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Copyright: Cannes Filmfestival

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Olivier Assayas über den Medienboulevard – und erste Preisspekulationen beim Festival von Cannes

Die Tatsache, dass alles wiederkehrt, ist die extremste Annäherung der Welt des Werdens an die des Seins – Gipfel der Betrachtung.

Friedrich Nietzsche, wie er dazu notiert Anfang August 1881 in Sils Maria 6500 Fuß über dem Meer und viel höher über allen Dingen der Menschen.

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Kristin Stewart und Juliette Binoche, dazu eine ganze Handvoll bekannter deutscher Darsteller, darunter Angela Winker, Hans Zischler, Lars Eidinger und Nora von Waldstätten in einem Film – einer ungewöhnlichen Mischung aus europäischen wie amerikanischen Stars begegnet man in SILS MARIA, dem in Leipzig und Berlin, in der Schweiz, und in Italien gedrehten neuen Film des Franzosen Olivier Assayas (CARLOS), mit dem am Freitagabend in Cannes der Wettbewerb um die Goldene Palme zuende ging. Ein Film, der wie gemacht war für den Abschluß der Konkurrenz – geht es hier doch ums Kino, um Schauspielermacken, um echte Kunst und falschen Starbetrieb – in gewissem Sinn also um Cannes selber.

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Binoche und Stewart spielen Maria Enders, eine berühmte Film-Schauspielerin, und ihre Assistentin Val, die immerzu mit Blackberry in der einen und iPhone in der anderen Hand die Termine des Weltstars koordiniert, Presseanfragen abwimmelt und PR-Mitteilungen verfasst. Auf der Fahrt zu einer Preisverleihung in die Schweiz stirbt der Regisseur und Entdecker von Maria – und das Stück, mit dem diese beiden einst zusammen berühmt wurden, soll nun von einem deutschen Regisseur neu inszeniert werden. Im Stück geht es um das Verhältnis zwischen einer älteren mächtigen und einer jüngeren, ihre Karriere und ihr Leben erst findenden Frau, das zwischen Freundschaft und Konkurrenz, Anziehung und Rivalität schwankt. Kunst und Leben vermischen sich auch für Maria und Val zusehends. Auf einem Chalet nahe bei Sankt Moritz bereitet sich Maria auf die nur widerwillig angenommene Rolle vor. Während sie bei Bergwanderungen Erholung suchen, kommt noch eine dritte Frau in ihren Blick und den des Zuschauers: Das Hollywood-Starlet Joe-Ann, das in der Neuauflage die jüngere Frau spielen und damit Marias alte Rolle übernehmen soll. Sie ist absolut modern, wozu gehört, dass sie auf Schritt und Tritt von Paparazzi verfolgt wird.

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Copyright: Cannes Filmfestival

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Fast wirkt diese Joe-Ann wie eine Kinokopie von Kristin Stewart, was den Charme dieser Konstellation noch zusätzlich erhöht. Stewart hatte beim Dreh, wie der Nachspann verrät, zusätzlich zu einer eigenen Assistentin auch noch einen persönlichen Bodyguard – auch hier kopiert Kino das Leben und umgekehrt. Zugleich ist Stewart die Überraschung des Films: Sie spielt ausgezeichnet, intensiv, und man erwischt sich dabei melancholisch zu werden ob der hunderten von Chancen die das amerikanische Kino jährlich verschenkt: Durchformatiert und überscripted hat im US-Kino die künstlerische Freiheit kaum eine Chance.

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SILS MARIA ist ein erstaunlicher Film: Überaus gelassen, ruhig, ohne abgeklärt zu sein, sinnlich und schön. Eine tolle Reflexion über das Kino, auf die wir in den nächsten Tagen bestimmt noch zurückkommen. Der Film ist auch amüsant, klug, ironisch, überaus witzig und strotzt nur so von scharfsinnigen, sarkastischen Sottisen über den heutigen Starbetrieb. Denn dies ist ebenso gut, wie er ein Film über den Boulevard ist, den Starbetrieb, der auch von seinen Feinden noch zu ernst genommen wird, auch ein Film über das Kino. Er handelt von ähnlichen Fragen, wie sie Godard und Cronenberg aufgreifen, und steht damit auch dem mit Sils Maria untrennbar verknüpften Dekadenzphilosophen Friedrich Nietzsche nahe – und Cronenberg wie Godard sind Nietzscheaner des Kinos.

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Darum dreht sich der Film in seinem Hohngelächter über die Gegenwart doch um ernste Themen, ums Altern, um den Generationskonflikt zwischen den Frauen. Um Frauen überhaupt. Schon vor unseren bald folgenden Cannes-Bilanzen kann man festhalten: Lange gab es nicht so viele Filme mit außergewöhnlichen Frauenfiguren, wie in diesem Jahr.

SILS MARIA stellt die Frage, in was für einer Welt wir eigentlich leben, wie Boulevardjournalismus und der alltägliche Medien-Tsunami uns dumm machen, und worauf es im Leben wirklich ankommt.

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Gerade weil er auch intellektuell herausfordert, dürfte er ebenso wie Godards ADIEU AU LANGAGE bei der Preisverleihung am Samstagabend nur Außenseiterchancen auf den Hauptpreis haben. Erste Favoriten auf die Goldene Palme sind am Ende von zwölf aufregenden Tagen der türkische Film WINTER SLEEP und der japanische Beitrag STILL THE WATER. Oder gibt Jurypräsidentin Jane Campion, die einzige Frau, die je eine Goldene Palme gewann, den Preis dann doch einem der alten grauhaarigen Männer, die in Cannes zuletzt meistens gewonnen haben, Filmemachern von Vorgestern, wie den Dardennes-Brüdern, Mike Leigh oder Ken Loach? Gott bewahre!

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Das Empörende an einer individuellen Lebensart – Alle sehr individuellen Maassregeln des Lebens bringen die Menschen gegen Den, der sie ergreift, auf; sie fühlen sich durch die aussergewöhnliche Behandlung, welche jener sich angedeihen lässt, erniedrigt, als gewöhnliche Wesen.

Friedrich Nietzsche

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