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LA TETE HAUTE, Film Still © Luc Roux

LA TETE HAUTE, Film Still © Luc Roux

Die Liebe zu Catherine Deneuve ist die Liebe zur Republik

Das Wetter ist an den ersten Tagen großartig, der Hinflug am Dienstag ging fast durchgängig über klaren Himmel. Jetzt liegen die Temperaturen zwischen 21 und 29 Grad – alles super, so möchte man immer arbeiten.

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Catherine Deneuve an sich ist ja schon Grund genug, dass einem ein Film sympathisch ist. Wenn die Deneuve aber auch noch quasi die ganze französische Republik verkörpert, den Glauben an Vernunft und Gerechtigkeit und die Herrschaft von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – was könnte es da noch zu meckern geben?

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„Ich bin nicht die Polizei und sie sind nicht vor Gericht.“ – das sind so in etwa die ersten Worte, die in diesem Film fallen. Die Kamera ist nahe dran an den Figuren, sie zeigt eine Mutter, sie zeigt das kleine Kind, die Sprecherin aus dem Off. Ein heftiger Streit vor dem Kind endet damit, dass die Mutter den Raum verlässt. Das Kind guckt mit großen Augen zu. Eine tolle Szene. Wir werden die Mutter noch oft so erleben: Hysterisch, überfordert, immer das Falsche tuend. Sara Forestier spielt diese Mutter, die man in anderen Zusammenhängen einfach eine dumme Nuss nennen würde. Die Jugendrichterin, die sich besonders um diesen sehr schwierigen Jungen kümmert, spielt Catherine Deneuve. Das ist auf den ersten Blick etwas überraschend, funktioniert dann aber gut.

Die Hauptfigur aber ist Malony, der Junge, der am Anfang gerade sechs ist, und dessen Karriere durch die Institutionen von Kinderfürsorge und Justiz der Film verfolgt. LA TET HAUTE, der diesjährige Eröffnungsfilm von der Französin Emmanuelle Bercaut (erst der zweite Eröffnungsfilm von einer Frau in der Festivalgeschichte) ist eine Achterbahnfahrt, oft miserabilistisch, mit vielen Rückschlägen, nur gelegentlich von kleinen Erfolgen gekrönt. Im Zentrum steht das letzte Jahr, in dem Malony noch unters Jugendstrafrecht fällt, zwischen 15 und 16. Hier muss er die Kurve kriegen, irgendwie ein solides Leben führen können, sonst droht unweigerlich das Gefängnis.

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LA TETE HAUTE, Film Still © Luc Roux

LA TETE HAUTE, Film Still © Luc Roux

Stattdessen kommt Malony in ein Heim irgendwo in der Natur fern der Großstadt. Dort kann er Fußballspielen und Schreiben üben, und bei gemeinsamer Arbeit erste Schritte in die Normalität tun. Das geht mal wieder schief, doch zugleich lernen wir Malony näher kennen. Wir sehen, wie er nicht in der Lage ist, auch nur einen Satz auf ein Papier zu schreiben, wie er Stunden braucht, um unleserliches Gekrakel zu produzieren. Wir sehen, wieviel Mühe sich die Lehrerin trotzdem gibt. Wir sehen, wie Malony seine Aggressionen nicht kontrollieren kann, wir sehen, wie er in der Dorfdisko nicht einmal in der Lage ist, ein Mädchen zu küssen, ohne sie dann „Schlampe“ zu nennen. Wir sehen, kurz gesagt, wie kaputt dieser Junge ist, und begreifen, auch gegen unseren Willen, wie in solchen Fällen ein paar Probleme liegen könnten.

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Zumindest bei mir gab es Widerstände. Ich dachte während des Films mehr als einmal: Wieso muss ich stundenlang einem großmäuligen, nägelkauenden Versager dabei zuschauen, wie er dauernd Scheiße baut, Autos knackt, sinnlos sich selbst und andere gefährdet, und sich dabei scheinbar noch toll vorkommt?

Das stimmt auch leider alles. Zugleich aber überwindet man derartige Vorurteile beim Zuschauen aber schon.

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Man kann diesem Film so einiges vorwerfen: Mitunter ist er fast eine Komödie über Unterschichten, eine sozial-realistische Hässlichkeitsfeier, die sich mokiert, die – unfreiwillige? – Lacher provoziert. Etwa wenn ein Achtjähriger noch einen Schnuller im Mund trägt. Oder wenn die Mami wieder mal mit einem neuen Freund aufkreuzt. Oder wenn mit Malony schon alles schiefgegangen ist und seine Freundin ihm dann auch noch eröffnet: „Ich bin schwanger.“

Der Blick kommt zu oft von oben herab, dies ist ein bourgoises Filmemachen, das vom Proletariat, von dem er handelt, vor allem Erwartbares zeigt.
Und doch: Er zeigt etwas. Er ist engagiert. Und er bricht auch mit Erwartungen.

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Irgendwann hörte ich den Einwand, dies sei ein Propagandafilm pro Francois Hollande. Davon mal abgesehen, dass es glaube ich, Schlimmeres gibt, als drei Monate nach Charlie Hebdo und zwischen der ganzen Menschenverachtung und den Zynismen der schwarzen Hälfte des gegenwärtigen Autorenkinos auch mal etwas Humanistisches zu zeigen, und einen Film, der Hollande nicht der Lächerlichkeit preisgibt, sich nicht in billiger Antipolitik suhlt, davon also abgesehen, ist LA TETE HAUTE eine zum Teil bittere, unbequeme Selbstreflexion Frankreichs und der erodierenden Sozialsysteme im Westen. Es wird klar: Die Sozialarbeiter sollen den missratenen Kids Jobs geben, aber es gibt keine Jobs.

Zudem ist Malony so sympathisch nicht. Man muss schon etwas engstirnig sein, wenn man als Zuschauer hier nicht mal auf die Frage kommt, ob es das eigentlich wirklich wert ist, zuerst 230 Euro am Tag, später als Belohnung für weiteres Versagen gar 800 Euro am Tag (die Zahlen fallen so in dem Film, ich habe sie aber nicht überprüft) auszugeben? Vielleicht sollte man Malony einfach in ein Loch werfen, und das Geld sinnvoller ausgeben?
Auch solche Debatten erstickt der Film nicht, er ermutigt sie.

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Der Film bietet keine einfachen Antworten. Er suggeriert keine Patentrezepte, keine Katharsis. Die Hauptfigur bleibt flirrend, unberechenbar, agiert nicht logisch und gerade darum psychologisch triftig.

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Ich habe auch den Einwand gehört, Frankreich habe doch ganz andere Probleme. Der Film sei verlogen, weil er sich „der Einwandererproblematik“ nicht stelle. Das ist falsch, er stellt sich dem nämlich schon, nur anders als es manche gern hätten.

LA TETE HAUTE ist politisch, weil er zeigt, dass es auch kriminelle weiße Jugendliche gibt, weil er argumentiert, dass Frankreich (und Europa) ein Klassenproblem haben, kein Rassenproblem. Und schon gar kein Religionsproblem. Religion kommt in diesem Film einfach mal gar nicht vor – eine große Erleichterung.

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Der Musikeinsatz ist tendenziell etwas zu „groß“ – gleich dreimal kommt das Piano-Trio Op. 100 von Schubert. Das ist von Kino schon anderweitig „besetzt“ und wirkt schon deshalb hier deplatziert.

Was aber super ist, ist das musikalische Pathos der Schlußszene: Als am Ende dann Malony mit seinem Kind auf dem Arm das Zimmer der Richterin zum letzten Mal verläßt, wir ihm von hinten folgen, wenn er langsam Treppe um Treppe hinunter zum Ausgang geht (und ein wenig bangen, ob der Taugenichts auch nicht stolpert, und das Baby fallen lässt), und sich dann, als er durch die Tür ins sonnige Freie tritt, und wir über der Pforte „Palais de la Justice“ lesen und am linken Rand die Tricolore weht, dann erklingt der Bachchoral „Weichet nur betrübte Schatten„.

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Man kann auch hier wieder schnell schreien: Kitsch! Teilweise stimmt das, ein wenig ist das Urteil aber auch übertrieben und zu harsch. Denn wenn man Ken Loach seit vier Jahrzehnten sein Revolutionsgetue, seinen angeschminkten Trotzkismus und das Moralisieren verzeiht, und Mike Leigh seinen Sozialkitsch, und beiden das ganze Pathos, warum darf dann ein Film nicht auch mal pro-republikanischen Kitsch machen?

Emmanuelle Bercauts Film ist einmal ein überaus ungewöhnlicher Eröffnungsfilm: So ernsthaft, engagiert, und wenig glamourös sind Festivaleröffnungen selten.

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Gibt es wirklich nur die Alternative: Cheesy-Humanismus oder grinsender-Nihilismus? Ich hoffe doch nicht. Aber wir müssen etwas verändern, das beweist der Film, müssen uns und unsere Politik neu erfinden: Nur eine neue liberale Linke kann uns retten, eine mediterrane Linke, die Engagement und Ironie, Hedonismus und Verstand versöhnt, die anti-puritanisch und libertär ist, individualistisch und exzessiv.

Auf der Polizeistation auf der Ecke sind die Wände besprayt. Ein Polizeiauto hat eine fette Delle, die offensichtlich von Fußtritten stammt. Malony war auch in Cannes schon da.

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