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Wille zum Wissen

von | Sep 23, 2015 | San Sebastian 2015 | 0 Kommentare

Das Tier in mir: THE BOY AND THE BEAST – der neue Film von Mamuro Hosoda

„An illusion sometimes has more truth than truth itself.“
THE BOY AND THE BEAST

Japan ist ein großer Schwerpunkt beim diesjährigen Festival von San Sebastian. In allen Reihen gibt es japanische Filme, die uns an das erinnern, was der eurozentrische Blick gern mal vergessen lässt: Dass Japan eine der größten und ältesten Kinonationen ist. Dass unser Verständnis von Kino Japan viel verdankt. Besonders hervorzuheben ist natürlich die zeitgenössischen Retrospektive über „Das unabhängige japanische Kino“ der letzten 15 Jahre, hier bekommt man hochinteressante Einblicke in die japanische Gesellschaft.

Erkennbar ist in vielen der dort gezeigten Filme die inhärente Depression einer Gesellschaft, der Vorbilder und Visionen abhanden gekommen sind, die ihre Richtung verloren hat.

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Ähnliches kann man ohne Schwierigkeiten auch aus THE BOY AND THE BEAST herauslesen, dem neuen Film des japanischen Animationsgenies Mamoru Hosoda, der als erster Anime überhaupt im Wettbewerb um die Goldene Muschel läuft. Hosoda ist durch Filme wie DAS MÄDCHEN, DAS DURCH DIE ZEIT SPRANG, WOLFSKIND und vor allem SUMMER WARS zum wichtigsten Anime-Regisseur des letzten Jahrzehnts geworden – seine Filme sind so aktuell und gegenwartskritisch, wie eskapistisch, atemberaubend-faszinierende Märchengeschichten für Erwachsene und Kinder gleichermaßen.

Auch in seinem neuen Film geht es um das Verhältnis zweier Welten und um jenes Zwischenreich, das wir als Pubertät kennen. Im Zentrum zunächst Kyuta, ein kleiner Junge, der von zuhause ausgerissen ist – „Watch me!“, sagt er – weil er nach dem Unfalltod seiner Mutter nicht zu Verwandten kommen wollte. Der geschiedene Vater ist nicht aufzufinden. So ist das Thema der Vatersuche dem Film von Anfang an eingeschrieben, ebenso wie der Konflikt zwischen individueller Freiheit und den Ansprüchen der Gesellschaft an den Einzelnen. In den ersten Minuten ist diese Gesellschaft durch Überwachungskameras präsent und durch die Polizisten, die die Metropole (Tokio?) paarweise durchstreifen, um ausgerissene Kinder aufzugreifen und in ihre eherne Obhut zu nehmen. Auf der Flucht vor ihnen trifft Kyuta auf seltsame Wesen mit Menschenleibern und Gesichtern, die das von Wolf und Wildschwein mischen. Es sind Kreaturen aus einem Reich namens Jutenkai, das Paralleluniversum und Gegenwelt zugleich ist: Sie ähnelt alteuropäischen Dörfern und in ihr herrschen die Werte des Alten Japan: Ehre, Disziplin, Vorrang des Älteren, Buddhismus und das aristokratische Kämpferethos der Samurai-Kultur. Kumatetsu, ein auch moralisch verwahrloster Ritter, lädt Kyuta ein, sein Lehrling zu werden und so tritt der kleine Junge über in die Parallelwelt.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten wird Kyuta ein vorbildlicher Schüler, der zugleich seinen Meister Kumatetsu moralisch weiterentwickelt. Die Jahre vergehen, und Kyuta ist ein Jüngling. Irgendwann geht er eher zufällig in die alte (reale?) Welt zurück, und findet bald Gefallen an diesen Ausflügen. Denn in der Bibliothek findet er etwas, das er bei Kumatetsu nicht gelernt hat: Das Wissen der Bücher. Besonders angetan hat es ihm Melvilles „Moby Dick“. Und Kyuta findet Kaede, ein kluges, ernsthaftes High-School-Mädchen, das seinen Bildungshunger teilt, und ihn in der fremdgewordenen Realwelt unterstützt.

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THE BOY AND THE BEAST ist ein Roman des Erwachsenwerdens, ein im besten Sinn naives, romantisches Märchen über die Lust am Text und den Willen zum Wissen. Doch es geht um mehr. Denn Kyuta sucht auch seinen Vater. Und in der Parallelwelt kämpft Kumatetsu in einer Art Stierkampfarena um die Nachfolge des „Lords“, der diese Welt regiert. Er braucht hierfür Kyutas Hilfe, und so ist der zwischen mehr als zwei Loyalitäten hin und hergerissen.

Die Parallelwelt ist keine bessere, sondern eine andere. Ein ruhigerer, spirituellerer Gegenentwurf zur Großstadtmoderne freilich schon. THE BOY AND THE BEAST pflegt wie schon „Summer Wars“ einen nostalgischen, und wohl auch konservativen Umgang mit alten Samurai-Idealen, ohne deren Schattenseiten zu verleugnen oder die Moderne zu verunglimpfen. Aber auch die neuen Zeiten haben ihre Abgründe und gerade die Begegnung mit Kaede öffnet dem Publikum Einblick in die Einsamkeit der japanischen Jugend, in den Druck, der auf den Kindern lastet, die von den Erwachsenen im Stich gelassen werden: „I exist to make my parents happy“, meint das Mädchen traurig. Erzählt wird auch von Außenseitertum und Mobbing. „Bullying gibt es selbst an Elite-Schulen“, sagt Kaede einmal. Und schließlich sind die neuen Medien böse, ohne das das wörtlich ausgesprochen wird. Doch man sieht, wie die Jugendlichen, die fortwährend chatten, nichts mehr lesen. Und wie sie es sind, die andere schickanieren, schlagen, ausrauben.

Demgegenüber wird deutlich, was alle Lebewesen lernen sollten: Den Status des Non-Ego zu erreichen. Das Dunkle ist das Schlechte, das Helle das Gute. Diese „Dunkelheit“, die besonders die Menschen schnell gefangen nimmt, muss man als „Selbstzweifel“ übersetzen.

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So gesehen lässt Hosoda in seinen Weltentwürfen wenig Raum für Zwischentöne. Es gibt Schwarz und Weiß, Hell und Dunkel. Aber alles ist verankert im Japan und der Welt von heute.

Und es bleibt viel Platz für Phantasie, für exzessive Szenarien, und überquellende Bilder. Vor allem im letzten, turbulenten Drittel seines Films strahlt die Leinwand in leuchtendem Neonblau und feurigem Orangerot. Da zeigt Hosoda, was Animation unentbehrlich macht: Sie stellt Phänomene dar, die in der richtigen Welt nicht zeigbar sind. THE BOY AND THE BEAST ist Spektakelkino, aber wie jedes geglückte Spektakel auch Bewusstseinserweiterung und Ausdruck für Seelenzustände.