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Restless


Der Glückliche Tod: Sterben und Sterben lernen beim Filmfestival von Cannes – Cannes-Blog, Folge 2.

Es gehört zum Beruf des Filmkritikers, dass man manchmal auch dann etwas zu Papier bringen muss, wenn einem nach Schreiben als Allerletztes zumute ist. Wenn einem die Worte fehlen, oder es einfach nichts zu sagen gibt, das angemessen wäre. Das muss seine Ursache nicht immer im Kino haben, ein solcher Moment ist auch der Tod eines Kollegen, Vorbilds und Freundes. Michael Althen war dies für viele deutsche Filmkritiker. Und als uns am Donnerstagmorgen, unmittelbar vor Beginn der Vorstellung des neuen Gus van Sant-Films, die Nachricht erreichte, dass Michael gestorben ist, war einem erstmal überhaupt nicht mehr nach Kino zumute – auch wenn wir in den letzten Wochen geahnt hatten, dass diese Nachricht uns irgendwann erreichen würde, erscheint sie doch auch jetzt, Stunden später, seltsam irreal. Das kann man nicht glauben und es hat den Kopf und erst recht das Herz noch nicht erreicht. Nur den Magen, und so fällt es gerade ziemlich schwer, und hilft doch auch zugleich, Filme zu sehen, und über sie zu schreiben. Denn dass das Kino auch eine große Trost-Maschine ist, auch das hat Michael immer gewusst.
Zum Werk und zur Rolle, die Michael Althen gehabt hat, wird man noch viel lesen. Aber man muss es vielleicht einfach hinschreiben, wie es ist: Von ihm, der nie krank war, der immer selbstverständlich da war, hätte man solch einen Abgang am wenigsten erwartet. Auf ihn war Verlass. Und so schön es war, ihn gekannt zu haben, so sehr fühlt man sich jetzt verlassen.

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Am Abend haben wir dann Gus Van Sants Restless doch noch gesehen. Und wir wüssten gern, wie wir ihn wahrgenommen hätten, ohne den unmittelbaren Eindruck von Michaels Tod. Denn so sind Filmfestivals: Leben und Kino verschachteln sich miteinander, kommentieren sich gegenseitig, treten in merkwürdige emotionale Wechselwirkungen. Und so erfährt man am Morgen vom Tod eines Freundes, der an seiner Krebserkrankung gestorben ist, von der er erst vor gut drei Monaten erfahren hatte, und sieht dann am Abend einen Film über eine Krebskranke, die nur noch drei Monate zu leben hat…
Das ist im Kino unter den Händen dieses Regisseurs dann ein überraschend tröstlicher Film, bei dem man still im Dunklen ein bisschen weinen kann, und sich freuen daran, wie hier Menschen mit sich im Reinen sind, an der gelassenen Art, wie sie mit dem Tod umgehen.
Dies ist nicht nur Behauptung, auch wenn einem das manchmal ein wenig zu positiv, zu gelassen und verklärend erscheint.

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Restless hat eine ziemlich unzeitgemäße Anmutung. Er wirkt wie ein Film aus den 70er Jahren, von Hal Ashby vielleicht: Zwei verlorene Seelen lernen sich kennen, und finden Halt aneinander. Sie scheinen Beerdigungsgänger aus materieller Not, doch bald ist klar, dass ihre Bedürfnisse seelische sind: Er verlor seine Eltern bei einem Autounfall, war selbst klinisch tot und lang im Koma, sie hat einen unheilbaren Hirntumor. Sie sind füreinander bestimmt, und doch nicht, denn sie haben keine Zeit. Die Frage ist: Wie stirbt man glücklich? Wie lernt man sterben?
Und der Film hat zwei wunderbare Hauptdarsteller, beide auf ihre eigene Weise völlige Neu-Entdeckungen: Henry Hopper, der Sohn von Dennis, der dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Und Mia Wasikowska, die Alice in Burtons Caroll-Verfilmung. An Burton, dessen frühe Filme, wird man hier auch manchmal erinnert – dieser Film ist ein Märchen, das in jeder Hinsicht aus der Zeit gefallen ist, es gibt einen Geist – von einem japanischen Kamikaze-Piloten – es gibt einen Verweis auf Nagasaki und die Atombombe. Und ein paar Nostalgie-Momente, musikalische und modische Anspielungen auf die 20er Jahre. Filmisch kommt Restless sehr bescheiden daher, ganz anders und viel unambitionierter, als alle Filme Van Sants seit Gerry und Elephant. Aber der Reiz des Films liegt in den Leerstellen, Öffnungen und Ruhepunkten, die sich, blickt man genauer hin, immer wieder auftun.

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Wer die von Wasikowska gespielte Annabelle zu süß, zu simpel findet, dem würde ich entgegnen, dass sie nicht nur eine Figur ist, die sich von Anfang an in den eigenen Tod ergeben hat. Und dass sie hier feengleich erscheinen muss, denn die Story kreist eher um die Figur des Jungen. Er muss erlöst werden, und wird es, indem er sich in diesem Fall – im Gegensatz zum Tod seiner Eltern – verabschieden kann. Das ist ein tragikomischer, betörender Film. Und die Musikauswahl macht ihn erst recht zum Schönsten, was wir bisher in Cannes gesehen haben: Danny Elfman, Sixties-Pop und am Ende ein Song von Nico, die dann in den 80ern auch irgendwann an Krebs gestorben ist.

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Im Gespräch mit einer Kollegin geht es dann um Wasikowska. Sie ist so hübsch, sieht aus wie ein Modell, dass man schnell einen Überdruss entwickeln könnte an ihrer Ausstrahlung aus Reinheit und Unschuld. Nach Alice…, nach The Kids are alright und nun Restless möchte man sie, meint jedenfalls die Kollegin, einmal weniger feenhaft sehen, weniger unschuldig, schmutziger…
Restless ist der Eröffnungsfilm der Sektion „Un Certain Regard“, und es sagt natürlich schon fast alles über Cannes, dass man es sich hier leisten kann, mit so einem Film eine Nebenreihe zu eröffnen.

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Sleeping Beauty

Der Wettbewerb um die Goldene Palme wurde mit Sleeping Beauty eröffnet, einem höchst sonderbaren Film und Debüt der Australierin Julia Leigh. Der Film ist eine Verfilmung des gleichen japanischen Romans von Yasunari Kawabata, den Vadim Glowna 2006 als Haus der schlafenden Schönen verfilmte. Die Geschichte klingt wie ein Altmännertraum: Junge schöne Frauen lassen sich gegen viel Geld betäuben, um in einem Zimmer die Nacht in tiefem Schlaf zu verbringen. Männer können diese Zimmer für noch mehr Geld mieten, und dürfen alles mit den jungen Mädchen machen – außer sie penetrieren. Während Glownas Film aus der Perspektive eines dieser Edelpuffgänger als morbides Drama über Altern und Vergänglichkeit inszeniert ist, stellt Julia Leigh eines der Mädchen ins Zentrum: Lucy, ein junges Mädchen aus zerrütteten Verhältnissen, das sich so durchschlägt. Sie studiert, und um das zu finanzieren, nimmt sie so ziemlich jede Arbeit an, die sie bekommt – als Versuchsperson, als Kellnerin, als Gelegenheitscallgirl. Und dann eben in besagtem Haus. Warum sie das tut, ist ziemlich klar: Sie ist jung, braucht das Geld, hat keinen Menschen, und weil das Leben sowieso aus lauter Demütigungen besteht, sollen diese ihr wenigstens etwas einbringen. Die Hauptrolle spielt Emily Browning, die wir vor wenigen Wochen erst in Sucker Punch gesehen haben, die man hier aber kaum wiedererkennt. Und ihre Leistung ist beachtlich, zumal Lucy in fast jedem Bild hier zu sehen ist. Mit der Eisprinzessinnenhaftigkeit einer jungen Isabelle Huppert geht Browning durch die Szenen. Diese erinnern mal an Kubricks Eyes Wide Shut, dann wieder an Belle du Jour von Bunuel.
Die Bilder sind so steril, wie das Leben, das sie zeigen, aber sie sind präzise, wohlüberlegt und visuell stringent. Das kann man vom Drehbuch leider nicht sagen, darum verliert der Film vor allem am Ende die Spur, und hört vor allem zu abrupt einfach auf: Einer der Männer bringt sich an der Seite der schlafenden Lucy um. Doch dieses völlig missglückte Ende sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier der Wettbewerb mit einem recht starken Film eröffnet wurde.

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Melancholia

Aber wer könnte gewinnen? Bisher können wir, und das ist ja gerade der Reiz des Spiels, nur von der Papierform ausgehen. Unser Freund Josef Schnelle hatte schon am Ankunftstag gewettet: Terrence Malicks The Tree of Life werde die Goldene Palme bekommen. Alin Tasciyan aus Istanbul glaubt an Debüts: „Das ist das einzige, was mich interessiert, und ich denke bei dieser Jury haben neue Filmemacher eine Chance.“ Ich selbst glaube an Lars von Trier. Von den ganzen älteren Männern, die endlich mal eine Goldene Palme gewinnen müssen, ist er der Interessanteste. Und Melancholia sieht auf den Bildern am besten aus. Sara Brito aus Madrid denkt: Vielleicht Naomi Kawase. „Ihr letzter Film war allerdings wirklich schlecht – aber der lief ja auch in San Sebastian. Vielleicht hat sie für Cannes einen guten gemacht.“ So geht das Leben weiter, und Cannes schon an diesem Abend irgendwie seinen Gang. Ob das eine gute Nachricht ist?

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