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Glück, Krise, und das Ende der Geschichte findet doch statt

San Sebastian-Blog, Folge 6

Es ist heiß in San Sebastián. Temperaturen von fast 30 Grad locken die Menschenmassen noch einmal an den Strand, der mit seiner muschelförmigen Bucht, der „Concha“ aussieht, wie eine Mini-Ausgabe der Copacabana. Es ist  die herrliche größere von zwei Buchten, die die einmalige Schönheit der Stadt San Sebastian ausmachen. Die Altstadt liegt genau zwischen ihnen, an und um einen riesigen Felsen. „Concha“ heißt soviel wie Muschel und danach ist auch jener Preis benannt, die „Concha d’Oro“, die an diesem Wochenende verliehen wird. hier fährt man, wie in Locarno und Venedig, mit dem Fahrrad am besten. Für 50 Euro gibt es eines für die ganze Woche, und man dann die Concha entlangfahren.
Auch hier reden alle von „der Krise“, und in San Sebastián ist die jüngere politische Vergangenheit noch besonders präsent; es lohnt sich das genauere Hinsehen. Wirtschaftlich steht die mit 200.000 Einwohnern kleinere Großstadt des Baskenlands im Schatten von Bilbao. Das feine San Sebastián, das nicht nur, weil es am Meer liegt, an Hamburg erinnert, ist aber seit jeher das künstlerische und geistige Zentrum der Region. Die Universität gilt als eine der besten, und direkt am Ufer steht die moderne Kongresshalle, wo während des Festivals die Premieren stattfinden. Sie wird „Kursaal“ genannt, weil an gleicher Stelle früher ein Fin-de-siecle-Glaspalast stand. In der Altstadt findet man das baskische Nationalmuseum, ein ehrgeiziger, hochmoderner Bau aus Glas und Stahl. Geprägt ist das Stadtbild freilich durch 8 bis 10 Etagen hohe alte Wohnblocks, deren Aussehen deutlich vom Art Deco beeinflusst ist.

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Trotz seines Weltrang als „A Festival“ ist auch die innerspanische Bedeutung des Festivals nicht zu unterschätzen: Einmal im Jahr befindet sich das künstlerische Zentrum nicht in Madrid, Sevilla oder Barcelona. Die Basken fühlen sich noch immer vom Rest des Landes missachtet. Fast könnte man beim Anblick des beschaulichen, sehr lebensfrohen Straßenlebens vergessen, das es hier nach wie vor Spannungen gibt, doch das Festival selbst sorgt dafür, dass dies in Erinnerung bleibt. Denn diese Bühne lassen sich beide Seiten nicht entgehen: zuerst zieht eine Demonstration der Angehörigen von Opfern der baskischen Terrorbande ETA vorbei, darauf folgen die Sympathisanten des legalen ETA-„Arms“, über deren mögliches Verbot gerade gestritten wird. Zurückhaltend patrouilliert gelegentlich schwerbewaffnete Polizei. Fast alle sind vermummt, nur die Augen bleiben sichtbar – die ETA verfolgt auch Familien. Dass es zwischen Festival und ETA ein „Arrangement“ gibt, mag keiner bestätigen, doch gilt dies als offenes Geheimnis.

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La Baie des Anges könnte die Concha eigentlich auch heißen. Das ist aber der Name der Bucht von Nizza und eines ganz wunderbaren Films von Jacques Demy, in vieler Hinsicht einer Ausnahme in seinem Werk. Ein Schwarzweißfilm; zum Auftakt blickt man in das Gesicht von Jeanne Moreau, in einem kleinen Kreis, der wie im Stummfilm, größer werdend die ganze Leinwand öffnet. Als sie auf ist, fährt die Kamera los, rückwärts, schnell (offensichtlich mit einem Auto), die ganze Strandpromenade ab. Am morgen. Der Wind treibt die Wellen gegen das Ufer. Alles eine einzige Einstellung, dazu eine sehr bekannte Musik von Michel Legrand.
Schnitt: Blick auf einen Kalender. Gut sichtbar ist es der 6.8. Mittwoch. Warum ausgerechnet der Jahrestag von Hiroshima? Der Film enthält viele Spuren eines vergangenen Lebens: Ein tolles altes Hotelzimmer, mit riesengroßem Bad, ein Citroyen DS. Viele kleine Beobachtungen auch: Früher wurde Lohn in bar ausgezahlt, und wöchentlich.
Man begegnet nun einem jungen Mann, Bankangestellter, anständig, aber nicht langweilig, sondern interessiert am Außerdurchschnittlichen. Er will kein Spießer sein. „Ich suche irgendetwas.“ Der junge Mann ist Bankangestellter, und er gewinnt am Anfang. Jetzt ist er im Drang zu spielen, gefangen. Bald begegnet er einer wasserstoffblonden Jeanne Moreau. Ihre Haare und ihre mal weißen, mal schwarzweißgepunkteten Kleider sehen im schwarzweiß noch besser und noch unwirklicher aus. Bemerkenswert auch, wie fertig und alt die Moreau in dem Film aussieht. Man kann sie leicht für 50 halten.
Die beiden tun sich zusammen, mal gewinnen sie, meist verlieren sie. Einmal als sie 4,2 Mio – alte – Francs gewinnen, haben sie einen riesigen Batzen Scheine in der Hand. Die Bank gewinnt immer. Aber sie glauben daran: „When you think, everything’s lost, your luck returns.“

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Moreaus Figur und das Leben, dass diese beiden Menschen führen, ist verführerisch, und muss das erst recht damals gewesen sein: „Je suis libre.“ sagt sie und meint das auch. Sie will ein ein Leben ohne Arbeit, in schönen Hotelzimmern. „grand vie … la luxe“. Der Film weiß ganz genau: Geld macht doch glücklich, aber kein Geld macht nicht unbedingt unglücklich. Das Pleitesein wird hier noch ganz anders zelebriert. Es ist normal, ist lustig, kein „Problem“, schon gar keine Schande.
Moreaus Figur sagt einmal: „Wenn ich mich für Geld interessieren würde, würde ich’s nicht verschwenden.“ Und spricht vom „mystere des chiffres“, von „le hazard … C’est dieu qui reigne sur les chiffres.“ Das Casino ist auch eine  Kirche.
Pierre Cardin stattete Jeanne Moreau aus, Costa-Gavras war Regieassistent.

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Was sich alles in diesen 20 Jahren zwischen 1962 und 1982 geändert hat! Schon 1972 sah jeder Film ganz anders aus, als einer zehn Jahre zuvor. Und dann nochmal. Ein Film von 1982 sieht dagegen fast genau so aus, wie einer von heute. Schuld hat neben Kulturhistorischem die digitale Technik, die die Filme alterlos und kalt werden lässt. Dass mit den digitalen Techniken die sichtbaren Eigenschaften des Materials verschwinden, hat noch eine weitere Folge: Die geschichtliche Zeit, das sichtbare Vergehen der Zeit, wird damit auch an ein Ende gebracht. Man tritt ein in ein geschichtsloses, weil zeitloses Immerjetzt – ins Posthistoire. Das Ende der Geschichte findet doch statt.

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Man müsste mal eine Liste von Casino-Filmen aufstellen. Da würde dann auch Hard Eight vorkommen, das Regiedebüt von Paul Thomas Anderson, der hier in der Noir-Reihe läuft. Da passt er nur halb hin, eher ist er eigentlich Prä-Tarantino. Und insgesamt auch einfach etwas fahrig erzählt, und ganz undramatisch, ohne Bogen, sondern mit einem epischen „und dann, und dann, und dann“, das ihn fast wie eine Kompilation mehrerer Kurzfilme wirken lässt. Tatsächlich könnten die vier Teile des Films auch jeweils als 25-Minüter laufen. Warum der Film aber lohnt, sind zwei Schauspieler: Philip Baker Hall und Gwyneth Paltrow, als sie noch gut war.

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Wenn es hier mal schwierig ist, Interviews zu bekommen, liegt das nicht am Festival, sondern an den Weltvertrieben und den deutschen Verleihern. Die Weltvertriebe wollen, dass nur Journalisten aus Territorien Interviews führen, die den Film noch kaufen sollen. Den Rest sollen die jeweiligen Verleiher bezahlen. Die aber wollen selbst darüber entscheiden, wer Interviews führt, und wann sie veröffentlicht werden. Was beide gemeinsam haben: Sie wollen Kontrolle und Macht. Entscheidungsmacht. Ob das legitim ist, wäre mal zu diskutieren. Der eigentliche Haken aber liegt woanders. Verleiher und Weltvertriebe wollen zwar etwas, aber sie wollen nicht dafür bezahlen.
Das wiederum ärgert Festivals wie das von San Sebastian. Denn wer bezahlt das Hotel für den Star, den Flug? Nicht der Weltvertrieb und schon gar nicht der deutsche Verleiher. Mit ihren Mitteln versuchen sie trotzdem die Festivals zu entmündigen.

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Kein Casino-Film, aber ein Werk über Glück und Zufall ist der neueste Johnnie To: Life without principle hatte in Venedig im Wettbewerb Premiere, hier läuft er unter den „Festival-Perlen“. Großartig zeigt To die Gebaren der Banken, Hochfinanz und Kriminalität vermengen sich untrennbar. Und dann kommt der Bösencrash und die Griechenland-Krise dazu – man ist sich nach diesem glänzenden Film sicher, dass To selbst einiges Geld an der Börse verloren hat, und sich mit seinen Mitteln rächt. Davon ganz abgesehen gelingt ihm ein schöner Film mit viel Insidereinblicken ins Leben in Hongkong: Wie Leute leben, arbeiten, wovon sie träumen, und nicht zuletzt, was am Immobilienmarkt so los ist. Hoffentlich kommt er bald ins deutsche Kino – oder zumindest auf ein schönes deutsches Festival.

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Wenn der Bildschirm weiß wird, ist die Grafikkarte im Eimer – das haben wir jetzt auch gelernt. Überhaupt: so wie Cannes ein „cursed festival“ war, entpuppt sich 2011 am Ende wahrscheinlich als verfluchtes Jahr. In San Sebastian sendeten uns die Götter jedenfalls gleich doppelte Computerpannen: Bevor der eine Computer am Donnerstag weiß wurde, speicherte das Netbook, das unterwegs immer dabei ist, aus schleierhaften Gründen etwa die Hälfte der am Dienstag im Cafe übertragenen Kino-Notizen nicht ab – und zwar nicht die neuere Hälfte, sondern einen willkürlichen Teil. Das war vor allem deshalb blöd, weil ich meine Notizzettel im im „artess“-Cafe weggeworfen hatte. Also ging ich am nächsten Vormittag hin, und fragte, ob sie möglicherweise noch irgendwo den Papier-Müll hätten. Hatten sie nicht, aber mit einem „tranquilo!“ („nur die Ruhe“), rief die Bedienung bei der Putzfrau an, fragte nach der Farbe des Müllsacks und wohin sie ihn gebracht habe, und begleitete mich zu einer Sammelmülltonne. Dort fand sich der Sack schnell, das Papier war drin, und weder feucht, noch stinkend. Die Freundlichkeit und Warmherzigkeit der Leute hier, jedenfalls der Bedienungen im „artess“, kann einen verlegen machen.