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1. Strophe:
Ihre wohlgeborene, gnädige Frau Trennung,
Du verbreitest Kälte nur, so wie ich dich kenne.
Kleiner Brief im Umschlag – halt, zerreiß ihn nicht…
Wenn der Tod mich meidet, trifft die Liebe mich.
Bulat Okudzhava

Der Soldat Suchov (Anatoli Kuznetsov) folgt der Wüste. Das verbrannte, goldene Meer ist ein Ort jenseits aller Orte. Glühende Sandberge ohne Namen weisen nur zwei Wege: Entweder hinaus aus dem Trost-, Leb- und Endlosen, oder noch tiefer hinein. Suchov sucht den Weg hinaus. In einer unbekannten Schlacht hat sich der Veteran in der noch jungen roten Armee ausgezeichnet und somit das Recht erworben, in seine Heimat, in seinen Träumen ein Land grüner Felder und Buchen, zurückzukehren.

Zurück sehnt sich Suchov auch nach seiner Verlobten, der er um die drückende Einsamkeit erträglicher zu machen, im Geiste Briefe schreibt. Doch ist die Wüste eine eifersüchtige Geliebte und gibt jemanden nicht umsonst frei.

So trifft Suchov zufällig auf einen Zug Rotarmisten, die den Räuber Abdulah (Kakhi Kavsadze) und seine Bande jagen. Dieser hat auf der Flucht vor der Justiz seinen Harem zurücklassen müssen. Widerwillig nimmt Suchov den Auftrag an, die zehn Frauen zu beschützen bis Verstärkung eintrifft. Denn Abdulah hat geschworen seinen ehemaligen Besitz zurückzuholen: tot oder lebendig. Mit dem jungen Rekruten Petrucha (Nikolai Godovikov), dem schwer zu durchschaubaren Hirten Said (Spartak Mishulin) und dem desillusionierten ehemaligen zaristischen Zöllner Vereschagin (Pavel Luspekayev) nimmt Soldat Suchov den Kampf gegen Abdulahs Übermacht unter der weißen Sonne der Wüste auf.

2. Strophe:
Ihre wohlgeborene, werte Frau Fortune,
Bist du Andren wohlgesinnt und willst für mich nichts tun.
Neun Gramm Blei im Herzen – warte, lock sie nicht.
Wenn der Tod mich meidet, trifft die Liebe mich

Das 1969 unter der Regie von Vladimir Motyl (The Captivating Star of Happiness ) entstandene Werk Weiße Sonne der Wüste ist aus mehreren Gründen ein einzigartiger Film, der besonders in Russland einen Kultstatus genießt. Als einziger Film der sowjetischen Ära kann sich Weiße Sonne der Wüste rühmen, ein sogenannter roter Western zu sein. Motyl und sein aserbaidschanischer Drehbuchautor Rustam Ibragimbekov (Oscar für Die Sonne, die uns täuscht) entnahmen mutig und offen die typischen Rezepturen der offiziell verhassten, amerikanischen Kultfilme wie Zwölf Uhr Mittags und Ringo. Deren Beschaffenheit transformierten die Filmemacher in glaubwürdige Umstände innerhalb der Sowjetunion. So sind Schauplatz und Handlung in einer nicht klar definierbaren Zeit, wohl aber kurz nach Ende des russischen Bürgerkriegs angesiedelt, der sich ideologisch und militärisch sehr vom Amerikanischen unterschied. Schauplatz ist genretypisch die Wüste. Doch wo in Silverado oder Spiel mir das Lied vom Tod  dieser Ort Pionieren und Neuankömmlingen die jungfräuliche Verheißung für Neubeginn und Kultivierung eines unerschlossenen Raums gilt, ist es in dieser Wüste des Nahen Ostens anders bestellt. Hier gibt es keinen neuen Anfang, da Sand und Zeit kein Ende haben. Dazwischen finden sich konservierte Relikte aus vergangenen Epochen, wie halb zerfallene Festungen und aufgegebene Städte. Wer romantischen Idealen von Freiheit und Abenteuer hinterherjagt, geht schnell zugrunde. Überleben ist nur den Zähesten und Stärksten vorbehalten, die entweder das wenige, was dieser tote Ort bietet, zu nutzen im Stande sind oder es bei Bedarf jemand anderem wegnehmen.

Interessanterweise findet sich auch hier ein erster Anflug vom Goldrausch. Doch das Gold ist anders als in Kalifornien eine schwarze, zähe Flüssigkeit, die bereits zaghaft aus dem Boden gepumpt wird. Die überstillisierten und naiven Tagträume Suchovs an seine ,,echte russische“,  grüne Heimat bilden, sobald er aufwacht und plötzlich aus diesen herausgerissen wird, einen starken Kontrast zu der surrealen weißen Ödnis, in der sich der Rotarmist tatsächlich befindet. Lakonisch zuckt Suchov die Schultern, findet sich mit seiner jetzigen Lage ab und führt seine Reise munter weiter fort. Langsam schwenkende Panoramabilder erfassen die scheinbar endlose, monotone Weite, die der Soldat zu bewältigen hat, um endlich ans Ziel zu kommen. Einen weiteren Kontrast bildet Issac Schwarzs musikalische Untermalung, die Suchovs Sehnsucht nach seinem Zuhause liebevoll mit Balaleikaklängen vermittelt, nur um abrupt zu der Musik der Wüste zu wechseln, welche aus summenden Gesängen ihrer seltsamen Bewohner besteht. Suchov selbst ist die in Russland legendäre Hymne des wiederkehrenden Soldaten vom Barden Bulat Okudzhava gewidmet worden.

3. Strophe:
Ihre wohlgeborene, gnädige Frau Ferne,
Auch wenn du mich fest umarmst, so hast du mich nicht gerne.
In die sanften Netze – warte, fang mich nicht…
Wenn der Tod mich meidet, trifft die Liebe mich

 Dem Helden Suchov (russ. soviel wie der Trockene) verleiht Schauspieler Anatoli Kuznetsov (Copper Angel) die feinen Kennzeichen eines typisch russischen Städters. Seine Ausdrucksweise im erdachten Briefverkehr zu seiner Frau ist gehoben und äußerst galant, was auf eine gute Bildung deutet. Dies ist in einem Land mit knapp siebzig Prozent Analphabeten durchaus keine Selbstverständlichkeit. Ebenso beweist Suchov durch Präparieren von Minen ein starkes mechanisches und technisches Geschick, welches man eher in einer Fabrik als auf dem Land erlernt.
Und dennoch strotzt der Soldat, ähnlich seinen amerikanischen Vorbildern, nur so vor stereotypischem Verhalten. Stets kämpft er für das Gute. Ohne das Problem von moralischen Zweifeln zu haben, wen er gerade getötet hat, trifft er souverän die richtigen Entscheidungen. Denn moralisch ambivalente Helden waren im sowjetischen Film dieser Zeit undenkbar. Gut und Böse musste klar getrennt sein. Klar definiert durch seine weiße Uniform, also mit einer weißen und sauberen Weste, schafft es Suchov sich mit kernigem Wortwitz, welcher in der russischen Umgangssprache längst Einzug gefunden hat, und seinen außergewöhnlichen kämpferischen Fähigkeiten immer wieder aus brenzligen Situation zu befreien.

So wirft Vereschagin, um Suchovs Charackter besser beurteilen zu können, eine brennende Dynamitstange aus dem Fenster, jenem direkt vor die Füße. Suchov, der es sich vor dem Haus des Zöllners im Sand bequem gemacht hat, begutachtet gelassen den Gegenstand, zündet sich ohne Eile mit der brennenden Lunte eine Zigarette an und wirft den Sprengstoff im letzten Moment weit von sich weg. Pflichterfüllung und Freiheit (in diesem Fall die Befreiung aller Völker und Nationen aus Barbarei und Armut) stehen für diesen Helden über allem. Er hegt die ehrliche Absicht Abdulahs zehn Ehefrauen aus den Fesseln ihrer Polygamie zu befreien und versucht ihnen die Idee um Einigkeit und Gleichberechtigung näher zu bringen. Dabei missversteht der Soldat die Freude der Frauen als seinen Triumph gegen den veraltenden Brauch. Diese jubeln Suchov nur zu, da sie ihn als ihren neuen Ehemann, einen stärkeren Abdulah ansehen. Genauso amüsant wirken die Inhalte von Suchovs gedanklichen ,,Briefen“ an seine Frau, die angesichts der lebensgefährlichen Situationen von einem heiteren Euphemismus des Verfassers nur so strotzen. Immer behält der Held trotz der fast greifbaren Hitze einen kühlen Kopf. Wo andere aufgeben oder kriminell werden, rappelt Genosse Suchov sich immer wieder auf, lächelt den Schicksalsschlägen entgegen und marschiert weiter.

Suchov gegenüber steht der klar als Bösewicht definierte, schwarze Abdulah. Er ist ein Einheimischer und Führer der basmatischen Guerillas. Abdulah sagt von sich selbst, er sei in dieser kargen Welt arm und unbedeutend geboren worden, bis Allah ihm den Weg zeigte, sich mit Waffengewalt seinen Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen. Dafür wird Abdulah nicht als Räuber, sondern selbst von seinen Gegnern als Krieger angesehen. Der Schurke, mit einem ganz persönlichen Ehrenkodex, verlangt bedingungslosen Respekt und Gehorsam. Polygamie und sozialer Darwinismus sind für ihn Mittel, die ein Überleben sichern. Seine archaische Lebensweise macht Abdulah als Erben der uralten patriarchalischen Wüstentradition somit zu einem klischeehaften Vorläufer der heutigen afghanischen Clanchefs und tschetschenischen Rebellen: Stark, charismatisch, verschlagen und absolut skrupellos.

Die vielleicht bizarrste Figur des Films ist jedoch Vereschagin. Ehemals Offizier der untergegangenen Zarenarmee, fristet der Zöllner ein Schattendasein im Exil. Eine Grenze bewachend, die es seit der Revolution faktisch nicht mehr gibt, sehnt sich der gealterte Recke nach dem Ruhm vergangener Tage zurück. Mit Abdulah hält er einen Waffenstillstand und toleriert, meist betrunken, dessen Schmuggelgeschäfte. Gerade diesen Mann muss Suchov zum Beistand überreden, um den Kampf gegen die Räuberbande zu bestehen. Das Besondere der Rolle ist: Vereschagin ist ein überzeugter und dennoch edler Zarist, der Seite an Seite mit einem Rotarmisten für eine gute Sache kämpft. Eine Dämonisierung der Figur wegen eventueller konterrevolutionärer Haltung findet, anders als in sämtlichen anderen sowjetischen Filmen, die diese Epoche thematisieren, nicht statt. Der Treueschwur, den Vereschagin abgelegt hat, ist mit dem Tod der Zarenfamilie nichtig geworden. Dennoch hält der Zöllner noch immer die Stellung. Als Zarist hätte er überdies keine Alternative irgendwo anders hinzugehen.

4. Strophe:
Ihre wohlgeborene, werte Siegesstunde,
Das heißt wohl: mein Leben geht in die nächste Runde.
Auf mein Blut, ihr Teufel – wartet, schwöret nicht…
Wenn der Tod mich meidet, trifft die Liebe mich.

Bei all seiner verhältnismäßig hohen Brutalität bleibt jedoch Weiße Sonne der Wüste auch dank seiner oft heiteren Dialoge und ironischer Momente ein vergnügliches Abenteuer für Erwachsene. Der Film zeigt, wie die für Russland typische Melancholie der Trennung und Schicksalsschläge mit Ironie und lakonischem Achselzucken bewältigt werden kann. Die weiße Sonne der Wüste kann man sich mittlerweile kostenlos und mit englischen Untertiteln komplett auf YouTube ansehen. Dass der Film in Zeiten von starken medialen Repressalien nicht verboten wurde, hat man dem Umstand zu verdanken, dass Parteichef der KPdSU, Leonid Breschnew, diesen bei einer zufälligen Vorführung besonders unterhaltsam fand. So hat sich der rote Western aus einer wundersamen Fügung heraus zum russischen Klassiker entwickeln können, um den sich noch heute viele Anekdoten ranken. Die noch gültige, abergläubische Tradition aller russischer Raumfahrer, diesen Film vor jedem bevorstehenden Flug mindestens einmal gesehen zu haben, wäre noch die normalste für diesen besonderen Film.

White Sun of the Desert/ Белое солнце пустыни/ Die weiße Sonne der Wüste
R: Vladimir Motyl
B: Rustam Ibragimbekov, Valentin Ezhov, Rustam Ibragimbekov
K: Eduard Rozovsky
D: Anatoly Kuznetsov, Spartak Mishulin, Pavel Luspekaev
UdSSR 1970, 85 min
Lenfilm/Mosfilm 1969
Sprache: Russisch

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