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DIE FANTASTISCHE WELT VON OZ

Der deutsche Verleihtitel macht einen großen Fehler – er spricht von einer Welt, wo es doch um ein Land geht. Oz ist keine Welt für sich, im Gegenteil ist es die Grenze, die Abgrenzung, aber auch die Durchlässigkeit, hin zu dem Rest der Welt, die Oz erst erschuf. Nicht umsonst tragen so viele Freizeitparks das Land in ihrem Namen (ausgehend vom Urahn Disneyland hin zum Phantasialand, Legoland, Fort Fun Abenteuerland usw.). Zwar entrücken uns ihre künstlichen Umgebungen in eine andere Welt, aber ein Teil ihrer Faszination liegt eben gerade darin, dass wir aus unserer normalen Wirklichkeit nur durch ein Tor gehen müssen und sich inmitten unserer Welt ein solch magisches Land erstreckt, wo sich verschiedene Traumorte unserer Phantasie auf engem Raum komprimiert finden (Weltraum, Wilder Westen, Märchenschlösser, Feenwälder, ferne Länder und vergangene Zeiten usw.). Laut Baudrillard lenken uns diese künstlichen Umgebungen davon ab, dass auch der Rest der Welt nicht real ist. Die Hyperkünstlichkeit lässt uns die allumfassende Künstlichkeit vergessen.

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Von Kansas nach Oz dauert es nur ein paar Drehungen des Wirbelsturms. Angekommen entfaltet sich dieses Land von Oz als buntes und breites Gegenteil der Welt, wie man sie davor sah, gleichzeitig beherbergt es aber Personen und Situationen, die doch so viele Erinnerungen des Lebens zuvor wachrufen. Ohne Dorothy oder den Jahrmarktszauberer Oz gäbe es dieses Land nicht so wie es ist. Es ist ihr innerer Freizeitpark, der sie entrückt und in ihre eigene Phantasie entführt, dann aber doch zur Ausfechtung ihrer ganz persönlichen inneren Kämpfe und ihres ganz konkreten Lebens dient. Die Regeln sind in beiden Ländern dieselben (auch die für das Geschichtenerzählen). Bei Oz geht es freilich nicht um eine vermeintliche Realität, deren Künstlichkeit verschleiert wird, denn hier ist alles klar künstlich, weil es eben alles innerhalb einer Filmwelt stattfindet. Und hier ist die Bezeichnung Welt angebracht. Zwar ist der Schritt in eine Filmwelt ebenso leicht wie der nach Oz oder in einen Vergnügungspark, doch funktioniert Film nach anderen Regeln wie unsere Wirklichkeit. Natürlich sind auch hier die Grenzen durchlässig, die Realität beeinflusst den Film und auch wir selbst fügen einem jeden Film Dinge aus unserem Erleben hinzu, trotzdem ist die Trennung größer, die sich entfaltende Welt abgeschlossener. Was aber durchaus im Zentrum von Oz steht, ist die Versicherung über den Wert des bisherigen Lebens und die Heilung der zentralen Person in dem Traumland, aber nach Mechanismen und mit Werten, die so auch in ihrer früheren Realität gelten.

In den 70ern existierte ein Land of Oz-Freizeitpark, der allerdings nach nur wenigen Jahren wieder schließen musste. Zum Misserfolg trugen sicherlich viele Faktoren bei, vielleicht aber auch ein kleines Bisschen, dass der Übergang von unserer Wirklichkeit in das Freizeitpark-Oz doch so ganz anders ist wie der, den Oz selbst oder Dorothy erleben. Es ist eben doch mehr das Wandeln durch ein Filmset, kein Phantasieland, dessen Realität sich auch unserem Inneren speist. Heute verwildern die Überreste dieses Parks, Gras sprießt zwischen den Ziegelsteinen der gelben Straße hervor und die Smaragdstadt ist niedergebrannt. Beim Betrachten der Fotos der verlassenen Ziegelsteinstraße kommt unweigerlich die Frage auf, was wohl mit der Straße, die für THE WIZARD OF OZ verwendet wurde, geschehen ist. Vermutlich wurde sie mit den restlichen Setbauten entsorgt. Die anschließende Frage ist die, ob für den neuen Film, der im Land Oz spielt, überhaupt in irgendeinem Studio eine gelbe Ziegelsteinstraße angelegt wurde. Am Set des alten Films war sie natürlich auch nicht kilometerlang, aber beim Filmen des Neuen könnten die Schauspieler auch die gesamte Zeit über ausschließlich in grünen Räumen gespielt haben.

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OZ THE GREAT AND POWERFUL verfolgt inhaltlich den Wandel, den das Medium Film zwischen den zwei Filmen erfahren hat. Der Jahrmarktszauberer Oz verkündet zu Beginn, dass er so großartig werden möchte wie Houdini und Edison. Am Ende ist er ein Edison, tritt auf wie ein Houdini und wird von den Bewohnern von Oz für einen echten Zauberer gehalten. Der Unterschied der Magie von Edison und Houdini liegt nur darin, dass die Funktionsweise von Edisons durchschaubar ist, während Houdinis Tricks rätselhaft bleiben. Film spielte sich immer zwischen beidem ab. Das Grundprinzip hatte sich seit den Tagen von Edisons Black Maria lange Zeit nicht verändert. Trotzdem konnten sich die Zuschauer nicht immer erklären, wie bestimmte Aufnahmen und Effekte technisch hergestellt worden waren. Dies wurde natürlich mit Entwicklung der Spezialeffekte immer prominenter. Das digitale Filmemachen ließ mittlerweile vieles, was in der Nachfolge Edisons das Kino ausmachte, hinter sich. Weil die Tricks so schwer nachzuvollziehen sind, dominiert die Magie des Tricks das gegenwärtige Kino, nicht die der Technik. Das computergenerierte Spektakel OZ THE GREAT AND POWERFUL huldigt nun gerade einem frühen Kino, seiner Macht, die selbstsüchtige Schurken zu wahren Magiern, zu den Rettern eines ganzen Landes machen kann. Ist das hier ein wehmütiger Blick des digitalen Kinos auf seine verlorenen Ursprünge? Die Wehmut schwingt mit, aber nein, vielmehr sehen wir die Heilung des Kinos durch das Kino, die Selbstvergewisserung des Mediums durch einen nostalgischen Blick zurück, der aber eine Verbindung ganz deutlich machen soll. Übrigens ganz ähnlich, wie es auch in HUGO CABRET geschah. Das digitale Kino will keine eigene Welt sein, der Wandel kein Bruch, sondern die phantastische Reise in ein neues Land. Die fundamentalen Regeln und Werte sind dieselben, das digitale Kino führt das Medium näher zu dem, was es sein kann, und wertet so wie Oz Kansas alles, was davor lag, auf.

Soweit der Film. Ob wir als Zuschauer diese Reise so euphorisch beschreiten, wie es OZ THE GREAT AND POWERFUL vorlebt, bleibt natürlich uns überlassen. Der Film zeugt auf jeden Fall von einem Selbstbewusstsein seiner Macher, die sich damit auch gegen die ständigen neuen Todeserklärungen des Kinos wenden zu wollen scheinen. Gleichzeitig aber schwingt in dem nostalgischen Blick auch eine Verunsicherung mit und der noch fehlende Mut, die Grenzen des nunmehr digitalen Mediums wirklich auszuloten.

 

 

die fantastische welt von oz dvd coverDIE FANTASTISCHE WELT VON OZ erschien am 11. Juli auf DVD und Blu-Ray.

Bilder-Copyright: Disney

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