Seite auswählen

Soldate_Jeannette_Film_still_2

„Vermutlich bin ich Utopist. Aber ich glaube an uns Menschen. Vermutlich bin ich kein Prophet wenn ich sage, wir müssen uns lieben. Und trotzdem scheint die Fähigkeit dazu abhanden gekommen. Die Fähigkeit zu sagen, geben wir uns die Hand, oder, teilen wir mein Brot, oder, hier der Schlüssel zu meinem Haus, komm unter das Dach, wenn es draußen regnet oder schneit, hier wirst du nicht frieren. Bin ich Utopist, wenn ich mir wünsche, dass wir unsere Kinder wie Tiere behandeln, Tiere, die ihre Kinder nicht verhungern lassen, nicht verstoßen, nicht auf den Straßen unserer Städte verrecken lassen?

Wird man mich auslachen, wenn ich sage, Elefanten sind die besseren Menschen? Wir glauben an das heilige Geld. Die heilige Zentralbank. Die Gemeinschaft der Banken. Die Auszahlung der Zinsen. Und an den ewigen Besitz. Amen. Wärmen wir uns am Feuer der brennenden Inflation, mit der Gitarre im Schoß lassen wir unsere Lieder los. Nur wir haben die Macht, diese Religion zum Sturz zu bringen. Und das Leben geht auf wie die Sonne. Wie Fanni und Anna, Soldatinnen auf ihren inneren Feldzügen, die die Ketten ihrer geknebelten Freiheit sprengen. Nicht weil sie andere bekämpfen, sondern weil sie aufhören das zu tun, was sie nicht tun wollen. Gemeinsam stehlen sie den Schlüssel zu ihrer Freiheit.“

*Daniel Hoesel: Regiestatement zu SOLDATE JEANETTE

ENDLICH. Die klaren Stimmen, die ich in Rotterdam vermisste und nach verzweifeltem Suchen dann doch endlich finden konnte: In Gesprächen mit Daniel Hoesel (SOLDATE JEANETTE), Yutaka Tsuchiya (GFP BUNNY) sowie natürlich in ihren Filmen.

Ich bin müde, mich zu beschweren. Also ist das nun eine Fürsprache, wenn auch sicherlich nicht die erste. Für das Kino der ‚dünnen Haut‘, das sich nicht hinter der Andeutung versteckt, sondern sich und seine Ansichten offenbart, sich nicht zurückhält und heuchelt, das seine Form und die Unterhaltung hinten anstellt, sie ganz seiner Sache, seinen Thesen, seiner Polemik, seinen Fragen unterordnet. Selbst wenn es dadurch hässlich und unspektakulär wird. Kino, das herausfordert, sich zu positionieren, das zeigt, um das Gezeigte zu thematisieren und nicht um der Bilder willen. Kino, das seine Motive nicht kopflos und beliebig erfindet. Kino, das nicht die Fiktion einer Fiktion ist indem es den tausendsten Roman adaptiert, sondern wenn nötig das Reale zurückerobert und zum Thema macht. Wir brauchen Kino, das sich nicht eskapistisch von der Welt abwendet, sondern das uns in die Augen blickt. MARINA ABRAMOVIC – THE ARTIST IS PRESENT ist eine schlechte Dokumentation, doch eine, die hervorragend funktioniert, die als Vermittler für eine herausfordernde Erfahrung dient. Viele Bewegungen prägten im Kino den Gestus des Unverfälschten, des Ungekünstelten, etwa Dogma 95 für den Spielfilm. Im Dokumentarischen zweifellos das soziologisch inspirierte Cinéma vérité und das journalistisch geprägte Direct cinema. Doch sie liegen lange zurück und scheinen nur noch als Erinnerung zu bestehen. Ich denke nicht, dass Film dogmatisch sein muss, aber entschlossen.

Wenn wir nun zu SOLDATE JEANETTE nach Österreich blicken, ist natürlich auch Haneke zu nennen mit einzelnen Filmen und schon wieder nenne ich Seidl, ich denke dabei vor allem an den frühen Seidl. Vielleicht ist er mit PARADIES deshalb überall, weil er weiß mit Eindrücken des (wenn auch überspitzten) Wirklichen umzugehen, das heute im ausgelutschtem Wackelkamera-Stil als Spielerei verloren hat und nur selten tatsächlich noch Relevanz besitzt. Es geht mir hier nicht darum, die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion anzugreifen, sondern im Sinne dessen, dass jeder Kamerablick nun eben eine Weltsicht vermittelt, will ich Kino einfordern, das nicht philosophiert, sondern das sich in der Gegenwart auf Augenhöhe situiert, um Soziopolitisches und Relevantes deutlich zu hinterfragen, zu verdichten und zu formulieren, mit dem bewussten Blick auf das Reale und wenn nötig unter dessen Einbeziehung. Im reichweitenstarken Kino ist dieser Film scheinbar weitestgehend tot – selbst in Rotterdam war er selten zu finden. Zu Widersprüchen und Debatten hierzu lade ich gerne ein.

Der dritte Teil von Seidls PARADIES-Reihe erwartet uns in Berlin. Daniel Hoesel war übrigens sein Regieassistent, um nun endlich eine Brücke zu schlagen. Im Rahmen der European Film Conspiracy inszenierte er nun nach ersten kurzen Arbeiten SOLDATE JEANETTE als Langfilmdebüt. Ohne Drehbuch, ausgehend nur von einem Konzept und dem Casting seiner Darsteller. Hoesel ist nicht nur vom Film. Er studierte Kunst und nun nutzt er Film, um Ansichten auf neue Art zu formulieren. Das Ergebnis ist von einer seltenen, erfrischenden Klarheit und Prägnanz und wurde erfreulicherweise neben MY DOG KILLER und FAT SHAKER mit einem von Rotterdams Tigern ausgezeichnet (Der österreichische Film in Rotterdam). Zu den ausverkauften Vorstellungen im riesigen Pathé Kino des Festivals und zur Wirkung des Films auf das Publikum kommentierte er noch vor der Bekanntgabe der Preise mit sichtlicher Freude: „Die hat gesessen!“

Der Trailer des Films allein ist eine Ansage, er zeigt 1:1 dessen Eröffnungsszene in einer Edelboutique: „Das ist ein Kleid, das man nicht nur trägt, sondern das ist ein Kleid, über das man spricht“. Nach dem Bezahlen mit der gestohlenen Kreditkarte fliegt es in die Kleidersammlung. Konsum in seiner perversen Übersteigerung. Fanni ist reich, Aristokratin; Geldsorgen scheint sie nie gekannt zu haben. In keinem Moment verliert sie ihre Souveränität im Umgang mit dem System aus Krediten, Schulden, Wertanlagen und Zinsen, mit dem sie sich konsequent einen grotesken Wohlstand finanziert. Sie wirkt arrogant, überheblich. Und doch: Bald fühlt man eine Leere und Gleichgültigkeit, eine Lustlosigkeit, die sie damit verbindet. Und einen inneren Widerstand. Gerald Kerkletz (MICHAEL) fotografiert sie herausragend in statischen, aber ungekünstelten, naturalistischen Bildern, mit vielen Großaufnahmen beobachtend und nie trist, weil sie so viel Kraft ausstrahlt, markant und mit klarem Stil, aber stets authentisch, wie auch die ganze Welt, die sie umgibt und die immer mit inszeniert wird. Das Dojo, wo sie Taekwondo trainiert, das Fitnessstudio, wo sie in einer langen, unangenehmen Einstellung Sit-Ups absolviert und ihre innere Anspannung fast auszubrechen scheint. Als sie dann einfach unvermittelt ihr bisheriges Leben abbricht und in die Berge fährt, begegnet sie Anna, die auf einem Hof arbeitet. Auch Anna wird das Gewohnte, vor allem ihr Rollenbild als Frau und Fetischobjekt des Hofbesitzers zurücklassen und mit Fanni nach vorne blicken.

Soldate_Jeannette_Film_still_3

SOLDATE JEANETTE. Soldate, die weibliche Form von Soldat, markiert elegant den Titel eines Films, der eine feministische Kampfansage an das Kapital ist, der sehr bestimmt aber nie taktlos gegen die Zwänge rebelliert, die es uns auferlegt. Und gegen die Gefängnisse, die wir uns selbst schaffen, physisch in Städten und natürlich auch psychisch, sozial – interessant zu diesem Thema und ungemein zeitgemäß ist übrigens immer der kluge Georg Simmel. Ein Film, der auch die Dialektik von Stadt und Natur anspricht, der mich in der Schärfe seines Urteils und seiner Offenlegung des Stadtraums an DIE POTEMKINSCHE STADT erinnert, an meine brillante letzte Seherfahrung vor Rotterdam. SOLDATE JEANETTE zeigt keine besserwisserische Perspektive, er erklärt nichts, auch nicht wie Ausbruch auszusehen hat, sondern er zeigt in den Dilemmas seiner Heldinnen, warum er nötig, ja geradezu natürlich ist. Er zeigt zwei Frauen, die ihren Widerstand gar nicht zu artikulieren brauchen, sondern ihn einfach durchziehen. Und der Film hat einen wirklich ansteckenden Spaß daran, das zu erzählen. Wer SOLDATE JEANETTE sieht, bleibt mit einem großen Grinsen zurück, energetisch, motiviert. Hinter der Ruhe und nüchternen Direktheit, die der Film zunächst ausstrahlt, hinter den österreichischen Manierismen, seinem permanenten Kokettieren mit einer fast bedrückenden Ernsthaftigkeit brodelt eine widerspenstige, eine ungemein intensive, positive und humanistische Energie, die mal zynisch, mal neckisch kommentierend immer dominiert – etwa wenn Fanni im Angesicht ihrer Wohnungsschließung über Macha Tee philosophiert. Die Anarchie von SOLDATE JEANETTE entfaltet sich in kleinen Gesten, dann aber stets verbunden mit einem urkomischen und lodernden Humor, mit einer schieren Freude des Widerstands. Die Musik des Films artikuliert sein bittersüßes Vergügen am Unterwandern von Ordnung besonders pointiert in seiner Musik. Neben dem treibenden Elektrobeat, der einen zu Beginn in den Film katapultiert, bestechen die ironischen Liedtexte von Bettina Köster [Link] und GUSTAV alias Eva Jantschitsch.

„Ich habe eine Sehnsucht nach der nächsten Katastrophe.“

Sein Film sei ein Film, den auch seine Eltern schauen könnten, meint Daniel Hoesel im Gespräch. Er trifft den Punkt und tut das, was gerade nötig ist, um eine Idee richtig zu kommunizieren. Denn SOLDATE JEANETTE drückt sich so verständlich aus, das ihn selbst die verstehen, die sich nicht trauen. Und er tut es dank seiner Musik sowie der hervorragenden Hauptdarstellerinnen Johanna Orsini-Rosenberg und Christina Reichsthaler so charismatisch, dass auch die neugierig sein werden, die nicht zuhören wollen. Kino muss eine verständliche Sprache sprechen, auch wenn es eine Parabel ist. Eine Szene des Films liefert einen wundervoll bösen Kommentar zu Dreyers hermetischem DIE PASSION DER JUNGFRAU VON ORLEANS. Eine Kampfansage.

Daniel Hoesel

Daniel Hoesel

Ob Hoesel nun ein Anarchist ist? Das ist vermutlich zu kurz gegriffen. Zweifellos eignen sich er und seine Kollegen jedoch für ihren Film den Gestus des Anarchismus an und beweisen nicht nur einen auffälligen Sinn für Humor, sondern auch für das Potenzial und die Funktionsweise des Kinos als Ausdrucksmittel, als internationales soziales Instrument. Und für die Entstehungsstrukturen von Film: Die European Film Conspiracy lehnt Hierarchisierung aufgrund von Rollenverteilung strikt ab. Der Preis des Festivals verleiht SOLDATE JEANETTE hoffentlich die nötige Aufmerksamkeit, um das breite Publikum anzusprechen, für das der Film nicht nur tauglich ist, sondern für das er bestimmt ist. Der Film ist perfekt. Und wenn sie mir die Bemerkung erlauben, der Film ist geradezu perfid.

„When I grow up, I want to glow.“

GFP_Bunny_Director_portrait_1

Yutaka Tsuchiya

Yutaka Tsuchiya ist ein nicht minder spannender Künstler als Hoesel. Und in seinem Fall sind bereits mehrere nicht minder spannende Filme verfügbar. Im japanischen Kontext stechen diese durch die Wahl ihrer experimentellen, multimedialen Form und die ungeschönte Thematisierung sozialer Brennpunkte markant aus der Masse. Beide Filmemacher verbindet, das der Begriff Filmemacher zu kurz gegriffen ist. Ihr Blick und ihr Wirken reicht über die Grenze ihrer jeweiligen Filme hinaus, sie besitzen großes Bewusstsein über den Kontext und die sozialen Perspektiven des Kinos. Nun, zumindest im Bezug auf Tsuchiyas etwas weiter zurückliegende Vergangenheit lässt sich dies behaupten, während die letzten Jahre als großes Fragezeichen erscheinen. Aus einem linkspolitischen Hintergrund stammend, beschäftigte sich sein erster Film THE NEW GOD 1999 mit der rechtsnationalistischen Szene Japans und dem Verhältnis des Landes zu Nordkorea (ein sehr ausführliches Interview bot damals Midnight Eye). Es folgte ein vielfältiges Engagement für das Kollektiv „Video Act!“, die Arbeit an unabhängiger Filmproduktion und Präsentation. Im Sinne einer kritischen Gesellschaftstheorie griff er nach 9/11 mit PEEP “TV“ SHOW die Frage nach Realität, Authentizität von Erfahrung und Individualismus im Kontext des Mediensystems auf und siedelte seine Überlegungen nach THE NEW GOD erneut um Jugendliche auf der Suche nach ihrer Identität an. Nach seinem letzten Besuch in Rotterdam mit PEEP “TV“ SHOW vor acht Jahren, damals im Rahmen der Tiger Award Competition, tauchte er dann unvermittelt unter und erschien mit seiner neuen Arbeit erst Ende letzten Jahres überraschend wieder auf dem Bildschirm. Nach der Premiere in Tokio gewann GFP BUNNY die Auszeichnung der Sektion Japanese Eyes (ein weiteres Gespräch mit Midnight Eye erfolgte nach dem Festival) und ist nun nach ebenfalls sehr positiver Aufnahme in Rotterdam auf dem weiteren Weg durch die Festivallandschaft, wo er sicherlich auf größeren und einschlägigen Festival zu sehen sein wird. Ein Blick lohnt sich!

GFP_Bunny_Film_still_3

GFP BUNNY kannte ich bereits aus Tokio und nutzte die Gelegenheit in Rotterdam, um mich neben einem zweiten Blick auf den Film auch mit dem Regisseur und der Hauptdarstellerin Yuka Kuramochi zu unterhalten, Details dazu folgen in Kürze. Wie die vorherigen Werke Tsuchiyas besticht auch GFP BUNNY durch ein sehr ausgefeiltes Gespür für Realität und Fiktion sowie große Prägnanz seiner Aussagen, wobei der Themenkomplex in seinem halb dokumentarischen, halb fiktionalen Filmessay erneut besonders weit gefasst ist: Zwischen Tierhaltung, Körperkult, Schönheitsidealen, Genforschung, Religion, Kapital und medialer Paranoia wird Selbstermächtigung nur durch scharfe Beobachtung möglich und letztlich durch die Umdeutung und Aneignung von Kontrolle. Thallium Girl – so wird die Protagonistin des Films per Voice Over von ihrem Regisseur genannt – ist eine aufmerksame, geradezu fanatische Beobachterin. Zusehen, reflektieren, rationalisieren; für sie sind das die konsequenten Methoden, um sich und ihr Leben erst zu verstehen. Sie begreift und analysiert sich selbst als Versuchsobjekt, das soziale und mediale Ordnungssysteme auf sich und ihre Umgebung überträgt und gleichzeitig in Frage stellt – etwa wenn sie den Goldfisch der Mutter zu deren Entsetzen tötet und vom Haustier zum Versuchstier umfunktioniert. Die Mutter rechtfertigt die Unterscheidung in der Behandlung der Tiere daraufhin entsetzt mit Gottes Willen.

Die Protagonistin Thallium Girl basiert auf einem Mädchen, das 2005 seine Mutter in der Tat Thallium verabreichte und seine Gedanken dazu in einem Blog niederschrieb. Tsuchiya adaptiert die Vorlage und verlegt das Geschehen ins Jahr 2011, jedoch macht er dies in der Rolle des kommentierenden Regisseurs völlig transparent. Die nüchterne Analyse des Mädchens überträgt er auf seine biotechnologischen und medialen Fragestellungen, indem er in dokumentarischen Szenen Wissenschaftler und Passanten einbindet; unter anderem erzählt einer der Befragten über die Vorstellung des Raelismus, dass alle irdische Konflikte auf Religion und Kapitalismus basieren und durch das Klonen behoben werden könnten.

Tsuychias Film zeichnet gesellschaftliche Stützen wie Schule und Eltern als disfunktional und hebelt sie aus. Stattdessen zeigt er eine radikal selbstbestimmte junge Frau inmitten eines regelrechten Stakkatos von extremen Ideen und Konzepten und verbindet diese zwei Ebenen zu einem Appell an das kritische Denken außerhalb normierter Bezugspunkte. In der Offenlegung der radikalen Positionen, die der Vorfall von 2005, ebenso wie Gentechnik und Sektentum ihm liefern, offenbart er den heuchlerischen Umgang mit nicht minder fragwürdigen, aber gesellschaftlich anerkannten Praktiken. Wenn wir uns schon operieren lassen, um gleichförmig auszusehen, warum nicht schon durch einen genetischen Vorgriff jeden Schönheitsmakel ausmerzen? Wenn wir schon durch Medien kontrolliert und in unserem Konsumverhalten überwacht werden, warum implantieren wir uns nicht einfach einen Chip?

GFP_Bunny_Film_still_2

Thallium Girl:
„All humans are prisoners in a cage.“

Frei sind wir erst dann, wenn Filme wie SOLDATE JEANETTE und GFP BUNNY nicht mehr nötig sind. Daniel Hoesel und Yutaka Tsuchiya sind vermutlich Utopisten.

Fotos: © IFFR 2013

Pin It on Pinterest