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NEGATIV_Berlinale 2013_W IMIĘ_Adam

Adam ist Priester. Seine Gemeinde liegt irgendwo im polnischen Nirgendwo. Er bietet ein Auffanglager für junge Männer mit schwieriger Vergangenheit, die mit ihrer Gewalt, mit ihrem Leben nicht viel anzufangen wissen. Ewa ist verheiratet. Sie ist einsam. Ihr Mann, Michal, unterstützt Adam als Lehrer. Michal wäre selbst Priester geworden, wäre ihm nicht seine Frau begegnet. Über die Zeit sorgen so manche Gefühlswirrungen im Dorf für Konflikte. Ewa liebt Adam. Der Priester weist die junge Frau zurück. Nicht, weil der Katholizismus es ihm gebietet, sondern weil er kein Begehren für Ewa aufbringen kann. Adam interessiert sich nicht für Ewa.

Im Mittelpunkt des polnischen Wettbewerb-Beitrags W IMIĘ / IN THE NAME OF steht nicht die Unmöglichkeit eines Priesters, eine sexuelle Beziehung zu einer anderen Person aufbauen zu können, sondern schlicht die Ungeheuerlichkeit, überhaupt über eine Sexualität zu verfügen. Adam hat sich in sein Priestertum geflüchtet, um sich seiner Homosexualität nicht stellen zu müssen. Doch schürt die durch das Zölibat aufgezwungene Selbstzucht nur die unterdrückten Leidenschaften. Als er dem jungen Lukasz, genannt Humpty, begegnet, gerät sein Leben vollkommen aus den Fugen.

NEGATIV_Berlinale 2013_W IMIĘ_Michal, Adam
„My sausage is on fire.“ Seit der ersten Minute inszeniert Regisseurin Malgośka Szumowska die geistliche Gemeinschaft junger Männer als Ort unbändiger Hypervirilität: Tagsüber harte, körperliche Arbeit, zum Feierabend ein Bierchen. Raues Aufeinanderprallen schwitzender Körper beim Fußball. Armdrücken und Drogenkonsum zur Vergewisserung von Stärke und Männlichkeit. Schuften, Essen, Waschen, Schlafen – alles gemeinsam. Verunsichert die enge Homosozialität die Jungs zu sehr, spielen sie ihr Unbehagen in aggressivem Verhalten aus. Etwa in wilden Raufereien, wüsten Beschimpfungen und dem feindseligen Verhalten Fremden gegenüber. Sexualität ist ein Tabu, doch wird sie in der indiskreten Sprache der Jungs durchweg zum Thema. „My sausage is on fire“, sagt ein Junge beim Würstchenbraten am Lagerfeuer und erntet lauthalses Gelächter. Eine Welt, die nicht kompensiert, sondern stets für Anspannung sorgt. Die mit aller Vehemenz unterdrückte Sexualität veräußerlicht sich in einer drastischen Körperlichkeit. Selbst die härtesten Jungs erlegen gerade an Orten wie diesen den Versuchungen ihres Fleisches.

NEGATIV_Berlinale 2013_W IMIĘ_Lukasz
Ihnen steht die feinfühlige Welt von Adam und Lukasz gegenüber. Beide stechen allein durch ihre verwuschelten Haare aus der Menge kurzrasierter Schädel hervor. Beide leiden. Lukasz wird zusammen mit seinem geistig behinderten Bruder von den anderen ausgegrenzt. Seine Sensibilität reibt sich an der rauen Oberfläche einer Männergemeinschaft, die alles Andersartige bekämpft, mit der Angst, es selbst zu sein. Behutsam löst Lukasz die Schnecken vom Fenster ihres Hauses – nur, um mitanzusehen, wie sein Bruder eine nach der anderen kaputt tritt.

Adam geht regelmäßig im Wald Laufen – allein. Seine Art der Abreaktion. Immer wieder sehen wir ihn bis zur völligen Erschöpfung zwischen Bäumen umherrennen. Eindeutig versucht er, durch Leibesübungen seinen Körper zur Ruhe zu zwingen. Die Ekstase der Kraftlosigkeit als Ersatz für den sexuellen Akt. Gleichzeitig manifestiert sich in seinem Laufen eine rastlose Suche – nach einem Gleichgewicht, nach Erfüllung, nach Gott. Für ihn ist das Laufen eine andere Art des Gebets. Eine ursprüngliche, leibliche Kommunikation mit Gott. Anderweitig scheint Gott für Adam nicht mehr erreichbar. Als er in seiner größten Not den seelsorgerischen Beistand eines Kollegen sucht, steht er vor einer abgeriegelten Kirche, zwecks Gebäudereinigung geschlossen. Auch mit Lukasz kommuniziert Adam über den Körper. Er wäscht dessen geschundenen Körper nach einer Prügelei, trägt ihn auf seinen Händen, um ihm das Schwimmen beizubringen. Mit wildem Affengeschrei irren sie einander durch ein undurchdringliches Maisfeld hinterher, zwei Menschen, die im wirren Labyrinth unklarer Emotionen sich von jeglichen Selbstzwängen befreien. Die gemeinsamen Szenen von Adam und Lukasz sind von einer wortlosen, dafür spürbaren Intimität durchzogen. Sie schenken sich Geborgenheit. Zusammen stehen sie im völligen Einverständnis mit ihrem Körper, ihren Gefühlen, etwas, was dem groben Männerverbund der anderen Jungs völlig abgeht.

NEGATIV_Berlinale 2013_W IMIĘ_Lukasz, Adam

W IMIĘ / IN THE NAME OF ist ein Film von geballter Intensität. Eindrücklich lässt die Regisseurin den Zuschauer an dem emotionalen Chaos ihrer Protagonisten teilhaben. Wie die Figuren präsentiert sich der Film im dynamischen Kontrast harter Gegensätze mal grob, mal zart, mal laut, mal leise, mal verzweifelt, mal glücklich. Unruhige Wackelbilder lösen sich ab mit geschmeidigen Kamerafahrten und besinnlichen Stillleben, aufwühlende Gefühlsakkorde wechseln mit sanften Zwischentönen. Ganz der Tradition des Melodrams folgend veräußerlichen sich die verinnerlichten Konflikte der Figuren in ihrer Umgebung. Szumowska charakterisiert ihre Figuren über sinnlich erfahrbare Materialität. Mit der Grobschlächtigkeit der Jungs verbindet sie Stein, Staub und Metall; Adam und Lukasz werden Wald, Natur, Regen, Wasser und auch Feuer zugeordnet. In symbolgewaltigen Bildern kollidiert Transzendenz mit Realität. Mit W IMIĘ / IN THE NAME OF glückt Szumowska die äußerst gelungene Auseinandersetzung mit einem sensiblen Thema. Am Ende artikuliert der Film eine Art versöhnliche Wunschfantasie: Vielleicht ist es der Katholischen Kirche ebenso wie Adam irgendwann ja möglich, ein Verhältnis zur Homosexualität zu finden, das auch der Lebenswirklichkeit entspricht. Bis dahin bleibt zu hoffen, dass W IMIĘ / IN THE NAME OF zumindest beim Festivalpublikum der Berlinale 2013 wie auch der Jury für den Wettbewerb nicht unbemerkt bleibt.


Es schickt sich, auch weiteres zum Film zu lesen, wie etwa:
Frédéric Jaeger für critic.de

Fotos ©Berlinale

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