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Jede mögliche Form von Kunst, auch die Filmkunst, birgt ein geheimes Versprechen, welches insbesondere uns, die wir beschlossen haben, ihr auf Dauer ergeben zu sein, zu rastlosen Suchenden macht. Ein Versprechen, eindringlicher als alles, was uns in Filmen üblicherweise zu Tränen rührt, essenzieller als all die geläufigen Erwartungen und Sehnsüchte, mit denen wir uns Mal für Mal im Kinosaal wiederfinden, all dem was sich im überstrapazierten Begriff der Cinephilie zu vereinen scheint. Es zeigt sich immer dann, wenn vorher verborgene Facetten, Varianten oder ferne Ahnungen unseres Selbst, einer möglichen Quintessenz dessen, was uns zu Menschen macht, sich auf der anderen Seite der Leinwand zu erkennen geben. Ein Ende der Suche, nur für einen kurzen Wimpernschlag, und doch mit der Macht, unser Leben für immer zu verändern. Während eines dieser seltenen und doch so lebenswichtigen Augenblicke sollten wir gar nicht erst versuchen, unsere Gefühle, unsere ansonsten so oft unter Verschluss gehaltenen, intimsten Emotionen zurückzuhalten, man wird es nicht schaffen können. Sicher werden sie uns bis zur Grenze des Ertragbaren überfluten, dann wie entfesselt nach außen dringen. Fürchten sollte man sich davor dennoch nicht; was ist schließlich schon dabei, mal für einen Bruchteil der Zeit verletzbar, verwundet, einfach nur menschlich zu sein? Vielleicht bilde ich es mir nur ein, erliege gerade einer trügerischen und flüchtigen Euphorie und doch glaube ich in den letzten Tagen sogar gleich zwei solcher Momente erlebt zu haben. Zwei Werke, kleine aufeinander aufbauende Bruchstücke dieser Werke, die mich seitdem nicht mehr loslassen, nicht mehr in Ruhe lassen können, sogar während des Schauens anderer, weiß Gott großartiger Filme, plötzlich wie ungebetene Gäste auftauchen, um meine Gedanken fast schon gewaltsam wieder in ihre Richtung abdriften zu lassen.

Selten habe ich mich den Standing Ovations eines Publikums derart verbunden gefühlt, empfand ich den Strom kollektiver Begeisterung so befreiend und angemessen, wie als nach der Ausstrahlung von MARINA ABRAMOVIC: THE ARTIST IS PRESENT von Matthew Akers die große Performance-Künsterlin die Bühne betrat. Ich habe nie zuvor einen Menschen getroffen, der mir auf so eindringliche Weise gezeigt hat, wie natürlich, wie unumgänglich es ist, die Aufmerksamkeit anderer erregen, geliebt werden zu wollen, wie dieses Bedürfnis untrennbar mit unserer Identität verbunden ist. Den Applaus hat sie wahrhaft genossen. Der Film behandelt ihr gleichnamiges, 2010 im New Yorker MoMa entstandenes Werk und ich bezweifle, dass die Performance-Kunst je mehr Menschen das geben konnte, was sie sich wohl sehnlicher als alles andere gewünscht haben. Zwei Stühle, auf einem davon saß sie, sieben Stunden täglich, drei Monate lang. Neben dem anderen Stuhl bildete sich Tag um Tag eine lange Schlange, einzeln durften die Museumsbesucher vortreten, um für unbestimmte Zeit Marina gegenüberzusitzen, ihr in die Augen schauen zu können. Es waren an jedem einzelnen mit gleicher Intensität interessierte, mitfühlende, gar liebende Augen. Man bekam dadurch die Zuwendung und Aufmerksamkeit, die unsere hektische und schnelllebige Alltäglichkeit normalerweise längst nicht mehr zulässt. Kein Wunder, dass viele Besucher Stunden, Tage oder sogar Wochen billigend in Kauf nahmen, um ihren Moment mit Marina zu erleben. THE ARTIST IS PRESENT hat mir deutlich gemacht, inwieweit durch eine unbeirrt die Stilisierung suchende Filmsprache etwas Authentisches und Unbezahlbares transportiert, uns sichtbar gemacht werden kann: Mit Zeitlupeneffekten, einer durchdachten Montage von Großaufnahmen und sogar dem anrührenden Score wird das Gefühl, welches die Marinas gegenübersitzenden Menschen gespürt haben mögen, auch dem Kinopublikum spürbar gemacht. So kann der Regisseur durch sein deutliches Eingreifen, die Poesie des Kinos, dieses fragile, abstrakte Phänomen zum Ausdruck bringen, es empfindbar zu machen. Wenn eine knappe Kadrierung uns mit Marinas Augen konfrontiert und darauf verschiedenste Gesichter, in ihren Tränen und ihrer Ergriffenheit miteinander vereint, in Gegenschüssen gegenüberstellt, fühlt man sich plötzlich mit diesen Menschen verbunden.

Abramović und Ackers haben mir ein Fundament gebaut, um den nächsten Film überhaupt verstehen, richtig einordnen zu können. Der Dokumentarfilm ANTON TUT RYADOM (ANTON‘S RIGHT HERE) begleitet einige Jahre das Leben des autistischen Jugendlichen Anton und zeichnet in erster Linie eine entstehende Verbindung zwischen ihm und Regisseurin Lyubov Arkus nach. Eine Verbindung, die Schritt für Schritt auch mit uns, dem Publikum eingegangen wird. Bis zum glücklichen Ende hin wird Antons Leben von Ablehnung bestimmt: Weil sich seine krebskranke Mutter nicht mehr um ihn kümmern kann und der geschiedene Vater bereits in einer neuen Familie lebt, wird Anton in verschiedene Behinderteneinrichtungen geschickt. Doch weder in einem Privatinternat, noch einer ländlichen Siedlung für Behinderte wird er lange geduldet, er rebelliert, läuft oft weg. Vorübergehend bleibt nur die staatliche Klinik und insbesondere in den beklemmenden beiläufigen, ungestellten Bildern von Alisher Khamidkhodzhaev wird sie als die Hölle auf Erden gezeigt, die sie ist. Khamidkhodzhaevs Kameraarbeit ist stets ein vorsichtiges, fragendes Herantasten, in den Aufnahmen von Anton scheint immer die Frage nach dem Warum mitzuschwingen: Warum ist er so wie er ist und kann nirgendwo Ruhe und Halt finden? Es sind, wie man recht bald erkennt, nicht die für einen Autisten üblichen Sprach- und Verhaltensstörungen, die Anton so anders, so einzigartig machen, sondern etwas viel grundlegenderes, etwas, was auch die Regisseurin verändert, ihre Welt aus den Fugen geworfen hat: Anton unterscheidet sich darin, dass er die menschlichste, die schönste und vortrefflichste Seite in sich nicht unterdrücken kann, kommt er doch ohne die Liebe, die ständige Hingabe ihm nahestehender Personen nicht zurecht, kann er doch ohne sie nicht existieren. „Menschen halten immer durch“, sagt er einmal und gerade diese Möglichkeit, das Zurechtkommen mit der Tatsache, im Leben oft einsam und alleine zu sein, auch ohne die Zuwendung anderer auskommen zu müssen, fehlt ihm vollkommen. „Er hat in mir einen Menschen angesprochen, den ich all die Jahre in mir unterdrückt hatte“, so an einer Stelle die Worte von Lyubov Arkus. Auch uns kann ANTON TUT RYUADOM schmerzlich daran erinnern, was wir sind oder vielleicht nur einst waren.

Ein leises Stöhnen ging durch die Reihen, als der Moderator Marina Abramović nach der politischen Botschaft hinter THE ARTIST IS PRESENT fragte. Sinnvoll war diese Frage nicht unbedingt und doch offenbart Abramovic‘ Werk einen gewissen unterschwelligen Fingerzeig: Denn in was für einer kranken Welt leben wir eigentlich, in der zwischenmenschliche Wärme und Aufmerksamkeit in dieser reinen Form nicht selbstverständlich sind, sondern nur an speziell für sie geschaffenen Orten, seien es nun das MoMa oder das Kino, existieren können? Schlummert denn nicht in jedem von uns ein kleiner Anton, ein liebesbedürftiges, empfindsames Wesen, das ohne die nötige Zuneigung nur allzu leicht verkümmert? Und nur zu eindeutig gaukeln uns die Parameter unsere Alltäglichkeit, all das gesellschaftliche, funktional ausgerichtete Miteinander, vor, dass es nicht unbedingt lebensnotwendig sei, zwischen Freizeit und Berufsleben auch intensive Zuneigung, so etwas wie Liebe, dauerhaft und kompromisslos, erfahren zu müssen. Wenn wir diese Sehnsüchte verleugnen, verleugnen wir nicht gleichzeitig damit auch, dass wir Menschen sind? Jenseits dessen existiert nur die Einöde eines emotionsarmen Alltagstrotts, ist alles verloren.

Fotomaterial: Viennale 2012

ANTON TUT RYADOM: Russland 2012, Regie und Drebuch: Luybov Arkus, Kamera: Alisher Khamidkhodzhaev
MARINA ABRAMOVIC: THE ARTIST IST PRESENT: USA 2011, Regie und Kamera: Matthew Akers

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