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Von Trauer und Lachbereitschaft – die 120 Tage von Caligari, Folge 3

von | 30 Mai 2015 | Rüdiger Suchsland auf Filmtour | 1 Kommentar

Selbstbewußtsein jenseits des Cineplexx und ein AUßER ATEM aus Deutschland

Gestern, am Freitagabend war ich in Nürnberg. Das Casablanca ist ein eingesessenes Kino in der Südstadt, dem multikulturelleren Stadtteil gegenüber der Altstadt. Vorher bin ich ein bisschen herumgelaufen, ein Wohngebiet, das mir gleich sympathisch ist in seiner unaufdringlichen Normalität. Es gibt in der Gegend sehr viele Geschäfte, die von Indern oder Pakistanis geführt werden. Ein paar Eckkneipen, einen Italiener, und einen Absturzschuppen, vor dem ein Dutzend jugoslawischer Kettenraucher Platz genommen hat, mit einer außerordentlich hübschen Bedienung. Das „Café Abseits„. Da würde ich, lebte ich in Nürnberg, öfters Fußball gucken.

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Dann komme ich an. Das Kino macht schon mal gleich einen guten Eindruck. Locker acht bis zehn aktuelle Filme werden in der Glasvitrine für die nächsten Tage angekündigt, daneben hängt schon ein Plakat für VICTORIA, den ganz ganz hervorragenden Film von Sebastian Schipper, ein AUßER ATEM aus Deutschland, das alles Gerede Lügen straft, in Deutschland könnte man keine guten Filme machen. Man kann schon – wenn man eine klare Idee hat, und den Mut, dieser auch zu vertrauen.

An der Kasse stehen die Leute Schlange – tatsächlich für meinen Film!

casablanca nürnberg

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Während ich warte und mich umschaue, höre ich ein Gespräch mit, in dem sich zwei Zuschauer darüber unterhalten, was das eigentlich für ein Film sei. Nein, nicht nur ein Dokumentarfilm über DAS CABINET DES DR. CALIGARI, sondern über das ganze Weimarer Kino, weiß derjenige, der den Film ausgewählt hat. Er erzählt auch ganz gut, was das eigentlich für ein Buch ist, und wer Kracauer war. Was ich aber bemerkenswert finde: Wie beide von Robert Wienes Film und der Schönheit der Restaurierung schwärmen. Sie lief in diesem Kino schon einmal, 2014 zum fünfjährigen Jubiläum, und ist bald wieder zu sehen: Am 28. Juni in einer Matinee, und sogar mit Live-Musik, einer Jazz-Version von Hilde Pohl und Yogo Pausch. Für solche Events macht dann das Kino einen eigenen, in schönem Caligari-Orangeschwarz gestalteten Flyer – auch das ist Programmkinoalltag, aber alles andere als selbstverständlich.

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Fast 50 Leute sitzen im Kino. Zur Einführung erinnere ich spontan an Conradt Veidt. Wenn ein Kino schon „Casablanca“ heißt, dann liegt es auf der Hand, die Verbindung zwischen diesem zu Recht weltberühmten Film und dem Darsteller des mörderischen Sonambulen Cesare in Robert Wienes DAS CABINET DES DR. CALIGARI herzustellen.

Was ich auch immer vor dem Film sage: „Sie dürfen lachen! Über den Film, wie über mich. Auch wenn Hitler im Titel vorkommt, ist VON CALIGARI ZU HITLER nicht todernst, sondern ein unterhaltsamer, lustvoller Film, der Spaß machen soll. Es gibt Momente, da kann man auch trauern und weinen, aber eben nicht nur.“

Und es klappt tatsächlich! Noch während der ersten Minuten, die ich immer mithöre, um die Toneinstellung zu testen, gibt es schon ein paar Lacher. Überraschend! Deutlich! Gut! Das Publikum in Nürnberg ist offenbar lachbereit.

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Vor dem Film zeigt das „Casablanca“ einen tollen Trailer, der einfach das Kino und das eigene Haus feiert. Er ist stilvoll und schön, ein Zeichen fürs Selbstbewusstsein eines Programmkinos. Leider kann man ihn nicht im Netz ansehen – dafür muss man eben ins Kino gehen.

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casablanca in nürnberg

Während des Films essen wir zu dritt im Restaurant, das direkt nebenan liegt und quasi ins Kino integriert ist. Serviert wird Galette und Bier. Das „Casablanca“ gibt es erst seit gut fünf Jahren. Vorher gehörte es einem anderen Betreiber. Geführt wird es seitdem von einem Verein, dem „Casa e.V.“ Kaum zu glauben, aber der hat tatsächlich 783 Mitglieder. Eine sensationelle Zahl, finde ich. Jedes Mitglied zahlt 30 Euro, manche sogar als Fördermitglieder deutlich mehr. Das Kino hat drei Säle, der größte fasst 86 Zuschauer. Das sind gute, für Programmkino fast schon luxuriöse Bedingungen. „In diesem Jahr kommen wir auf 40.000 Zuschauer, die Zahl nimmt konstant zu.“ Etwas später kommt Matthias Damm dazu, einer von zwei vollbezahlten Mitarbeitern des Kinos. Wir reden darüber, wieviel Filmmiete einige Verleiher nehmen, und wie angemessen das ist.

Als ich sage, wie schön es sei, dass das „Casablanca“ VICTORIA zeigt, reden wir auch noch einmal über diesen tollen Film. Matthias erzählt, dass der Verleih ihnen den Film erst in der zweiten Startwoche gibt, und VICTORIA zuerst im Cineplexx spielen will. Ein Fehler, sind wir uns einig. Immer wieder wundere ich mich über solche für noch schwer verständliche Entscheidungen. VICTORIA ist ein Film, der nicht von selber gehen wird, der die Pflege durch gute Kinos braucht. Hoffentlich wird Sebastian Schipper jetzt nicht darunter leiden.

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