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DOK Leipzig 2014 1
Tauben. Überall Tauben. Als Preise, auf Postern, auf Pullovern. Schließlich auf der Leinwand. Über Ägypten, Syrien und über der Ukraine.

Ich möchte, dass etwas Pures aus diesen scheinbar naiven Bildern spricht. Etwas, das die extrem komplexen Umstände und die schwer zu durchschauenden Entwicklungen vereinfacht, bündelt, vielleicht auch transzendiert. Vogelschwärme über zerschossenen Städten. Sie sollen sich aller tradierten Kultur und Bedeutungsaufladung entledigen und davon träumen lassen, wie es wäre, wenn… Sie sollen sprechen von Freiheit und Frieden!

Es ist wohl kein Zufall, dass der scheidende Festivaldirektor Claas Danielsen in seiner Eröffnungsrede 19 mal das Wort Freiheit gebraucht. Er spricht von der persönlichen Freiheit, die er sich nimmt. Vom Aufhören, wenn’s am schönsten ist. Von dem Privileg, sich die Freiheit nehmen zu können. Er versäumt es jedoch nicht, auf die sich verschlechternde Situation des Dokumentarfilms im deutschen Fernsehen (nebst der zurückgehenden Produktionsbeteiligungen) zu verweisen und schließt mit einem Plädoyer an die Sender, sich die Freiheit zu nehmen, die „Quotenfesseln“ abzuwerfen.

Edward Snowden, dessen mutiges Aufbegehren gegen den Überwachungsmoloch Staat Gegenstand des Eröffnungsfilms CITIZIENFOUR von Laura Poitras ist, erklärt in einer Grußbotschaft dann auch seine persönliche Freude, die Deutschlandpremiere in Leipzig zu wissen, jener geschichtsträchtigen Stadt, deren Bürger am friedlichen Sturz der DDR-Regierung und am Fall der Mauer maßgeblichen Anteil hatten. Auch wenn sich meine Eltern, die als junge Menschen im Leipzig jener Zeit oppositionell aktiv waren, eine andere Form von Demokratie gewünscht haben und das einseitige Verschluckt-werden vom kapitalistischen System lieber vermieden hätten. Dennoch sind viele Freiheiten hinzugekommen.

Wie schön wäre es aber, wenn der Begriff „Leipziger Freiheit“ zu einem seit der Wende gewachsenen Alternativvorschlag in Sachen Mündigkeit, Mitsprache, Völkerverständigung geworden wäre und nicht nur zu einer Marketingkampagne der Stadt?
In diesen Wochen wird in Deutschland – und das war auf dem Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm keine Ausnahme – viel über Freiheit gesprochen und das ist wichtig und richtig so! Kein ernstgemeintes Plädoyer und keine politische Überzeugung hin zu mehr Selbstbestimmung, Partizipation, Glück und Aufklärung sollten sich unter dem Vorwurf der Un-Originalität ducken müssen. Einfache Wahrheiten sollten gesagt werden! Nur gibt es wahrscheinlich gar keine einfachen Wahrheiten. Auf jeden Fall gibt es einfache Träume. Und die sollten Film werden!

Einfache Wahrheiten in Bezug auf Freiheit scheint es schon deshalb nicht zu geben, weil Freiheit eben auch immer ein solches „in Bezug auf“ mit sich führt. Und so schlummert eine gewisse Gefahr im Überpräsenten von Symbolik, Rhetorik und Beschwörung. Die Allgegenwart kann zu der Annahme verleiten, dass alle von ein und der selben Sache reden und jeder zu wissen glaubt, von welcher Freiheit gerade die Rede ist.

Doch was ist die Freiheit, in die Kierkegaard blickte? Oder von der Rosa Luxemburg sprach? Wenn jemand von Freiheit spricht, ist dann auch die Art von Freiheit gemeint, bei der man zwischen einem bestimmten Produkt und seiner Süßstoff- oder Carbonfaservariante wählen darf? Wie steht es mit der Freiheit des spirituellen Meisters, der die Sehnsucht nach ihr schon als Unfreiheit geißelt?

Wenn wir uns nicht verständigen, welche Ideen, Träume und Begierden wir in Bezug auf Frieden und Freiheit haben, wenn wir uns nicht auch die Freiheit nehmen, unvoreingenommen zuzuhören, nützt uns ganz besonders unsere Redefreiheit nicht viel.

Nun werden Filmfestivals gerne als Hort der kritischen Meinungsbildung, der lebhaften Diskussion und der intellektuellen Inspiration gepriesen und sicherlich trifft das auch auf etliche Festivals zu. Diejenigen, bei denen dann diese Komponenten in den Vordergrund treten und nicht nur Produkt eines gefälligen Mediums und eines bestimmten Zeitgeistes sind – Filme laden nun einmal zum schnellen Streiten ein und sind so populär wie kaum eine andere Kunstform – sind dann etwas rarer gesät. Es soll an dieser Stelle nicht über die Vor- und Nachteile von Wettbewerben nachgedacht werden, entscheidend ist letztlich die Vielfalt des Programms und die Vielfalt der angebotenen Möglichkeiten des Austauschs. Und hier ist DOK-Leipzig nicht schlecht aufgestellt: Masterklassen und Werkschauen zu Jean-Gabriel Périot, Jon Bang Carlsen, Shelly Silver, einen Länderfokus Ex-Jugoslawien, die Retrospektive „VolksEigenerBlick – Die Kamera im DEFA-Dokumentarfilm“ und die Veranstaltung „DOK im Knast“ in der JSA Regis-Breitingen, bei der zusammen mit jungen Menschen im Strafvollzug einige Filme des Festivals angeschaut werden konnten (etliche Filme auf dem DOK behandelten den stattlich verordneten Freiheitsentzug, so etwa HIMMELVERBOT oder STÄDTEBEWOHNER). Dazu verschiedene Panels und eine Buchvorstellung, die die Rolle des Festivals zu DDR-Zeiten reflektiert und sich besonders auf eine Friedenskundgebung zur Eröffnung der 26. Dokfilmwoche fokussiert.

Meine Filmauswahl konzentrierte sich auf die Suche nach den verschiedenen Facetten von Freiheit und Frieden in der Ukraine und den Ländern Tunesien, Ägypten, Iran und Syrien.

I AM ME (arabisch ANA ANA) beginnt mit Interviewszenen junger Frauen, die Statements fließen ineinander, lösen sich vom Subjekt und werden zur Off-Stimme über Bilder eines Ägyptens nach dem Arabischen Frühling. Die Aussagen sind Zeugnisse einer intimen Suche nach Identität und wirken wie ein Gedicht, das die Stimmen der Einzelnen zusammenführt.

Who am I?
I love the street.
I really love the people.
I easily lose my temper,
but I am kind.
Sometimes I am silly,
you can laugh at me.
I am naive to some extent.
Some other times
I am not naive at all.
I feel sometimes
that I am very brave.
And other times, I feel like a coward.
Sometimes I feel I am something
and its opposite at the same time.
I don’t think I know
myself well enough yet.
So I am confused.
I am an anxious person.
The idea of death doesn’t bother me.
I am not scared of it at all.
I love my dog.
I am a soul and a body.
And a self moving between the two.
I am the collection of things I saw,
listened to, and the places I lived in.
I am made up of people who I never
met but who changed my life.
I am not the way I look,
nor the place I am at.
I am a voice inside of me
that comes out in picture form.
What I want to be is not what I am.
I am everything inside
me that doesn’t show.
I am me.

I AM ME ist ein Projekt, welches die vier jungen Protagonistinnen des Films – Sondos Shabayek, Wafaa Samir, Sarah Ibrahim, Nadine Salib – zusammen mit Petr Lom und Corinne van Egeraat über einen Zeitraum von 2 Jahren realisiert haben.
Es geht um Frauen im öffentlichen Raum. Sie filmen sich und ihre Umgebung und sich in ihrer Umgebung und wie ihre Umgebung auf sie, als filmende Subjekte reagiert. Sie suchen – immer wieder ganz im wörtlichen Sinne – ihren Platz. Probieren sich und andere aus. Fügen sich ein in die Weite einer Wüste. Stehen tanzend unter Wasser Kopf. Wischen sich Staub von der Seele. Wie leben im postrevolutionären Ägypten, in dem man als unverheiratete Frau immer noch ausgegrenzt wird und die sexuellen Gewaltdelikte gegen Frauen rapide zunehmen?

Dok Leipzig 2

So springt der Film zwischen entrückter, filmischer Poesie und den konkreten Zwängen und mutigen Aktionen der Sich-Suchenden. Vieles über die Verbindung von Subjekt und Umwelt wird über Texturen erzählt. Makroaufnahmen erschaffen eigene, verzauberte Landschaften, Unschärfen und Schärfenverlagerungen eröffnen neue Perspektiven und Horizonte. Haut trifft Sand trifft Wasser. Blick trifft Spiegel trifft Sich. Verhandelt werden die Widersprüche und der Wille sich innerhalb dieser immer wieder zu (re-)positionieren. Die Haut als Gefängnis und erste Bezugsquelle der Ich-Empfindung. Das eigene Geschlecht als Chance und Limitation.

Ziemlich am Ende, in jenem Moment als Sarah in der Wüste Sandkörner von ihrem Schulterblatt pustet, bemerke ich, dass sich ein Haar auf die Linse des Projektors gelegt hat. Seine Position korrespondiert genau mit dem fragmentierten Oberkörper, der Richtung des Kopfes und der des Atemstoßes. Der Zufall verbindet die Narration des Films mit meiner Zuschauerrealität.
I AM ME bleibt in mir, bei mir, an mir, auch Tage danach, wie das störrische Härchen, das die Filmillusion bricht und als verletzendes, ungeplantes Detail meine innere Narration fortan beherrscht, aus dem so häufig gemachten Erlebnis Kino etwas Unerwartetes, Eigenartiges generiert.

Im Wechselspiel aus Intimität und kollektiver Geschichte berichtet auch FROM MY SYRIAN ROOM über die Zeit der Unterdrückung, des Aufbegehrens und Kämpfens. Hazem al-Hamwi malte als Kind im Schutz seines Zimmers gegen den Schmerz und die Erniedrigungen an, malte sich Schichten Staub von der Seele. Nun bezieht der Künstler das erste Mal politisch Stellung. Zeichnet für uns seine private Geschichte nach, interviewt aber auch Freunde, Bekannte und Personen aus seiner Vergangenheit zu ihren Erlebnissen. Bemerkenswert eine Erzählung, in der er als Kind seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, dann aber für eine erfundene Geschichte von der Klasse gefeiert wird. Als die spontan erdachte Geschichte als Imagination auffliegt, wird er von der Lehrerin verprügelt. Schließlich sollen seine Klassenkameraden ihre Taschentücher für ihn geben und machen die Erfahrung von Solidarität in Bezug auf das Leid eines Einzelnen. Al-Hamwi betont immer wieder, das neben seinen Zeichnungen ihn vor allem das Gefühl am Leben gehalten hat, dass er nicht allein unter dem Regime leidet und dass die Revolution dieses Annahme bestätigt.

Das gefilmte Material von FROM MY SYRIAN ROOM wurde verdeckt über den Libanon nach Europa geschafft. Dass der Film ab und an holprig wirkt – manch ein gebrauchtes Motiv scheint eher Füllmaterial – ist mit Sicherheit auch den schwierigen Drehbedingungen geschuldet. Die Crew bewegte sich nie als solche, sondern es gingen immer nur Einzelpersonen nacheinander zu den Orten und verließen diese auch wieder separat. Umso wirkmächtiger sind die eingestreuten Zeichnungen al-Hamwis, die mal düstere Vision, mal beißende Polit-Satire sind.

Hazem al-Hamwi, der sich zurzeit in Berlin aufhält, sucht Galerien um seine – extrem beeindruckenden Werke – ausstellen zu können! Kontakt lässt sich sicherlich über den deutschen Verleih herstellen.
Dok Leipzig 3

„Is this the freedom you want?“
„If we were free to choose, then no. I would have preferred a more chic and less costly freedom. However, it seems this is the price we’re forced to pay.“

In OUR TERRIBLE COUNTRY trifft der junge Fotograf Ziad Homsi im Bürgerkrieg auf den syrischen Intellektuellen Yassin al-Haj Saleh. Anfangs hält Homsi noch die Waffe in der Hand (er wird sie später vollends gegen die Kamera tauschen), während al-Haj Saleh zusammen mit seiner Ehefrau Samira die Straßen vom Schutt zu reinigen beginnt. Die beiden Männer beschließen von Douma in der Region Ghouta (die im August 2013 von Assads Terrorregime mit Giftgas beschossen wurde) nach ar-Raqqa (Geburtsstadt al-Haj Salehs), dem zentralen Sitz der Terrormiliz IS (Daesh) zu reisen.

Der Weg durch die Wüste wird ein beschwerlicher werden und oft – so führt der nach Leipzig angereiste Homsi aus – ist das Sichern des eigenen Überlebens vorrangig gegenüber dem Filmen. Dennoch entstehen starke Aufnahmen, etwa wenn die Gruppe stundenlang, zurückgelassen in der Wüste, unter einer Plane in der sengenden Hitze ausharren muss oder wenn al-Haj Saleh einfach mit blauem Hemd vor blauem Himmel und der Weite der Landschaft steht und das Bild in dieser schlichten Schönheit einen fast niederdrückt.

Der bescheidene Mann, der 16 Jahre lang als politisch Inhaftierter im Gefängnis saß, geht schließlich ins Exil nach Istanbul. Dort trifft er erneut mit Ziad Homsi zusammen, der in der Zwischenzeit von Daesh verschleppt worden war. Wenig lässt in der Isolation der Ferne hoffen, die Nachrichten aus Syrien sind katastrophal. Samira al-Khalil, Nazim al-Hamadi, Wael Hamada und Razan Zaitouneh werden Anfang Dezember 2013 im Douma gekidnappt (zwei Brüder von al-Haj Salehs sind bereits von Daesh entführt worden).

Wer sich für das Thema interessiert sollte zusätzlich unbedingt nach RETURN TO HOMS von Talal Derki Ausschau halten. Außerdem: mindestens genauso wichtig wie die internationale Solidarität mit den überwiegend von Kurden bewohnten Kantonen in Rojava in ihrem Kampf gegen Daesh ist die Solidarität und Unterstützung der Syrischen Revolution und des zivilen Lebens in Syrien. In Deutschland leistet hierzu Adopt a Revolution seit Jahren wichtige Arbeit.

Die Frage an die Produzentin von OUR TERRIBLE COUNTRY, Christin Luettich, ob der Film bald im Netz zu sehen sei, wurde mich einem Lächeln beantwortet und dem Verweis, ihn erst einmal auf Festivals zeigen zu wollen und dann im Bestfall einen TV-Deal zu bekommen, um ihm einem möglichst breitem Publikum zugänglich zu machen. (Laut Aussage Luettichs wird der Film am 27.11. in Berlin durch die Heinrich Böll Stiftung noch einmal gezeigt. Näheres ließ sich von meiner Seite dazu noch nicht rausfinden, auch hier heißt es wieder: „Augen offen halten!“). Eine Bemerkung, die uns zurück führt zum Plädoyer von Claas Danielsen, der hohen qualitativen Dichte an Dokumentarfilmen in der Auswertung durchs deutsche Fernsehen Rechnung zu tragen. Der Bogen lässt sich auch zum Panel über VOD (Video On Demand) schlagen, in welchem u.a. dargelegt wurde, wie endgültig sich innerhalb der letzten 2 Jahre die Positionen von Verleihern und Festivals geändert haben, wenn ein Film schon irgendwo online zu finden ist. Eine Streamingmöglichkeit auf einem koreanischen Server kann dann zum Todesurteil für den kommenden Vertrieb werden, weshalb eine von Beginn an global ausgerichtete Distributionsstrategie anzuraten sei.

Hätte das Sundance Filmfest OF GOD AND DOGS vom Abounaddara Collective gezeigt, wenn man ihn vorher schon auf Vimeo hätte finden können?

Das Kollektiv schafft Filme, die ein alternatives, der Berichterstattung der Massenmedien oft entgegenstehendes Bild von Syrien zeigen. Die Jury in Sundance honorierte OF GOD AND DOGS mit dem Großen Preis der Jury für Kurzfilme. Circa 10 Minuten sieht man einen Kämpfer der Freien Syrischen Armee im Interview. Er erzählt vom Verhör, der Erschießung und Beerdigung eines vermutlich Unschuldigen. Einem Gott, in dessen Namen dies geschieht, schwört er ab.

Wann ist ein Film Propaganda? In der gefährlichen Nähe dazu? Was, wenn er versucht neutral zu bleiben? Gar kritiklos? Wenn er keine klare Position für das von der Mehrheit Favorisierte bezieht? Oder wenn er gerade das tut? Fragen, die auch für den niederländischen STORMING PARADISE wichtig sind, in welchem die junge Regisseurin Floor van der Meulen mit ihrem Team Kämpfer aus den Niederlanden und Syrien zu Wort kommen lässt. Sie interviewt junge Menschen aus ihrer Heimatstadt Delft, die damit liebäugeln, in den Dschihad zu ziehen und solche, die es bereits getan haben. Ein Einblick in eine Zeit, in welcher Daesh noch keine globale Bedeutung hatte und nicht jeder, der nach Syrien ging, automatisch ein Kämpfer unter der schwarzen Flagge wurde.

Der Film ALL THINGS ABLAZE von Oleksandr Technynskyi, Aleksey Solodunov und Dmitry Stoykov entstand aus einer Berichterstattungsserie für die FAZ heraus – doch, so führt Technynskyi ruhig und zugleich provozierend aus: „Ein Molotowcocktail fragt nicht nach deiner Akkreditierung. Eine Kugel auch nicht.“ Ein involvierender Film aus der ersten Reihe der Maidan-Proteste. Er lässt ebenfalls viel Raum für die Reflexion über die Möglichkeiten von dokumentarischer Neutralität und Propaganda. Sie hätten wahrscheinlich den unpatriotischsten Film über die Ereignisse gemacht, erklären die Filmemacher im Q&A. Das Team filmte, nach eigener Aussage, was es nicht verstand. Im Schnitt fiel dann die Entscheidung, weniger Atempausen zuzulassen und einen stärkeren Fokus auf die Zusammenstöße zu legen. Im Zentrum von ALL THINGS ABLAZE findet sich jedoch eine Sequenz, die in hohem Maße dazu taugt, die Auswirkungen der Überwältigungsästhetik zur Seite zu schieben und inne zu halten, nach zu denken. In ihr umarmt ein älterer Mann die vom wütenden Protestmob niedergerissene und allmählich zertrümmerte Lenin-Statur, um sie mit seinem eigenen Leib zu schützen. Ein bewegender Abschnitt, der die tiefe Zerrissenheit der ukrainischen Bevölkerung offenbart, selbst im vermeintlich so eindeutig prowestlichen Kiew.

MAIDAN von Sergei Loznitsa wiederum bleibt mehr auf Distanz. Bei 130 Minuten Laufzeit enthält er meist ruhige, lange Einstellungen. Lieder, Hymnen und Rituale strukturieren den Film. Zum Schluss eskaliert jedoch auch hier die Gewalt.
Loznitsa, dessen Film vorher u.a. in Cannes und Odessa zu sehen war, wurde, wie viele andere auch, von den Ereignissen überrascht und mitgezogen und so entschied er sich die Arbeit an anderen Projekten auszusetzen und den Geschehnissen in Kiew eine eigene, filmische Form zu verleihen. Dabei vermeidet er bewusst Einzelschicksale und setzt auf die Masse als Protagonistin. Diese sucht neben der Freiheit von Unterdrückung und Bevormundung auch ihre eigene Identität. Man bekommt ein Gefühl dafür, dass trotz aller undurchsichtigen Machtpolitik reale Menschen und gelebte Solidarität dies alles vollbrachten, gleich wie man den gewaltsamen Umbruch mit all seinen Konsequenzen auch bewerten mag.

VARYA von Aliona Polunina schließlich folgt einer russischen Mathematiklehrerin, die sich auf einer Reise durch die Ukraine befindet. Nach dem Maidanbesuch fährt sie in die von Separatisten kontrollierten Teile des Landes und nach Odessa, dort, wo kurz zuvor Dutzende Menschen im Gewerkschaftshaus verbrannten. Einen Teil der Reise begleitet sie eine selbsternannte ukrainische Jeanne d’Arc, zusammen sehen sie sich konfrontiert mit Euphorie, Ratlosigkeit, Befremdung, Nationalismus und Hass.

Beim DOK Talk Special MAIDAN–KRIM–KREML. DOKUMENTARFILM IM (MEDIEN-) KRIEG ging es mitunter hitzig zur Sache. Sergei Loznitsa, Aliona Polunina, Marina Razbeshkina, Anastasia Lobanova, Oleksandr Technynskyi und Yulia Serdyukova diskutierten leidenschaftlich auf Russisch untereinander und mit den anwesenden Menschen. Eine Bemerkung über ALL THINGS ABLAZE und MAIDAN teile ich im Besonderen, nämlich, dass die Filme eine hohen Sinn für Ambivalenz mit sich führen, ein Eingeständnis an die Komplexität der Ereignisse und ein Vermeiden von Tendenziösem.
Ebenfalls angesprochen wurde das Schicksal des ukrainischen Regisseur Oleg Sentsov, der zusammen mit drei weitere Personen in Russland inhaftiert ist und für den die European Film Academy einen Hilfsfond eingerichtet hat.

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