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Das Wohnzimmer als Druckkammer, Basis, Überbau, schöne Bücher und andere Werte


Venedig-Blog, Folge 3.

„Eres un romantico.“ meinte Conxita aus Spanien. Ein Kompliment hoffentlich, aber vielleicht auch eine kleine Verarschung. Und das nur, weil ich mich als Fan von Un été brûlant oute, Philippe Garrels neuem Film im Wettbewerb. Der hat, mehr als alles andere bislang in Venedig, das Publikum sofort in zwei Hälften gespalten: Die Hassenden und die Liebenden. Etwas dazwischen scheint es kaum zu geben, und das spricht, finde ich, doch schon einmal sehr für den Film. Allenfalls Carlos vom BR nimmt die Zwischenposition eines Wohlwollenden, aber Distanzierten ein. Auch wenn ich einige sehr nette Menschen kenne, die mit dem Film gar nichts anfangen können, bin ich ganz froh, dass ich in diesem Fall wieder einmal zu jenen gehöre, die einen Film lieben, und verteidigen können, weil das natürlich im Zweifelsfall die angenehmere Position ist. Dabei hatte ich, vor Beginn der Vorstellung, gar nichts erwartet, und mich eher darauf eingestellt, zehn Minuten vor Schluss aus dem Kino zu gehen, um mir Amir Naderis Cut anzusehen. Aber von wegen! Cut muss jetzt bis Samstag warten.

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Der Augenblick, an dem ich sicher war, dass ich den Film toll finde, kam nach etwa drei Minuten. Da sah man Louis Garrel, den Sohn des Regisseurs, im Auto, einem großen BMW, sitzen, und nachts über eine Landstraße fahren. Schnitt: Nur die Straße, auf der die Mittelstreifen hinwegzufliegen scheinen, gefilmt durch die Frontscheibe. Wieder ein Schnitt: Eine kurze Großaufnahme des Fußes, der das Gaspedal durchtritt. Schnitt: Das Gesicht von Louis Garrel, mit Tränen in den Augen. Und dann unverhofft ein lauter Knall. Es knallt richtig. Der Knall war so laut und so echt, so metallen und berstend und grob, so laut und böse, wie man es seit Jahren nicht im Kino gehört hatte. So und nur so muss es klingen, wenn einer sein Auto mit voller Wucht gegen einen Baum fährt. Dann setzt zum ersten Mal die Erzählerstimme ein aus dem Off: „Mon ami Frederic est mort.“

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Alles ist ssoooo old school: Garrel, sein ganzer Ansatz, die Haltung dieses Films. Der nahezu völlige Verzicht auf Plot. Der nahezu völlige Verzicht auf Psychologie. Die ganze Chuzpe, mit der hier einer einen persönlichen Film dreht und einfach macht, was er will, was ihn interessiert. Mit der er sich um das Publikum nicht schert. Warum gehe ich sonst ins Kino? Damit jemand versucht, es mir mit allen Mitteln recht zu machen, es einfach zu machen. Doch wohl eher damit mich jemand überrascht und überfordert.

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Dies ist erstmal nicht Überbau, sondern Basis: Das Material und seine Plastizität. Die Farben. Das Material ist Film, offenbar alt, oder jedenfalls in einer Weise aufgenommen, die sofort ins Auge sticht, sich sofort erkennbar macht, deutlich werden lässt, dass hier etwas anders ist, als in den ganzen Filmen zuvor, die mit tollen Digitaldingern gedreht wurden und jetzt aber wirklich „fast wie Film“ aussehen. Warme Farben, grobe Körnung, unmittelbar erkennbare Textur. Dazu gehört auch eine sehr konsequente Farbdramaturgie, die gar nichts mit Story zu tun hat, sondern mit Stimmungslage und Atmosphäre. Alles hier ist blau, grün, schwarz, grau. Genauer: Blaugrau, grüngrau, grauschwarz. Azuloscurocasinegro hieß mal ein Film vor Jahren, daran musste ich denken. Darum fällt jedem im Saal auf, wenn es doch mal anders ist: Rot. Hautfarben. Nie aber Gelb.

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Was man auf der Leinwand sieht, ist dann ziemlich erratisch: Rückblick vor die Zeit des Unfalls zu Beginn. Tolle, aber zunächst unverbundene Szenen. Louis Garrel, der einen Maler spielt, auf der Couch, voller Ennui. Der Erzähler, ein Schauspieler, auf einem Film-Set. Der Film, der gedreht wird, geht um die Resistance. Resistance-Mädchen in Uniform. Geballer. Der Schauspieler ist jetzt mit einem der Mädchen zusammen. Sie heißt Elisabeth (Céline Sallette), sagt Sätze wie „If a man has no money, a woman doesn’t want to be with him.“ oder „I don’t need much. I need to be loved.“ und erzählt, sie habe ein paarmal versucht, sich umzubringen. Was mit einem macht, dass man dann ab sofort ganz anders auf die Figur blickt.

Der Schauspieler verteilt irgendeine Revoluzzer-Zeitschrift: „Insurrection“. Eine tolle Kamerafahrt, die zurückführt, von leicht links einschwenkend geradeaus, wonach ein paar Zivilpolizisten Immigranten festnehmen. „Fucking Sarko!“ Frauen beim Kleideranprobieren, da taucht im Kleiderschrank eine Ratte auf – ein gut funktionierender Schockmoment.

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Was sie allmählich herauskristallisiert: Garrel erzählt von zwei gebildeten Bürgerpaaren. Das eine ist der Maler Frederic, der mit einer älteren italienischen Schauspielerin (Monica Bellucci) liiert ist. Sie werden in Rom besucht von dem Erzähler Paul (Jérôme Robart) und Elisabeth, die im Filmset zu Beginn die Resistance-Chick spielte. Sie verbringen einen Sommer miteinander. Eine Story gibt es ansonsten kaum, stattdessen sieht man in „typisch französischer“ Manier schöne Menschen essen, denken und vor allem viel reden. Sie sprechen zum Beispiel über Kunst und über Revolution. „I need the hope.“ sagt Paul, der für Revolution ist. „Ohne Hoffnung kämpft man nicht.“ Dem Hinweis auf Millionen Tote begegnet er mit der Bemerkung, in Zukunft werde das anders sein. Und weiter zu Frederic: „Du kannst nicht gegen Revolution sein. Dann wärst du ein Reaktionär, fast ein Faschist.“ „Ich bin nur für Love and Art“ erwidert dieser. Es sei doch „evident, dass es keine Alternativen“ gebe. Die Generation des Großvaters habe „noch eine Wahl“ gehabt. Auch die Wahl zwischen Hitler und Stalin sei eine echte Alternative gewesen. Und so wird der Film unter der Hand zum Portrait einer Generation, der die Ideale abhanden gekommen sind – und der ihrer Großväter, die in der Resistance gegen die Nazi-Besatzer kämpften.

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Er wird auch zur Reflexion über Liebe und Beziehungen, über bürgerliches Leben heute, oder das, was man dafür hält. Ist Treue etwa kein „outdated petit-bourgois concept“? Am Ende verlässt die Italienerin den Maler für einen anderen, und der will nicht mehr leben. Garrel ist möglicherweise ein Macho, und er glaubt ganz offensichtlich, dass Männer Männer sind, Frauen Frauen, er hat eine altmodische Geschlechtertheorie. Aber: who cares? Genauso wie des unwichtig ist, dass das Drehbuch zusammen mit Caroline Deruas geschrieben wurde, Garrels Frau. Vor allem ist das ein Film über Schönheit, Tränen, Liebe, Leben, Sinn.

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Das einzige Problem ist Monica Bellucci. Bellucci ist fast unerträglich anzusehen in ihrer affektierten Art, und da hilft auch nicht, dass einem schon klar ist, dass man es hier eher mit einem filmischen Zeichen für „Superweib“ zu tun hat, als mit einer Schauspielerin. Trotzdem ist der Film gut.

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Der 1948 geborene Garrel zieht in Un été brûlant eine Summe der Ideenkämpfe seiner Generation, die sehr persönlich ist: So hat nicht nur sein Sohn, sondern auch sein Vater Maurice einen Auftritt: In einer berührenden Szene, deren Charakter – dokumentarisch oder nicht – nicht ganz klar ist, erzählt der 1923 geborene, im Juni verstorbene berühmte Schauspieler unter anderem aus Filmen Truffauts und Sautets von einem Resistance-Gefecht, bei dem er „nur durch Glück“ überlebte. „Unsere Leben hängen von beinahe nichts ab.“ Er versucht den Enkel in seinem Liebeskummer zu trösten, und erklärt ihm, er werde andere finden. Eine klare, aber folgenlose Zurückweisung der Amour Fou. Und gegen Ende fällt noch der schöne Satz: „En amour, c’est chacun en soi.“

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Kalt gelassen hat mich im Vergleich dazu der neue Film von Roman Polanski. Man kann ihn sogar ganz gut mit Un été brûlant vergleichen. Denn auch darin geht es um bürgerliche Befindlichkeiten und die Wertekrise des Westens. Carnage ist eine Verfilmung des derzeit sehr angesagten Theaterstücks Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza, und trumpft vor allem mit seiner Starbesetzung auf: Kate Winslet (die hier in gleich drei Filmen zu sehen ist) und Christoph Waltz, Jodie Foster und John C. Reilly spielen zwei gutsituierte Ehepaare, das eine mehr linksliberal, das andere reaktionäre Yuppies, die sich nach einer Schlägerei ihrer beiden Söhne zu einem freundlichen Schlichtungsgespräch treffen. Dies eskaliert zunehmend à la „Wer hat Angst…“ – es wird geflucht, geschrien, gekotzt. Letzteres in der schönsten Szene auf die Bücher der Hausherrin, was diese natürlich mehr mitnimmt, als alle Gemetzel der Kinder. Bald bröckeln die Fassaden der Gutbürgerlichkeit an jeder Ecke. Das Wohnzimmer wird zur Druckkammer. So sehr einem die Künstlichkeit des Spiels und die Hysterie der Dialoge auf die Nerven gehen kann, so sehr überzeugt der Film als Portrait des Mittelstandes in der Krise. Politisch ist das alles billig – kann diese letztendlich billige bürgerliche Selbstkritik und die Verachtung progressiver Werte noch wirklich interessieren? Überzeugt das Gewettere gegen Doppelmoral, gegen verratene Ideale? Die Gleichmacherei zwischen Rechts und Links ist zumindest unpräzise. Denn zwischen Reaktionären und Progressiven gibt es bei allen Gemeinsamkeiten eben doch noch viele Unterschiede. Da Jodie Fosters Figur als liberale Verfechterin von Moral und „Political Correctness“ zudem die unsympathischte Figur ist, beschleicht einen der Verdacht hier räche sich Polanski auch stellvertretend ein wenig am Prototyp jener, die ihn vor eineinhalb Jahren gern im US-Gefängnis gesehen hätten – an der phallischen Frau an sich. Die zu verachten macht Foster einem leicht: Mit verkniffenen Lippen, boshaft und selbstgerecht und hysterisch ist sie so unangenehm, wie zuletzt 1997 in Contact. Was bleibt, ist ein sehr gut gemachter, übrigens auch lustiger, aber unendlich kühler Film, der mit den stilistischen Vorlieben letztendlich alle Ansichten und Vorurteile seines Publikums bestätigt, anstatt sie herauszufordern.

Hier lesen Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus Venedig.

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