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GROßE FREIHEIT NR. 7, Copyright: Murnau Stiftung

GROßE FREIHEIT NR. 7, Copyright: Murnau Stiftung

Anstatt der Eröffnungsveranstaltung des goEast Festivals sahen wir im Murnau Kino GROßE FREIHEIT NR. 7. Da kann uns wohl niemand einen Vorwurf machen.

Im Zentrum des Films stehen Hannes alias Hans Albers und sein ihn bestimmendes Dilemma: Er sehnt sich nach der See, also nach der Freiheit, dem Erleben, dem Abenteuer, der Fremde, dem Außergewöhnlichen, gleichzeitig aber auch nach einer Familie, also nach Halt, Liebe, Beständigkeit, Geborgenheit, nach Heimat. Obwohl es für den Zuschauer zu einem der Herzstücke von Käutners Film wird, spielt im Fortlauf der Geschichte eines keine große Rolle: Die Notlösung, die Hannes für sein Leben fand. In dieser aber liegt – auf jeden Fall für uns Zuschauer, auch natürlich wegen Albers’ Person – wohl sein wahres Talent. Diese Notlösung ist die Kunst, genauer die Musik, die Unterhaltungsmusik. Einmal bezeichnet Gisa – die Frau, die in Hannes den Wunsch nach einer eigenen Familie aufleben lässt – ihn als Stimmungsmusiker. Da braust Hannes auf und zerrt seinen alten Seesack heraus, in dem die Motten hausen, um diese Berufsbezeichnung sofort weit von sich zu weisen. Denn mit dieser Bezeichnung verbindet er vor allem das Lokal, in dem er auftritt, diese in sich abgeschlossene Welt der Reeperbahn mit den nur für einen kurzen Landaufenthalt anwesenden Matrosen, die ihr Geld versaufen, Spaß haben, aber alles hinter sich lassen nach ein paar Tagen, mit den Mädchen, die sich immer auf die nächste Ladung Seemänner freuen, mit den Alten, die nicht mehr fort können. Und mit zwei Frauen: Der Reichen, die aus Hannes einen angesehenen Musiker machen will, der Besseres singt als Seemannslieder. Und seiner alten Geliebten Anita, der das Lokal gehört und die ihn halten will, alles beim Alten belassen will. Sie wird am Ende eigentlich als die tragischste Figur dastehen, gleichzeitig ist sie die treueste und ehrlichste Figur des Films, sie ist die wahrhaftigste Bewunderin von Hannes‘ Kunst und damit auch ein Exponent für uns Zuschauer. Für Hannes ist der Rausch, den wir bei seinen Auftritten erleben, Alltag, die Künstlichkeit der Welt um ihn herum kann er nicht mehr ertragen, besonders die Tatsache, dass alle anderen Männer immer wieder zu Neuem aufbrechen können.

Auch wir brechen auf und schlagen hart in der Realität jenseits der Leinwand auf, als der sehr miese Akkordeonspieler in der Unterführung am Wiesbadener Hauptbahnhof unseren Weg zum Empfang des goEast begleitet. Im prächtigen Saal der Wiesbadener Kasinogesellschaft angelangt, ist der Rausch glücklicherweise jedoch abermals nicht fern, was nicht nur mit der Bar zu tun hat.

Beschwipst von der Wiedersehensfreude beim Treffen von vielen (Festival-)Bekannten und von der Vorfreude auf die kommenden Filmtage können wir uns selbst ein bisschen wie die Seemänner fühlen, die nach langer Fahrt wieder im Heimathafen vor Anker gegangen sind. Andere vielleicht kommen zum goEast wie die Matrosen in eine fremde Stadt, um sich ein unbekanntes, hübsches Mädchen anzulachen. Am Ende des Festivals wird wohl jeder wieder Lust auf die Fahrt haben, aber auch mit schwerem Herzen zurück auf Wiesbaden blicken.

Zwischen Ankunft und Abfahrt liegen die Tage des Filmrauschs, wo wir von einer Filmwelt in die nächste wechseln, von einer Phantasie zur nächsten, von einem Gefühl zum nächsten, mal an der Seite von dem, mal an der von jemand anderem. Wenn wir dabei gelegentlich an Hans als Hannes zurückdenken, können wir uns vielleicht fragen, ob hier auch jemand eine Notlösung lebt, ob jemand festgehalten und gefesselt wird, unfrei ist. Und wir können nur hoffen, dass es so ist. Film ist immer eine Notlösung, guter Film zumindest. Er wird aus der Sehnsucht eines einzelnen oder einer verbundenen Gruppe geboren, aus Verlangen, aus Ausbruchsstimmung, auch aus Unfreiheit. Aus dem Wunsch etwas mitzuteilen, mitzugeben, zu unterhalten und anzuregen. Und oftmals auch aus dem Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem nach Heimat. Für Hannes ist die Musik selbst keineswegs wertlos, im Gegenteil ist sie seine Möglichkeit, seine innersten Gefühle auszudrücken.

Unser Abend hielt für uns noch eine Irrfahrt durch verschiedene Mainzer Bars bereit, an deren Ende wir uns in einer wiederfanden, die “Oberbayern“ heißt und ganz anders ist als die, in der Hannes auftritt. Zwar sind die Wände frisch orange gestrichen, doch leuchtet hier nichts so hitzig und fröhlich wie die frühen deutschen Farbfilmfarben am Abend. Die Gäste sind auch keine Seeleute, sondern Gestrandete. Während wir auf den ersten Bus warteten, um zu entkommen, ertönte an einem der unwahrscheinlichsten Orte eine Stimme, die uns noch vielmehr berührte als die von Hans Albers. Herbert ist ein Säufer, er ist außerdem Straßenmusiker, der vor dem Dom auftritt, vor allem aber kann er wunderschön und – zumindest für unsere ungeschulten Ohren – nahezu perfekt italienische Arien vortragen. Er erzählt uns, dass er eine Opernausbildung hat, und danach redet er noch einiges mehr, was ihn ein bisschen entzaubert. Worauf er aber beharrt, ist, dass er als Straßenmusiker genauso lebt, wie er es möchte, niemand sagt ihm, was er tun soll, vor allem nicht, wie und was er singen soll. Die scheinbare Notlösung ist der echte Platz der Freiheit.