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Wir wolln‘ doch nur spielen…

von | Sep 23, 2015 | San Sebastian 2015 | 0 Kommentare

Auch Filmkritiker möchten Spaß haben: Der „Grand Prix“ der FIPRESCI steht für ein Autorenkino der Bewegung

„You just made movies.“

George Miller über seine Anfänge

„Hope is a mistake.“

aus: MAD MAX – FURY ROAD

Die Nachricht war eine große Überraschung: Im 90. Jahr seines Bestehens vergibt der internationale Filmkritikerverband FIPRESCI seinen angesehenen „Großen Preis des Jahres“, der alljährlich am ersten Tag des Filmfestivals von San Sebastian vergeben wird, an MAD MAX IV – FURY ROAD von George Miller.

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Nicht ein altehrwürdiger Autorenfilmer gewann den Preis der Filmkritik, kein hochseriöser Film über einen Völkermord, eine Ökokatastrophe, um die Leiden des Menschen am Sein an sich, oder um eine Familienzusammenführung oder um die Reise eines namenlosen Protagonisten zu sich selbst, und auch keiner jener Kritikerlieblinge, in denen gleich gar nichts passiert, und die man dann gern „meditativ“ oder „minimalistisch“ nennt, weil sie einfach dem Fluß beim Fließen zugucken, oder dem Wind während er durchs Laub weht – sondern knalliges eskapistisches Entertainment.
Obwohl… Um Völkermorde, um Ökokrise, um fundamentalontologische Seinsfragen, um Patchworkfamilien und um Namenlose, die wieder sie selbst sein wollen, geht es in MAD MAX IV eigentlich auch. Nur anders.

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Es ist vielleicht die Überraschung des Jahres, vielleicht nur ein Betriebsunfall, vielleicht aber auch die dringend notwendige Selbstkorrektur einer Berufsstandesorganisation.
Die Botschaft aber ist klar: Auch Filmkritiker wollen ihren Spaß haben. Auch Filmkritiker, vielleicht sogar gerade sie, empfinden einen Überdruss an den tausendmal gesehenen Szenarien des Kunstkinos und des Arthousefilms, an seinen allzubekannten Wendungen, an den ständigen Wiederholungen des Immergleichen, an Gutmenschen, die unter dem Bösen leiden, an Figuren, die nicht reden können und nicht reden wollen und deren Schweigen doch oft nur Ausdruck der Sprachlosigkeit ihrer Regisseure ist. An langen Einstellungen aus Prinzip, die Bedeutung oft mehr suggerieren, als dass sie sie haben, am Vagen, Raunenden des Kinos, das sich heute Autorenfilm schimpft. Ein Kino, das aber die Tradition des Autorenfilms längst verraten hat.

Denn mit Antonioni, Rosselini, Visconti, mit Godard, Resnais, Truffaut, mit Fassbinder, Kluge, Schlöndorff, mit Hitchcock, Lang, Preminger und vielen anderen hat eine große Zahl heutiger Autorenfilmer selten noch etwas am Hut. Sie zitieren sie, behaupten in ihrer Tradition zu stehen, aber sie verraten sie und deren Begriff von Kino, der vor allem eine Auseinandersetzung mit dem Medium und seiner Geschichte war, der Politik forderte.

Schon lange ahnt man, dass es so nicht weitergehen kann. Der Preis für MAD MAX IV ist da erstmal ein Ventil. Ausdruck eines Überdrusses, nicht mehr. Gut möglich, dass die nächsten Kritikerpreise wieder an einen der üblichen Verdächtigen gehen, oder schlimmer noch: an einen der jungen Blender. Aber der Preis für MAD MAX IV ist die Chance, eine Debatte zu beginnen.

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Natürlich muss man an solchen dahingeschnodderten Ausführungen viel kritisieren. Ich gebe zu, dass mir Kritik an Kritikern tendenziell unsympathisch ist, denn kein Berufsstand gibt sich ähnliche Blößen: Schnelle Urteile über anderer Leute Arbeit öffentlich zu fällen, macht verletzlich. Und natürlich ist es mehr als billig, über Klischees von „Kritikerlieblingen“ zu spotten, zumal ich selbst oft genug schon Filme gemocht und verteidigt habe mit dem Argument, sie seien „meditativ“ oder „minimalistisch“. Dies aber einmal in Rechnung gestellt, bleibt die Frage, ob nicht auch trotzdem etwas dran ist? Dient die zugespitzte Formulierung hier vielleicht zur Verdeutlichung eines Sachverhalts?

Mindestens dem, dass man, wenn einem zu einem Film gar nichts einfällt, und man eigentlich den Eindruck hat, hier passiere gar nichts, hier seien die schönen Bilder leer und substanzlos, und womöglich noch nicht mal schön, dass man dann immer noch mit Vokabeln wie „meditativ“ und minimalistisch“ diese Ödnis mit Wortgirlanden umwickeln und verklären kann – und man zugleich der Gefahr entgeht, dass einem vorgehalten wird, man habe es halt nicht verstanden?

Natürlich kann man dagegen halten, dass das Kino, das MAD MAX IV repräsentiert, von tausendmal gesehenen Szenarien, von allzubekannten Wendungen, von ständigen Wiederholungen des Immergleichen ebenfalls nur so strotzt. So ist es tatsächlich. Nun weiß MAD MAX IV, dass er das tut, und was er ist, der Film behauptet nicht, etwas anderes zu sein, und gehört zu den verhältnismäßig besseren Exemplaren der Gattung, und ist zudem im seinem offen praktizierten Exzeß, in seiner ästhetischen Derbheit ein Fall von Avantgarde im Mainstream. Aber das ist gar nicht der Punkt. Der Punkt ist jetzt hier, dass das Autorenkino einem Film wie MAD MAX IV natürlich ästhetisch Contra geben und alles voraushaben müsste. Dass man gar nicht in der Lage sein dürfte, solche Gleichsetzungen zu ziehen. MAD MAX IV provoziert uns und fordert uns produktiv – von den meisten Kunst-Filmen kann ich das nicht sagen.

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Es geht hier jetzt auch nicht darum, Namen zu nennen, einzelne Filme oder Filmemacher besonders herauszuheben. Jeder kann sich ja die Pressemitteilung der Fipresci selber durchlesen. Da steht, dass in einer offenen Abstimmung 493 Mitglieder der FIPRESCI aus jedem Spielfilm, der seit Juli 2014 Premiere hatte, vier Finalisten bestimmen durften. Das Ergebnis war: Hou Hsiao-Hsiens THE ASSASSIN, Jafar Panahi’s TAXI, László Nemes‘ SON OF SAUL und Miller’s MAD MAX. Aus diesen Finalisten ermittelte eine zweite Abstimmung den Sieger. Das Ergebnis war knapp, inoffiziell war zu hören, dass gerade eine einzige Stimme den Ausschlag gab zwischen SON OF SAUL und MAD MAX. Und es gehört keine Kombinationsgabe dazu, zu erkennen, dass MAD MAX nur gewann, weil sich die anderen drei künstlerisch für wertvoller geltenden Filme gegenseitig die Stimmen abgejagt und neutralisiert haben. Dass der Preis für MAD MAX also auch und bestimmt zu hohem Anteil ein Preis gegen Hou Hsiao-Hsien, Jafar Panahi und László Nemes ist.

Denn diese drei repräsentieren ganz gut drei Facetten des oben beschrieben Kunstkinos, das ich Autorenfilm nicht nennen möchte.

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Man muss aber auch Positives über MAD MAX IV sagen. MAD MAX – FURY ROAD ist ein Frauenfilm, ein Unterhaltungsfilm, ein Film zur Gegenwart.

Der Film erinnert uns daran, wie großartig Action-Filme sein können. George Miller macht hier eigentlich nichts anderes, als das, was Buster Keaton in seinem Meisterwerk THE GENERAL von 1926 vorgemacht hat: Action als das Gegenteil von Stillstand. Kino als sich langsam steigernde Geschwindigkeit und konstante Vorwärtsbewegung. Nicht umsonst heißen Filme „Movies.“

 

Der argentinische Kollege Diego Lerer hat es ganz gut auf der website der FIPRESCI beschrieben: Miller gehöre in die gleiche Liga wie andere „speedy old men“, wie Martin Scorsese und Michael Mann:

„All of them are capable of playing the industry game in terms of narrative rhythm (they’re fast and furious) but, at the same time, they are able to take their films one step beyond the norm, where speed becomes audiovisual experimentation and even sensory abstraction.“

Und weiter:

„Compared to most of what passes for action/adventure films today, „Mad Max: Fury Road“ is impressive for the ways it is able to move constantly without ever being confusing or messy. The spatial logic of the action scenes is perfectly calibrated and the special effects integrate seamlessly and don’t call attention to themselves creating a sort of realistic version of a completely unrealistic world. … The greatest thing about „Fury Road“ may be that it is a big, fun, noisy movie that can go beyond what’s expected of such products, and become a statement not only about action cinema and the Hollywood industry but also about the injustices of the world we live in.“

 

Dem ist wenig hinzuzufügen. Vielleicht, dass dieser total verrückte, extravagante Film, die wahnwitzige Zahl von 2700 Schnitten gebraucht hat.

Und auch, dass MAD MAX – FURY ROAD natürlich noch einen weiteren Vorzug hat: Gewalttätige Dystopien, wie dieser Film sie entfaltet, sind nicht nur reizvoll, und daher als Filmstoffe attraktiv, sie erzählen uns auch Substantielles über die Welt, in der wir leben. 88 Jahre nach „Metropolis“ haben Dystopien die klassischen Liebesgeschichten und Heldenerlösungsreisen, die einst das Kino dominierten, ersetzt. Dazu steht der Film. MAD MAX – FURY ROAD provoziert. Er ist mit anderen Worten „purer Surrealismus“ wie das George Miller nennt.

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Natürlich ist dies auch ein Autorenfilm. MAD MAX – FURY ROAD steht für ein Autorenkino der Bewegung und gegen sein Gegenteil, das Autorenkino des Stillstands.

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Noch nie bin ich so oft auf einen FIPRESCI-Preis angesprochen worden, wie diesmal. Und wenn es keinen anderen Grund gibt, sich über diesen Preis zu freuen, dann diesen einen: Dass sich alle über die Filmkritiker wundern und über diesen Preis reden.