut wie nicht bedient: die Seriengucker. Es muss wohl nicht noch einmal betont werden, dass es sich bei Serien längst nicht mehr um Werke zweiter Klasse neben Spielfilmen handelt. Gerade wenn es um Charakterzeichnung und Narration geht, kommt ein wahrer Cineast heute nicht mehr um Serien wie BREAKING BAD, TREME, THE SOPRANOS, THE WALKING DEAD oder auch HELL ON WHEELS und GAME OF THRONES herum. Im Fernsehen aber finden sich die Serien – wenn überhaupt – erst lange nach dem Start in den USA und dann auch noch geschnitten, zu unmöglichen Sendezeiten platziert oder mitten in einer Staffel abgesetzt. Und was für viele auch wichtig ist: Originalfassung werden nicht angeboten. Leicht ließen sich Verbreitungsmodelle ausmalen, die eine Kombination von klassischer Ausstrahlung und Angeboten der Mediathek bieten und so das Zuschauerinteresse befriedigen können. Leider gibt es soetwas für das deutsche Fernsehpublikum kaum. Allerdings bemühen sich immer mehr VoD-Dienste die Lücke zu schließen. So kann man mit dem erschwinglichen Abo bei Watchever schon viele Serien, oftmals in Originalsprache, und viele Spielfilme streamen. Das Angebot unterstützt auch die veränderten Seegewohnheiten der heutigen Zuschauer, die ungern eine Woche auf die nächste Folge ihrer Lieblingsserie warten, sondern lieber gleich mehrere Folgen schauen und so richtig in die Serienwelt eintauchen. Es ist auch zu bemerken, dass sie Episodenstruktur für die Serienmacher immer weniger wichtig wird, sondern die ausführliche und breite Zeichnung der dargestellten Welt im Fokus ist. Die Zuschauer leben für eine gewisse Zeit ein Parallelleben im Serienkosmos. Und da ist es dann auch bedeutend, dass die Umgebung, in der die Serie bereitgestellt wird, zu einem Zuhause werden kann. Die VoD-Plattformen können zwar keinen Kokon wir die rotsamtigen alten Kinosäle bieten, doch muss ihre Funktionalität und ihr Design dem Publikum doch auch emotional etwas bedeuten können.

Film- und Serienfans wird die Ausübung ihrer Leidenschaft in Deutschland nicht leicht gemacht, neue Möglichkeiten, die Vielfalt des Mediums offenzulegen, werden bisher leider selten genutzt. Immer bessere Video-on-Demand-Dienste und neue Ideen zur Kooperation mit traditionellen Verbreitern machen aber Hoffnung, dass wir bald das meiste, was wir sehen wollen, auch sehen dürfen.

Bild-Copyright: gothopotam