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Es geht aufwärts: 20 Minuten auf dem Roten Teppich

Die Franzosen sagen „Les Marches“, wenn sie den Roten Teppich meinen. Also „die Stufen“. Klingt gleich feiner, feierlicher, militärischer vielleicht auch, und macht klar, dass wir es hier mit Hierarchien zu tun haben. Diese Stufen von Cannes sind gewissermaßen der Weg aufwärts bis in den Kinoolymp. Denn nichts anderes als genau das ist ja die Vorführung im „Grand théâtre lumière“ des Palais des Festivals von Cannes. Warum der so heißt, ist klar, schließlich waren es die Brüder Lumière, die das Kino überhaupt erfunden haben. Jetzt wird es jedes Jahr in Cannes neu erfunden – „auf diese zwölf Tage hin plant man sein ganzes Kinojahr“ hat Michel Simon in SEDUCED AND ABANDONED gesagt, James Tobacks großartigem Dokumentarfilm über das Filmbiz, der hier vor einer Woche bereits außer Konkurrenz gezeigt wurde und den wir aber bislang hier noch nicht angemessen würdigen konnten. Kommt noch.

„Les Marches“ werden auch im Cannes-Trailer gefeiert, den wir vor ein paar Tagen bereits geposted haben. Da geht es die Stufen hoch, irgendwann durchbricht der Kamerablick einen Wasserspiegel, und ist dann bald im Sternenhimmel. Sehr symbolisch. Auch ein Bild der Evolution, könnte man meinen: Von Wasser zum Land. Der Film als Amphibie.

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Diese Stufen über den roten Teppich gehen wir täglich. Meistens einmal pro Tag, weil die morgendliche Pressevorführung um 8:30 Uhr immer in diesem Kino stattfindet. Drinnen sind die gut gepolsterten Sessel aus edlem, dunklen Holz, die Armlehnen breiter, als die Oberarme von Arnold Schwarzenegger, und zwischen Zuschauern und Leinwand ist noch eine Bühne, sodass man sogar gut in der ersten Reihe sitzen könnte. Ich setze mich, wenn’s geht, immer in die zweite bis vierte, und zwar an den rechten Rand des linken Seitenblocks. Direkt am linken der beiden Gänge also, die die unteren Zuschauerreihen in drei Blöcke teilen. Morgens ist es trotz der frühen Stunde und der kurzen Nacht meistens sehr voll, sodass man, wenn man nicht in den Rängen sitzen möchte, spätestens um zehn nach acht da sein sollte. Nachmittags oder abends geht man dagegen selten hierher, nur, wenn man dringend etwas nachholen will, denn es gibt Kleidungsvorschriften, man muss sich eine Karte holen, spätestens eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn da sein, also lange warten, und die besten Plätze sind vergeben. Vor Cannes-Premieren herrscht ein Riesenlärm, Paparazzi, Autogrammjäger und Fans klumpen sich um das Palais herum, überall stehen Sicherheitsleute, sie benehmen sich gestresst, nervös, unangenehm.

Wie gesagt: Über den roten Teppich gehen wir täglich. Aber noch nie so, wie diesmal, als Teil der „Delegation“ eines Wettbewerbsfilms – MICHAEL KOHLHAAS vom Franzosen Arnaud des Pallières.

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Für die Organisation einer Premiere gibt es „das Protokoll“. Es soll das Chaos in geordnete Bahnen überführen. Die Protokollbeamten sind die wahren Herren von Cannes, ihnen haben sich alle zu unterwerfen, außer dem Festivaldirektor vielleicht. Noch hier Relikte der höfischen Gesellschaft: Die Macht des Personals, des Zeremoniells. Die Herren als Gefangene und Objekte ihrer Diener.

Mit dem Protokoll haben die Produzenten schon Tage vorher viel zu tun, und alles Mögliche zu regeln. Die Teilnehmer der Delegation werden in Gruppen eingeteilt, die Gruppen werden vom Festival im Saal platziert. Auch die Delegation bekommt Karten und zwar nicht gerade viele. Lebensgefährten sitzen nur zusammen, wenn einer zur A-Gruppe gehört, zu denen, die in der VIP-Reihe in der Mitte platziert werden.

Es ist übrigens eine Legende, dass mit der Cannes-Einladung eines Films auch umfangreiche Hotel- und Reiseeinladungen einhergingen. Für Menschen aus armen Ländern gilt das zwar schon – sonst kämen sie einfach nicht. Das Festival lädt bekanntlich sogar Journalisten ein. Der Regisseur eines Wettbewerbsfilms bekommt aber nur drei Tage Hotel bezahlt, Hauptdarsteller nur eine Nacht, vielleicht mal zwei. Immerhin im noblen Hotel im Majestic, aber keine Suiten, sondern kleine Zimmer. Anreise muss man selbst bezahlen. „Selbst“, das heißt dann in der Praxis natürlich in der Regel, dass Produktionsfirmen oder Weltvertriebe die Kosten übernehmen.

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Vor einer Premiere hat sich das Team, auch die die dort nicht wohnen, im Majestic einzufinden. Unnötig zu sagen, dass die Frauen dünne Abendkleider, hohe Schuhe, teuren Schmuck, Make-Up tragen; die Männer alle Smoking oder schwarzen Anzug, schwarze Schuhe. Alles andere wäre verboten. Männer unterscheiden sich nur dadurch, dass die einen Fliegen tragen, andere schwarze Kravatten.

Die einzigen, die sich alles erlauben können, sind die Schauspieler. Komödianten, Spaßmacher, bunte Vögel. Auch das ein Relikt der höfischen Gesellschaft. Denis Lavant nutzt die Freiheit auch, während sich David Kross und David Bennent klassisch fein gemacht haben.

Am Majestic werden nun alle etwa 45-30 Minuten vor Filmbeginn abgeholt. Die A-Gruppe dürfte, auch wenn sie es wollte, nicht laufen, sondern muss mit Limousinen des Sponsors vor dem Palais vorfahren. Wer wo mit wem im Auto sitzt und also aussteigt, ist auch bereits Tage vorher festgelegt worden.

Der Rest der Delegation, zu dem ich natürlich auch gehöre, läuft vorher, geführt von zwei, drei Protokollbeamten, auf einem genau festgelegten, abgesperrten Weg über die Straße zum etwa 50 Meter weiter stehenden Palais. Sie dürfen dann über den Roten Teppich, der jetzt schon für Zuspätkommer gesperrt ist. Musik läuft laut und in Coverversionen, Stücke wie MY WAY auf Französisch, bisschen cheesy, aber nett.

Etwa zehn nach zehn bin ich mit den anderen da. Die Premiere beginnt in 20 Minuten. Die anderen gehen die Treppen hoch, ich stelle mich wie ein paar Leute an die Seite, um auf das eigentliche Filmteam zu warten. „You can not stand here“, versucht mich ein Securitymensch zu verjagen, wiederholt den Satz mindestens fünfmal, gegen meine Versuche ihm klar zu machen, dass ich warte. Irgendwann gibt er auf, wie das solche Leute fast immer tun, wenn man so stur bleibt wie sie. Wie andere auch warte ich nun vorne auf dem Roten Teppich, bei ein paar Journalisten mit exklusivem Zugang.

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Dann fahren die Limousinen vor, Menschen kreischen, Mads Mikkelsen, der den Kohlhaas spielt, steigt als erster aus. Er geht offen auf ein paar Fans an einer Barriere zu, gibt Autogramme, scherzt. Gibt damit den anderen Zeit auch auszusteigen. Dann geht er über die Straße, steht mir gegenüber in der Mitte des Teppichs, wartet auf die nächste Limousine. Währenddessen Blitzlichtgewitter, all das ist permanent in Scheinwerferlicht getaucht, wird sowohl vom Fernsehen übertragen, wie auch live eingespielt: Auf die Leinwand im bereits vollen Kinosaal und auf eine zweite, die ebenfalls meterhoch seitlich neben dem Eingang steht. Wer den Roten Teppich entlanggeht, sieht sich also, wenn er will, selber, kann sein Bild also permanent korrigieren und verbessern. Wie das Königspaar in den MENINAS.

Als alle vier Autos entladen sind, wird man in zwei Reihen aufgereiht. Regisseur und Schauspieler vorne, wir – Produzenten, Kamerafrau, Begleiter wie ich – dahinter. Das ist der erste offizielle Fototermin. Vor mir Mikkelsen, und ich versuche, nicht hinter ihm zu stehen, sondern, genau wie meine Freundin Martina, zwischen ihm und seinem Nebenmann, damit man – wenn schon denn schon -, uns auch sehen kann.

Dann bekommt man Zeichen – neben und vor einem sind permanent Protokollbeamte, die das eigene Verhalten gewissermaßen choreographieren – vorzugehen. „Nicht zu schnell“, denke ich, damit Zeit für die Fotografen bleibt. Da gibt es schon wieder Zeichen, stehen zu bleiben. Jetzt soll nur die erste Reihe vor, Mikkelsen, sein Regisseur Arnaud, die anderen Schauspieler. Sie sollen allein aufs Bild.

Sie werden einmal gedreht, zweimal, dreimal. Jeder soll zum Zuge kommen, trotzdem schreien die Fotografen hysterisch. Sie sollten doch langsam genug im Kasten haben. Aber sie wirken immer unzufrieden. Eine große Lautsprecheranlage nennt nicht nur die Namen der Anwesenden, sondern erklärt auch, wann und mit was sie bereits in Cannes waren. Alles andere interessiert hier nicht.

Wir stehen zehn Meter dahinter, auch irgendwie bloßgestellt. Ich überlege zum 15ten Mal ob mein Hosenschlitz wohl auch zu ist, und die Fliege nicht aufgeplatzt.

Jetzt geht das Team die Treppe hoch, oben wartet Thierry Fremaux, begrüßt, führt durch die erste Tür, nun sollen auch wir kommen. Kaum einer fotografiert uns, was ja auch nicht überrascht. Jetzt kommen auch wir hinein, gehen auf unsere Plätze. Drinnen rauscht schon der Beifall. Ich setze mich, das Licht geht aus. Das alles hat 20 Minuten gedauert. Von der Außenwelt, den Zuschauern den Fotografen habe im Prinzip kaum etwas mitbekommen. Les Marches, das ist in diesem Moment die ganze Welt.

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Als der Film vorbei ist, gibt es Applaus. War ja klar. Nicht klar war, wie lang er ist, er will gar nicht aufhören. Oder bildet man sich das nur ein? Ein Großteil des Saals steht auf, bleibt stehen. Kaum einer geht. Scheinwerferlicht springt jetzt auch im Saal an. Wieder Kamera. Sie nimmt das Team auf, überträgt das Bild auf die Leinwand im Saal. Alle umarmen sich, beglückwünschen sich. Aber wenn man genau hinguckt, ist es interessant zu sehen, wer sich zu wem stellt, wer sich in den Hintergrund drängt, für die Kameras sichtbar macht. Wer sich zu Mikkelsen stellt, auf den natürlich alle gucken. Wer wen küsst. Wer nicht.

Auch eine Premiere ist, das ist klar, pure Performance.

 

Bild-Copyright: Festival de Cannes 2013