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Wie und wo das Kino und Netflix voneinander profitieren werden

von | Mai 23, 2015 | Kino, Video-on-Demand, Web | 9 Kommentare

Birth. Movies. Death. schlüsselte kürzlich in einem aufschlussreichen Text detailliert die Hintergründe der Netflix-Erfolgsstory auf: Der weitsichtige STARZ-Deal, wie Netflix das Potential von BREAKING BAD richtig einzuschätzen verstand, rechtzeitig Disney/Marvel für sich gewann, ja, früher noch, wie Netflix von Anfang an, als sie noch DVDs verschickten, genau verstanden, was es wert ist, den umfangreichsten Katalog zu haben. Tiefe zu bieten. Selbst noch obskurere Titel im Programm zu haben als Kim’s Video & Videodrom zusammen. Weiter zu denken. Damit den Markt für Filme und Serien völlig zu verändern. Aber natürlich auch welche Auswirkungen das nun hat. Was heißt das für kleine, unabhängig produzierte Filme? Für Verleiher? Wo ist noch wie Geld zu verdienen, wenn es nicht gelingt, einen angemessen bezahlten Deal mit Netflix zu schließen? Was heißt das für das Kino?

Ich teile die Befürchtungen des Textes nicht, dass die zukünftige Monopolstellung von Netflix bedeutet wird, dass die visionären Jungs und Mädchen aus Los Gatos sich dann von Qualität und Tiefe abwenden werden und bald nur noch auf große Zugpferde setzen werden. Im Gegenteil, Netflix hat früher als jeder andere erkannt, welcher Wert darin liegt, Filme/Serien im Programm zu haben, die nicht nur kurz und heiß brennen, deren erster Wochenend-Erfolg dann aber ebenso schnell wieder verraucht. Hat immer wieder auf Werke gesetzt, die wertvoll waren (BREAKING BAD, THE KILLING…), Kritikererfolge, auch wenn sich diese zunächst kurzfristig noch schwer taten, auch kommerziell zu funktionieren. Hat immer langfristig gedacht. Hat verstanden und gezeigt, wie wertvoll Qualität ist.

Quality in the Bloodline

Blickt man auf das internationale Angebot von Netflix, dann steht da ADIEU AU LANGAGE gleichberechtigt neben Chuck Norris, scheinbar schwer zugängliche Meisterwerke, wie NORTE, THE END OF HISTORY neben den Avengers oder auch auf Serien-Ebene Marvel’s DAREDEVIL neben mit ebenso großem Aufwand produzierten Kritikererfolgen wie BLOODLINE. Und ja, natürlich wird es eine weitere Staffel dieser dichten, im Grün der Everglades flimmernden Familien-Saga geben, auch wenn BLOODLINE, glaubt man den kürzlich veröffentlichten Reichweiten der (leider nur) Mobilnutzer von Netflix, noch nicht ganz in der breiten Masse angekommenen zu sein scheint. Weil Qualität wertvoll ist. Sich langfristig fast immer auszahlt. Einem ein inhaltlich stabiles Fundament gibt, das dann auch ganz viel anderes, vielleicht eher als leicht Empfundenes mitträgt. Es dem großen Ganzen, der Marke, Halt, Haltung, ein Gewicht gibt.

Netflix ist klug genug, hat das in der Vergangenheit immer wieder bewiesen – „besonders wertvoll“ zu sein, lohnt sich eben doch. Aufmerksamkeit, Anerkennung, Wertschätzung sind gerade heute, in digitalen Zeiten, ein sehr wertvoller Faktor. Es lohnt sich wirklich, ihn gegen den vielleicht zu Beginn kommerziell noch nicht ganz so durchschlagenden Erfolg gegenzurechnen.


Kino: Besonders wertvoll

Und ich glaube, Netflix ist auch klug genug zu erkennen: das Kino selbst, das lohnt es sich auf jeden Fall neben dem digitalen Angebot zu erhalten. Weil das Kino gibt mit seiner großen Geschichte, mit seinem Event-Charakter, seiner zu Hause eben doch nicht nachbildbaren wuchtigen Größe, dem realen Gemeinschaftserlebnis, seinem architektonisch in der Realität/dem Stadtbild verwurzelten Standing, dem digitalen Angebot von Netflix ein Gewicht, einen Wert, der dann eben mehr ist als nur Fernsehen.

Fernseh-Fenster, DVD/Blu-ray wie auch die Video-on-Demand-Angebote von zum Beispiel iTunes – all das hat wenig Chancen auch nur mittelfristig neben dem Netflix-Angebot zu bestehen, bestenfalls noch auf Vinyl-Level für kleine Sammlerkreise, aber das Kino, das lohnt es sich als zweite Kraft nicht nur zu erhalten, sondern auszubauen.

Mit Herz & Verstand neu

Dafür wird sich das Kino natürlich auch ein wenig verändern müssen. Muss sich das Kino vielmehr wieder seines ganz besonderen Wertes und seiner großen Kraft besinnen. Für ganz entscheidend für die Zukunft des Kinos halte ich dabei folgende Punkte:

Kino ist der Raum für große, sinnliche Erfahrung.

Es muss mehr bieten als nur ein Fernseh-Erlebnis in etwas größerem Rahmen sein zu wollen. Für das Kino sind deswegen die Filme ganz besonders wichtig, die visuell erzählen, die in großen Bildern und Sound-Gemälden schwelgen. Die atmosphärisch dichten Werke. Nicht das brave Erzählkino, das „Thema“, die „Story“, das Nachspielen von Texten. Da muss sich was bewegen, man einen Film spüren, weit über das reine Verstehen hinaus. Als Kinobetreiber empfiehlt es sich deswegen bei der Filmauswahl solchen Filmen Raum zu geben, die genau das bieten.

Kino ist ein Gemeinschaftsraum.

Den Film erlebt man gebannt mit einer mehr oder weniger großen Menge meist Fremder, die gemeinsam zwei Stunden lang ihre Aufmerksamkeit auf die Leinwand richten. Das ist erst einmal wenig kommunikativ. Da staut sich also kommunikativ etwas an, das anschließend, mitunter auch schon vorher in geteilter Vorfreude, raus muss. Auch dafür sollte es dann idealerweise Raum geben. So wichtig es ist, die tatsächliche Filmvorführung möglichst störungsfrei für die Zuschauer zu gestalten (konsequent gegen Smartphone-Leuchten und sich ähnlich asozial verhaltende Besucher vorzugehen), so schön ist es, wenn es gelingt, hier vor und nach dem Film Raum für Begegnung, soziale Vernetzung und Austausch aufzumachen. Architektonisch vor Ort, aber auch auf digitaler Ebene. Film-Festivals machen es vor.

Kinomacher sind Kuratoren.

Das Kino muss sich wieder dringend seiner kuratorischen Rolle stärker bewusst werden, diese mit Selbstsicherheit, voller Überzeugung und ganz viel Herzblut nach außen leben. Das Kino ist der Ort, an dem einen die tollsten Filme, am lautesten und größten überwältigt haben. Der Ort, an dem man dank der gekonnten Auswahl der Betreiber immer wieder aufregende Entdeckungen macht, aus der Bahn geworfen und mitgerissen wird.

Das Kino ist etwas ganz einmaliges, neben Netflix. Beiden gehört die Zukunft.

Eine Kooperation, bei der das Kino & Netflix gewinnen

Für Netflix ist es gut, Kino von Anfang an mitzudenken, und auch für die Kinos kann eine solche Kooperation nützlich sein. Digitale Werke wirken nämlich ungleich flüchtiger. Man drückt hier seinen Kunden eben keinen Film mehr haptisch, eingesperrt in eine Plastikhülle oder ein Steelbook in die Hand, sondern lockt sie in den Coverflow, ganz nahe am Zapping, was die gefühlte Flüchtigkeit des Ganzen noch einmal verstärkt. Mehr noch als VHS, DVD oder Blu-ray gibt das Kino, gibt ein Kinostart Netflix damit ein ganz besonderes Gewicht. Lässt es ein Programm wertvoller erscheinen.

Für Netflix gibt es deswegen keinen besseren Ort, als ganz nah am Kino zu sein. Auch das Erzählen in Serie, clever verstanden und noch einmal weiterentwickelt durch die Strategie von Netflix, hier ganze Staffeln am Stück anzubieten, nähert sich damit nun gerade wieder stärker dem Kino an. Was ist Binge-Watching anderes, als den engen Rahmen einer Folge zu sprengen, und die Sehnsucht einen Film am Stück erzählt sehen zu wollen?

Kino mit Schaukasten. ©  Decitype

Kino mit Schaukasten. © Decitype

Schaukasten bei Netflix

Schaukasten bei Netflix

Film-Verleih 2.0

Aktuell produziert Netflix nicht nur Serien sondern ganz bewusst auch Kinofilme, die dann natürlich auch im Kino zu sehen sein sollten. CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON II: THE GREEN LEGEND, Cary Fukunagas BEASTS OF NO NATION, diverse Filme mit Adam Sandler… Netflix entwickelt sich auf dieser Ebene also gerade auch zu einer neuen Form von Kino-Verleiher. Einer, der mehr bieten könnte, als das ein bisheriger Verleiher noch tut.

Wenn hier nun zukünftig sowieso Kinostart und digitale Auswertung zeitlich näher und flexibler zusammenrücken, warum davon nicht profitieren? Warum sich da nicht stärker miteinander abstimmen? Warum nicht gerade auch auf digitaler Ebene eng kooperieren? Netflix bringt einen riesigen Erfahrungsschatz mit, wie Filme online erfolgreich vermarktet werden können. Hat die Technologie. Warum nicht also Content Management Systeme speziell für Kinos und Filmfestivals auf der Basis von Netflix-Technologie-Know-how entwickeln, mit welchen Partner-Kinos ihre individuellen Web- und Social Media-Aktivitäten redaktionell zukünftig einfacher und erfolgreicher steuern können?

Warum nicht auch auf der Ebene des Datenanalyse miteinander kooperieren? Resonanz noch klarer und zielgerichteter auswerten? Von einander lernen? Sich auf Social Media Ebene gegenseitig so richtig befeuern und hochschaukeln? Natürlich auch die Programmgestaltung zukünftig einfacher und deutlich flexibler machen?

Netflix hat in der Zusammenarbeit mit TV-Studios, beispielsweise in der cleveren Kooperation mit AMC bei WALKING DEAD und MAD MEN immer wieder gezeigt, wie erfolgreich so etwas sein kann. Wie sich das eben auch ganz direkt in höheren Zuschauerzahlen niederschlagen kann, spielt man sich hier clever gegenseitig die Bälle zu.

Ich freu mich auf die spannende Kino-Zukunft, in der das möglich sein wird.

neflix-kino-stuttgart

Netflix und das Kino. Kollage am Beispiel der wunderbaren Kinothek Obertürkheim