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© FDC / L. Haegeli

© FDC / L. Haegeli

Der Woody Allen von Chile, der von Verona und Cannes als geistige Lebensform

All diese Philosophen. Schade, dass sie keine Filme gemacht haben.

Jean-Luc Godard

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Im Fußball wie im Leben geht mancher Schuss daneben. Die BVB-Niederlage im Pokalfinale kam nicht unerwartet. Traurig ist es natürlich für den BVB-Liebhaber wie auch für unabhängige Fußballfreunde, zu sehen, dass zum zweiten Mal hintereinander ein Finale zwischen Bayern und Dortmund nicht verloren wurde, weil letztere schlechter waren. Sondern einfach nur weil der bekannte Bayern-Dusel zuschlug, bis hin zur grotesken Konsequenz, dass der Schiedsrichter schlicht übersieht, dass Dortmund ein Tor geschossen hat. Da fällt es schwer, zu gönnen oder gar Bayern für die bessere Mannschaft zu halten. Sondern halt eher für die Fußball-Ausgabe der CSU – die kommt auch immer am Ende mit allem durch. Und wer die paar Bayern-Unterstützer im Irish-Pub erlebt hat, dem wurde die Mannschaft auch nicht sympathischer: Nicht wegen dem proletigen Geschreie das von latenter Unsicherheit strotzte, sondern weil sie ihr eigenes Team nicht unterstützten, sondern permanent beschimpften – bis hin zum dümmsten aller dummen Fan-„Argumente“: „Wie viel verdienst Du?“ „Wieviel hat der und der gekostet?“ Irgendwann hätte ich fast Schläge bekommen, weil ich mich umdrehte und dem Hintermann im rotweißkarierten BWLer-Hemd mit schwarzweißem Kragen zu erklären versuchte, dass das, was man am meisten an den Bayern verabscheut, nicht ihr Dusel ist, nicht ihre Mentalität, mit der sie glauben, auf jeden Titel ein natürliches Recht zu haben (was man in Deutschland fälschlicherweise dann „Siegermentalität“ nennt, statt Arroganz), sondern das Gehabe ihrer Fans, die eben meistens keine sind, sondern Kleinbürger, die einmal ganz oben schwimmen wollen, wie das Fett auf der Suppe.

Immerhin war es interessant, dass Müller und Götze von Anfang an spielen durften, und bestimmt eine richtige Entscheidung. Und man hätte es ja auch einigen Bayern gegönnt, das entscheidende Tor zu schießen – Robben aber definitiv nicht. Da kann man nur katholisch werden, und hoffen, dass Gott sie Sünder eines Tages straft.

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Der Woody Allen von Chile ist Filmkritiker. Er heißt Ernesto und arbeitet für eine der größten Zeitungen seines Landes, ein konservatives, d.h. in Chile reaktionär-postfaschistisches Blatt, unter dessen politischer Agenda er genauso leidet, wie unter der Ausbeutung, der er unterworfen ist. Ernesto kenne ich seit knapp zehn Jahren. Immer in Cannes treffen wir uns, nach Berlin oder Venedig kommt er nicht, schon weil es zu teuer ist, und auch weil er die Festivals im Vergleich nicht gut findet. zwei- dreimal während des Festivals verabreden wir uns und sprechen über die Filme und das Leben.

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Have you seen the film THE CRITIC?“, fragt Ernesto. Glücklicherweise kenne ich Hernán Gerschunys wirklich lustigen und guten Film  aus Argentinien sogar. Letztes Jahr lief er auf ein paar Festivals – voller Sprachwitz (z.B. wenn die Hauptfigur nachdenkt, oder einen inneren Monolog führt, dann geschieht dies auf Französisch, der Sprache des Autorenkinos) mokiert er sich über unser aller Dasein als Filmkritiker, und beschreibt die Welt der Cinephilie.

So beginnt ein Gespräch darüber, wie wir uns in Cannes fühlen. Es wird vor allem ein Monolog von Ernesto.

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When I die I want my ashes brought to Cannes, to be buried here.„, sagt er, „I already took precautions. After twenty years of slavery as a critic, the Cannes festival is the only relief.“ Er habe nicht genug Geld um für seine Rente zu sparen, er habe nichts, was er seiner Frau und seinem Kind vererben könne, er arbeite wie ein Hund in einem System, das seine Arbeit nicht schätze. Dass sich nicht für die Filme und das Kino interessiere, sondern für dumme Hollywood-Stars oder Telenovela-Helden.

It’s the only time, when I feel it’s me. Cannes is a way of living, here I am at my best, here I am all my potential and my possibilities; here I am, what I can be.

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Zugleich weiß Ernesto bei aller Begeisterung natürlich auch, dass Cannes eine Welt des Scheins ist noch mehr als jede andere Welt. Natürlich praktizieren auch wir – wie die Filmemacher, die PR-Leute, die Händler, die Redakteure, nicht zuletzt das Festival selbst – gegenüber den anderen mitunter den Grundsatz „Mehr scheinen, als sein.“ Wir verkaufen uns selbst, und gerade, wenn wir gut verkauft haben, ist nichts mehr übrig.

Dies ist ein absolut unehrlicher, unaufrichtiger Ort. Aber darin sehr ehrlich.

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I am like Woody Allen.„, sagt er, „I lie, I pretend, I am not happy with it, but in the same moment I love it. I am not a good writer, I know all my faults, but I know, that the others think I am good, that they envie me for beeing here, and they think I party all night and so on. And I let them believe…

It’s pretention: I go to Christine Aimé. I smile and talk nice. She thinks I am a hard worker. And in a way I am. But does she really know, what my work means?

Christine Aimé ist die Pressechefin des Festivals, und vielleicht muss man noch dazu erwähnen, dass Ernesto ein „White Bagde“ hat, die von alle begehrte, und von vielen beneidete höchste Akkreditierungsstufe des Festivals, die zum Beispiel auch die Kollegen der „Süddeutschen“ oder des „Spiegel“ nicht bekommen.

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Wie gesagt: Vor allem ein Monolog von Ernesto. Aber ich kann das alles unterschreiben. Es gilt für viele Kollegen, und für mich selbst nur um individuelle Nuancen anders.

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MAPS TO THE STARS, ©‎Daniel McFadden, Cannes Filmfestival

MAPS TO THE STARS, ©‎Daniel McFadden, Cannes Filmfestival

Später reden wir dann noch über Scorseses WOLF OF WALL STREET, den wir beide natürlich toll finden, für dessen Schwächen Ernesto aber die tolle Formulierung findet „A film with plastic surgery.“ Scorsese möchte hier schöner, besser, vor allem jünger und hipper scheinen als er ist. Bei GOODFELLAS wusste er wovon er redet, hier weiß er absolut gar nichts, sondern zeigt nur, was er sich vorstellt.

Die Filme, auf die sich Ernesto im diesjährigen Festival am meisten freut, sind (in dieser Reihenfolge) Cronenbergs MAPS TO THE STARS, die Filme von Ken Loach, Mike Leigh, Ryan Gosling und Asia Argento.

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Einen Tag später sitze ich mit Ugo, den ich auch in Venedig und Locarno immer wieder treffe und den man analog den Woody Allen Veronas nennen könnte. Für Ugo sind Essen und Trinken genauso wichtig wie das Kino. Er ist ganz anders als Ernesto, aber nicht minder ein Original und nicht minder ein feinsinniger Beobachter und kluger Analyst der Filmwelt. Überdies sehr witzig, halb bewusst und mit Absicht, halb wegen seiner sehr eigenwilligen Sprache, eines Gemischs aus französischen, englischen und italienischen Idiomen. Ugos exquisiten, unkompromittierbaren Geschmack zeigt schon seine Antwort auf meine Frage, auf was er sich hier am meisten freue: „First Godard. Secondo Kawase and then Takahata.“ Er tippt aber auf eine dritte goldene Palme für die Dardennes. „No way.„, sage ich, weil ich nicht glaube, dass irgendwer, nicht Jane Campion, nicht das Festival, ein Interesse daran hat, den Dardennes noch eine Palme zu geben.
Später wirft er noch die Frage auf, ob wohl die Tatsache der Europa-Wahlen die Jury beeinflusst. Und wie?

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MOMMY, © Shayne Laverdiere, Cannes Filmfestival

MOMMY, © Shayne Laverdiere, Cannes Filmfestival

Dann kommt ein spanischer Freund von Ugo dazu, der einen interessanten Tipp für die Goldene Palme hat: „Xavier Dolan„. „A title like mummy speaks to Jane Campion.“ Wir lachen. Dann aber die gar nicht doofe eigentliche Begründung: Cannes will Regisseure entdecken. Campion auch. Sie wollen nicht alte Säcke – pardon my french – nochmal auszeichnen, sondern neue Genies machen.

Ich finde den Gedanken so logisch wie verführerisch. Ugo dagegen schüttelt den Kopf: „Xavier Dolan – good idea, but no practicabile.

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Es gibt online sogar Wetten auf den Cannes-Sieger. Bereits vor Beginn des Festivals waren sie eindeutig: Nuri Bilge Ceylan vor Naomi Kawase. Die habe angeblich in einem Interview im Guardian (das ich online nicht gefunden habe) verkündet, ihr neuer Film FUTATSUME NO MADO, der am Dienstagabend Premiere hat, sei „my best work so far„. Na dann!