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Spekulationen und erste Preise

Es war dann doch nicht der beste Film, des Festivals am Samstagabend. Allerdings ein sehr spannender. Nach gutem Anfang fehlte allerdings das Happy End, stattdessen war das Finale der Championsleague leider der zu erwartende Sieg des Konformismus und des großen Geldes über das Herz. Parallel dazu lief Hitchcocks VERTIGO in einer restaurierten Version, ein Stück darüber, warum die realisierte Phantasie der ultimative Albtraum ist – mit diesem Gedanken konnte man sich immerhin ein bisschen trösten.

VERTIGO ist laut einer, wie ich finde, geradezu verräterischen Kritikerumfrage von Sight & Sound der beste Film der Filmgeschichte und jedenfalls ein Maßstab für jeden Sieger am Sonntagabend.

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Ein kurzes Gespräch mit Sight & Sound-Chefredakteur Nick James, nicht über VERTIGO, nicht über Fußball (er ist ManU-Fan), sondern über die gemeinsam gesehenen Filme. Sein Favorit ist der französische Beitrag BLUE IS THE WARMEST COLOR von Abdellatif Kechiche – „by far the best film in a very strong competition“, fand er am Donnerstag Nachmittag, als noch vier Wettbewerbsfilme ausstanden. Ansonsten sind mir noch folgende Gesprächsfetzen in Erinnerung: „I am very pleased you hate the Refn too“; „I loved Sorrentino“; „Jodorowsky looks shit.“

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Aber wer gewinnt denn nun die Goldene Palme? Nachdem lange Zeit der neue Film der Coen-Brüder in den Umfragen führte, hat nun auch bei den internationalen Filmkritikern Kechiches Film die Nase vorn. Etwa in der Screen-Umfrage unter acht repräsentativen Autoren, bei denen auch Nick dabei ist. Das könnte die Debatten in der Jury durchaus beeinflussen, muss es aber nicht. Zum Ende eines starken Wettbewerbs ist die Entscheidung überaus offen.

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Inoffizielle, völlig willkürliche Umfragen unter Bekannten ergeben ein klares Bild: Kechiche, Kechiche, Keschiche. Fast einstimmig. Länger unterhalte ich mich mit Olivier Père, dem Ex-Leiter der Quinzaine (bis 2009) und Ex-Direkter von Loarno (2010-2012), der meint: Kechiche sollte gewinnen, aber Jia Zhang-ke werde gewinnen. Dessen Film werde ich erst in den Wiederholungsvorstellungen am Sonntag nachholen, kann dazu also nichts sagen. Aber nach allem, was ich gehört habe, glaube ich, dass Olivier recht hat. Es sei denn, dass der wohl auch politisch brisante Stoff einem wie Ang Lee dann doch einfach zu heiß ist.

Was werden die in der Jury denn überhaupt entscheiden? Lässt sich Jurypräsident Spielberg von irgendwem Vorschriften machen? Eine gute Frage. Bestimmt nicht. Aber Juryarbeit ist vor alem Diplomatie. Da traue ich mehr als Spielberg noch Ang Lee und Daniel Auteuil zu.

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Zu meiner Überraschung erzählt mir Olivier auch, dass er auf dem Blog von arte Filmkritiken schreibt. Das mache viel Spaß, eine Rückkehr zu den Ursprüngen, man habe hier in Cannes ja auch sehr viel eigene Filme. „Kannst Du das denn?“, frage ich. Als französischer arte-Chef könne er doch kaum einen arte-produzierten Film verreißen. „Ich muss ja nicht über alles schreiben“, antwortet er und lächelt vielsagend. Schon in Locarno hatte der gelernte Filmkritiker, der für Les Inrockturibles schrieb, regelmäßig Interviews geführt und Texte verfasst. Wir wissen also ein bisschen, wie wir den arte-Blog zu lesen haben: Wenn er schreibt, mag er es, wenn nicht, mag er es vermutlich nicht.

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Auch bei der Gruppe jener jüngeren internationalen Kritiker, wo Olivier vor zwei Jahren noch mitmachte, und auch ich auch mitstimme, führt Kechiches Film deutlich mit einem Schnitt von 8.39 von 10 möglichen Punkten. An zweiter Stelle folgt Jia Zhang-ke (7.38), an dritter Jarmusch (7.27). Gegen Ende lassen die Kritiker an Strenge spürbar nach, wie die hohen Wertungen für THE IMMIGRANT zeigen.

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Unsere Freundin Violeta Kovacics aus Barcelona hat auf Ihrem Blog eine interessante Umfrage veranstaltet, wo ich unter lauter Spaniern und Latinos der einzige Deutsche bin. Sie fragt nach der persönlichen Palme und nach der, von der man glaubt, dass sie die Jury wahrscheinlich vergibt.
In der ersten Gruppe führt Kechiche sehr klar, in der zweiten knapp vor Kore-eda.

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An den allerersten Tagen wirkte LE PASSÉ, der neue Film des mittlerweile in Paris lebenden Persers Asghar Farhadi, wie ein enorm starker Film. Dann löste sich dieser Eindruck Stück für Stück auf. Interessant, wie ein Film verlieren kann, wie ein Eindruck über nur eine Woche total nachlässt.

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Diese Jury ist äußerst schwer zu berechnen. Spielberg wird Boss sein wollen, klar. Aber Ang Lee und Cristi Mungiu sind eigenständige Persönlichkeiten. Auteuil, Kidman, Waltz und Kawase sollte man nicht unterschätzen. Mungiu hat immerhin als einziger in der Runde schon eine Goldene Palme gewonnen. Ich persönlich glaube, dass Ang Lee ein guter Diplomat ist, aber leider nicht unbedingt einen guten Jury-Geschmack hat. Denken wir an den Regiepreis für SOUL KITCHEN in Venedig. Kawase dürfte gegen eine Palme für Kore-eda votieren, der womöglich bei Lee und Spielberg gute Chancen hätte. Mungiu und Lee könnte Kechiche gefallen: Beide sind offen für homosexuele Untertöne, beide sind Frauenregisseure. Gerade Mungiu hat in seinen zwei letzten Filmen anhand zweier Frauen von Frauenfreundschaft/-liebe erzählt. Also doch Kechiche?

Maria Dragus, die Rumänisch kann, erzählt von einem Bericht über heftigen Streit zwischen Spielberg und Mungiu in rumänischen Medien. Aber auch das sind Spekulationen, und gehört dazu, ohne allzu aussagekräftig zu sein.

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Die „Cinéfondation and Short Films Jury“ unter Jane Campion gab gestern ihren Hauptpreis an NEEDLE von Anahita Ghazvinizadeh (Chicago); weitere Preise an WAITING FOR THE THAW von Sarah Hirtt (Belgien), IN THE FISHBOWL von Tudor Cristian (Rumänien) und PANDAS von Matúš Vizár (Tschechien).

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Am Ende gewinnt fast immer das Böse. Auch das konnte man gestern lernen. Auch morgen wahrscheinlich wieder in Kaiserslautern. Heute ist vielleicht mal die Ausnahme…

 

Bild-Copyright: Festival de Cannes 2013

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