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2012 kamen mit SKYFALL und THE DARK KNIGHT RISES zwei der wichtigsten Trilogien der letzten Jahre an ihr Ende.
THE DARK KNIGHT RISES beendete den Batman-Reboot von Christopher Nolan und SKYFALL markiert wohl das Ende der Bond-Filme mit Daniel Craig, die den Mythos 007 ja ebenfalls grundsätzlich umgemodelt hatten.
Mit dieser Parallele im Kopf tun sich bei den Filmen erstaunliche mythologische, zeitdiagnostische und politische Analogien auf. Vor allem kommt es im Finale beider Trilogien zu einem überraschend konservativen Rollback gegenüber den Vorgängern.

Der Mythos James Bond hat sich immer wieder gehäutet, sich mit jedem neuen Schauspieler den sozio-politischen und ästhetischen Umständen angepasst, bevor das Hollywood-Zauberwort Reboot überhaupt erfunden wurde Mit dem Amtsantritt von Daniel Craig 2006 in CASINO ROYALE stellten sich die Bond-Macher der Herausforderung der Konkurrenz, und die lautete vor allem: Jason Bourne. Ein Held, der nicht weiß, warum und gegen wen er eigentlich kämpfen muss; passend zu der chaotischen Gegenwart und der diffusen Bedrohung des Terrors. Auch der Stil der Bourne-Trilogie – rasante Schnittfolgen, eine rasende Handkamera und ein unübersichtliches Setting – war den zeitgenössischen Entwicklungen angemessener als die Hochglanz-Action der Brosnan-Bonds.

Für SKYFALL, den neusten Teil der Franchise-Reihe, wurde das Profil des Agenten noch mit Craig als amtierender Doppelnull ein weiteres Mal neu justiert. Das implizite Vorbild diesmal: Die DARK KNIGHT-Trilogie. Christopher Nolan hatte Batman zurück zu seinen Wurzeln geführt, den Ursprung des Mythos noch einmal neu erzählt und aus ihm einen gebrochenen Helden, den schwarzen Ritter, gemacht. Nolan und seine Epigonen taten so, als hätte es ihre Vorgängerfilme nie gegeben. Eine Praxis, die in einem Comic-Kosmos durchaus legitim ist und schon früher auch in den Heften von Frank Miller angewandt wurde, auf denen Nolans Filme ja aufbauen

Auch CASINO ROYALE machte Tabula rasa mit dem Mythos 007 und wird damit zum echten Reboot, erklärt dadurch aber paradoxerweise und durchaus augenzwinkernd das Verhalten Bonds in den früheren Filmen, zum Beispiel demonstriert der Film den Ursprung von Bonds notorischer Frauenverachtung.

In SKYFALL wird Bond nun von seinen Schöpfern mit einem Gadget ausgestattet, das er auch nach dem Reboot nicht besaß: Eine Vergangenheit. Bisher war Bond einfach da, diesmal bekommt er eine Psyche und Backstory aufgebürdet. Wie Bruce Wayne verlor auch Bond früh seine Eltern, allerdings nicht durch Mord, sein Kampf gegen das Böse lässt sich deshalb nicht wie bei Batman als stellvertretenden Rachefeldzug erklären, sondern eher als Kompensation der Trauer. Der MI6 wurde Bonds Ersatzfamilie, wie in den netten Tändeleien mit M (das M könnte, wie in fast jeder Kritik erwähnt, für Mutter stehen) angedeutet wird.

Mythologie

Manche Kritiker monieren, dass die Psychologisierung an der Oberfläche bleibt, nur angedeutet und nicht ausgespielt wird. Dem lässt sich sicher zustimmen, aber wir befinden uns hier in der Welt der Mythen, und hier ist die Hinwendung zur Psychologie schon an sich beachtlich.

Spannender für eine Beobachtung der Parallelen zwischen SKYFALL und dem neuen Batman, vor allem THE DARK KNIGHT RISES, ist eher die Frage, wie die Filme mit dem Spannungsfeld zwischen psychologischer Person und mythologischem Bild umgehen. THE DARK KNIGHT RISES kreist in seinem Grundkonflikt vor allem um die Spaltung der Titelfigur in Mythos und Person, Batman und Bruce Wayne. Der Abschlussfilm der DARK KNIGHT-Trilogie ist (auch) eine Reflexion über die Stellung herausragender, symbolträchtiger Individuen in un-heroischen Zeiten. Zu Beginn des Films ist die in Friedenszeiten gesellschaftlich unnütz gewordene Batman-Persona eine Belastung für Bruce Wayne, der aber auch in seiner Rolle als Privatier zunehmend verlottert. Erst durch die Bedrohung von Gotham durch Bane und Co. wird Wayne wieder zu Batman um die Stadt zu retten, obwohl es Bane auf seinem persönlichen Rachefeldzug ja nicht darum geht, Gotham zu zerstören, sondern um den Mythos Batman zu zertrümmern.

Im Kampf um Gotham ist schließlich nicht Batman/Wayne der Held, den Löwenanteil erledigen die braven, tüchtigen Polizeibeamten wie Commisioner Gordon und dem einfachen Schupo Blake, der am Ende als Robin in den Mythos eingehen wird. Die Funktion von Batman/Wayne besteht eher darin, als Bild zu wirken. Als Batman am Ende erst zur quasi-religiösen Opferfigur und dann zur Statue und damit zum Denkmal wird, kann Bruce Wayne sein belastendes Alter Ego abstoßen und als Privatier in Rente gehen.

Auch in SKYFALL geht es, mehr als in allen früheren Bonds, um diese Spaltung. Hinter dem Mythos 007 wird zum ersten Mal wirklich der Mensch Bond beleuchtet. Nachdem M zu Beginn 007 geopfert hatte, taucht der totgeglaubte Bond als Privatperson unter, verwahrlost dann aber wie Bruce Wayne und kehrt schließlich nach London zurück, um wieder die Doppelnull zu werden. Anders als Bruce Wayne geht es ihm aber nicht um die Verantwortung für das Gemeinwesen – er kann einfach nicht anders. Wie bei Batman/Wayne kommt es aber auch hier zu einer Art mythologischer Wiedergeburt.

Der Film macht sich einen besonderen Spaß daraus, Bond/007 einerseits als MI6-interne Legende zu zeigen, an der sich die neuen Befehlshaber abarbeiten müssen, wie andererseits als Auslaufmodell. Ähnlich wie in DARK KNIGHT nimmt nun nicht die Legende die wichtigste Rolle im Kampf um die Gemeinschaft ein, sondern das Fußvolk; der so grundsolide wie Gordon wirkende Bürokrat Gareth Mallory wächst zu Bonds Überraschung über sich hinaus.

Die wichtigste Funktion nimmt aber ein anderer ein: Qs Technik spielt eine wichtigere Rolle als jemals zuvor. Q brilliert diesmal nicht durch extravagante Gadgets, sondern durch seine souveräne Beherrschung der Computer-Netzwerke. Der Schurke Silva ist nämlich nicht nur ein top ausgebildeter Ex-MI6- Agent mit finsteren Racheabsichten, er ist auch ein Computergenie, das Zugriff auf sämtliche Daten des MI6 besitzt und offensichtlich auch durch einen Supervirus die Schaltung der Türen aller öffentlichen Gebäude Londons kontrollieren kann. Am Ende dirigiert der Hänfling Q Bond, der diesen vorher aus altmodischer Machoperspektive heraus misstrauisch beäugt hatte, durch das Untergrund-Netz Londons. Nicht von ungefähr ist der neue Q als Computer-Nerd angelegt, der Heldenfigur unserer Zeit.

Schurken

In der DARK KNIGHT-Saga unterwandern die Schurken das System nicht so raffiniert wie Silva, sie gehen ungleich brachialer vor, auch wenn Silva einer altmodischen Schießerei auch nicht abgeneigt ist. Dennoch gibt es zwischen den Schurken überraschende Parallelen.

Der Joker, Bane und Silva setzen allesamt auf Prinzipien der Spiel- und Chaostheorie. Sie kalkulieren in ihrem Vorgehen Zufälle und eigentlich unberechenbares menschliches Handeln ein, wie bei dem raffinierten Banküberfall des Jokers zu Beginn von THE DARK KNIGHT. Ihre Pläne gehen immer auf, da man sich ja in einer Comic-Welt befindet, die nun auch auf Bond überschwappt: Die Szene in SKYFALL, in der Silva Bond im U-Bahnschacht eine Falle stellt, ein Loch in die Decke sprengt und dabei zur rechten Zeit eine vorbeifahrende U-Bahn einplant, die auf Bond stürzen soll, ist eindeutig von Nolans Batmans beeinflusst.

Auch optisch ist Silva an die Gegenspieler Batmans angepasst. Wie der Joker und Bane ist Silva körperlich missgestaltet. Die Bösewichter tragen ihr Inneres so nach außen, gleichzeitig stammen ihre Deformierungen auch von ihren Konflikten mit ihrer Umgebung. Hier greift SKYFALL auch in die Bond-Geschichte zurück, erinnert an Bond-Gegener wie Dr. No und Blofeld. In einer der eindrucksvollsten Szenen des Films nimmt Silva sein Gebiss heraus und zeigt sein deformiertes Gesicht um die Folgen eines aufopfernden, aber gescheiterten Einsatzes einer Zyankalikapsel beim Versuch, Geheimnisse des MI6 zu schützen, zu demonstrieren. Mit seiner monströsen Visage wirkt Silva wie Frankensteins Kreatur, die sich gegen ihren Schöpfer erhebt. Unter dem Einfluss der Comic-Bösewichter darf Javier Bardem, nach zuletzt etwas farblosen Gegenspielern, einen wunderbar überdrehten Bond-Schurken der alten Schule geben.

Politik

Das vergleichbare Auftreten der Schurken der Filme als Herrscher über das Chaos ist ein Indikator dafür, dass beide Filmreihen auf ähnliche politische und soziale Ängste reagieren.

THE DARK KNIGHT RISES ist auch und vielleicht sogar vor allem eine Studie über politische Umwälzungen, die hier in Totalitarismus inklusive Volkstribunalen mit Scheinprozessen ausarten und eine reaktionäre Politik als Antwort fordern. Bane praktiziert mit seinen Schergen eine besonders rabiate Form des Occupy Wall Street und greift in seiner Rede an die Nation auf die Rhetorik der echten Occupy-Bewegung zurück, lässt aber keinen Zweifel daran, dass die kapitalismuskritische Argumentation nur ein Vorwand für seine dunklen Zwecke ist. Obwohl so die Volksherrschaft eindeutig als Vorwand für die Rache Banes an Batman markiert ist, artikuliert sich doch so etwas wie eine diffuse Angst vor Massenbewegungen, die der Film in beängstigender Konsequenz bis zum Ende durchspielt.

SKYFALL ist ebenfalls explizit politisch und zeitkritisch, wie kein Bondfilm davor. Die wie Bond hoffnungslos altmodische M schüttelt mehrfach resigniert den Kopf über diese Zeiten, in denen wir leben. Dementsprechend hilflos ist dann der MI6 gegenüber den terroristischen Methoden Silvas. Dieser greift auf seinem Rachefeldzug auf ein für Bond-Schurken unspektakuläres, in unseren Zeiten aber effektives Mittel zurück: Er stellt die privaten Kontaktdaten von MI6-Agenten frei verfügbar auf YouTube ein und hebt damit die für Spione lebenswichtige Grenze zwischen Privatleben und öffentlicher Funktion auf. Silva attackiert dabei nicht nur die klassische Agentenarbeit, sondern gefährdet durch seine freie Zugriffsmacht auf alle Daten und offensichtlich auch alle Türen Londons unser aller Privatsphäre.

Zeitkritik

Wie die DARK KNIGHT-Trilogie drückt SKYFALL damit zeitgenössisch virulente Ängste aus, vor der Bedrohung durch den Terror – denn wie Joker und Bane handelt auch Silva eher wie ein Terrorist, denn wie ein klassischer Film-Bösewicht – und dem Verlust der Privatsphäre in Zeiten der totalen Computerisierung.

Ideologiekritisch höchst interessant ist dabei, dass SKYFALL und THE DARK KNIGHT RISES auf aktuelle Formen der linken, machtkritischen Bewegung zurückgreifen: Silvas Aktion ist unschwer als Reflex auf die Wikileaks-Affäre erkennbar, der Schurke ist nicht nur so bleichhaarig wie Julian Assange, er geht auch so vor. Gleichzeitig führt der Film auch vor; was geschehen könnte, wenn das einmal Freiheit verheißende Internet in die falschen Hände geraten könnte. Wer Herr über die völlig computerisierte Öffentlichkeit ist, ist die größte Bedrohung der Gegenwart.

THE DARK KNIGHT RISES und SKYFALL entwerfen das Schreckensbild einer chaotischen und dadurch bedrohlichen Gegenwart. Beide Filme versuchen aber mit einer überraschend eindimensionalen Reduktion, zeitgenössische Ängste vor einer unübersichtlichen Welt zu kanalisieren, indem sie eine böse Macht beschwören, die mit dem Chaos arbeitet und es für ihre finsteren Zwecke dirigiert. Von einer Comic-Verfilmung und der Fortsetzung einer aus dem Kalten Krieg stammende Agentenfilmreihe, die ja beide stark mit Schwarz-Weiß-Kontrasten arbeiten, sollte man nicht zu viel erwarten, aber hinsichtlich der Komplexität der Zeitdiagnostik – und als Zeitkommentar wollen sie ja durch die explizit politischen Anspielungen betrachtet werden – fallen beide Werke deutlich hinter vergleichbare Genrefilme wie WATCHMEN, die X-MEN-Reihe oder DER MANN DER NIEMALS LEBTE zurück. Diese Filme versuchten nicht, das Chaos einer Welt, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen, zu reduzieren, sondern bildeten es ab.

Die Reaktion in THE DARK KNIGHT RISES und SKYFALL auf die konfuse Gegenwart ist eine Besinnung auf Werte wie Ordnung und Zusammenarbeit, die den bedrohten Status Quo wieder restaurieren. Vor allem THE DARK KNIGHT RISES liefert eine oft kritisierte politisch konservative und bruchlose Gegenbewegung gegen die Mächte des Chaos, nachdem der Vorläufer THE DARK KNIGHT noch pessimistischer die Grenzen zwischen Gut und Böse undeutlicher werden ließ.

Auch bei SKYFALL, kommt es am Ende zu einem überraschend konservativen Rollback, der sich nicht in der ganz großen Politik wie bei Batman, sondern in den gesellschaftlichen Rollenbildern zeigt. Bonds Boss ist nach dem Tod der alten M wieder ein Mann, M steht nach dem überwundenen Mutterkomplex nicht mehr für Mother. Das Büro, in dem Bond nun seine Instruktionen erhalten wird, sieht wieder aus wie zu Connerys Zeiten. Auch die heimlich für 007 schwärmende Sekretärin Moneypenny ist wieder zurück. Sie wird – zunächst noch incognito – als patente Agentin eingeführt, die sich aber nach langer Tätigkeit im Außendienst bewusst für den Job als Tippse entscheidet. Für den neuen Bond-Darsteller wird die 007-Welt grundlegend restauriert, und fällt damit hinter die letzten Filme mit Craig zurück, die ja inspiriert von Bourne eine raue, undurchsichtige Welt abbildeten. Konfrontiert mit der totalen, comichaften Bedrohlichkeit der DARK KNIGHT-Welt kehrt Bond nun in die 60er Jahre zurück.

 

THE DARK KNIGHT RISES ist seit dem 30.11. bei Warner Home Entertainment auf DVD und Blu-ray erhältlich. SKYFALL startete am 1.11. im Verleih von Sony Pictures im Kino.

 

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