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Westeros vs. the Evil Dead – GAME OF THRONES: THE DRAGON AND THE WOLF (S07E07)

von | 29 Aug 2017 | Game of Thrones | 11 Kommentare

Kaum angefangen, schon wieder fertig: mit THE DRAGON AND THE WOLF findet die siebte Staffel GAME OF THRONES ihr spannungsgeladene Ende. In den gerade mal sieben Folgen wurde eine Menge Plot durchgepeitscht. Alle Handlungsstränge steuerten auf dieses Finale zu, das den sorgsam geknüpften Handlungsteppich durch ein einzelnes Nadelöhr aufzufädeln versucht. Auf der großen Versammlung in King’s Landing können Jon und Dany mit einer anschaulichen Präsentation die Lannisters von der nahenden Bedrohung der Armee der Untoten überzeugen. Während Jaime sich dem Marsch gegen die Eiszombies anschließt, fällt Cersei der gerade geformten Allianz der Lebenden in den Rücken. Die starsinnige Königin ausgeschlossen konzentrieren sich nun alle verbliebenen Kräfte aus Westeros auf den Norden, dem eine gewaltige Invasion bevorsteht: Auf dem Rücken des wiedererweckten Viserion macht der Nightking Eastwach-by-the-Sea dem Erdboden gleich. Die Mauer ist gefallen. Die White Walkers haben ihren unaufhaltsamen Feldzug begonnen, Westeros ein weiteres Mal in eine lange Nacht zu stürzen.

 

 Diese Folge in Zahlen:

 

 

Hauptfiguren

Orte

Erste Auftritte

Letzte Auftritte

Nach sieben Staffeln Verdrängung und langsamen Schwelen ist der Kampf gegen die White Walkers zum Hauptplot der Geschichte geworden, die sich bisher auf die innerpoltischen Zerfall von Westeros sowie den Machtkampf der großen Adelshäuser im Krieg der fünf Könige konzentrierte. Mit dem Fall der Mauer ist das vermeintlich pure Böse auf dem Vormarsch und vereint die Lebenden zu einem Überlebenskampf zwischen Tag und Nacht, Feuer und Eis, Gut und Böse. Ist dies das Endspiel, auf das GAME OF THRONES schon immer hinarbeitete? THE DRAGON AND THE WOLF steht am Ende einer Staffel, die sich allzu oft zu Vereinfachungen und Abkürzungen hat verlocken lassen, um die eigentlich länger anmutende Geschichte zu einem schnellen Abschluss zu bringen. Jedoch gibt das fast 80-minütige Staffelende auch Grund zur Hoffnung, dass der High Fantasy-Kampf zwischen Gut und Böse nicht das simple Ende der komplexen Geschichte ist, vor dem sich Autor George R.R. Martin seit Jahren drückt, es zu schreiben.

Beyond Noble Houses

Tyrion und Jaime tauschen sich in King’s Landing über Cersei aus, von einem Idioten zum anderen. Werden sie sich in der letzten Staffel wieder vertrauen können?

 

Zum nahenden Ende der Serie zieht sich die ausgeuferte Handlung von GAME OF THRONES zusammen, mit dem Resultat, dass Figuren und Handlungsstränge zum ersten Mal aufeinandertreffen, die sieben Staffeln lang nur parallel nebeneinander existierten. Die große Stärke der ansonsten durchaus durchwachsenen Staffel steigert sich in THE DRAGON AND THE WOLF zur großen Zusammenkunft in King’s Landing, an der 12 von 22 Hauptfiguren teilnehmen: Jon, Dany, Tyrion, Varys, Missandei, Theon, Jorah, Sandor und Brienne kommen aus dem Norden angereist, um mit Jaime, Bronn und Cersei einen Waffenstillstand auszuhandeln. Benioff und Weiss nutzen die Ausgangslage geschickt, um den Zuschauer mit einer Reihe von großartigen Begegnungen, Wiedersehen und Konfrontationen zu beschenken. Tyrion freut sich, Bronn und Podrick wohlbehalten wiederzutreffen. Murrend sehen sich Brienne und Sandor nach ihrem letzten, gewaltvollen Zusammenstoß in THE CHILDREN (S04E010) wieder. Sie reden über Arya, dass sie beide nur das Beste für Starktochter wollten und dass sie inzwischen weder den Schutz des einen noch des anderen bedarf. Der Hound begegnet seinem untoten Bruder, Theon seinem Onkel und Tyrion seinen Geschwistern.

 

Wie schon zum Ende von EASTWATCH (S07E05) wird eine Atmosphäre der Feindseligkeit und Opposition aufgebaut, um darzustellen, mit welch unterschiedlichen Motivationen und Hintergründen diese Charaktere zusammenfinden und eine ungewöhnliche Allianz bilden werden. Die vielschichtige Figurenkonstellation und Multiperspektivität dieser Szene wird mit einer ausgeklügelten Inszenierung der Blicke, Aktionen und Reaktionen umgesetzt. Schließlich hat sich Jons Selbstmord-Mission ausgezahlt. Der mitgebrachte Wiedergänger hat die Versammelten von der Existenz der White Walkers und ihren Untoten überzeugt. Ein Waffenstillstand steht kurz bevor, doch verlangt Cersei von Jon, sich zu unterwerfen, woraufhin der King of the North seine Treue zur Drachenkönigin bekundet. Die Verhandlungen werden abgebrochen, alle hassen Jon für seine Ehrlichkeit und Tyrion nimmt es auf sich, allein mit Cersei zu sprechen. Als Kontrast zur großen Ensemble-Szene führen Tyrion und Cersei ein intimes Zwiegespräch im Tower of the Hand. Ihr erstes Gespräch seit Tyrion nach der Ermordung ihres Vaters Tywin in THE CHILDREN aus King’s Landing floh. Komplexe Gefühle stehen zwischen den Geschwistern, Lena Headey und Peter Dinklage liefern in der grandios gespielten Konfrontation ihr Emmy-Material für diese Staffel ab. Am Ende willigt Cersei ein, die Waffen gegen die Drachenkönigin ruhen zulassen. Sie möchte sogar mit ihren Truppen gen Norden reiten, um Seite an Seite mit ihren Feinden den wahren Feind zu bekämpfen. Für einen Moment scheint er wahr, der Traum vom geeinten Westeros.

Die Orte dieser Folge

Aber natürlich war das nur eine Finte. Cersei gibt vor, der Allianz helfen zu wollen und schickt im Geheimen Euron Greyjoy nach Essos, um mit dem Geld der Iron Bank die Söldnertruppe der Golden Company zu engagieren. Selbst der Anblick der toten, blauleuchtenden Augen des Wiedergängers konnte Cersei nicht verändern. Ihre Paranoia, von ihren Feinden überwältigt zu werden, verzerrt ihren Blick auf das große Ganze. Die Unterhandlung im Dragonpit stellt die Protagonisten vor ihre größte Herausforderung: Werden sie in Konfrontation mit dem übernatürlich Bösen ihre eigenen Ränke und Konflikte zur Seite legen können, um auf die globale Bedrohung zu reagieren? „Fuck loyalty. This goes beyond houses, honor and oaths”, sagt Brienne zu einem erstaunten Jaime. „This isn’t about noble houses, this is about the living and the dead”, sagt Jaime wenig später zu Cersei. Alle Anwesenden haben die Bedrohung begriffen, doch gehen sie sehr individuell mit der Erkenntnis um. Der erhoffte Frieden in Westeros ist ein ähnlich fragiler Pakt wie der zwischen den Children of the Forest und den First Men, deren Konflikt die White Walkers erst hervorgebracht hat. Man fühlt sich an den Graphic Novel WATCHMEN erinnert, in dem der klügste Mann der Welt sich anmaßt, durch eine gefälschte Bedrohung aus dem All den Weltfrieden zu erzwingen. Vielleicht sind die White Walkers auch nur der größte practical joke in der Geschichte von Westeros? Die Aufklärung über die Zombies aus dem Eis hat die Handlung nicht vereinfacht, sondern noch weiter verkompliziert. „The monsters are real. All the frighten stories we heard when we were young. They’re all real. So be it. Let the monsters kill each other.“ Cersei bleibt ihrer Linie treu. Statt sich mit ihren Feinden gegen den wahren Feind zu verbünden, reagiert die Realpolitikerin weiterhin so, wie sie es immer tat. Selbst in der extremsten Gefahr bleiben die Bewohner von Westeros nicht frei von ihren eigenen Interessen, Sehnsüchten und Ängsten.

The North Remembers

In Winterfell wird Littlefinger von der einzigen Person betrogen, die er wahrscheinlich aufrichtig geliebt hat: Sansa. Die Schülerin hat viel von ihrem Meister gelernt.

 

Obwohl King’s Landing der große Knotenpunkt der Handlung dieser Folge war, passiert ein für die gesamte Serienerzählung wesentliches Ereignis in Winterfell. Littlefinger träufelt Sansa weiterhin Gift ins Ohr, um sie zu drastischen Maßnahmen gegen Arya zu überreden, aus Gründen. Wenig später kommt es zur Konfrontation zwischen Schwester und Schwester in der großen Halle von Winterfell. Arya wird hereingeführt. Sie ist umringt von Soldaten. Vor ihr sitzen Bran und Sansa an der Tafel, an der einst ihr Vater Gericht hielt. Es ist ein Prozess. „Are you sure you want to do this? “, fragt Arya. Sansa sieht keinen anderen Weg. Es ist eine Frage der Ehre, immerhin geht es um schwere Verbrechen gegen die Familie, um Verrat, und auch Mord. Eine gespannte Stille erfüllt den Saal, unterbrochen von Sansas strengen Worten. „How do you answer these charges, Lord Baelish?“ Alle Blicke richten sich auf Littlefinger, den wir zum ersten und letzten Mal sprachlos erleben. „My sister asked you a question”, hakt Arya nach. Sie grinst. Also sind die Starkkinder doch nicht auf seine List hereingefallen, sondern haben sich zusammengetan, um die Person zur Rechenschaft zu ziehen, der für das meiste Leid von Haus Stark verantwortlich ist.

 

Littlefinger auf der Anklagebank, mit Sansa als Richter, Bran als Zeuge und Arya als Vollstreckerin. Diese Wende hat der gerissene Lord nicht kommen sehen, wie auch so mancher Zuschauer. Benioff und Weiss haben mit den Erwartungen der Zuschauer gespielt, die sie durch Szenen wie der bedrohlich-unheimlichen Konfrontation der Starkschwestern aus BEYOND THE WALL verwirrten. Im Nachhinein macht die Szene immer noch keinen Sinn und bleibt ein Bruch mit den Figuren. Deutlich wird ihre kalte Erzählfunktion erkennbar, den Zuschauer auf eine falsche Fährte gelockt zuhaben, auf Kosten einer schlüssigen Charakterzeichnung. Wir haben die Dummheit von Sansa und Arya nicht glauben wollen, sie ihnen aber durchaus zugetraut. Immerhin sind es Starks. Doch hat sich das Haus diesmal nicht manipulieren lassen. Endlich wird der Spieß umgedreht, der Meister der Ränkespiele selbst Opfer einer (unnötig hinausgezögerten) Intrige. Sansa deckt Littlefingers Verbrechen eins nach dem anderen auf: Der Mord an ihrer Tante Lysa (MOCKINGBIRD, S04E07), die er zur Ermordung von Jon Arryn anstachelte und zu jener verhängnisvollen Nachricht aus WINTER IS COMING (S01E01), in der Lysa die Lannisters für den Tod ihres Mannes verantwortlich machte. Diese erste von vielen Lügen hat den Konflikt zwischen Lannisters und Starks erst in Gang gesetzt. Die zweite große Lüge um die Herkunft des Dolches, mit dem Bran Stark ermordet werden sollte (LORD SNOW, S01E03), verschärfte den Konflikt. Und schließlich der Verrat an Eddard Stark im Thronsaal des Red Keep (YOU WIN OR YOU DIE, S01E07), der Westeros nachhaltig destabilisierte und in den Krieg stürzte. Littlefinger läuft wie ein in die Enge getriebenes Tier den Raum ab. Er versucht sich herauszureden, gibt Befehle an Lord Royce, und fällt schließlich vor Sansa auf die Knie. Keine seiner Worte finden Gehör. Sansa verhängt das Urteil, Arya führt es aus. Mit einem schnellen Streich schneidet sie Lord Baelish mit seinem Dolch die Kehle auf.

 

„Knowledge is power“, sagte Littlefinger einst zu Cersei in THE NORTH REMEMBERS (S02E01). Information, Manipulation und Verrat waren die Werkzeuge, mit denen der Emporkömmling sich Macht, Titel und Einfluss eroberte. Nun wird ihm ausgerechnet Wissen zum Verhängnis, das in Form von Brans Visionen die Wahrheit hinter seinen Lügen hervorbringt. Schon immer hat sich Littlefinger die subjektive, intentionale Geschichtsschreibung von Westeros zu Nutzen gemacht. Brans Fähigkeiten präsentieren die Dinge, wie sie wirklich geschahen. Nach „Chaos is a ladder“ wird Baelish ein weiteres Mal mit einer eigenen Aussage konfrontiert: „I did warn you to trust me“, wiederholt Bran. Littlefingers Satz, mit dem er Ned Stark den Dolch an die Kehle drückte. Dass die Wahrheit endlich ans Licht kam, ist für den Zuschauer befreiend, doch hat es wenig geändert. Littlefingers Bedeutung für die Haupthandlung hatte bereits zu Beginn der Staffel nachgelassen, sein Tod bringt Genugtuung, aber keinen Frieden, nur die Gewissheit, dass kein weiteres Übel von ihm ausgehen wird. Und Sansa und Arya hatten für die Staffel etwas zutun. Auch wenn ihre Charakterentwicklung nur bedingt vorangekommen ist. Immerhin haben sie als perfekt eingespieltes Team zusammengefunden. „When the snows fall and the white winds blow, the lone wolf dies but the pack survives.” Bran der Seher, Arya die Killerin, Sansa die Herrscherin. Haus Stark ist zu einer unaufhaltsamen Macht geworden.

 

Realismus vs. Idealismus

Wieder einmal muss sich Theon vor den Ironborn beweisen. Diesmal aber nicht mit gespielter Männlichkeit, sondern echter, die er ausgerechnet aus seiner Verstümmelung bezieht.

 

In Winterfell siegt die Wahrheit über Lüge, Treue und Familienzusammenhalt über Misstrauen und Verrat. Generell sind in der siebten Staffel die Helden und Idealisten auf dem Vormarsch. Kritiker und Fans haben bereits angemerkt, dass sich GAME OF THRONES mehr und mehr Tolkiens THE LORD OF THE RINGS annähert, dem anderen Spektrum der Fantasy-Skala. Die multiperspektivische Geschichte läuft auf einen mythischen Kampf zwischen Gut und Böse hinaus. Jon entwickelt sich zum rechtmäßigen König vom Typ Aragorn: Sobald diese Person mit den edelsten Motiven auf den Thron kommt, wird alles gut. Seit der ersten Folge stoßen in GAME OF THRONES Idealismus und Realismus aufeinander. Romantische Vorstellungen einer mittelalterlichen Welt voller Ritter, Prinzessinnen und Magie werden dekonstruiert und mit ihrem negativen Zerrbild konfrontiert. In Westeros haben die wenigsten Ritter eine Ehre, sind die wenigsten Prinzessinnen glücklich, wird Magie für böse Zwecke eingesetzt. In ihrem gritty realism hat die Serie der Wirklichkeit gegenüber der Fantasie stets den Vorzug gegeben. Nun aber gewinnen die Träumer und Weltverbesserer die Oberhand und bleiben von Unheil verschont. Zwar hat Jons Ehrlichkeit gegenüber Cersei die Allianz in Schwierigkeiten gebracht, doch steht er zu seinem Wort, den geplanten Frieden nicht auf Lügen zu bauen. Dafür wird er mit der Liebe der schönen Drachenkönigin belohnt, sowie mit Anerkennung von Figuren wie Theon. Dem Verräter kann er in einer Dialogszene in Dragonstone sogar Verständnis und Vergebung entgegenbringen. Angestachelt von Jons Großmut findet Theon zu seinem Heldentum und leitet eine Rettungsaktion für seine Schwester Yara ein. Der Weg zu seiner Erlösung ist gelegt. Ist Westeros ein besserer Ort geworden?

Die Figuren der Folge

Hauptfiguren

 

 

Nebenfiguren

 

 

Erste Auftritte

 

 

Letzte Auftritte

 

 

Jein. In Szenen wie diesen zeigt uns THE DRAGON AND THE WOLF, dass die Welt nicht so dunkel ist, wie wir glauben. Doch ist sie ebenso wenig so hell, wie wir sie vielleicht haben möchten. Nach wie vor haben Handlungen in Westeros Konsequenzen, die guten wie die schlechten. Auch wenn die letzten sechs Staffeln ein durchaus existentialistisches, beinahe nihilistisches Bild der Welt gezeichnet haben, herrscht doch so etwas wie eine poetische Gerechtigkeit in Westeros. Am Ende sind Joffrey, Tywin, Ramsay und Littlefinger genauso für ihre Taten gestorben wie Eddard, Robb oder Catelyn. Außerdem bekommen anfangs als „böse“ wahrgenommene Figuren wie Theon oder Jaime weiterhin die Chance zur Läuterung. Es bleibt kompliziert in Westeros. Selbst der beste aller Beweggründe, die Liebe, bleibt ein zweischneidiges Schwert. In THE DRAGON AND THE WOLF sind Dany und Jon als Liebespaar endlich zusammengekommen – und kommen auch gleich zur Sache. Ein abrupter Sprung, bei dem wieder einmal einige Zwischenschritte auf der Strecke geblieben sind. Die immer noch vorhandende Kälte zwischen den Figuren soll in einer heißen Sex-Szene überwunden werden, was ihre zart blühende Liebe überstürzt verdampfen lässt. Eingerahmt ist die Sex-Szene durch eine Montage-Sequenz, in der wir durch Bran Zeuge der geheimen Hochzeitszeremonie von Rhaegar Targaryen und Lyanna Stark werden, deren Liebe Robert’s Rebellion und den Untergang von Haus Targaryen herbeiführten. Jon und Danys Partnerschaft steht unter keinem guten Stern. Ihre leidenschaftliche Zusammenkunft stellt sich als Inzest heraus. Wie werden sie reagieren, wenn sie herausfinden, dass sie blutsverwandt sind und Jon den stärkeren Anspruch auf den Eisernen Thron hat als Dany? Das Geheimnis von Jons wahrer Abstammung hängt wie ein Damokles-Schwert über ihrer Beziehung, in der Szene präsent durch Brans Voice Over. Mit der Hilfe von Samwell Tarly, der Gilly doch zugehört hat, hat die Three-Eyed Raven das wahrscheinlich größte Seriengeheimnis gelüftet und will es Jon unbedingt sagen. Die Wahrheit über die wahre Herkunft des rechtmäßigen Königs von Westeros wird allerdings mehr Probleme herbeiführen als lösen.

GAME OF THRONES bleibt also seiner Linie treu und ist nicht zur klassischen high fantasy-Geschichte verkommen, sondern spielt weiterhin mit ihren Konventionen und Merkmalen. Martins Aussage, dass Charaktere sich nie als Schurken, sondern immer nur als Helden ihrer Geschichte sehen, hat nichts an seiner Bedeutung verloren. Wobei uns in der Erzählung erstaunlicherweise eine Perspektive immer noch vorenthalten wird – die des Nightking. Der große Antagonist des kommenden Serienfinales bleibt eine Leerstelle in der ansonsten so psychologisierten und ausdifferenzierten Welt. Dabei ist er eine überaus faszinierende Figur, die wie keine andere Feuer und Eis in sich vereint. Erschaffen durch die Children of the Forest mit einem Dolch aus gefrorenem Feuer (Dragonglass), ist seine Eiskraft so stark, dass er damit selbst Feuer besiegen kann. Zudem reitet er einen untoten Drachen, mit dessen blau schimmernden Flammen er die eisigen Mauern der Wall zu Fall bringt. Er besitzt alle übernatürlichen Fähigkeiten, über die auch seine Feinde vereinzelt verfügen: Wie die roten Priester kann er Totes wiedererwecken. Er reitet und kontrolliert nicht nur einen Drachen, sondern verfügt über eine ähnliche Resistenz gegen Feuer wie Daenerys. Als einziger reagierte er (neben Ned Stark!) auf die Visionen von Bran, was vielleicht auf seherische Fähigkeiten hindeutet. Als Der Verdacht liegt nahe, dass er Danys Ankunft mit den Drachen in BEYOND THE WALL (S07E06) erwartet und vielleicht sogar geplant hat, da er mit drei Speeren beim Angriff der Drachenmutter zur Hand hatte. Verbirgt sich hinter dem, was von allen Figuren als das ultimativ Böse dargestellt wird, vielleicht eine tiefere Geschichte? Was für ein Geheimnis liegt hinter diesen blauen Augen? Sind es gar die verfärbten Augen einer vertrauten Figur? Ist er am Ende tatsächlich Held der ganzen Geschichte?

Westeros, prepare yourselves: The nights will be dark and full of terrors.

 

Als Gegenbild zum Schluss von THE WINDS OF WINTER (S06E10) endet THE DRAGON AND THE WOLF nicht mit einer hoffnungsvollen Einstellung (Dany segelt mit ihrer Armada nach Westeros), sondern einem zutiefst erschreckenden Bild. Die Armee der Toten schreitet langsam durch die Ruinen der Mauer in den Süden. Der Entscheidungskampf rückt näher. Nimmt die letzte Schlacht um Westeros ein gutes Ende? Kann es überhaupt ein gutes Ende geben? Wie die gesamte Staffel wird der Zuschauer mit einem seltsamen Gefühl aus Erfüllung und Unzufriedenheit zurückgelassen. Einerseits warten wir seit dem Prolog der ersten Staffel darauf, dass die Geschichte auf diesen Punkt zuläuft. Andererseits scheint uns der Endkampf mit den White Walkers als platter Abschluss einer derart ausgefeilten Geschichte. Nach einer Staffel voller Vereinfachungen und schnellen Lösungen gewinnt man den Eindruck, dass Benioff und Weiss für den Zweck, die epische Erzählung einem möglichen Ende entgegen zuführen, den breiten Baum der Erzählung derart gestutzt und um seine vielen feinen Verästelungen gebracht haben, bis nur noch der Stamm übrigblieb. Ein solider Stamm, majestätisch und hübsch anzusehen, aber eben kahl. Eine latente Angst macht sich breit: Kann die finale Staffel wirklich zufrieden stellen? Mit dem kommenden Ende von GAME OF THRONES beantwortet sich die schwierige Frage, worum es eigentlich in der Serie geht. Stand das Mächtespiel der großen Häuser im Mittelpunkt, gemischt mit Magie, Drachen und Zombies? Oder war der übernatürliche Plot das eigentliche Rückgrat der Serie, der durch die Scharmützel der Adligen nur hinausgezögert wurde? Ein, vielleicht sogar zwei Jahre müssen wir uns gedulden, bis sich alle Fragen (hoffentlich) in der achten Staffel klären und das lange Lied von Eis und Feuer ausklingen wird.


 

There’s only one war that matters: the Great War. And it is here.

 

 

Jon Snow (aka Aegon Targaryen)

Andere Gedanken:

  • THE DRAGON AND THE WOLF. Das Finale ist die dritte Folge, die in ihrem Titel die Beziehung zwischen zwei Häuser bezeichnete (Haus Targaryen und Haus Stark). Die anderen beiden waren THE WOLF AND THE LION (Lannister und Stark, S01E05) und THE LION AND THE ROSE (Lannister und Tyrell, S04E02).
  • Die Verhandlungen von King’s Landing fanden in dem Dragonpit statt, den großen Ställen der Targaryens für ihre Drachen, welche während des Bürgerkrieges von Haus Targaryen, der als Dance of the Dragons in die Geschichte einging, zerstört wurde und seither in Ruinen liegt.
  • In der Verhandlung waren die fünf bestbezahltesten „Tier A“-Schauspieler der Serie zum ersten Mal vereint: Emilia Clarke (Dany), Kit Harrington (Jon Snow), Peter Dinklage (Tyrion), Lena Headey (Cersei) und Nikolaj Coster-Waldau (Jaime).
  • „You know who’s coming for you. You’ve always known.“ Clegane-Bowl confirmed! Sandor schaut seinem Bruder in die untoten Augen und kündigt an, ihn eines Tages zu töten. Hound vs. Mountain, The Broken Man vs. The Breaker of Men. Get hyped!
  • „Men without cocks. You wouldn’t find me fighting in an army if I had no cock.“ Bronn und Jaime sinnieren angesichts der Unsullied Armee darüber, ob ein Eunuch-Krieger nicht ein Widerspruch in sich ist. Wofür sollte man an ihrer Stelle überhaupt noch kämpfen? Später beweist Theon in Dragonstone, dass ein Mann ohne Männlichkeit immer noch Eier haben kann. Er überzeugt die verbliebenen Ironborn von seinem Vorhaben, Yara aus den Klauen von Euron zu retten, auf die eine Art, die sie verstehen: Gewalt. Er legt sich mit Harrag an, ein unausgewogener Kampf, in dem ausgerechnet Theons Verstümmelung zu seiner Stärke wird, als ein Tritt in den Schritt nicht den gewünschten Effekt erzielt und er seinen überraschten Gegner überwinden kann.
  • Wird Theon seine Schwester retten können, die als einzige in THE LAWS OF GOD AND MEN (S04E06) versuchte, ihn aus Ramsays Gefangenschaft zu befreien?
  • „You don’t need to choose. You are a Greyjoy. And you are a Stark.“ Jons Dialog mit Theon war sehr stark und gab dem gebrochenen Ironborn Hoffnung auf Erlösung. Theon und Jon haben einiges gemeinsam. Beide sind als Außenseiter am Hofe der Starks aufgewachsen, Ziehsöhne von Ned Stark aber nie ganz als Teil der Familie aktepziert. Jon hat gelernt, damit zu leben, während es Theon auf einen verhängnisvollen Weg gebracht hat.
  • Halb-Starke unter sich: Jons Worte geben Theons Identitätsproblem ein Ende. Und sind nicht frei von Ironie: Auch er wird sich, sollte er die Wahrheit erfahren, zwischen Haus Stark und Haus Targaryen entscheiden müssen, denen er beide angehört.
  • In Brans Vision der geheimen Hochzeitszeremonie bekommen wir zum ersten Mal den viel erwähnten Rhaegar Targaryen zu Gesicht. Oh Mann. In Westeros sind die Personen wirklich größer in ihren Geschichten als in Wirklichkeit. Vielleicht liegt das leichte Gefühl der Enttäuschung angesichts Rhaegars wirklicher Erscheinung auch nur an der Tatsache, dass Rhaegar seinem kleinen Bruder Viserys erschreckend ähnlich sah. Vielleicht war es aber auch nur die weiße Perücke.
  • Bran enthüllt Jons wahren Namen: Aegon Targaryen. Wie unglaublich taktlos von Lyanna, ihren Sohn so zu nennen. Jaehaerys wäre vielleicht ein besserer Name gewesen, nach Jaehaerys I Targaryen, dem wahrscheinlich großartigsten Targaryen König überhaupt. Oder meinetwegen Justin Targaryen. Aber Aegon? Klar wollte Lyanna auf Aegon den Eroberer anspielen, doch hatte Prinz Rhaegar mit Elia Martell bereits einen Sohn mit dem gleichen Namen. Einer verheirateten Frau den Mann auszuspannen und dann das Kind, das man mit ihrem Mann gezeugt hat, genauso wie das Kind zu benennen, dass sie von ihm bekommen hat, ist wirklich nicht nett. Komm schon, Lyanna. Wo bleibt dein Anstand?
  • Würde Jon den Thron besteigen, wäre er somit Aegon VI Targaryen (eigentlich ist er der siebte Aegon, doch wurde Aegon VI als Kind getötet und somit nie offiziell gekrönt). Doch wird er überhaupt Jon Snow aufgeben, um Aegon Targaryen zu werden?
  • Emilia Clarke scheint sich tatsächlich nicht auf ihre Inzest-Sex-Szene gefreut zu haben, was ihr etwas hölzernes Spiel erklären könnte. Ob nun Inzest oder nicht, wenigstens durfte Jon jetzt endlich seinen Drachen in der Staffel reiten. Heyo!
  • Als Jon in Danys Kabine verschwindet, schaut Tyrion mit betrübt-ernsten Blick drein. Anscheinend ist er nicht über die Partnerwahl seiner Königin erfreut. Sieht er es nur als politischen Fehler an, oder schwebt da mehr mit? Hoffentlich nicht. Wir haben bereits ein Lord Friendzone und ein Beziehungsdreieick zwischen Jon, Dany und Tyrion – der beliebten Fantheorien zufolge auch ein Targaryen sein könnte – kann wirklich keiner gebrauchen.
  • Oder der Blick war auf Cerseis Verrat bezogen, von dem Tyrion vielleicht mehr wusste, als er zugegeben hat. Wie hat er die Königin überhaupt überzeugen zu können, doch ihre Meinung zu ändern? Was hat er mit ihr ausgehandelt? Wird er wie Jaime von Cersei durch ihre (angebliche) Schwangerschaft manipuliert?
  • „I don’t believe you.“ Für die mörderischste Frau in Westeros hat sich Cersei in THE DRAGON AND THE WOLF erstaunlich zurückgehalten, selbst als ihre beiden Brüder sich ihr ergaben und von ihr verlangten, sie umzubringen. Dass Cerseis Drohgebärden bei Jaime ein Bluff war, hat man sich denken können. Aber warum hat sie Tyrion verschont? Einmal mehr scheint die rettende Hand der Drehbuchautoren zu offensichtlich.
  • Jaime hat Cersei verlassen. Endlich! Auch wenn das Ergebnis dieser Handlung mehr als zufriedenstellend ist, kam sie doch sehr plötzlich. Sein Trennungsgrund ist nicht nur die neue Berufung im Norden, der er Folge leisten will, sondern der Vertrauensbruch, den Cersei ihm entgegenbringt. Mit dem Verrat Allianz hat sie auch ihn hintergegangen, da er nicht in ihre Pläne mit Euron eingeweiht war. In ihrer Beziehung war er immer der loyale, hat Cersei nie betrogen, während sie sich ihrem Bruder nicht so treu verpflichtet fühlte. Jaime wird die Egozentrik und andeutende Wahn seiner Schwester offenbar. Doch hätten einige Zwischenschritte zu dieser Erkenntnis seiner Charakterentwicklung durchaus gutgetan. Zuviel seiner Konflikte mit Cersei blieben in ihm verborgen.
  • Bye bye, Littlefinger! Hingerichtet durch seinen eigenen Dolch, mit dem er ganz Westeros ins Chaos stürzte, verurteilt von den Kindern der zwei Personen, die er den Lannistern ans Messer lieferte. Wenn das mal keine ausgleichende Gerechtigkeit ist. Trotzdem schade. Auch wenn er in den letzten Folgen nicht mehr viel zu tun hatte außer Familienzwist zu legen, wird Aiden Gillens Performance des intriganten Meister-Tricksters in GAME OF THRONES fehlen. Seine bedrohlich dahin gemurmelten Machtallegorien und Chaos-Monologe waren ein Teil der Serie. „Thank you for your many lessons, Lord Baelish.“ We will all not forget them!
  • If Google was a guy. Bran agiert in Westeros als der verlässlichste Fakten-Überprüfer. Seine Fähigkeiten funktionieren wie eine riesige Datensammlung, das nur den richtigen Suchbegriff bedarf, um wertvolle Informationen preiszugeben. „Bran, hat Littlefinger unseren Vater in King’s Landing verraten?“ – „Japp.“ – „Bran, haben Lyanna Stark und Rhaegar Targaryen wirklich heimlich geheiratet?“ – „Definitiv.“ – „Bran, hat Arya wirklich meinen Joghurt aus dem Kühlschrank gegessen und dann gesagt, es wäre Brienne gewesen?“ – „Aber sowas von.“
  • Dawn of the Dead: Wenn die White Walkers über Westeros herziehen, stellt sich natürlich die spannende Frage, ob sie auch länger verstorbene Personen als Zombies wiedererwecken können. In Anbetracht der vielen Toten, welche die Handlung von GAME OF THRONES bisher forderte, wäre das natürlich eine Katastrophe. Andererseits bekommen so viele Tote ihre ersehnte Rache. Wer würde nicht gern einen Zombie-Ned gegen Cersei kämpfen sehen?
  • Zu guter Letzt möchte ich auch dieses Jahr meinen Leserinnen und Leser für ihre Treue und Geduld danken. Es war sehr schwer, dieses Jahr über die Staffel zu schreiben und eine Meinung zu den Folgen zu gewinnen. Ich hoffe, ihr konntet meinen wirren Gedanken folgen. Mein Bild der Staffel ist noch nicht abgeschlossen und formt sich immer weiter, je öfter ich darüber nachdenke und vor allem je öfter ich mit anderen Fans darüber spreche. Deswegen gilt mein spezieller Dank den hervorragenden Diskussionsbeiträgen, Anmerkungen und Beobachtungen, die ihr in den Kommentaren hinterlassen habt.
  • *UPDATE* Wie schon die Jahre zuvor haben Jenny Jecke von Moviepilot und meine Wenigkeit bei dem Jungs von fortsetzung.tv vorbeigeschaut, um in einem Bonus-Podcast auch die siebte Staffel in großer Runde noch einmal zu besprechen. Es war ein sehr großer Spaß! Hier der versprochene Link. Hört rein!

Die aktuelle siebte Staffel GAME OF THRONES ist in Deutschland exklusiv auf Sky zu sehen. Weitere Infos unter: www.sky.de.

© HBO

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