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Gestern im Kino, heute auf ARTE: Bruno Dumonts sensationeller Film P’TIT QUINQUIN

Es fängt an, wie immer im Fernsehen. Eine Leiche wird gefunden. Die Mordkommission ist schnell da, eine Autopsie wird angeordnet. Nur, dass die Polizisten eher vertrottelt wirken und sich zugleich über Emile Zola und Philosophie unterhalten, und dass die Leiche die einer Kuh ist…

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Alles ist wie immer, und alles ist anders bei diesem Film, der ganz und gar ein Kinowerk ist, in Cinemascope, auch wenn es fürs Fernsehen entstand – aber vor allem eine kleine Sensation. P’TIT QUINQUIN, deutsch etwas holprig KINDKIND von Bruno Dumont (HUMANITÉ, FLANDRES), einen Stammgast internationaler A-Festival, der bereits zwei Palmen in Cannes gewann.
Und für die, die diesen Text vielleicht nicht zuende lesen, schreibe ich es gleich hier hin: An diesem Donnerstag kann man die ersten beiden Folgen dieses Vierteilers noch auf ARTE+7 sehen, und mit etwas Geschick auch streamen, auch im französischen Original, und am Donnerstagabend um 21:45 Uhr laufen dann Teil 3 & 4 und sind dann auch eine Woche lang in der Mediathek verfügbar.
Im Mai war der Film bereits in Cannes gezeigt worden. Da hatte ich ihn nicht sehen können, weil vier Stunden Film halt an einem Ort wie Cannes noch anstrengender sind, als sowieso schon. In San Sebastián sind die Wege kürzer und da kann man sich die Zeit nehmen, um so etwas nachzuholen. Der beste Ort für P’TIT QUINQUIN ist nämlich immer noch das Kino.

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Man kann und muss ja manchmal auch etwas gegen ARTE sagen, aber man muss eben auch das Andere sagen: Es ist einfach nur toll, dass so etwas möglich ist, dass sich ARTE so etwas traut und leistet: Sie geben dem fraglos spröden, schwierigen Regisseur Bruno Dumont einfach eine „Carte Blanche“ für eine Fernsehserie seiner Wahl, und der zahlt das Vertrauen mit etwas zurück, was gleichzeitig ein radikales, kompromissloses Kunstwerk ist und eine Infragestellung, mindestens das Dekonstruieren diverser Fernsehsehgewohheiten.

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Wie soll man von diesem Film jetzt erzählen? Einfach zu beschreiben ist kein schlechter Anfang. Gleich die ersten Bilder zeigen eine typische Bruno-Dumont-Landschaft: Flache, sattgrüne, nordfranzösische Äcker, Flandern offensichtlich, eine Küstenlandschaft. Tableaus, ein diffuser grauer Himmel. Später ist dann klar: Es spielt alles irgendwo bei Boulogne-sur-mer, in der Region der Shtis. Man sieht alte Höfe, im einen wohnen zwei Schwestern, im anderen gegenüber Quin Quin. Der hat eine operierte Hasenscharte, braucht ein Hörgerät und sieht einmalig faszinierend aus in seiner Schönheit hinter dem Hässlichen, dem schiefen Mund, der schiefen Nase.
Quin Quin, das spürt man schnell, liebt das Nachbarsmädchen Eve und es dauert nicht lang, da werden, die zehn-, elfjährigen Kinder zueinander „Mon Amour“ sagen.
Vier Kinder lernt man kurz kennen, Quin Quin ist der Anführer, es gibt einen beschränkten Dicken und das hübsche Mädchen. Klischees, wie bei allem hier. Aber die Klischees haben eine spürbar andere Funktion. Doch welche? Die Kinder haben dauernd Streiche im Kopf. Die Sommerferien haben gerade begonnen. Ein bisschen KLEINE STROLCHE. Sie fahren mit dem Fahrrad zur Küste, zwischen Ufermauer, Strand und Felsen zünden sie Feuerwerkskracher. Bis ein Hubschrauber kommt, und direkt vor ihnen in etwa fünf Meter Höhe stehenbleibt… Wie ein Dämon; vom Himmel kommend – ein Wahnsinnsbild.
Der Helikopter fliegt weiter, und die Kinder folgen ihm mit dem Fahrrad, auf Ackerwegen, über Felder. Inmitten eines Feldes steht ein riesiger Bunker, es wird nicht der einzige Überrest bleiben von Hitlers Atlantikwall. Der Bunker, um- und teilweise überwachsen von Grün, von Büschen und Bäumen sieht monumental aus, und fremdartig, wie ein Überbleibsel aus der Steinzeit, oder das verlorene Spielzeug eines mythischen Riesenstammes. Und irgendwie ist es das ja auch.

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„La bete humain“ sagt uns ein Insert, heißt das erste Kapitel des Films. Dieses Wilde, und die Wildnis inmitten der Zivilisation wird im Folgenden eine Rolle spielen. Immer wieder, denn es geht hier auch um die Wildnis in den Herzen. Die Kinder sind und bleiben unschuldig, relativ jedenfalls, gerade weil sie auch der Wildnis am nächsten stehen. Das Verlassen der Wildnis, das Erwachsenwerden geht hier mit Schuld einher. Die Kinder, die immer wieder spielen, Abenteuer erleben, manchmal auch mit Handgranaten, die sie in den Bunkern finden, repräsentieren hier nicht nur Unschuld, sondern auch das Ernste, das seriöse Element. Die Erwachsenen sind meist lächerlich, oft kaputt. Krank und mindestens moralisch deformiert.
Es sind tolle Bilder, die sich hier aneinanderreihen. Der Hubschrauber hebt eine tote Kuh aus einer Vertiefung des Bunkers. Sie kann, soviel ist schnell klar, unmöglich selbst da reingekommen sein. Draußen ermitteln zwei Polizisten. Einer von der Spurensicherung ruft: „Da ist menschliches Blut in der Kuh!“ „La bete humain„, sagt der Assistent des Kommissars, „La bete humain – das ist ein Buch von Zola.“ Und zumindest wir wissen, wie Bruno Dumont, dass es auch ein Film von Renoir ist. „Nun werden sie mal nicht philosophisch, Carpentier.“, sagt der Kommissar.
Auch dies finde ich einen großartigen Moment. Und so geht es weiter. Die Polizisten streiten sich mit den Kindern, eine Autopsie der Kuh wird angeordnet und ein paar Minuten später sehen wir den ausgewaideten Kadaver in einem Maschinenschuppen hängen. Der untersuchende Arzt erklärt, in den Leib der Kuh habe man einen menschlichen Körper gestopft, den Körper einer „Frau, etwa 45, ohne Kopf„.
Il faut la tete Carpentier„, sagt der Kommissar, „Il faut la tete.“ Und nur wir sehen dann den Kopf an einem Landstraßenrand im Dreck liegen, dahinter der Horizont der Küste. Tolle Bilder!

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Dumont zeigt uns eine grundsätzlich vertrottelte Welt. Voller schöner Hässlichkeit, voller genialer Dummheit. Ein Narrenschiff. Alle Hauptfiguren sind schon visuell einmalige Typen, originell, aber nicht aufdringlich. Wie aus alter niederländischer, oder in diesem Fall wohl eher flämischer Malerei. Das verrät auch der Kommissar, der kräftige Frauen- und Pferdehintern schätzt, und dessen Name Van der Weyden eine Hommage an den Meister des 15. Jahrhunderts ist.

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Das ist der reine Wahnsinn dieser Film, so etwas hat man so noch nicht gesehen. Und wunderschön. Es ist eine verrückte, groteske Welt, die Dumont uns zeigt, hier kreiert hat. Sie sieht unserer zum Verwechseln ähnlich, und hat doch ihre eigenen Gesetze.
Immer wieder gibt es Slapstickmomente, etwa die völlig aus dem Ruder laufende Messe zur Beerdigung der Toten, im ersten Teil. Oder die Szene im vierten, in dem der Kommissar zu einem Verhör zu einem Bauern aufs Feld geht, aber dann erst einmal dessen Pferd ohne Sattel reiten will, anstatt zu verhören. Oder die Szene, in der das Gespräch des Kommissars mit seinem Vorgesetzten immer wieder dadurch unterbrochen wird, dass ein Behinderter im Restaurant randaliert und mit dem Essen – Meeresfrüchteteller – herumschmeißt, während die leicht debile Serviererin immer wieder nur „bonne continuation“ faselt. Der Behinderte und seine Familie sind natürlich Engländer.
Es gibt Slapsticksätze und -dialoge: „Wenn jeder seine Frau umbringen würde, weil sie fremdgeht, dann würde man nicht mehr viele finden, die noch heil sind.“
Es gibt Running Gags, wie den Song „Waiting for youuuu!“, den Aurélie, die Schwester von Eve, singt. Oder die Momente, in denen der Kommissar wieder einmal in die Luft schießen will. Oder es wirklich tut. Eine Farce, eine Groteske.

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Nach dem Titel des ersten Teils, „La bete humain“, haben auch die weiteren sprechende Titel: „The Heart of Evil“; „The Devil incarnated“, „Allah Akhbar!“. Der Titel des folgenden Teils fällt immer an sprechender Stelle im Teil davor. Es wird sechs Tote geben bis zum Ende, und drei von ihnen werden in Leibern toter Kühe gefunden, einen Körper werden die Schweine essen. Der Kommissar wird sagen: „Its worse than the Shoah here.“ Und wir werden von Carpentier, seinem Assistenten erfahren, wie sie ihn im Kommissariat nennen: „The Fog“.
Ein Würgeengel, ein Exterminator sucht diese Welt heim. „Cest enfer ici. Cest enfer ici.

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Auch wenn zu Anfang gesagt wird, man solle nicht Philosophieren, geht es im Kino, diesem durch und durch philosophischen Medium, und in diesem langen Kinofilm in vier Kapiteln genau darum: Ums Denken, um unterhaltsame Intellektualität.
Es geht auch um Provinzialität und die Perspektivlosigkeit der Provinz, es geht um Rassismus, um Gewalt. Es ist dies also natürlich nur zur einen Hälfte eine Komödie. Von einem Bruchteil zum nächsten schlägt alles um. Die Kinder sind das Normalste in dieser unnormalen Welt, sie sind aber auch deren Bedrohung. Dämonisch. Die Kinder sind die einzigen, die alles zu wissen scheinen. Wir dagegen wissen nichts. Schuldige gibt es zuhauf. Es sind wir alle. Es wird dagegen, das konnte man schon lange ahnen, kein Täter gefunden werden bis zum Schluss. Wer der oder die Mörder sind, das liegt im Auge des Betrachters. Ein Dämon? Die Kinder? Ich hab‘ den Film in diesem Sinne nicht kapiert. Aber das macht auch nichts. P’TIT QUINQUIN ist wunderbar.

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Im Gespräch vor dem Kino erzählt Dumont, den ich schon ein paarmal interviewt habe, und daher ein bisschen kenne, mir dann, er habe hier im Gegensatz zu seiner sonstigen Arbeitsweise nichts improvisiert: „Komödie bedeutet Präzision.“ Seine Absicht sei es gewesen, „de deregler un enquete policier„. Er erzählt auch eine Geschichte, die fast so lustig ist wie sein Film: Der Darsteller des Kommissars sei sehr gut, habe Probleme beim Lernen langer Texte – und in diesem Film sind seine Texte sehr sehr lang. Also habe man ihm beim Dreh über eine Sprechanlage im Ohr die Texte souffliert. „Darum wartet er immer ein bisschen bis er redet – das macht es im Bild noch komischer.

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Am ehesten erinnert das alles, so einmalig und unvergleichbar es ist, an David Lynchs TWIN PEAKS. Auch hier ist die Welt ein Narrenschiff, auch dort hat sie ihre eigenen Gesetze und sieht der unseren nur zum Verwechseln ähnlich. Wie bei Lynch geht es um Repräsentationen des Bösen. Darum, dass die Comedie Humaine auch eine Tragödie ist. Der Humor im Ganzen amüsiert, aber er tröstet nicht. Er steigert nur die Tiefe des Sujets. „Cest enfer ici. Cest enfer ici.„, das hätte Lynch auch seinen Figuren zuschreiben können und das meint Dumont schon ernst: „Wir sind im Herz der Finsternis.“ Wie Lynch geht es auch Dumont am Ende um Mystik.
Die eigentliche Moral des Films geht aber noch tiefer: „We are all hypocrites.

Am heutigen Donnerstag laufen um 21.45 und um 22.35 Uhr die letzten zwei Folgen der Serie.

 

Bild-Copyright: San Sebastian Festival 2014, ARTE