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Eventkultur. Ein Schlagwort, das man heute nicht selten hört. Ein wenig Spektakel hier und da scheint heute einer der wenigen verbliebenen Wege zu sein, immergleiche Konsumgewohnheiten trotz Abgestumpftheit und Übersättigung zu durchbrechen. Die in den letzten 10 Jahren förmlich explodierte Masse von internationalen und lokalen Filmfestivals bestätigt das und nutzt dieses Prinzip geschickt: Die Veranstaltungen bieten eine enorme Programmauswahl, begleitende Infohefte oder Kataloge, zahlreiche Gäste sowie ergänzende Rahmenveranstaltungen, die den bloßen Kinobesuch vergleichsweise alt aussehen lassen. Durch ihre Konzeption als befristete und besonders aufwendige Sonderveranstaltungen wecken sie bei einer breiten Besuchergruppe eine Offenheit und Entdeckungslust, die man sonst nur der schrumpfenden Gruppe von treuen Programmkinobesuchern zuschreiben würde. Ob Festivals nun, wie an mancher Stelle angesprochen, als Nachfolgeformat zu klassischen Spielstätten gesehen werden können, sei dahingestellt. Und vielleicht, daran denkt man zumeist gar nicht, geht der Trend ja nicht zwangsläufig auseinander, sondern bringt irgendwann neue Modelle hervor. Wir werden sehen.

Konzert Coco Rosie

Abseits der Festivalkultur, daran besteht wiederum kein Zweifel, wird ein großer Teil des Publikums konditioniert, mit der klaren Absicht ins Kino zu gehen, um zu sehen, was man erwartet, wofür man schließlich teuer Geld bezahlt. Das ist oftmals nur eine verlängerte Version eines Filmtrailers, die immer öfter schlichtweg ausgetretene Vorstellungen bedient. Etwa wie Nolans letztes Batman Sequel, das sich jüngst vollends in die Maschinerie fügte und bis auf kleine Nuancen uninspirierte Stangenware lieferte. Das Problem ist natürlich bekannt. Lassen wir es hinter uns und blicken nach vorne: New Horizons! Neue Horizonte will Polens größtes Filmfestival jenseits der gewöhnlichen Kinokost präsentieren und schmackhaft machen. Hip soll es sein, jeden Abend spielen Bands, etwa Peaches oder Coco Rosie. Auch gibt es viele kleinere Geheimtipps, alles irgendwie Independent, mit Charakter. Das Festivaldesign ist durch das heute allgegenwärtige Image des neuen Hauptsponsors T-Online geprägt, es fühlt sich sonderbar vertraut an, nicht wie bei so einem exzentrischen Kunstevent. Eine Kollegin aus Polen erzählt, dass die Veranstaltung sehr erfolgreich junge Leute aus dem ganzen Land anzieht. Vielleicht seien sie von den Filmen ein wenig überfordert, meint sie, aber New Horizons mache Breslau zum „place to be“. Und sie hat recht, das spürt man dort schnell. Die neun(!) Kinosäle des zentralen Kinos Helios – sonst ein böser Multiplex-Tempel – sind sehr gut gefüllt, ebenso die stimmungsvoll ausgeleuchtete Partylocation gleich um die Ecke. Alles sehr lebendig eben und irgendwie mit einem angenehm lokal anmutenden Feeling, man hört wenig Englisch. Niemand macht sich wichtig, man kann einfach Spaß haben. Viele große Filmemacher sind präsent und erhalten viel Raum, mit den Zuschauern über ihre Filme zu sprechen. Vordergründig ein echtes Publikumsfestival also, entsprechend mit jährlich über 100.000 Gästen. Das ist auch genau richtig so, denn ohne Publikum macht Kino ja bekanntlich wenig Sinn.

Schnell entdeckt man dann, dass die Macher um Festivalgründer und -leiter Roman Gutek nicht nur beim Publikum mit ihrem Konzept erfolgreich sind, sondern auch ohne steife Industrie-Atmosphäre genau wissen, wie das relevante Kino systematisch voranzutreiben ist: Denn Gutek ist nicht bloß Festivalmacher, sondern vertritt auch den größten Arthaus-Verleih Polens. Internationale Wettbewerbsgewinner in drei Kategorien (Grand Prix, Publikumspreis, FIPRESCI-Preis) erhalten bei New Horizons entsprechend nicht einfach einen symbolischen Handkuss und etwas Taschengeld, sondern garantierten Vertrieb in den Kinos des Landes. Preisgelder werden insgesamt in vier Kategorien vergeben: „International Competition“ für Spielfilme, „Films On Art International Competition“ für Dokumentarfilme, „Polish Short Films“ & „European Short Films“. Sorgsam ausgewählt waren die Kandidaten des internationalen Wettbewerbs übrigens zweifellos: 14 Kandidaten aus 12 Ländern zeichneten einen Querschnitt durch das gegenwärtige Weltkino und gleichermaßen durch die bedeutsamen Festivals der letzten Monate, gaben Gelegenheit, Verpasstes nachzuholen und zwischendurch ganz Neues zu entdecken. Die zugehörige Jury, besetzt etwa mit Naomi Kawase (THE MOURNING FOREST) oder Lav Diaz (EVOLUTION OF A FILIPPINO FAMILY), vergab den Preis leider nur an den (wenn auch hervorragenden) Rotterdam-Gewinner THURSDAY TILL SUNDAY von Dominga Sotomayor Castillo aus Chile. Vielleicht nicht absolut notwendig. Aber doch, und darauf soll es ankommen, war die Grundlage für Fairness von Festivalseite aus gegeben: Prestigeträchtige Titel wie Hanekes LIEBE oder HOLY MOTORS von Carax waren bewusst außerhalb der Wettbewerbe platziert, die sich entsprechend im Gesamtbild des Programms angenehm subtil einfügten. Mit jährlich rund 200 Langfilmen und knapp 500 Arbeiten insgesamt ist das Angebot hier pluralistisch, demokratisch, schier unüberschaubar im besten Sinne. Retrospektiven portraitierten das Schaffen von Witold Giersz, Dušan Makavejev und Peter Tscherkassky, auch Carlos Reygadas und Ulrich Seidl erhielten eine Werkschau inklusive ihrer aktuellen Filme PPOST TENEBRAS LUX und PARADIES LIEBE. Die Panorama-Sektion präsentierte dann neben Haneke und Carax unzählige Größen wie Abbas Kiarostami, Apichatpong Weerasethakul, Quentin Dupieux, Xavier Dolan, Lynn Shelton, Johnnie To, Giorgos Lanthimos, Cristian Mungiu, Amir Naderi, Guy Maddin sowie viele weitere; das Ganze erfeulicherweise ohne Zwang zur unbedingten Aktualität und weiter ergänzt durch thematische Filmreihen sowie einen Länderschwerpunkt zu Mexiko. Dann gab es noch riesenhafte Open Air Screenings im Stadtkern, wo sogar der frisch restaurierte Stummfilm MANIA. DIE GESCHICHTE EINER ZIGARETTENARBEITERIN mit Livemusik Platz fand. Neben Film und Musik fanden sich überall in der Stadt Ausstellungen und Installationen. Beachtlich. Das Publikum, welches hier so im Vordergrund steht, soll zum Wählen und Entdecken erzogen werden. Man feuert dazu förmlich aus allen Kanonen und an den vollen Kinosälen erkennt man, dass die Rechnung aufgeht. Hervorragend gemacht, Herr Gutek! New Horizons ist plausibel konzipiert, kuratiert (unter der künstlerischen Leitung von Joanna Łapińska), komfortabel und durchdacht bis in die Details. Balsam für die Seele also und ein hervorragendes Beispiel, wie gut Eventkultur dann doch funktionieren kann.

Jetzt könnte man aufhören oder einzelne Filme aufdröseln und hätte einen weiteren Festivaltext. Dass Filmfestivals und ihre Filme meistens irgendwie gut sind, ist aber nun wirklich keine neue Entdeckung. New Horizons gehört zu den besten, die ich bisher besuchen durfte, aber generell findet man immer etwas, das man loben möchte. Filmemacher sind meist sehr spannende Menschen (und hier waren besonders Spannende zu Besuch), die Organisatoren sind mit Herzblut dabei, das Publikum wirkt beeindruckt von dem ganzen Trubel und aus seiner Trägheit gelöst. Deshalb lohnt sich auch eine Vielzahl aktueller Festivals, die unterstützens- und förderungswert sind. Das aber nun besonders Interessante am New Horizons Festival und der eigentliche Grund für diese Zeilen ist die Tatsache, dass sich die New Horizons-Macher damit im zwölften Jahr ihrer zunehmend etablierten Veranstaltung nicht mehr mit dem Status Quo begnügen und seit einiger Zeit einen Schritt weiterdenken; ich übergebe das Wort an Roman Gutek:

Yet, from the beginning of our affiliation with Wroclaw, we’ve repeatedly asked ourselves, what could be done to ensure that the celebrations do not stop on the last day of our festival, but continue throughout the whole year. The question was all the more pressing given that, in the market realities of post-1989 Poland, scores of smaller theatres have closed in the face of impossible competition from multiplexes and Wroclaw cinemas are no exception. The city was bereft of a leading repertory cinema that could showcase ambitious films from Poland and abroad. Many excellent films never reached Wroclaw audiences. Since the big, corporate-owned multiplexes show a largely commercial selection of films, the need for a repertory cinema in Wroclaw was obvious. An ambitious and perhaps slightly mad plan emerged to transform the Helios multiplex on Kazimierza Wielkiego St. into a one-of-a-kind film institution dedicated to screening and promoting artistic, independent, experimental films, in addition to acclaimed classics and artistically ambitious yet accessible films.

Das Helios New Horizons Kino öffnet unter der Leitung des engagierten Festivalmachers im September seine Pforten und wird ermöglicht durch eine umfassende Kooperation des Festivals mit der Stadt Wroclaw sowie der Helios-Kinokette. Neben einem breiten Filmangebot abseits vom Hollywood-Mainstream will das Festival seine Bildungsinitiativen weiter konzentrieren. Bisher wurden regelmäßig Angebote für Schulen in Zusammenarbeit mit Kinos in 26 Städten organisiert, etwa moderierte Filmvorführungen, Lehrerfortbildungen oder Praxisworkshops mit Schülern. Popcorn-Automaten weichen Bücherständen und Cafés. Was entstehen soll ist also ein Hybrid, in dieser Größe vergleichbar mit BFI Southbank oder dem neuen Spielort des Toronto Film Festivals. Das klassische Konzept eines Programmkinos wird zeitgemäß erweitert auf eine große Fläche. Ein solches Konzept reflektiert die enge Verflechtung, die heute zwischen Festivalkonzepten, Vertrieb, Publikum und Medienpädagogik besteht und schafft einen Grund für die konstante Beschäftigung mit dem Medium Film auf mehreren Ebenen. Und wo wir schon beim Thema sind: Dass das ausgesprochen klug ist, lernt man schon in der Schule. Denn was man in einer Woche für eine Klausur gebüffelt hat, vergisst man sofort wieder, wenn man das Gebäude verlässt. Das Problem von Festivals, bei all ihrer Energie, ist Übersättigung – vielleicht ein Symptom unserer Zeit im Allgemeinen. Man hat keine Zeit und schlingt, sieht fünf Filme pro Tag, wie soll man da die Wertschätzung bewahren? Das Kino braucht lebendige Institutionen, die ihm seinen Platz auch außerhalb von Leuchtturmprojekten sichern und den Diskurs über seine Möglichkeiten nicht nur anreißen, sondern dem Zuschauer konstant und langfristig näher bringen.

Das Kino, das bewegte Bild, ist die vielseitigste, präsenteste und lebendigste Ausdrucksform, die wir kennen; es bietet uns ungemein intensive Gelegenheiten, etwas über das Unmittelbare, aber auch über das ganz Ferne zu lernen, es schenkt uns Eindrücke vom anderen Ende der Welt, aus einer anderen Zeit, von unterschiedlichsten Menschen, Kulturen und Gesellschaften, es erzählt uns von der Realität. Welchen Platz wir ihm zugestehen wollen oder nicht, spricht Bände. 2016 wird Wroclaw zusammen mit San Sébastian europäische Kulturhauptstadt. Wir sehen uns im Kino.

 

Bild-Copyright: New Horizons Festival