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»Was willst du mit dem Dolche? sprich!« – GAME OF THRONES: MOTHER’S MERCY (S05E10)

von | 19 Jun 2015 | Game of Thrones | 2 Kommentare

Arya Stark in Game of Thrones Mother's Mercy

Auge um Auge. Arya sticht Meryn Trant Augen aus und wird anschließend mit Blindheit bestraft. In MOTHER’S MECY ist Sehen und Nichtsehen ein Leitmotiv: Arya, Brienne und Ellaria sind blind vor Rache, Stannis, Jon und Cersei versäumen, das Offensichtliche kommen zu sehen.

Ist er wirklich tot? Noch lange wird das Internet über den schockierenden Tod einer GAME OF THRONES-Hauptfigur (und vor allem dessen Endgültigkeit) spekulieren. Mit dem größten Cliffhanger der Serie entlässt MOTHER’S MERCY den Zuschauer aus einer turbulenten fünften Staffel. Es war ein vollgepacktes Finale mit viel Blut, Tod, Verrat und Rache, es gab mehr Niederlagen zu sehen als Siege: Dickkopf Stannis marschiert geradewegs in seinen Untergang. Arya missbraucht die Gabe des Many-faced Gods für persönliche Zwecke und verliert aus Strafe ihr Augenlicht. Theon rettet Sansa das Leben und stürzt sich mit ihr von den Mauern von Winterfell. Cersei kommt auf Bewährung frei, doch zwingt ein demütigender Walk of Shame die Königsmutter in die Knie. Jaimes Familienglück mit seiner Tochter wärt gerade einmal ein halbe Minute, bevor sie in seinen Armen zusammenbricht. Dany landet dort, wo sie begonnen hatte und Jon zahlt schließlich den ultimativen Preis für den größten Fehler, den man in Westeros begehen kann – nämlich das Richtige tun.

Wie auch die vorherigen beiden Folgen HARDHOME und THE DANCE OF DRAGONS hatte MOTHER’S MERCY also viel zu bieten – zu viel. Handlungsstränge verdichten sich, das Erzähltempo rast davon, über die Staffel eingefädelte Konflikte finden ihre radikale Auflösung. Die Dynamik, die man gerade in der ersten Hälfte der Staffel zuweilen vermisste, überschlägt sich und lässt dem Zuschauer kaum Zeit zum Luftholen. Alles in allem ein sensationelles Finale, dessen Knalleffekte jedoch ein bisschen zu laut, ein bisschen zu grell waren. Wie ein übermütiger Paukenschlag, der, mit zu viel Wucht angeschlagen, noch unangenehm im Ohr nachklingt. Vielleicht bin ich über die Zeit aber auch zu empfindlich geworden.

 Diese Folge in Zahlen:

Hauptfiguren

Orte

Erste Auftritte

Letzte Auftritte

Rückschlag statt Fortschritt

NEGATIV_GAME OF THRONES_MOTHER'S MERCY_Daenerys Targaryen

Alles auf Anfang: Dany landet wieder bei den Dothrakis, Tyrion und Varys dürfen wie in Staffel zwei eine Stadt davor bewahren, im Chaos zu versinken. Kann auch Schritt zurück Fortschritt sein?

Am Ende von THE CHILDREN, dem Ende der vierten Staffel, herrschte noch rege Aufbruchstimmung in Westeros. Figuren sammelten sich neu, gewannen neue Ziele und die junge Generation auf Westeros bereitete sich vor, die Welt mit ihren Ideen und Taten auf den Kopf zu stellen. In MOTHER’S MERCY folgt die erste Ernüchterung: Es war eine Folge der gescheiterten Regenschaften. Die Welt, so müssen gerade die jungen Herrscher wie Jon oder Dany feststellen, lässt sich nicht so einfach ändern. Im Gegenteil. Sie wehrt sich mit Hand und Fuß gegen die revolutionären Vorhaben ihrer Kinder. Grausam werden die Vernünftigen für ihre modernen Ansichten von Freiheit, Friede und Menschenwürde bestraft: Die aufgeklärte Shireen wird von ihren fanatischen Eltern auf dem Scheiterhaufen verbrannt, Jon von seinen eigenen Männern erdolcht. Auch Dany und Tyrion mussten eine Menge einstecken, sind aber immerhin noch am Leben.

Herrschen ist nicht leicht. Als guter Anführer muss man nicht nur seinen Prinzipien treu bleiben, sondern darf bei aller Weitsicht die Menschen um einen herum nicht aus den Augen verlieren. Manchmal sind die eigenen Untergebenen im Denken noch nicht so weit wie man selbst. Sie brauchen Zeit, um sich mit den eingeleiteten Veränderungen zu arrangieren, um sie zu verstehen. Daran ist vor allem Jon gescheitert. Er sah die große Bedrohung und reagierte mit mutigen Entschlüssen – und war blind dafür, was sich vor seinen Augen abspielte. Evolution statt Revolution. Veränderungen brauchen Zeit und Geduld. Wertvolle Ressourcen, die man in der Welt von GAME OF THRONES jedoch nicht immer hat.

Die Orte dieser Folge

NEGATIV_GAME OF THRONES_MOTHER'S MERCY_Stannis Baratheon

Geschlagen ergibt sich Stannis MOTHER’S MERCY seinem Schicksal. Die Schlacht vor Winterfell war verloren, ehe sie begonnen hatte. Ist das die Strafe für Shireens scheußliches Opfer?

Aber nicht nur die Jungen, auch die Alten hatten in MOTHER’S MERCY ihre Probleme. Noch ist Westeros nicht bereit, sich zu ändern. Aber so weitermachen wie bisher ist auch nicht mehr möglich. Gerade weil Stannis an seinem Kurs bis zum Schluss festgehalten hat – nach dem nicht aufwiegbaren Opfer von Shireen war dazu gezwungen – ist er in sein eigenes Verderben gelaufen. Selbst als sich sein Marsch als Irrweg herausgestellt hat, all sein Tun als aussichtslos, zögerte er nicht, tausende von Menschen in den sicheren Tod zu führen. Seine Engstirnigkeit wird ihm zum Verhängnis. Sein Tod ist eine wunderbar konstruierte, tragische Geschichte. Nachdem er den schwersten Fehler seines Lebens begannen hat – Shireen dem Lord of Light zu opfern – bricht ihm alles weg. Der Schnee hat sich verzogen, er kann weitermarschieren. Doch muss er das ohne die desertierte Hälfte seiner Armee machen, ohne seine Frau Selyse, die sich erhängte und ohne seine rote Priesterin, die ihn im Stich lässt. Und schließlich ist auch der Weg für die feindliche Armee frei geworden. Noch bevor Stannis seine Belagerung vorbereiten kann, reitet ihm ein zahlenmäßig überlegenes Heer der Boltons entgegen. Stannis hat also seine Schlacht bekommen – nur nicht so, wie er sie sich erhoffte.

Die Schlacht vor Winterfell war ein Gemetzel, deren Ausführung die Serie dem Zuschauer enttäuschender Weise vorenthält – in der vollgepackten Folge war für das über die Staffel aufgebaute Spektakel kein Platz. Nur das Ergebnis wird einem präsentiert: Stannis‘ Armee ist bis auf den letzten Mann vernichtet. Schwer verletzt fällt der Lord of Dragonstone vor einem Baum zusammen, als ihm sein Todesengel erscheint: Brienne. Die Lady of Tarth hat lange auf diesen Augenblick gewartet, endlich kann sie den Mord an ihrem geliebten Renly rächen. Welch poetische Gerechtigkeit, dass das erste seiner vielen Verbrechen, die Ermordung seines Bruders mit einer Schattenkreatur, ihn in Form von Brienne wieder heimsucht. Resigniert nimmt er sein Schicksal an, wie es nur ein Stannis Baratheon kann: „Go on. Do your duty.“ Mit einem Hieb von Oathkeeper hat Brienne ihren Schwur erfüllt, Renlys Tod zu rächen. Doch hat sie dadurch versäumt, ihren Eid an Catelyn Stark einzuhalten – nämlich deren Töchter zu schützen. Einmal mehr beweist Brienne schlechtes Timing: Gerade, als sie das Warten aufgegeben hat und unversehens Stannis‘ nahender Armee zuwandte, leuchtet im Turm Sansa Kerze auf. So hat Briennes vollzogene Rache einen bitteren Beigeschmack: Geht sie doch auf Kosten auf Sansa. Wie passend, dass ihr Schwerthieb durch einen match cut mit Ramsay Bolton verschnitten ist, wie er gerade einen verwundeten Baratheon-Soldaten mit sadistischem Grinsen umbringt: „I accept your surrender.“ Beide sind in dem Moment wilde Tiere, die ihrer Grausamkeit freien Lauf lassen. Ist es da noch wichtig, aus welchem Motiv?

Stannis‘ Tod hat also auf der anderen Seite etwas sehr Unbefriedigendes. Man stellt sich die Frage: Wozu das Ganze? Ein Schwerthieb reicht nicht aus, um die Ungerechtigkeit zu vergelten, die durch Stannis passierte. Von Anfang an stellt der vernünftige Maester Cressen in THE NORTH REMEMBERS fest, dass die rote Priesterin den Lord of Dragonstone in einen Krieg führt, den er nicht gewinnen kann. Geblendet von falschen Hoffnungen zog Stannis in den Krieg und hat in MOTHER’S MERCY alles verloren: Seine Männer, seine Familie, sein Leben. Und es war, rational betrachtet, von Anfang an vorherzusehen. Was für ein Idiot. All die Verbrechen, all die Opfer. Für nichts. Mit großer Wut blickt man auf den gefallenen König: Dafür hast du deine eigene Tochter auf dem Scheiterhaufen verbrannt? Selten hat mich die Sinnlosigkeit des Krieges in einer Serie so erregt wie der Fall des Stannis Baratheon.

Die Figuren der Folge

Hauptfiguren
Nebenfiguren
Letzte Auftritte
NEGATIV_GAME OF THRONES_MOTHER'S MERCY_Cersei Lannister


Der High Sparrow verpasst Cersei eine Lektion in Demut und stellt die Sünderin der ganzen Stadt bloß. Sowas wünscht man nicht einmal seinen schlimmsten Feinden.

Auch Cersei ist mit ihrer immergleichen Machtpolitik vollkommen gescheitert, der überhebliche Stolz der Löwin gebrochen. Ihre Situation ist ein direktes Resultat der rücksichtslosen Herrschaft, die am Volk vorbei nur den Vorteil des eigenen Adelshauses im Blick hatte. Jetzt hat sich das Volk gegen sie erhoben, ihr Walk of Shame beweist, auf welch dünnen Eis sie sich wirklich befindet. Spott, Hass und Verachtung prasseln auf die entblößte Sünderin ein, sie schmerzen mit jedem Schritt genau stark wie ihre blutig gelaufenen Füße. Der Walk of Shame ist ein Zeichen der Abbitte und Gnade des Glaubens, Cersei hat dem Sparrow die harmloseren ihrer vielen Sünden gestanden, um bis zu ihrer Verhandlung quasi auf Bewährung aus dem Kerker frei zu kommen. Doch ist die titelgebende Mother’s Mery, die der High Sparrow der Königsmutter gewährt, ein zwielichtiges Gottesgeschenk.

Die Sequenz war der eindrückliche Höhepunkt der Folge, die genau das erfüllte, was man an manch anderen großen Sequenz in der Folgevermissen ließ: Sie nahm sich Zeit, baute sich langsam auf und spielte den Moment vollkommen aus. Das Team aus Autoren Benioff & Weiss und Regisseur David Nutter haben mit der Szene den Nagel auf den Kopf getroffen. Zudem haben sie dank dem herausragenden Schauspiel von Lena Headey (Emmy-Nominierung! Emmy-Nominierung!) das Unmögliche möglich gemacht: Den Zuschauer Mitgefühl empfinden zu lassen für Cersei Lannister. Gedemütigt bricht sie vor den Toren des Red Keeps zusammen. Hat sie aus der Lektion des High Sparrows ihre Schlüsse gezogen? Oder wird ihre Rache nur umso grausamer ausfallen, jetzt, da sie Qyburns Supersoldat, eine Kreatur erschaffen aus den sterbenden Überresten des Gregor Clegane, als neues Mitglied der Königsgarde auf ihrer Seite hat?

NEGATIV_GAME OF THRONES_MOTHER'S MERCY_Theon Greyjoy, Sansa Stark


Geteiltes Leid: Theon und Sansa stehen im Winterfell-Plot auf einer Stufe. Als Ramsays Opfer blicken sie in den Abgrund und sind entscheiden sich zum Sprung in die Freiheit.

Auf der Ebene der Erzählung waren die Auflösungen in MOTHER’S MERCY ein Rückschlag für die jeweiligen Handlungsstränge. Viele Figuren machen einen Schritt zurück oder bewegen sich wie Dany im Kreis. Statt mit ihrem Drachen in Westeros zu landen, fängt sie nun dort an, wo sie begonnen hat – bei den Dothrakis. Die Geschichte wird, so fühlt es sich manchmal, durch bestimmte Ereignisse hinausgezögert statt vorangebracht. Dieses verärgerte Gefühl der Redundanz ist vor allem bei Sansa sehr auffällig. Anfangs sah es noch vielversprechend aus: Sansa kehrt nach Winterfell zurück und wird als selbstbewusste Stark Sansa ihre Familie rächen und die Boltons gehörig aufmischen. Doch statt ihre Entwicklung zu einem reifenden Charakter fortzuführen, wiederholt sich nur ihr Leid aus King’s Landing.

Sansas grausige Filler-Erzählung bringt nichts Neues und dient als Katalysator in der Entwicklung von Theon. Er ist es, der sie am Ende aus Winterfell rettet – nicht Brienne oder, wie erhofft, Sansa selbst. In einer Konfrontation mit Myranda geht er dazwischen, tötet Myranda, und flieht mit Sansa aus Winterfell. Wie schon bei Sansas fürchterlichen Hochzeitsnacht der Kamerablick auf Theon ruhte, liegt auch in MOTHER’S MERCY der Schwerpunkt im Verhältnis zwischen Theon und Sansa auf ihm, nicht auf ihr. Indem Sansa im Winterfell-Plot zu Theons Leidensgenossin reduziert wird, ist sie bis zu einem gewissen Grad für die Handlung austauschbar. Sie gab dem Geschehen eine zusätzliche Würze, aber mit wem Theon am Ende über die Brüstung springt, war doch egal. Hauptsache Sophie Turner war die Staffel über beschäftigt.

Shakespeare abridged

Et tu, Olly? Es wurde lange aufgebaut, und doch war es schlimm: Olly lockt den Lord Commander in einen Hinterhalt. Wie Julius Caesar wird Jon von seinen eigenen Leuten ermordet, wobei sein nächst verbliebener Vertrauter den letzten, fatalen Messerstich liefert: Olly.

Et tu, Olly? Es wurde lange aufgebaut, und doch war es schlimm: Olly lockt den Lord Commander in einen Hinterhalt. Wie Julius Caesar wird Jon von seinen eigenen Leuten ermordet, wobei sein nächst verbliebener Vertrauter den letzten, fatalen Messerstich liefert: Olly.

Sansa und Theon packen sich an den Händen und springen in den fast sicheren Tod. Ihre Situation ist so hoffnungslos, dass sie lieber den schnellen Tod durch den Sturz von der Mauer in Kauf nehmen, als nur eine Sekunde länger Ramsays Grausamkeit ausgesetzt zu sein. Die Welt von GAME OF THRONES ist sehr düster geworden. In Westeros gibt es keine Happy Ends, das hat der Zuschauer begriffen. Doch immer noch reagieren wir überrascht, geschockt und erzürnt, wenn das mittlerweile Erwartbare eintrifft und die Serie einen geliebten Charakter ein unverdient böses Ende nehmen lässt. „Oh my God, they killed Jon Snow!“ – „You bastards!“

Doch ist es nicht nur dem Sadismus der Schreiber zuzuschreiben, dass ein glücklicher Ausgang in den Sieben Königreichen immer unwahrscheinlicher scheint, sondern vielmehr der Logik der sich verkomplizierten Handlung selbst. In dem herangewachsenem Geflecht aus Figuren, Interessen, Motivationen und Zielen ist es unmöglich, eine gerechte Lösung für die unentwirrbaren Konflikte zu finden. Die Handlung ist an einem Punkt angelangt, an dem sich jeder Sieg in eine Niederlage verwandelt. Der Triumph über Stannis bedeutet das Weiterleben der Boltons, Briennes erfüllte Rache die unterlassene Hilfe für Sansa. Aryas brutale Ermordung von Meryn Trant war in ihrer gesamten Komposition so widerwärtig angelegt – die wieder zur Schau gestellte Pädophile und der Sadismus von Trant, die brutale, langsame Hinrichtung durch Arya – dass darin keine Genugtuung lag, sondern nur Abscheu. Will man wirklich, dass sich die jüngste Starktochter zu so einer erbarmungslosen Schlächterin entwickelt?

Oder Ellaria Sand: Ihre siegreiche Vergeltung an den Lannisters – mit einem tödlichen Abschiedskuss hat sie die junge Myrcella fatal vergiftet – wird nur einen weiteren, schrecklichen Krieg herbei führen und auch direkte negative Konsequenzen für Trystane mit sich bringen, der sich nun im Spiegelung zu Myrcellas Situation allein unter Feinden befindet. Außerdem überschattet der vermeintliche Tod von Myrcella den einzigen Lichtblick der Folge: In einem kurzen Wortwechsel gesteht Jaime seiner Tochter die Wahrheit über ihre Herkunft – und Myrcella reagiert so charmant, dass einem dieses inzestuöse Familienglück auf unbedenkliche Weise zu Herzen ging. Doch ehe sie ihre gefundene Zuneigung zueinander weiter genießen konnten, bricht die vergiftete Myrcella in Jaimes Armen zusammen – ein grausames Spiel der Autoren, unerwartetes Glück aufzubauen, nur um es dann wieder zu zerstören. Aber immerhin war die Szene eine spannende Spiegelung zum Gifttod von Joffrey, der in THE LION AND THE ROSE als hilfloses Kind in den Armen seiner Mutter erstickte. Die Mutter verlor ihren Sohn, der Vater nun seine Tochter. Die bösen Lannisters werden für ihre Sünden bestraft, doch kann man bei diesem Leid keine Genugtuung empfinden. Rache schafft keinen Frieden, nur weiteren Schmerz. Ist in Westeros überhaupt Gerechtigkeit möglich? Was für eine fucked-up Welt hat Martin da eigentlich geschaffen?

There’s a widespread belief in certain circles that I am a to too overzealous with killing off central characters in my book series, A Song of Ice and Fire (and the associated television program, Game of Thrones).

George R.R. Martin

Autor

So beginnt George R.R. Martin einen offenen Brief an die Fans, die sich für die übermäßige Grausamkeit des Autors beschwert haben: „Has there ever been a writer as cruel and murderous as I?“ Martin begegnet der Kritik auf amüsant polemische wie auch belesene Art:

Allow me to pose this question to you – how many of you have heard of William GODDAMN Shakespeare? […] [H]e’s the most famous, accomplished, well-known author in human history – and a guy who would kill off characters in insanely brutal ways like it was nothing ALL OF THE GODDMAN TIME. Ever read Hamlet? You know who survives Hamlet? Like two people TOTAL. Everyone dies in that play – Shakespeare kills off more characters in three hours than I do in five books. […]Here’s the deal – the death in my works aren’t random for-shock-purposes-only type deaths – they all have clear purposes within the drama of the story, and are only dealt out when absolutely necessary. Unlike Shakespeare. That dude’s a fucking psycho.

George R.R. Martin

Autor

Ein leerer Thron. Vergeblich warten Jorah, Daario und Tyrion auf Danys Rückkehr. Sie müssen jetzt ohne die Drachenkönigin in Meereen zurechtkommen – ebenso wie GAME OF THRONES-Showrunner Benioff und Weiss für die nächste Staffel auf Martins Buchvorlage verzichten müssen.

Ein leerer Thron. Vergeblich warten Jorah, Daario und Tyrion auf Danys Rückkehr. Sie müssen jetzt ohne die Drachenkönigin in Meereen zurechtkommen – ebenso wie GAME OF THRONES-Showrunner Benioff und Weiss für die nächste Staffel auf Martins Buchvorlage verzichten müssen.

Martin hat Recht. Daher richtet sich mein Unbehagen auch nicht an den dramatischen Inhalt der Serie, die auf Martins Vorlage basiert, sondern der Art ihrer Ausführung. Gerade in der fünften Staffel haben die Showrunner Tragik mit Drastik verwechselt. MOTHER’S MERCY wirkte wie ein ausbeuterisches Medley aus Shakespeares tragischsten Stücken – Die todunglückliche Liebe der star-crossed lovers Myrcella und Trystane in feinster Romeo And JuliET-Tradition, die Meuterei der Nachtwache als nachgespielte Julius Caesar-Ermordung, der an Shakespeares historische Stoffe erinnernde schicksalhafte Fall des Hauses Baratheon, insgesamt die endlose Spirale aus Rache und Gewalt, der wie bei Hamlet am Ende jeder zum Opfer fällt. Es ist zu viel. Zu sehr auf den Effekt des Tragischen versteift, verlieren Benioff und Weiss das aus den Augen, was den Hauptteil der Shakespeare-Stücke auszeichnet: Die Balance aus Hoffen und Fürchten, Lachen und Weinen und die Faszination der klugen Entwicklung eines Plots durch geschliffene Dialoge, statt seiner drastischen Auflösung.

Die fünfte Staffel war eine große Herausforderung. Die Autoren mussten viele Unklarheiten bezüglich des weiteren Verlaufs der Serie ebenso managen wie auch den Übergang meistern zum selbstständigen Erzählen ohne Buchvorlage. Das Ergebnis war durchaus zufriedenstellend, wenn auch nicht perfekt. Mit großer Spannung darf man die sechste Staffel erwarten, in der sich Benioff und Weiss ein für alle Mal unter Beweis stellen können: Werden sie den Geist von Martins Werk in eine eigene Geschichte umzusetzen verstehen oder verfallen sie der Versuchung, Martins Spitzen an Gewalt, Tod, Grausamkeit und Sex als dominierende Schauwerte auszuschlachten? Was wird die nächste Staffel GAME OF THRONES bringen? Was auch kommt, ich werde es mir jedenfalls anschauen.


Zitat der Folge

For the Watch.

Olly

Steward

Andere Gedanken:

  • Ist Jon nun tot oder nicht? Der HBO VIEWER’S GUIDE listet Stannis, Myrcella und Jon als Verstorbene der Folge. Auch in einem Interview mit Entertainment Weekly hat Kit Harrington Abschied genommen von der Serie, die Showrunner selbst an anderer Stelle ebenfalls bestätigt, dass er tot ist. Dass Jon gestorben ist, haben wir gesehen. Aber wird er auch tot bleiben? Zu viele Fragen sind um seine Person noch ungeklärt, die Fan-Theorien über seine Mutter (R+L=J!) und seine Rolle im weiteren Verlauf der Handlung unbeantwortet. Außerdem ist praktischerweise eine Rote Priesterin an der Mauer eingetroffen, die sich aus einem längeren Beschäftigungsverhältnis gelöst hat. Was sind eure Gedanken? Wird Melisandre Jon wiederbeleben? Wird er zu einem Wiedergänger (und uns einen überraschenden Einblick in diese Kreaturen geben?) Wird Sam Qyburns alchemistische Fähigkeiten erlernen? Oder müssen wir uns mit seinem Ableben abfinden?
  • Dead or Alive? Interessanterweise wurde keiner der Tode in MOTHER’S MERCY wirklich gezeigt – außer der von Jon. Bevor Briennes Klinge Stannis‘ Hals traf, wurde weggeschnitten, es ist aber unwahrscheinlich, dass sie ihn verschont hat. Myrcella bricht zusammen, wir sehen aber nicht, wie sie durch das Gift (wozu es bekanntermaßen ein Gegengift gibt und welches den Namen The Long Farewell trägt) stirbt. Einzig bei Theon und Sansa ist auszugehen, dass sie den Sturz überlebt haben, immerhin ist in den vergangenen Folgen so viel Kunstschnee gefallen, dass sie sehr weich gelandet sein müssten. Obwohl: Ein plötzlicher aber logischer Abgang, wie Dwayne Johnson und Samuel L. Jackson ihn in THE OTHER GUYS („Aim for the bushes!) hatten, wäre unbezahlbar!
  • The Hero with a Thousand Faces. Was ging ab im House of Black and White? Das Spiel der Gesichter war ein netter WTF-Moment, der einem das identitätslose Konzept der Faceless Men visualisierte: Jaqen H’ghar ist wirklich „no one“, nur eine Maske. Ihn hat es nicht gegeben, vielleicht war es noch nicht einmal die gleiche Person, die Arya auf der King’s Road zum ersten Mal begegnete. Die Szene zeigt, dass Arya niemals eine vollkommene Faceless (Wo-)Man werden kann – würde sie ihre Persönlichkeit aufgeben, hätten wir keine Arya Stark mehr, die ihre Rache in Westeros vollziehen könnte. Abgesehen davon war die Szene unfreiwillig komisch. Wer musste nicht an berühmte Verwandlungskünstler denken wie FANTOMAS, den Cast von MISSION: IMPOSSIBLE 2, an Walter Moers‘ Adolf – Der Bonker („Ronter mit der Gummimaske!“) oder den größten von allen – Privatdetektiv Gene Parmesan („Right here)?
  • Keiner kann eine Hiobsbotschaft so griesgrämig entgegen nehmen wie Stannis. Dieser Mann hatte zu Beginn von MOTHER’S MERCY einiges zu Schlucken und wusste, wie man adäquat drauf reagiert: „Sir, die Hälfte unserer Truppen ist desertiert!“ *GRUMMEL*„Sir, ihre Frau hat Selbstmord begangen!“ *GRUMMEL* „Sir, Melisandre ist davongeritten.“ *GRUMMEL* „Sir, das Pistazien-Eis, das sie bestellt hatten, ist geschmolzen“ *GRUMMEL GRUMMEL* Ich werde den zähneknirschenden Lord of Dragonstone vermissen…
  • Die Wege des Herrn sind unergründlich. Dass Melisandre Stannis verlassen hat, fand ich schon ein starkes Stück. Immerhin hat sie ihn erst in den Krieg reingeredet, ihm weiß gemacht, er wäre der auserwählte Champion of Light und er würde den Eisernen Thron besteigen. Hat sie sich geirrt? Dass sie dann beim ersten Anzeichen von Niederlage einen polnischen Abgang absolviert, lässt doch etwas an ihren religiösen Überzeugungen zweifeln.
  • For the Watch.“ Dass Alliser Thorne den ersten Stich macht, war für mich ein wenig out-of-character. Klar, er ist der große Böse an der Mauer. Aber gerade die letzten Folgen über entwickelte er sich doch mehr zu einem komplexen Antagonisten, der Jons Entscheidungen missbilligt, ihnen aber trotzdem Folge leistet (wenn er etwa in THE DANCE OF DRAGONS die Tore öffnet). Außerdem ist er den Prinzipien der Nachtwache zu treu, als dass er eine Meuterei gegen den Lord Commander anführen würde. Zugucken und nicht eingreifen, vielleicht, aber selbst als erstes zustechen? Nein.
  • Erst „Confess“, jetzt „Shame. Wir haben unser weibliches Pendant für Hodor gefunden: Septa Unella. Auch sie versteht, mit wenigen Worten auszukommen und doch deutlich zu artikulieren, was sie denkt und fühlt. Immerhin ist ihr Vokabular doppelt so umfangreich wie das von Hodor…
  • Cerseis Walk of Shame war eine grandiose Leistung von Lena Headey – wie auch dem Special Effects-Team. Da die Schwangerschaft der Schauspielerin bereits fortgeschritten ist und sie sich dagegen ausgesprochen hat, komplett nackt vor der Kamera zu spielen, wurde ihr Kopf digital auf den Körper eines Doubles verpflanzt.
  • Auch dramaturgisch war der Walk of Shame sehr gut aufgebaut. Wurde er doch aus langer Hand vorbereitet, nicht nur in der Staffel (Sparrows jagen in HIGH SPARROW den High Septon im Adamskostüm durch die Gassen von King’s Landing, der High Sparrow spricht unentwegt von der Entblößung der Falschheit, und dem Reduzieren auf das Essentielle), sondern der Serie selbst: Cersei war nie nackt zu sehen (was natürlich auch mit Headeys Verweigerung der frontal nudity zutun hat), selbst in Sexszenen behielt sie ihre Kleider an als Zeichen für die Kontrolle und die stolze Fassade, die sie bisher erfolgreich aufrecht erhalten hat.
  • Ist Gregor Clegane jetzt tot und wiederbelebt worden oder hat Qyburn einem sterbenden Mountain neues „Leben“ schenken können? Was verbirgt sich unter dem Helm von Mountainstein? Keine Folge hat so die Grenzen zwischen Leben und Tod verwischt wie MOTHER’S MERCY.
  • Daario macht sich über Tyrions Kampfunfähigkeit lustig. Aber macht der draufgängerische Söldner ironischer Weise dadurch deutlich, wie unwichtig und dämlich eigentlich sein eigenes Vorhaben ist, Dany mit Jorah zu suchen, und wie immens wichtig Tyrion für die Stadt ist. Tyrion ist der größte Mann im Raum, der die schwierigste Aufgabe von allen hat – Hinter Danys Durcheinander aufräumen. Wie gut, dass ihm Varys wieder zur Seite steht.
  • Die Auflösung in Dorne war sehr unbefriedigend. Schade, dass dieses in den Büchern so interessante Land und ihre Bewohner bisher keinen guten Eindruck auf dem Bildschirm gemacht haben. Die Showrunner haben hier die falschen Akzente gesetzt. Der letzte Moment zwischen Tyene Sand und Bronn („You want a good girl, but you need the bad pussy“) war einfach peinlich und zeigte, wie wenig die Autoren mit den Sand Snakes anzufangen wussten. Auch dass Ellaria am Ende ihre Rache bekommt, ist ärgerlich. Es entkräftet vor allem die Rolle von Doran Martell, der sich anscheinend doch als schwacher Herrscher erweist, wenn er sich von so einer simplen Finte austricksten lässt. Alles in allem habe ich mehr von Dorne erwartet – hoffentlich bringt die sechste Staffel Besserung.
  • Double Standard: Für eine Meuterei den Anführer in eine dunkle Ecke locken, in der ein Schild mit der Aufschrift „Traitor“ steht, und ihn dann hinterhältig zu ermorden, ist schon ein wenig gewagt.
  • To the Lost: Falls das tatsächlich ihre letzte Folge gewesen sein sollte, möchte ich an dieser Stelle den in MOTHER’S MERCY auf der Strecke gebliebenen Schauspielern meinen Respekt zollen: Kit Harrington und Stephen Dillane – euer Talent, dem grimmigen Dreinschauen 23 unterschiedliche Nuancen zu verleihen, wird schmerzlich vermisst. Nell Tiger Free – deine Zeit als Myrcella war ebenso kurz wie auch bezaubernd. Tara Fitzgerald (Selyse Baratheon), Ian Beattie (Meryn Trant) und Charlotte Hope (Myranda) – Hassenswerte Charaktere sind das Rückgrat einer jeden guten Geschichte. Wenn ich sage, dass ich mich beim Anblick eures grässlichen Abgangs nicht so schlecht gefühlt habe, wie ich eigentlich sollte, dann ist das das beste Kompliment, was ich geben kann. Für euch, wie auch für all die anderen Schauspieler, die wir nächstes Jahr leider nicht mehr genießen können, gilt: And now their Watch is ended!
  • Hörenswert: Zum Finale der fünften Staffel GAME OF THRONES gab es ein großes Crossover zwischen den Kollegen Jens Prausnitz und Hari List von Fortsetzung.tv, Jenny Jecke von Moviepilot und mir. Herausgekommen ist ein umfangreicher Podcast, in dem wir uns MOTHER’S MERCY einmal genau vorgeknöpft haben, Theorien austauschten und eine Menge Spaß hatten – vielen Dank dafür an Jens, Hari und Jenny. Hört mal rein, es lohnt sich!