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Zweimal Brooklyn, zweimal Nachbarschaft

„The world is a cruel place my friend.“

aus: „Felix et Meira“

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 „Things happen, most people are not allowed to see.“ – ein hard boiled Noir-Sound herrscht von Anfang an in diesem Film, dem hervorragenden neuen Film vom belgischen Regisseur Michael T. Roskam, der für „Bullhead“ 2012 eine Oscarnominierung bekam. „The Drop“ spielt im Winter. Es beginnt am Weihnachtsabend, geht über Neujahr bis zum Ende am Superbowl-Weekend  Ende Januar. Der Film ist also zeitlich genau fixiert, örtlich auch: Alles spielt in „Little Odessa“ im New Yorker Stadtteil Brooklyn. das russische und postsowjetische Einwanderermilieu, das sonst in den Filmen von James Gray im Zentrum steht. Dort regieren Mafia-Banden nicht nur die Straße, und ganz aus ihren Geschäften heraushalten kann sich keiner. Tom Hardy spielt Bob, einen Barmann, der es auf seine Art trotzdem versucht. Roskam erzählt nach einer Vorlage von Denis Lehane und in einem nicht aufdringlichen Neo-Noir-Stil eine abgründige Geschichte, die von der Wiederkehr des Verdrängten handelt. Am Anfang wird ein Hund im Müll gefunden, bald darauf wird die Bar überfallen, in der Hardys Figur arbeitet. Sie gehört seinem Cousin. Der Hund muss erzogen werden und repräsentiert die zivile, zärtliche Seite der Hauptfigur, das war in der Bar passiert, seine andere.

Die Schurken sind in diesem Fall mal die Tschetschenen, ein „Mr. Umarov“, der sagt „Call me Chovka.“ „The Drop“ – der Titel bezieht sich auf einen Ort in der Bar, der dafür dient illegale Gelder „abzuwerfen“ und aufzubewahren – ist ein spannender Film-Noir um Schuld und Sühne, atmosphärisch satt in einem eiskalten, schneebedeckten Winter-New-York. Wehmut ergriff auch hartgesottene Zuschauer, als sie den verstorbenen „Soprano“-Star James Gandolfini in seinem letzten Leinwandauftritt sahen. „We are fucking dead already. We are just walking around.“ sagt Gandolfini irgendwann in diesem Film. Nie hat solcher „Hard-Talk“ so gestimmt, wie hier. Gandolfini ist tot, er läuft nur noch herum als elektrischer Schatten auf der Leinwand.

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 Gandolfinis Figur, das stellt sich heraus, hat den Überfall selbst inszeniert, und so etwas geht im Kino selten gut. Er ist ein Verdammter, einer der seinen Moment verpasst hat, nicht das Glück anderer hatte, und nun den Weg in die Hölle zuende gehen will. Er lebt mit seiner Schwester zusammen, es könnte auch ein altes Ehepaar sein, und es ist so lustig wie traurig anzuhören, wenn sie miteinander reden: Sie schlägt eine Reise nach Italien vor. Er: „Why?“ – Sie: „We could see things.“ – Er: „What things?“ Sie sprechen über ihren uralten Vater, der komatös im Krankenhaus liegt. Alles wird immer teurer. Eine Agentur hat die Verwaltung des Krankenhauses übernommen. Soll man den Vater sterben lassen? Er: „Yeah, just kill him, pull the trigger“. Sie: „Thats life“. Er: „It’s electricity.“

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 Was das Leben, das gute vor allem am Ende ausmacht, ist das tiefere Thema dieses Films, wie vieler Film Noirs. Wann lohnt es sich nicht mehr ums Überleben zu kämpfen, und die Einsicht, das ein neues Leben nie in Reichweite ist. Wie in „Bullhead“ zeigt sich Roskam auch hier wieder weit mehr vom Bösen fasziniert, als vom Guten, wie dort stellt er aber ins Zentrum seines Figurs eine igur die düsterste Abgründe mit einer fast kindlich-naiven Unschuld mischt. Und in Tom Hardy findert er einen Darsteller, der das trägt. Auch Matthias Schoenaerts, der Hauptdarsteller von „Bullhead“ ist hier wieder dabei. Er spielt Eric, einen weiteren von Anfang an Verdammten, einen psychisch Gestörten, der sich selbnst eines Mordes bezichtigt, den er nachweislich nicht begangen hat. Aber alle glauben ihm. Fast alle. Und so trauen ihm fast alle auch das Schlimmste zu. Er ist der Ex-Freund von Bobs Love-Interest, der von Noomi Rapace gespielten Nadya, und sagt Sätze wie: „Thats life. People like me come, when you are not looking.“

„Nobody ever sees you coming. Do they Bob?“ sagt der Polizist des Viertels, Detective Torres zu Bob. Es geht also auch um das, was man sieht, und was nicht: „Did you see anything.“ – „You know, it’s this neighbourhood.“

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 Am Ende kommt es zur tödlichen Konfrontation, und es passiert womit nur sehr Genre-Erfahrene rechnen: Das vermeintliche Unschuldslamm Bob, diese undurchsichtige Persönlichkeit, der zur Kirche geht, aber nie zur Beichte, der seinen neuen Hund nach einem katholischen Heiligen Rocco nennt, der seinen überreagierenden Cousin immer abwiegelt, beschwichtigt, der aber auch in der Lage ist, einen abgesägten Arm in Cellophan-Folie zu verpacken, mit einem Schraubenschlüssel zu beschweren und in den East River zu werfen, dieser Bob ist schneller als der vermeintlich hochgefährliche Eric, und er erschießt ihn mit den Worten „fucking punk!“. „You just shot him.“ sagt Nadya fassungslos, „Yes, I did, absolutely, he was gonna hit at you. Nobody will ever hit you again. This is done.“ Und ab jetzt sind die beiden ein Paar.

Aus dem Off kommt das Fazit: „The devil is waiting for your body to part. He knows, he already owns your soul. If you are dead and the guardian says: No, you can’t come in, you have to be alone forever.“ Aber „You are not alone, you’ve got friends.“ sagt Chovka, der die Leiche entsorgt.

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Roskam denkt Humanität und Grausamkeit zusammen, Romantik und Mord, Engel und Teufel. „The Drop“ ist eine sehr realistische, desillusionierte katholische Phantasmagorie: „I’ll be damned.“ – „What? You werent already?“

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„Gangstermovie in its origin was a social critic“ erzählt Roskam bei der anschließenden Pressekonferenz. „When there is no law, you still need social structure. Mafia ist the alternative of a state. There is still a society, when there is no law. … we refer to paintings The Brooklyn-Painter George Bellows inspired the imaging of this film a lot.“

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Die Festivallandschaft ist zur Zeit in Bewegung. Das ist auch in San Sebastián erkennbar: Während neureiche Festivals wie Toronto, Rom und Zürich den Etablierten Konkurrenz machen, haben manche traditionelle Filmfestivals auch deshalb zu kämpfen, weil sie selber Fehler machen: Locarno zeigt viel zu viel, Venedig ist zur Zeit nicht mehr so mutig, wie noch vor wenigen Jahren. 2014waren beide Festivals vergleichsweise nicht so stark wie früher. Davon, vor allem aber vom Staubsauger-Charakter Torontos profitiert mehr denn je das Filmfestival von San Sebastián, das sich eindeutig als Nummer vier neben den großen Drei – Cannes, Venedig, Berlin – etabliert und Locarno abgehängt hat.

Um die „Goldene Muschel“, die morgen Abend verliehen wird konkurrieren andere: Neben Christian Petzolds „Phoenix“ (Kinostart diese Woche, wir berichteten), der bei Nicht-Deutschen viel weniger umstritten ist, als in seiner Heimat, ist das Programm auch sonst in diesem Jahr auffallend stark.

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Der francokanadische „Felix et Meira“ von Maxime Giroud ist das Beispiel eines Films, der nicht gut ist, aber interessant. Nach 20 Minuten wäre ich fast rausgegangen. Mit jiddelnder Musik wird eines Familie im orthodox-jüdischen Milieu gezeigt. Von Anfang an ist die Stimmung angespannt, die Atmosphäre repressiv. Die Ehe zwischen Meira, aus deren Perspektive erzählt wird, und ihrem Mann ist nicht gut. Das Kamera führt sie mit Felix zusammen, einem charmanten Taugenichts, dessen reicher Vater gerade gestorben ist.

Aber irgendetwas hat dieser Film dann doch. Der Film hat einiges zu sagen und immer wieder gute Ideen, er weiß nur nicht, wie er sie erzählen soll. Hilfloses Stammeln mit Bildern und Szenen, die sich der Zuschauer selber zusammenreimen muss.

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„Felix et Meira“ will offenkundig sagen, dass religiöser Glaube begrenzt ist und dass die Liebe alle Grenzen überwinden kann. Über beides ließe sich natürlich streiten. Aber wenn man das schon sagen will, müsste man im Kino erstmal zeigen. Der Film aber interessiert sich nicht fürs chassidische Mileu, außer insofern es Meira einschränkt. Nichts wird bei ihr erklärt, psychologisiert, bei ihm dagegen schon. Interessant sind die Momente eines gemeinsamen New York-Besuchs der beiden. Zwar gibt es auch hier wieder Klischees, das Tanzen als Lockerungsübung und der Besuch am Touristenziel Times Square. Aber das Milieu des jüdischen Viertels in – wieder – Brooklyn, ist besser getroffen.

Eine dramaturgisch zwar fragwürdige, aber in sich sehr schöne Szene ist die des Besuchs des fast verlassenen Ehemanns bei Felix. „I need you to understand, that if Meira leaves me, she’s gonna leave the entire community. She can never go back. My daughter will grew up without a mother. We can not be friends, but i need to count on you from man to man. Keep her save.“ Dann entdeckt er einen Brief von Felix Vater, den dieser verbrennen wollte: „That’s nonsense. Can I read it?“ Eine tolle Szene.

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„Keep your head down. Speak brazilian.“ – „There doesn’t exist a language like brazilian. The fucking brazilians spreak portugiese.“

Aus: „The Drop“