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Große Erwartungen: Gestern begannen zum 66. Mal die Filmfestspiele von Cannes mit 20er-Jahre-Glamour auf dem Roten Teppich, aber alles redet nur von Angelinas Busen. Und die Goldene Palme gewinnt Asghar Farhadi

Man könnte jetzt eigentlich nach Saint-Raphaël fahren… Das wäre ein entspannter Urlaub. Fast wie im Grab. Vor fast genau hundert Jahren, im Jahr 1924 verbrachte dort Francis Scott Fitzgerald den Sommer. Genauer gesagt in einem Dorf in der Nähe von Saint-Raphaël namens Valescure, wo Fitzgerald für sich, seine Frau Zelda und die junge Tochter ab Mai, also vor genau 99 Jahren, eine Villa gemietet hatte. Das südfranzösische Örtchen liegt etwa in der Mitte zwischen Saint-Tropez und Cannes. Noch nicht mal 30 war der amerikanische Schriftsteller, und er arbeitete dort an seinem neuen dritten Roman. Seine bisherigen drei Bücher – es gab noch eine Kurzgeschichtensanmmlung, die TALES OF THE JAZZ AGE betitelt war, und damit dem gerade begonnen Zeitalter bereits den Namen gab – waren große Erfolge gewesen, den Erwartungen entsprechend.

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Statt in den Rentnersarg sind wir wieder nach Cannes gefahren, und gleichzeitig ist THE GREAT GATSBY, so hieß der Roman, als er Anfang 1925 dann herauskam, an die Côte d’Azur zurückgekehrt. Gestern Abend eröffnete seine Verfilmung durch den Australier Baz Luhrmann (ROMEO & JULIET; MOULIN ROUGE), es ist die vierte der Filmgeschichte, die 66. Filmfestspiele von Cannes. Man kann sich das überaus gut vorstellen: Ein dekadent angehauchter Tanz auf dem Vulkan, eine romantische Traumgeschichte aus bittersüßem Liebeszauberzuckerguß, ein babylonisches Stilmischmasch, das perfekt zu diesem Festival zu passen scheint. Mit 20er-Jahre-Stimmung eröffneten jedenfalls am Abend die Filmfestspiele von Cannes, das wichtigste unter den großen Filmfestivals der Welt. Die Verfilmung von THE GREAT GATSBY, des berühmten Romans, ist zunächst einmal Glamour und Starpower pur: Leonardo Di Caprio, Tobey Maguire und Carey Mulligan sind die Stars, die dem Roten Teppich ersten festlichen Eröffnungsglanz verliehen.

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Trotzdem stahl eine andere die Schlagzeilen am Morgen. Angelina Jolie, genau gesagt ihr Busen, noch genauer gesagt, dessen Abwesenheit. Ein Nichts als Nachricht. Ich hatte es kurz vor Abflug gelesen, und geistiger Beistand kam im Nu: Die Frage, was mir denn bei dieser Nachricht als erstes so durch den Kopf schoss, war natürlich nicht zu toppen. Meine wahrheitsgemäße, ebenso spontane, aber aufrichtiger Selbstprüfung standhaltende Antwort lautete wie folgt:

  1. Gedanke: Schade um den Busen.
  2. Gedanke: Typischer Fall von Hysterie nahe am Wahnsinn. Das machen Medien aus Menschen.
  3. Gedanke: Wo ist der Busen jetzt hin? Landete er ausgestopft irgendwo in einem Museum? Hat ihn gar der Doktor mit nach Hause genommen. Das gehört jetzt natürlich ins Kapitel der male fantasies. Aber man darf doch sagen: Was ist das überhaupt für ein Job für einen Arzt?
  4. Gedanke: Hat sie denn jetzt Prothesen?
  5. Gedanke: Wie sehen die Narben aus?
  6. Gedanke: was sagt Brad
  7. Gedanke: Das muss einfach eine Ente sein…

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Auch am Abend ging es so weiter. Wir trafen uns in internationaler Runde zu einer sehr guten Fischsuppe, die unserem alten Freund und Kupferstecher Giuseppe Rapido zu verdanken ist, der latent hysterisch auf diesem und keinem anderen Gericht bestand. Das Entrecote, das folgte, taugte dann weniger. Vor allem trafen wir uns, um vor dem Sturm die Ruhe zu genießen, und ein wenig darüber zu reden, was uns so im Kopf herumschwirrt. Keiner kennt ja jetzt irgendeinen Film, es herrscht also Chancengleichheit. Von der Papierform der Teilnehmer urteilend, gibt es in diesem Jahr keinen eindeutigen Favoriten. Natürlich überlegt man sich, wem man einen starken Film zutraut, wem einen mehrheitsfähigen, man überlegt, wer auf dem absteigenden Ast, und wer „schon längst fällig“ ist; man versucht davon abzusehen, was man persönlich mag, wem man große Preise wünscht, oder wer sie einfach schon lange verdient hätte. Vor allem versucht man sich vorzustellen, wie wohl eine Jury entscheidet, der Steven Spielberg vorsteht, in der dann Ang Lee sitzt – der 2009 in Venedig allen Ernstes SOUL KITCHEN einen Regie-Oscar und LEBANON einen Goldenen Löwen gegeben, Brillante Mendozas LOLA und LOURDES von Jessica Hausner dagegen komplett ignoriert hatte -; und der Rumäne Cristian Mungiu („gähn“), aber auch Nicole Kidman und Christoph Waltz, der laut spezieller Informationen von Dominik aus Wien dafür bekannt ist, alles Mögliche im Kino zu kennen.
„Eine konservative Jury“ – da waren wir uns einig.

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Zu meiner Überraschung gab es dann doch einen Favoriten: Asghar Farhadi, bekannter, hervorragender, aber eigentlich nicht richtig innovativer Iraner gewinnt die Goldene Palme. Jedenfalls, wenn man Guiseppe Rapido, unserem DLF-Redakteur Christoph und Nil aus Istanbul folgt. Zweimal wurde auf Hirokazu Kore-eda getippt. God knows, why. Dana aus Amsterdam zog sich damit aus der Affaire, dass sie sich auf ihrem Landsmann Alex van Wamerdam konzentrierte, was noch nicht mal ihre Kollegen Ronald und Kees glauben. Mein Tip: Alexander Payne, weil der einer ist, auf den man sich einigen kann. Desplechin würde ich mir am meisten wünschen, den anderen Arnaud, Des Pallieres, nicht weniger, und das nicht nur wegen Kleist. Aber Wünsche werden ja meist nicht wahr. Spielberg wie ich ihn einschätze, könnte auch für Polanski gut sein. Violeta aus Barcelona findet das auch.

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Warten wir es ab. Das Gespräch kam dann auf Angelinas Brüste und war von Erstaunen dominiert: Mein persönlicher Eindruck. Männer distanziert, Frauen eher getroffen. Ein Mail-Kommentar aus Deutschland: „Die Jolie neigt doch eh zur Autoaggression… Jetzt hat sie es auf eine unvorstellbare wahnsinnige Spitze getrieben…“ gibt mir zu denken. Es kann einen gruseln ob der Jolie.

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THE GREAT GATSBY ist also allemal so oder so ein passender Eröffnungsfilm, weil er alle Facetten vereint, die an den kommenden zwölf Tagen diesen Treffpunkt des Weltkinos beschäftigen dürften. Wie von Cannes gewohnt, hat man einmal mehr die Crème de la Crème der Filmszene für Weltpremieren an der südfranzösischen Riviera gewinnen können: Cannes ist einerseits Geschäft pur – Appartements während des ganzen Festivals kosten hier von 2000 Euro aufwärts, ein deutscher Verleih muss tausende von Euros bezahlen, um bei Rechtehändlern Interviewzeit für deutsche Journalisten zu reservieren – aber Cannes ist auch Hardcore-Kunstfilm, ästhetische Innovation und eine große Show, in der das Kino sich selbst feiert.

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Neben dem neuen Film von Roman Polanski gibt es Filme von den Coen-Brüdern, aber auch von den französischen Autorenfilmern Francois Ozon und Arnaud Desplechin. Und als einzige Frau im Wettbewerb Valeria Bruni-Tedesci, die Schwester von der französischen Ex-First-Lady Carla Bruni. Das wirkt wie ein Feigenblatt in der grassierenden Debatte um weibliche Regisseure in Cannes – zumal um so mehr in „Un Certain Regard“ laufen. Und Programmchef Thierry Frémaux lästerte vor sein paar Tagen etwas unter Niveau: „Wie viele weibliche 1-Sterne-Köche gibt es denn im Guide Michelin“?

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Eine weitere Premiere feiert der angeblich „letzte Film“ von Stephen Soderbergh: Darin spielt Michael Douglas den schwulen Varietekünstler und Las-Vegas-Star „Liberace“. Auch zwei Filme mit deutscher (finanzieller) Beteiligung wetteifern um die Goldene Palme – darunter hat sich der Franzose Arnaud Depallières einen deutschen Literaturklassiker vorgenommen: MICHAEL KOLHAAS gespielt vom Dänen-Star Mads Mikkelsen, mit Bruno Ganz, David Kross und David Benennt in weiteren Rollen. Besonders attraktiv in Cannes sind immer auch die Nebenreihen: Dort laufen diesmal – als Ersatz für den Wettbewerb? – besonders viele Filme von weiblichen Regisseuren: Die neuen Werke von Sofia Coppola, Claire Denis und dem französischen Shooting-Star Rebecca Zlotowski werden besonders gespannt erwartet.

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Frankreichs aktuelle Schauspielköniginnen sind gleich je zweimal zu sehen: Marion Cotillard in THE IMMIGRANT vom Amerikaner James Gray, einem der erklärten Cannes-Lieblinge, und in BLOOD TIES von ihrem Mann Guillaume Canet. Und Léa Seydoux in dem dreistündigen lesbischen Liebesdrama BLUE IS THE WARMEST COLOR sowie in Zlotowskis GRAND CENTRAL – eine Gästeliste, bei der sich die Frage erübrigt, wo das wichtigste Festival der Welt liegt.
Zwei Wochen lang liegen in Cannes des Mekka des Kinos und das vielsprachige Babylon zusammen.