Seite auswählen

Hexen und Nattern, Mode und Verzweiflung, weiße Füchse und eine verfilmte Frauenzeitschrift

Venedig-Blog, Folge 4.

W.E. – es ist schon ungemein romantisch, wenn man sich klarmacht, was der Titel dieses Films bezeichnet: Man liest ihn „we“, also Englisch für „wir“ und diese Einheit bezieht sich auf „Wallis“ und „Edward“, die geschiedene, wiederverheiratete Amerikanerin und den britischen Thronfolger, die sich in den 30er Jahren verliebten. Als Edward König wurde, schien eine solche Ehe aber völlig unpassend, und der König musste sich entscheiden. Kein Jahr auf dem Thron, dankte er im Dezember 1936 ab, und sein Bruder Georg, der Vater der jetzigen britischen Königin, übernahm seine Position – dessen Geschichte hatte zu Jahresbeginn erst The King’s Speech erzählt.

***

W.E. kommt also marketingstrategisch zur richtigen Zeit, fast ein bisschen zu richtig, um hier nur an Zufall zu glauben. Man sieht verfilmte Prinzessinnenträume, in denen der Prinz (James D’Arcy) nicht nur sexy aussieht, perfekt tanzt und elegant Konversation führt, sondern auch noch sozial engagiert ist: „Something must be done.“ rief er einst britischen Reportern zu, als er ein Obdachlosenquartier besuchte – „caring“genug, um bewegend und engagiert zu wirken, vage genug, um niemanden vor den Kopf zu stoßen oder die Grenzen der parlamentarischen Monarchie zu überschreiten. Und heute einer der wenigen Momente neben der ganzen Abdankungsaffaire, der von Edward VIII. im kollektiven Gedächtnis konserviert ist. Edward war offenkundig besessen von Wallis (Andrea Riseborough). Weswegen sie für die einen eine Hexe ist, die den schönen Prinzen verzaubert hat, für die anderen eine Identifikationsfigur, weil es ihr gelang, für sich den Frauentraum zu verwirklichen, dass ein Mann einmal alles aufgibt für einen. Träumen das eigentlich Männer manchmal umgekehrt auch?

***

Handwerklich ist W.E. auch durchaus ansprechend: Sanft fließende Kamerabewegungen und eine sehr kompliziert gebaute, in Vor- und Rückblenden hin- und herspringende Narration, Formfragen also dominieren den Film. Am besten geglückt ist kaum zufällig eine Tanzszene, jene, in der Wallis und Edward beginnen, sich füreinander zu interessieren. Madonna, die auch das Drehbuch schrieb, kombiniert Elemente eines Psychothrillers mit den typischen Ingredienzien eines Melodrams. Denn der Film hat neben Wallis Simpson noch eine andere Hauptfigur: Eine junge Britin in der Jetztzeit, die über ihrem Kinderwunsch und dem fremdgehenden Gatten schier wahnsinnig wird, und sich zunehmend und zunehmend bizarrer mit der historischen Wallis identifiziert.

***

Wen hat Madonna nicht alles gespielt, und in Zitatform angespielt in ihrer nun auch schon bald 30-jährigen Karriere: Evita, Marilyn, Leni Riefenstahl, Marlene Dietrich. Eine wie Wallis fügt sich in dieses politisch-ästhetische Geflecht aus Glamour und Verzweiflung, Faschismus und Art Deco, Frauenpower und Resistance ganz gut. Und man kann sicher sein, dass, wäre der Film zehn Jahre früher entstanden, Madonna selbst diese Rolle gespielt hätte. Denn Simpson ist im Sinne Madonnas wohl auch eine paradigmatische Figur: Selbstbewusst und frei, angefeindet und leidenschaftlich, Opfer wie Täterin. Und perfekt gekleidet. Sollte Madonna jetzt nach ihrem zweiten Spielfilm ernsthaft eine Karriere als Regisseurin planen, ist dies eine gute Voraussetzung: Inhaltlich populistisch, stilistisch durchaus mit Anspruch und Können.

***

Das Ergebnis wirkt insgesamt trotzdem unausgegoren – ein Film wie eine Frauenzeitschrift: Schöne Bilder, schöne Frauen, aber mit allerhand Problemen, und ansonsten das, was man gern für „Frauenthemen“ hält: Männer, Kinder, Königsfamilien, Mode und Antiquitäten.

Wie Madonnas Videos ist W.E. eine Orgie des Fetischismus und der Objekte, in der Wallis‘ Leben anhand der Muster der Teetassen erzählt wird, vor denen ihre knallrot lackierten, perfekt manikürten Finger noch besser hervorstechen, in der Abbie Cornish dauernd in schwarzer Unterwäsche durch die Wohnung und durch das Hotelzimmer läuft – und trotzdem so hässlich aussieht, wie noch nie: wie ein Pummelchen mit flachem Mondgesicht. Auch die Menschen, die Hauptfiguren-Frauen zumal, sind hier Objekte; Puppen, die gut angezogen und hin- und hergeschoben werden.


***

Und so klingt das Ganze dann in der internationalen Pressemitteilung: „W.E. is a romantic exploration of the mysterious connection across decades between two women confronting the consequences of desire. Caught in a loveless Manhattan marriage, abused and frustrated Wally (Abbie Cornish) obsesses over Wallis Simpson (Andrea Riseborough), the stylish American divorcee who captured the heart of Edward VIII (James D’Arcy) who abdicated the throne as King of England. As the Duchess of Windsor, Wallis spends the rest of her life in the glare of celebrity exile. Inspired by the Duchess’s determination to pursue love in the face of social exile, Wally escapes into the arms of another man (Oscar Isaac) whose love sets her free. Madonna and a world class team of collaborators present a passionate tale of the search for love and the meaning of happiness. W.E. (for Wallis and Edward, forever entwined in the love story of the 20th century) is a rich, cinematic portrayal of two strong women resolved to find romance.“

***

Nicht weniger fetischistisch, aber auf völlig andere Art ist auch The Sorcerer and the White Snake („Baishe chuanshuo“) vom Hongkong-Regisseur Tony Ching Siu-Tung, der unter anderem auch verantwortlicher Stunt-Koordinator bei der Pekinger Olympiade war. Wieder einmal ein chinesischer Märchenklassiker, wieder einmal mit knallbuntem Zuckerguss aus dem Computer – wir erinnern uns an Chen Kaiges The Promise. Alles spielt in einer mythischen Ur-Welt, in der die Natur belebt ist: Schlangen können ebenso sprechen, wie Schildkröten, Hamster und Ginsengwurzeln, da tummeln sich Feen und Dämonen und dazwischen störrische buddhistische Mönche, die für Ordnung sorgen und ungehorsame Dämonen in den Bergen in einer Pagode gefangen halten. Denn „Demons and humans are not meant to be together.“ Das mag stimmen, im Einzelfall führt es aber zu viel Leid und Chaos. Davon erzählt diese Geschichte über die Liebe einer weißen Schlange zu einem Menschen. Die Schlange materialisiert sich glücklicherweise in Gestalt einer schönen Schlangenfrau, die aussieht wie die Meerjungfrauen bei uns – nur mit Schlangenleib statt Flossenschwanz. Auch die etwas unangenehmeren Fledermausvampire machen aus dem ganzen Film einen nerdy wet dream. Küsse unter Wasser werden getauscht, andere Dämonen sehen aus wie weiße Füchse mit Frauenstimmen, die in Bambuswäldern hausen, Jet Li als Obermönch kämpft gegen einen fiesen Fledermausdämon, der äußerlich am ehesten an Nightcrawler in den X Men-Filmen erinnert. Als Comic Relief neben der ersten Liebe gibt es noch die nur halbgeglückte Transformation eines Mönches. Im Prinzip ist das ein völlig sinnloser Quatsch, der für unsere Augen nur stellenweise „schön“ aussieht. Aber es geht um Universelles, dem sich auch der westlichste Filmzuschauer kaum dauerhaft versagen kann: Die Macht der Liebe, die nicht nur Königreiche, sondern selbst die Gesetze der Natur bezwingt – für eine Weile jedenfalls.

Hier lesen Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus Venedig.