Seite auswählen
© FDC / Lagency / Taste (Paris) / Ingrid Bergman © David Seymour / Estate of David Seymour - Magnum Photos

© FDC / Lagency / Taste (Paris) / Ingrid Bergman © David Seymour / Estate of David Seymour – Magnum Photos

Sind jetzt die Förderer schuld, dass keine deutschen Filme in Cannes laufen?
Der „deutsche Tag“ in Cannes – Cannes-Blog, 5te Folge

„So grob, wie nur ein Deutscher sein kann.“

Kierkegaard über Schopenhauer

***

Auf dem Balkon des Presseraums, am Samstagmorgen. Ich sitze und schreibe, wie ein Dutzend Kollegen an den anderen Tischen auch, die Atmosphäre ist ruhig und konzentriert, natürlich redet man mal, versucht aber die anderen nicht zu stören. Wer telefoniert, steht auf, und geht zur Balustrade, und spricht dann gewissermaßen vom Balkon weg, vielleicht sogar immer noch mit vorgehaltener Hand.

Außer jenem Glatzkopf mit Dreitagebart und etwas zu engem T-Shirt direkt neben mir. Er telefoniert auf Deutsch, und ziemlich laut. Ihn scheint es auch nicht zu stören, dass ich und bestimmt auch andere, sein Gejammer über Presseagenten und über angeblich schlechte französische Filme mitbekomme. Das höre ich mir eine Weile an, aber als er wieder zu einem neuen Thema ansetzt, und seine Stimme tendenziell immer lauter wird, sage ich auf Deutsch und einigermaßen höflich: „Könnten Sie bitte etwas leiser reden, das stört mich beim Arbeiten.“ Darauf er: „Setzen sie sich doch woanders hin…“

***

Die Deutschen und Cannes, das ist eine Liebesgeschichte der besonderen Art. Es ist so ein bisschen wie früher in der Schule, wo man in der Großen Pause immer schon genug damit zu tun hatte, dass man nicht von den anderen Jungs verkloppt wird. Tatsächlich war man aber die ganze Zeit heimlich in die dunkelhaarigen Schöne aus der Parallelklasse verliebt. Auch wenn man zwar schon tief in seinem Inneren wusste, dass man da keine Chance hat, jedenfalls nicht solange das eigene Gesicht so pickelig ist. Und irgendwann sieht man die Angeschwärmte dann mit einem blondgelockten Deppen knutschen, bloß weil der sie im richtigen Moment mit irgendeinem angelesenen Mist über Hesses „Narziß und Goldmund“ zugetextet hat – und dann ist man nicht wütend auf ihn, sondern natürlich auf sie, wie sie überhaupt auf so einen hereinfallen kann.

Man sieht sich aber noch nicht so weit mit den Augen der Anderen, dass man schon begriffen hätte, dass erstmal die eigene Cordhose dringend wegmuss, und der gelbe Pulli mit V-Ausschnitt gleich mit, und dass es endlich Zeit ist, den oberen Hemdknopf zu öffnen. Man hat auch nicht begriffen, dass sie sich sowieso nur für Typen interessiert, die zwei Jahre älter sind als sie.

So in etwa ist es auch mit den Deutschen und Cannes.

***

Da hört man dann so Sprüche wie „In Cannes laufen ja sowieso immer nur die selben Regisseure, die alten Männer.“ Oder: „Die zeigen ja nur Hollywood und so komische Autorenfilme, die sich außerhalb von Cannes keiner anguckt“. Oder, der dümmste von allen: „Die Franzosen mögen die Deutschen halt nicht.“

***

Es gibt so einen bestimmten Typ von deutschem Produzenten, dem man gerade in Cannes sehr oft über den Weg läuft, die reden so, als ob sie im nächsten Jahr die Goldene Palme eigentlich schon sicher in der Tasche haben. Oder den Oscar. Da geht es dann um „den Deal“ und „das Package“, und nur noch die eine Zusage, die eine Förderung, und die eine Senderbeteiligung stehen aus, dann ist der Welterfolg sicher. Nur die Worte Kunst, Stil, Ästhetik, kommen in solchen Gesprächen nie vor. Zwei Jahre später trifft man diese Herren dann wieder, fragt nach und hört nur „Ach das hat sich zerschlagen.“ Oder: „Da bin ich schon seit einem Jahr nicht mehr, ich hab ja jetzt meine eigene Firma.“ Oder: „Die doofe Förderung hat uns nicht gefördert.“

Womit wir beim Thema sind.

***

Am Samstag war wieder der sogenannte „deutsche Tag“. So nennen ihn aber nur die Deutschen. Gemeint ist: Der Tag, an dem „German Films“, die gemeinsame Auslandsvertretung des deutschen Kinos, ihren Empfang hat, an dem die Ministerin da ist, und an dem dann auch ein paar Presse- und Produzentengespräche stattfinden. Früher war das immer der Montag, seit einigen Jahren ist es normalerweise der erste Samstag des Festivals.

Zum Empfang bin ich nicht hingegangen, da mir dort zuviele Deutsche sind. Diejenigen von ihnen, die ich überhaupt treffen möchte, kann ich auch in Deutschland treffen. Gegangen bin ich um so lieber aber zum Presselunch der Film- und Medienstiftung NRW.

Der hatte diesmal neben dem Geplauder über Cannes im Allgemeinen und dem Wettbewerb im Besonderen, ein richtiges eigenes Thema.

***

Die deutschen Förderer sind schuld daran, dass keine deutschen Filme in Cannes laufen – so, in Kurzform gesagt, wurde jener Text verstanden, den „Blickpunkt Film“-Chefredakteur Uli Höcherl in der Cannes-Ausgabe des Heftes geschrieben hatte.

Wenn man genauer hinschaute, stand das nicht ganz so deutlich drin, aber es genügte, um den Text zum „talk of the day“ zu machen. Am Freitagabend hatten sich offenbar alle anwesenden Förderer große Teile ihres Abendessens vor allem über diesen Text unterhalten, und darüber ob nicht vielleicht irgendetwas dran sei.

***

Man darf die Förderer beruhigen: Es ist nichts dran! Es stimmt zwar: Der deutsche Film ist nicht eigensinnig genug, nicht mutig und nicht riskant genug. Aber liegt das an den Förderern? Es liegt doch vor allem an den Filmemachern selbst. Es gibt einfach im Augenblick nicht genug gute Projekte. Und es gibt nicht genug gute fertige Filme. Es gibt nicht genug gute Regisseure, nicht genug gute Produzenten, nicht genug gute Stoffe.

Schon gar nicht gut genug für Cannes.

Ich weiß von keinen aktuellen Projekten, die mutig, spannend, klug und eigensinnig sind, die viel und auch mal viel Neues von Deutschland erzählen, sei es von deutscher Gegenwart und Zukunft, sei es von deutscher Geschichte – und die dann von bösen Förderern verhindert werden.

Ich sehe aber immer wieder Filme, die feige und langweilig, vorhersehbar und substanzlos sind, die sich beim Publikum anzubiedern versuchen, die irgendwelchen Ratgebern aus den 90ern verpflichtet sind, die weder auf glaubwürdigen Realismus setzen, noch auf Phantastik, sondern in denen abgestandener Humanismus, unverstandenes Autorenkino, Zoten- und Pennälerhumor und Halbwissen über die Kinogeschichte dominieren. Wenn deutsches Kino mal fühlt, dann sentimental, wenn deutsches Kino mal intelligent ist, dann ist es eine nordisch-strenge männerbündische Intellektualität, die über die selbstkasteiende Priesterseminarhaltung eines Ingmar Bergman nicht hinausgekommen, ist, und von mediterraner Gelassenheit noch nichts gehört hat.

Ich sehe viele Filme die zu clean sind, nicht nur sauber, sondern rein. Filme, denen Mut zu offenem Entertainment ebenso fehlt (weil man dann ja nicht mehr ernstgenommen werden würde) wie Mut zum Schönen und zur Schönheit (weil die unter Kitschverdacht steht, während Hässlichkeit angeblich immer authentisch und nie kitschig ist), Filmen, denen Mut zur Erziehung des Publikums fehlt (weil der mit Belehrung verwechselt wird) wie Mut zur Herausforderung und Irritation (weil man die armen Menschen nicht verschrecken will, und sie dann lieber wie Schafe behandelt). Und Filme, die sich auch noch etwas darauf einbilden.

Und ich sehe auch viele Filmkritiker, die solche Filme dann noch, mal aus Überzeugung, mal halbherzig, zur Filmkunst hochschreiben.

***

Ich sehe keine Filmkultur, die diesen Namen verdient, in der es um Substanz und Bildung geht, in der wenigstens 10 Prozent der Filmemacher wie der Filmkritiker wie des Publikums so gebildet und so riskofreudig wären, wie 10 Prozent der amerikanischen oder französischen oder türkischen oder argentinischen. Keine Filmkultur, in der das Schwierige geschätzt wird, weil es schwierig ist, und nicht gegen das Leichte ausgespielt. In der das Leichte geschätzt wird, weil es, wenn es glückt, das Schwerste ist, weil Amüsement und Vergnügen zum Leben gehören sollten, und nicht nur durch Niveauvolles zustande kommen können, und in der B-Movies und Camp und Trash geschätzt werden, weil der offene Exzeß und die Sünde auch des Geschmacks, diesen erst bedingen.

***

Ein Blick auf die deutsche Filmgeschichte, zum Beispiel auf den 1933 vertriebenen, schon vorher unverstandenen Fritz Lang, genügt, um zu erklären, was dem Kino in Deutschland fehlt.

Filmförderung jedenfalls nicht.

***

Die Förderung ist an alldem nur insofern beteiligt, als dass sie an die Fördergesetzgebung gebunden ist. Diese Gesetze könnten und müssten viel besser sein und solange sie das nicht sind, kann es dem deutschen Film gar nicht schlecht genug gehen. Denn nur wenn es ihm richtig schlecht geht, künstlerisch wie ökonomisch, dann wird man nicht ewig so weiterwurschteln als fetter Karpfen im Hechtteich, dann werden sich Dinge ändern, auf dass es vielleicht irgendwann mal besser ist.

***

Natürlich könnte die Förderung viel mutiger sein. Vor allem könnte sie die Ausbildung verbessern, könnte daran arbeiten, dass nicht marktfähige Filme, sondern gute Filmemacher das Ziel von Ausbildung sind. Ich möchte hier nicht die DFFB-Zukunftsdebatte weiterführen, aber der aktuelle Besetzungsstreit ist ein Schulbeispiel der Probleme, um die es geht. Hier wünschte ich mir die Stimme der Medienboardchefin öffentlich hörbarer. Da Kirsten Niehuus auch DFFB-Kuratoriumsmitglied ist, wird sie die Berliner Senatskanzlei nicht öffentlich kritisieren. Aber ihr wird bestimmt auch daran gelegen sein, dass die DFFB ästhetisch anspruchsvolle, nicht nur ökonomisch erfolgreiche Projekte produziert, und das bleibt, was sie ist: Die künstlerische Film-Avantgarde unter den Filmhochschulen, und die international mit Abstand erfolgreichste. Auch unter den wenigen deutschen Cannes-Filmen ragt auch die DFFB wieder einmal hervor.

***

Insofern hat Höcherl recht, dass es viel zu viel „gefälliges Mittelmaß“ in Deutschland gibt. Was er verschweigt: Daran sind vor allem die Fernsehsender schuld. Nicht weil da böse oder schlechte Leute arbeiten würden. Sondern weil die Fernsehmitsprache in den Fördersetzen festgeschrieben ist, und das auch noch an der falschen Stelle.
Man kann den Fernsehmachern nicht vorwerfern, dass sie Fernsehen machen wollen, und Fernsehfilme produzieren. Man kann Mitarbeitern von Fernsehsendern, die von ihren leitenden Redakteuren immer die Zuschauer-Quoten und den Publikumsflow vom Abend zuvor vorgehalten bekommen, auch nicht vorwerfen, dass sie auf Quoten achten und das Verhalten von Fernsehzuschauern im Blick haben.

***

Aber man kann sich dafür entscheiden, dass die Fernsehproduktion nicht auf Fernsehzuschauerverhalten und Quoten und TV-Ästhetik ausgerichtet wird.
Das Fernsehen war einst die Kino-Schule der Nation. Heute hört man selbst von Redakteuren des Kulturprogramms schon mal wörtlich den Satz: „Wer will den alten Scheiß denn heute noch sehen?“ Eine Förderchefin darauf angesprochen, sagt dazu spitz: „Der bekommt schon zu lange sein 13. Monatsgehalt.“

***

Eigentlich ist es trotzdem erstaunlich, dass man dieses sogenannte Branchenmagazin überhaupt so ernst nimmt, als sei irgendetwas, was da drin steht, investigativ, unabhängig, oder sonstwie der Rede und des Nachdenkens wert, als handle es sich um ein deutsches Pendant von „Variety“ oder „Screen“. Tatsächlich ist „Blickpunkt Film“ einfach ein erweitertes Presseheft seiner Anzeigenkunden.

Und genau so ist der Text auch verständlich: Indem Höcherl die Förderer angreift, lenkt er von den eigentlich Verantwortlichen der deutschen Filmmisere, von den Produzenten, den Regisseuren und den Fernsehsendern wieder einmal ab.

***

Zumindest gewagt ist im Artikel auch Höcherls Behauptung „Der kritischen Presse ist das kaum eine Zeile mehr wert.“ Da fragt man sich, ob Höcherl in den letzten Jahren überhaupt Zeitung gelesen hat und Radio gehört? Dann wüsste er, dass in den letzten Jahren sehr wohl ziemlich viel über die Misere des deutschen Kinos, über deren mögliche Ursachen, und über Fragen der Filmförderung zu lesen war. Ich finde zwar auch, dass die sogenannten „Qualitätsmedien“ gern lau baden, und ihre kostbaren Zeilen viel lieber über Schöngeistiges wie eine Filmkritik zur neuesten französischen Komödie verwenden, wenn sie nicht sowieso für eine tolle Ballettbesprechung gebraucht werden. Ein Weltblatt wie die FAZ hat die Verpflichtung, Filmpolitisches genau so ernst zu nehmen, wie die Frage nach der richtigen Gestaltung des Stadtschlosses, der Provinienzforschung für Gemälde oder die Besetzung einer wichtigen Theaterintendanz.

Und es ist ein zu wenig beachteter Skandal, dass bei der FAZ bald nach Michal Althens Tod die DVD-Seite eingestellt und die Filmseiten reduziert wurden.
Aber man muss der FAZ – darum hab ich sie jetzt als Beispiel genommen – auch zugute halten, dass dort in den letzten Monaten ernsthafte und wichtige Beiträge zu Filmförderfragen zu lesen waren. Etwa den Text Lars Hendrik Gass.

Wo hingegen nichts Vergleichbares darüber stand, ist „Blickpunkt Film“, die lieber Gefälligkeitstexte und Werbe-Meldungen abdrucken mit Schlagzeilen wie „TV Konzerne verdienen prächtig“ oder „Wild Bunch gründet Salesagentur in L.A.“ (in der gleichen aktuellen Ausgabe).

Insofern ist es einfach nur dummdreist von Höcherl auch noch zwischen den Zeilen so zu tun, als ausgerechnet „Blickpunkt Film“ der letzte Leuchtturm für kritischen Film-Journalismus.

***

Man muss aber Höcherl immerhin zugestehen: Er hatte es geschafft, dass viel zu viel über ihn und seinen Text geredet wurde. NRW-Förderchefin Petra Müller griff das Thema dann prompt in ihrer Begrüßungsrede auf, woraufhin sich Höcherl, der zur allgemeinen Überraschung zum Presselunch gekommen war, erkennbar kurz mal verschluckte.

Nächstes Mal schimpfe ich dann auch mal vorab laut auf die Förderung, dann werde ich vielleicht auch bei der Rede erwähnt.

Pin It on Pinterest