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Wenn Männer weinen – die 120 Tage von Caligari, Folge 7

von | 7 Jun 2015 | Kino, Rüdiger Suchsland auf Filmtour | 0 Kommentare

Hamburg, mon amour: Auf drei Bier mit Asia Argento, und Erinnerungen an meine Geburtsstadt im Film

Jetzt sitze ich schon wieder im Zug. In ein paar Stunden bin ich in Hamburg, dort läuft mein Film im „Metropolis“ – der richtige Titel fürs Weimarer Kino. Meinen Film in Hamburg vorzustellen, ist für mich aus vielen Gründen etwas Besonderes: Ich habe zwar nie wirklich hier gelebt, aber ich bin hier geboren, und immerhin in den Erzählungen meiner Eltern war die Stadt immer präsent. Mein Vater war damals Linienpilot, bei der Lufthansa, und es waren eher zufällige, völlig private Gründe, warum meine Eltern hier wegzogen, als ich gerade sechs Monate alt war. Mein Vater hatte hier, gewissermaßen in seinem ersten Leben, früher schon mal gelebt. In diesem „ersten Leben“ war er nämlich Schauspieler gewesen und hatte in den 1950er Jahren mal eine kurze Weile am Hamburger „Deutschen Schauspielhaus“ gearbeitet, seinerzeit unter dem Intendanten Gustav Gründgens.

Das alles war vielleicht auch der halb-unbewusste Grund, warum Hamburg in jedem Fall in meinem Film vorkommen sollte, und die Idee, den Film mit Gründgens zu beginnen, hat zwar andere Gründe, passte aber auch in der Hinsicht, sozusagen als persönliches Augenzwinkern, hervorragend.

Manchmal überlege ich, was wohl aus mir geworden wäre, wäre ich in Hamburg aufgewachsen. Dann hätte ich vielleicht viel früher, schon als Kind Carlos Gerstenhauer kennengelernt, nicht erst in München, wo er heute beim BR bei „kino kino“ arbeitet. Carlos hat mir manchmal vom Hamburg seiner Kindheit erzählt, und so wie sich das anhörte, zwischen linksliberalem Establishment und Bohème, hätte ich hier gern gelebt.

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Seitdem bin ich immer nur kurz hier gewesen, auf Durchreise zur Nordsee oder nach Dänemark, wo wir in den ersten Jahren, an die ich mich erinnere, Urlaub gemacht haben, bevor sich meine Eltern mehr nach Frankreich orientierten. Einmal gab es eine Hafenrundfahrt, einmal einen Besuch bei Freunden meiner Eltern, die ich dann nie wieder gesehen habe. Nach dem Abi nur sehr wenige kurze Besuche mit Freunden.

Dazu später dann noch ein gutes Dutzend Besuche aus Arbeitsgründen. Jessica Alba hab ich hier mal interviewt. Roger Willemsen. Und einen ganzen Nachmittag mal Fatih Akin. Auf einer politikwissenschaftlichen Tagung bin ich auch gewesen. Und 1999 und 2000 war ich hier auf dem Filmfest Hamburg. Aber schon damals wollte keine Redaktion einen Bericht von diesem Festival. Und dann immer mal wieder alle paar Jahre. Das Filmfest Hamburg ist ein Filmfest, das die Stadt nicht unbedingt braucht. Hier ist schon so zuviel los, und ich hatte immer das Gefühl, dass das Filmfest in der Stadt untergeht. Aber Albert Wiederspiel und sein Team haben gerade in den letzten Jahren eine Menge aus der Veranstaltung gemacht, und das Filmfest ist mir sympathisch. Gute Filme laufen hier sowieso, nur vielleicht ein bisschen viel. Immerhin habe ich bei einem dieser Besuche mal eineinhalb Stunden mit Asia Argento Bier getrunken, im Cineplexx, während dort ihr Film lief – ein unvergessliches Erlebnis, wie sich jeder vorstellen kann.

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Auch Andrew Bird habe ich hier ein paar Mal besucht, den Editor von Fatih Akin, dessen ausgezeichnete Begabung einen großen Anteil an dessen Erfolg hat. Ganz am Anfang sah es mal so aus, als würde Andrew unseren Film schneiden. Er war ganz früh dabei, und seine Unterstützung hat nicht nur Mut gemacht, sondern auch bei den ersten Förderanträgen geholfen. Andrew war auch einer der wenigen, der mir gleich sagte: „Ich habe ‚Von Caligari zu Hitler‘ ja gelesen, wir lasen das Buch in England bei unserer Filmausbildung.“ Er hat auch schon zu recherchieren angefangen, aber dann kam die Arbeit an Fatih Akins THE CUT dazwischen. Die begann später, war aufwändiger und hat auch länger gedauert, als erhofft. Und Andrew hatte uns immer gesagt: Das gehe vor, er sei bei Fatih im Wort.

Von ihm kam dann, als er uns absagen musste, gleich der Vorschlag: „Fragt doch Katja.“ Ich kannte zwar Katja Dringenbergs Arbeit, sowohl die an Andres Veiels BLACKBOX BRD, als auch die beiden ersten Filme von Tom Tykwer, und ein paar Filme von Michael Klier. Aber nicht sie persönlich. Nach dem ersten Treffen, das gleich ganz gut verlief, wurde bald klar, dass sie die Montage unseres Film übernehmen würde. Mehr als bei anderen Filme muss man hier von „Montage“ reden, denn natürlich war es eine Montierarbeit aus den hunderten von Werken ein Ganzes zu formen.
Und heute im Rückblick könnte ich mir gar keine andere Editorin vorstellen.

Wobei der Gedanke natürlich reizvoll bleibt, einmal durchzuspielen, wie wohl die Arbeit mit Andrew Bird gewesen wäre. Sie wäre auf alle Fälle ganz anders gewesen. Es wäre jedenfalls kein besserer Film geworden, aber auch kein schlechterer. Nur ein vollkommen anderer. Komische Vorstellung.

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Ein sehr besonderer Hamburg-Besuch fand auch um das Jahr 2000 statt. Durch Zufall hatte ich nämlich herausgefunden, dass Brigitte Borchert, eine der beiden Laiendarstellerinnen des absolut atemberaubenden MENSCHEN AM SONNTAG, meines persönlichen Lieblingsfilms aus der Weimarer Republik, noch lebte, und in Hamburg wohnte. Ich hab sie damals angerufen, und wurde zu ihr nach Hause, in ein schönes Haus am Elbufer, eingeladen. Es gab Kaffee und Kuchen, mit recht viel Sahne, soweit ich mich erinnere, ihre Familie war dabei,und die ziemlich rüstige alte Dame erzählte eine Menge, immer noch etwas fassungslos über die verrückten Filmleute, die sie damals von der Straße weg engagiert hatten, sich bei den Dreharbeiten immer stritten, und über den Film, der jetzt plötzlich berühmt sein sollte.

An diese Begegnung erinnere ich mich noch immer sehr gut. Im Film davon erzählen wollte ich trotzdem nicht. Es hatte damit nichts zu tun, und für das Tonband von damals – noch mit dem Walkman auf Casette aufgenommen – hatte ich im Film keine Verwendung. Natürlich ist MENSCHEN AM SONNTAG eines der besten Werke unter all den hervorragenden Filmen des Weimarer Kinos. Ein einmaliger Film, der auch später in Deutschland keine Nachahmer fand. Leider.

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Ansonsten war ich selten in Hamburg. Merkwürdigerweise. Denn das Hamburg, dass ich aus dem Kino kannte, hat mir gefallen. Werner Hochbaum hat das Hamburg der Weimarer Republik festgehalten, jenes Hamburg, das keine 20 Jahre später im Bombenhagel versank. Erstaunlich, wie der Hamburger Hafen in seinem Streik-Film BRÜDER aussieht, ganz modern und zugleich ganz entrückt. Die Handlung des gedrehten Films spielt Ende der 1890er Jahre. Aber die engen Quartiere der Arbeiter zeigen eine längst verschwundene Welt. Hochbaums RAZZIA IN ST. PAULI ist ganz anders, aber ebenso großartig. Weniger Hamburg-Bilder, aber dafür Hamburg-Töne: Dialekt und Gesang.

Natürlich kennen wir alle Helmut Käutners GROßE FREIHEIT NR. 7. Hier ist Hamburg Folklore, also eher Kulisse und Klischee. Es wurde ja auch in Prag gedreht. Aber ich muss zugeben, dass ich den Film sehr mag, so wie auch Hans Albers. Unbedingt erinnern muss man Klaus Lemke, wobei der neben ROCKER gar nicht so viele Hamburg-Film gemacht hat. Aber immerhin. Und er hat das „Hamburger Manifest“ geschrieben.

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Ein ganz besonders schöner Hamburg-Film war für mich immer MORITZ, LIEBER MORITZ. Hark Bohm ist „der“ Hamburg-Regisseur der Bundesrepublik vor dem Mauerfall. Wohl auch, weil sein Hamburg ein bürgerliches ist, spießig, aber wohlhabend, so wie das ganze Land. Seine Geschichte über einen Jungen aus gutem Hause, der recht einsam ist und dem allerlei absurde Dinge passierten, sah ich, als ich fast genauso alt war, wie dieser Moritz, auch aus gutem Haus und auch ähnlich desorientiert. Vielleicht ist er auch deshalb für mich ein so wichtiger Film geblieben.

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Einen wunderbaren Blick auf Hamburg aus Sicht eines Ausländers warf schließlich Francesco Rosi 1959 in einem seiner ersten Filme: I MAGLIARI spielt zur Hochzeit des deutschen Wirtschaftswunders und handelt von neapolitanischen Gastarbeitern, die in Hamburg nebenbei kleine illegale Geschäfte machen. Einer von ihnen verliebt sich in eine Deutsche, die überdies verheiratet ist.

2010 habe ich Rosi interviewt und mit ihm über den Film gesprochen:

„Was mich an dem Stoff inter­es­siert hat, ist einfach zu sagen: Das Milieu der Gast­ar­beiter in Deutsch­land. Ihr Leben in der Fremde war damals auch für Italien ein Thema, viele Familien, vor allem im Süden hatten irgend­einen Verwandten, der in den Fabriken Nord­eu­ropas arbeitete. Wer Italie­nisch versteht, merkt, dass die Haupt­fi­guren da alle in neapo­li­ta­ni­schem Dialekt sprechen. Ich wollte von diesen Neapo­li­ta­nern erzählen, die da ein ziemlich verlo­renes Leben führten, und auch von der Nähe zur Krimi­na­lität, davon, wie schwer es ist, in so einem Leben dem Milieu der kleinen Verbre­chen zu entgehen. Davon wollte ich erzählen, und außerdem hat der Film ganz normale spannende Themen: Es geht um Gangster und es gibt eine tolle Liebes­ge­schichte. Kennen Sie die Haupt­dar­stel­lerin? Das war Belinda Lee, eine großar­tige, wunder­schöne junge Englän­derin, die seinerzeit ein Shooting-Star war. Nur zwei Jahre später ist sie bei einem Auto­un­fall in Amerika gestorben. Sie wäre eine Große geworden.
Ich erinnere mich gut an den Film und an Hamburg. Auch gut zehn Jahre nach dem Krieg war das eine wunder­schöne Stadt, mit ihrem gigan­ti­schen Hafen. Hafen­s­tädte haben mich immer besonders angezogen. Ich bin schließ­lich in Neapel geboren, viel­leicht liegt es daran, dass viele meiner Filme in Hafen­s­tädten spielen. Und Hamburg hat mich damals auch in seinem Geist an Neapel erinnert. Es war dort eine ausge­las­sene Stimmung, voller Lebens­freude.
In Salvatore Giuliano gibt es kaum Musik, in I Magliari dagegen einiges mehr. Ich erinnere mich an jene Szene in einer Nachtbar auf der Reeper­bahn, Musik hat geholfen, um die ausge­las­sene Stimmung, die Lebens­freude und Ausge­las­sen­heit der Nacht zu schildern. Viele von uns hatten damals eine Freundin in Neapel und eine Freundin in Hamburg.
Diese Jahre waren sowieso eine sehr lebens­frohe, ausge­las­sene Zeit. Das ist heute wohl schwer nach­zu­voll­ziehen: Aber die Leute wollten den Krieg vergessen. Auch die Jungen hatten noch irgend­welche Erin­ne­rungen daran, er war auch nach über zehn Jahren noch sehr präsent.“

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Wenn Männer weinen, muss es sich um Fußball handeln. Und wenn wir hier jetzt schon von Italienern in Hamburg erzählen, dann dürfen wir Bruno Labbadia natürlich nicht vergessen. Labbadia, jetzt seit vier Wochen gerade zum zweiten Mal Trainer des Hamburger SV, ist nach meiner ganz persönlichen Meinung einer der allerbesten Fußballtrainer Deutschlands und wahrscheinlich der unterschätzteste.

Es ist jetzt natürlich leicht das im Nachhinein zu sagen, aber immerhin habe ich mehrere Zeugen dafür, dass ich schon vor vielen Wochen gesagt hatte: „Der HSV muss Labbadia holen.“ Und dann, als ich von seiner Verpflichtung hörte: „Er wird den HSV retten.“ Zugegeben war es dann doch etwas komplizierter als gedacht, weil plötzlich nicht nur der HSV sondern alle Abstiegskandidaten ihre Punkte holten. Warum Labbadia meiner Ansicht nach unterschätzt wird, ist einfach: er spricht Deutsch mit hessischer Färbung, er hat italienische Wurzeln, und er entspricht ein bisschen zu sehr dem Klischee vom „schönen Mann“.

Das oft zu hörende Vorurteil, dass Labbadia für die alten Werte des Fußballs stehe, ist nicht wirklich zutreffend. Gemeint ist damit dann natürlich: Nur für die alten Werte. Tatsächlich ist Labbadia einfach eine ehrliche Haut, ein gradliniger Typ, der auch Dinge anspricht, die unbequem sind. Bei ihm beginnt Fußball mit einigen Dingen, die nur scheinbar selbstverständlich sind: Zusammenhalten, kämpfen, laufen. Er ist ein guter Beobachter und erwartet Professionalität. fordert sie, verbindet Autorität mit Nähe. Einer, der das Profi-Dasein vorlebt, ohne zu überziehen. Mit einem wie Jürgen Klopp verbindet ihn, dass er ein leidenschaftlicher Trainer ist, einer, der zupackt und der es hasst, zu verlieren.

Großer Optimismus paart sich bei ihm mit nüchternem Pragmatismus. Er trifft viele kluge kleine unsichtbare Entscheidungen, keine sofort sichtbaren. Wenn man hört, was Labbadia mit den HSV-Spielern gemacht hat – Wasserspiele auf dem See, Schießwettkämpfe, Lagerfeuer – dann scheint das banal, wie 50er-Jahre-Männerspielchen, aber es steht doch dem nahe, was moderne Unternehmen heute als Teambuilding praktizieren.

Labbadia ist ein Großer. Er hat es jetzt einmal mehr bewiesen, und wieder eine Situation geschaffen, in der Freudentränen kullerten. Hoffentlich lässt man ihn endlich mal machen.

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