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Wenn der Nachbar zweimal klingelt – Cannes-Blog, 10te Folge

von | 22 Mai 2015 | Cannes 2015 | 0 Kommentare

Zwischen Zinsknechtschaft und Misstrauen, zwischen Gesellschaftssatire und moralischer Farce: Zwei neue Filme aus Rumänien in Cannes

Seit knapp zehn Jahren gehört Rumänien zu den interessantesten Nationen auf der Landkarte des Weltkinos. Gleich ein knappes Dutzend Filmemacher aus diesem kleinen, nach wie vor armen Land Europas brachten einen ganz eigenen Ton auf die Leinwand und feierten weitaus mehr internationale Erfolge, als andere ehemalige Ostblockländer mit einer viel längeren Kinotradition, etwa Polen oder Ungarn.

Seinen endgültigen Durchbruch schaffte das rumänische bei den Filmfestspielen in Cannes, wo Cristi Mungiu 2007 völlig überraschend die Goldene Palme gewann – für das Abtreibungsdrama 4 MONATE, 3 WOCHEN, 2 TAGE.

In Cannes sind bei den Filmfestspiele zwei starke rumänische Filme gut in der prominentesten Neben-Sektion „Un Certain Regard“ vertreten.

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Nachbarn sind etwas Besonderes. Man grüßt sich mitunter nur auf der Treppe, und doch kennt man sie besser, als viele Mitmenschen.

Und Patrascu, die Hauptfigur in dem rumänischen Film EINE ETAGE TIEFER von Radu Muntean, ein braver Familienvater, der sein Geld damit verdient, dass er für andere lästige, weil langwierige Behördengänge erledigt, und der in seiner Freizeit einen Hund für einen Wettbewerb trainiert, dieser Patrascu lauscht auch gern mal an der Nachbarstür: Er hört wie die hübsche junge Nachbarin von der Wohnung im Stockwerk drunter Sex hat, und er hört, wie sie sich mit einem Mann streitet. Aber mit wem?

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Eines Tages wird die Nachbarin tot aufgefunden. Ein Unfall wahrscheinlich, aber Mord wird nicht ausgeschlossen, die Polizei ermittelt. Aus dieser Konstellation entwickelt der Regisseur nun keine Kriminalgeschichte, die darum kreist, ob es ein Mord war, und wer der Täter sein könnte, sondern ein universales existentielles Drama, einen Dostojewski-Stoff für unsere Zeit, der ins Herz der Gegenwart zielt. Denn ein anderer Nachbar hat durch sein merkwürdiges Verhalten den Verdacht Patrascus erregt. Hat er etwas verbrochen, und was genau? Oder hat er nur seinen Ehebruch zu verbergen?

Patrascu behält seine Gedanken für sich, und darum fressen sie ihn auf. Der Nachbar wiederum spürt den Verdacht, und nähert sich Patrascus Familie an. EINE ETAGE TIEFER ist ein Psychothriller über die Seele einer postkommunistischen Gesellschaft, die nicht mit sich im Reinen ist. Eine doppelte Eindringlingsgeschichte – wie der Nachbar in Patrascus Leben, so sickern Schuldgefühle in sein Gewissen.

So dicht das Szenario, so zwingend und zugleich von leichter Hand geht die Inszenierung vonstatten. Eine Handkamera schafft Intensität, und setzt den Betrachter analog zu den Figuren unter Stress.

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Das rumänische Kino ist ein Kino der Ungewissheit. Und ein Kino der Intensität und der Neugier, es misstraut der Wirklichkeit und taucht zugleich tief in sie ein.

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OFFICE CANNES

Ein Weg, Unsicherheit zu bewältigen, ist Humor. Um Ihn geht der zweite rumänische Cannes-Beitrag, COMOARA von Corneliu Porumboiu. Auch hier beginnt wieder alles mit zwei Nachbarn. Der eine klingelt an der Tür des anderen. Er ist in einer verzweifelten Lage, möchte sich Geld leihen, sonst droht sein Haus auf dem Land verpfändet zu werden. Eine Geschichte über Zinsknechtschaft: „Ich muss etwas Geld leihen“ – „Ich hab’s nicht“ – „Ich zahle 13% Zinsen“ – „Ich zahle nur 8%“ – „Ich war ein Idiot.“ „Ich hatte einen Verlag, der hat pleite gemacht.“ – „Das war keine gute Idee. Nach einer Umfrage lesen nur 2 Prozent der Rumänen mehr als ein Buch pro Jahr.“

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Der Nachbar, der mit seinem kleinen Sohn gerade die Geschichte über Robin Hood liest, kann zwar nicht mit Geld helfen, aber als die Rede auf den Urgroßvater des Bittstellers kommt, und einen kleinen Schatz, den dieser angeblich auf dem Grundstück vergraben hat, um ihn vor den Kommunisten in Sicherheit zu bringen, da schließen sich die beiden zusammen.

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Mit einer Mischung aus feiner Ironie, Satire und gröberer Groteske schildert der Film nun die Schatzsuche der beiden. Mit einem fortwährend piependen Detektor gehen sie auf die Suche, buddeln das Grundstück um und finden tatsächlich etwas, wenn auch nicht, was sie suchten, und die Geschichte bekommt einen neuen, cleveren Twist.

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Im Hintergrund wird viel über Rumänien erzählt: In Islez wurde die Proklamation der Revolution von 1848 verkündet, das Recht zu arbeiten, ist in der aktuellen Verfassung verankert… Es zeigt sich das Bild eines Landes, in dem die Diktatur der Kommunisten durch das Diktat des Marktes und der Gier ersetzt wurde, in dem eine Bürokratie dominiert, die zugleich überfordert ist und korrupt, in der absurde Vorschriften absurdes Verhalten erzeugen, in der auch alle anderen Menschen sich gegenseitig belügen und betrügen, manchmal nur, weil die Wahrheit keiner glauben will. Betrug und Verrat, Neid und Gier sind überall. Das ist so lustig wie bitter. Es ist uns zugleich ganz nahe, denn es spiegelt unsere eigene Gesellschaft.

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So ergänzen sich die beiden rumänischen Beiträge perfekt: Indem beide von nachbarschaftlichen Beziehungen erzählen, entfalten sie jeweils eine wechselseitige, dialektische Spannung von Solidarität und Misstrauen.
Muntean erzählt von Schuldbewusstsein, Porumboiu von einem Land, in dem die Menschen allen sieben Todsünden verfallen sind.

Es ist also nicht so sehr eine spezifische postkommunistische Situation, die hier geschildert wird, sondern vielmehr etwas universal Menschliches, das man ebenso in den Filmen eines Woody Allen oder eines Michael Haneke und bei vielen anderen großen Filmemachern finden kann.

Am Ende von Porumboius abgündiger Komödie erklingt das Lied „Opus Dei“ der slovenischen Rockgruppe Laibach. So ist das Leben – kann man als gelassenes Fazit ziehen. Man kann auch sagen: Dem Kino Rumäniens ist nichts Menschliches fremd.

Fotos © Cannes Film Festival

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