Seite auswählen

Zero_Dark_Thirty_Negativ_01Vor etwa anderthalb Jahren gelang einem Spezialkommando der US-Armee etwas Unmögliches: sie töteten einen Geist. Nach 15 Jahren des Terrors, die dieser Geist namens Osama bin Laden in den USA und anderen Teilen der Welt verübt hatte, und es nicht mehr sicher schien, ob er überhaupt noch existierte, wurde das Schreckgespenst endgültig vertrieben und exorziert. Was hatte die Welt nun davon? Was während der 10 Jahre geschah, als der CIA Hinweise zur Ergreifung und Tötung bin Ladens sammelte, erzählt Kathryn Bigelows neuer Film ZERO DARK THIRTY.

Nur am Rande erwähnt der Film, was die Welt viel mehr als die Jagd nach Osama bin Laden prägte, und zwar eine Außenpolitik, die sich dieses Schreckgespenst zunutze machte, um die Welt mit Terror anderer Art zu überziehen. Das größte Debakel mündete in den Irakkrieg von 2003. Um die Mentalität dahinter verstehen zu können, muss man sich in die Zeit nach Vietnam zurückversetzen, als das Image der Nation angeschlagener war denn je. Der symbolische Sieg über den ehemaligen Erzfeind Sowjetunion brachte den Amerikanern nur wenig, es stellte sich eine Art Lethargie in den Neunzigerjahren ein. Erst mit dem Nahostkonflikt glaubte man, wieder einen passenden Gegner gefunden zu haben: Iran, Irak, Afghanistan, dies waren auf einmal Feinde, die weit genug weg waren, und genügend bösartige Feindbilder boten, um zu polarisieren. Der Nahe Osten wurde zur Kulisse einer neuen Form des Krieges, nämlich eines postmodernen. Die geographische Entfernung spielte keine Rolle mehr, denn mittlerweile war durch die technologische Rezeption des Krieges über das Fernsehen das Bild mehr denn je im Mittelpunkt. Eigens ausgebildete Truppen, sogenannte Combat Camera-Einheiten (COMCAMs), sorgten mit Filmequipment dafür, dass eine regelrechte Bilderflut das eigentliche Bild des Krieges (falls es das überhaupt noch gibt) kaschieren sollte. Und so mündete der Krieg ins eigentliche Debakel: Bilder wie die von Abu Ghraib wurden nicht von Journalisten und Kriegsfotografen gemacht, sondern von den Soldaten selbst. Und auch der Gegner schlug nicht mehr nur mittels Guerilla-Taktiken und konventioneller Strategien zurück, sondern produzierte seine eigene „Horror-Show“ in Form von Videobekenntnissen und Hinrichtungen vor der Kamera zurück, die der dramaturgischen Inszenierung der Amerikaner dieser Nahost-Kriege Paroli bieten sollten.

In ZERO DARK THIRTY taucht das Bild des Erzfeindes Osama bin Laden niemals auf, statt dessen sein Abbild auf einem Kameradisplay. Der Mann bleibt den ganzen Film über ein Geist, der Geheimdienst CIA muss schnell handeln – und wartet doch ab. Hauptermittlerin Maya (Jessica Chastain) schreibt mit Boardmarker die Anzahl der Tage, die seit der Entdeckung des Verstecks bin Ladens jeweils vergangen sind, ans Bürofenster ihres Chefs (Mark Strong), ungeduldig darauf wartend, dass die Zahlen überzeugend genug sind, um mit dem Exorzismus zu beginnen. Teil der Kampfausrüstung zum Krieg gegen diesen Geist sind am Ende auch jene geheimnisvollen Hubschrauber, von denen später ein Exemplar in der Nähe von bin Ladens Haus in Pakistan abgestürzt zurückbleibt, zuvor hastig in seine Einzelteile gesprengt. Daher ist es passend, dass diese Hubschrauber (im Film zumindest) von der ebenfalls mythenumwobenen Area 51 starten, jener Militärbasis, die lange Zeit als Testgelände für Ufos galt. Im filmischen Universum des Hollywoodkinos tauchten diese Hubschrauber bisweilen u.a. in FLETCHERS VISIONEN auf, in dem ein paranoider Verschwörungstheoretiker (gespielt von Freizeitverschwörungstheoretiker Mel Gibson) glaubt, irgendwelchen Regierungsgeheimnissen auf der Spur zu sein – bis er schließlich tatsächlich mit seinen Gespenstern in Form von getarnten und „flüsterleisen“ Hubschraubern Bekanntschaft macht.

Zero_Dark_Thirty_Negativ_02

Solche Ironie fehlt in Bigelows Film jedoch fast völlig. Es ist etwas, dass dem Film mal schadet, mal nützt. Schaden in dem Sinne, dass die nüchterne und unpathetische Wiedergabe der CIA-Arbeit der letzten zehn Jahre, die Drehbuchautor Mark Boal in sorgfältiger Recherche zusammengetragen hat, wenig Raum für Emotionen und für Gesellschaftskritik schafft, wie es auf subversive Weise in TÖDLICHES KOMMANDO der Fall war. Nützen tut dies jedoch, in dem die Charaktere dafür realistischer, wenn auch nicht unbedingt sympathischer erscheinen. Nur für einen Moment blitzt die kaltblütige Abgeklärtheit der Protagonistin (gespielt von Jessica Chastain) beiläufig auf, wenn sie ein lockeres Telefonat führt, während sie Bilder einer Drohne auf dem Monitor mitverfolgt, die gerade Ziele im Nahen Osten zerstört.

Es ist oft der Fehler gemacht worden, Kathryn Bigelow als „Power-Frau“ im männlich dominierten Hollywood darzustellen. Das deutsche Feuilleton wies sie immer wieder als Frau im Action-Genre, als „letzter verbliebener Kerl in Hollywood“ aus, selbst nach ihrem Oscargewinn für TÖDLICHES KOMMANDO. Eine gewisse, mit den Geschlechterklischees spielende Thematik unterliegt tatsächlich vielen ihrer Filme. Aber die Plattheit, mit der dieser durchaus talentierten Regisseurin der Mythos von der Frau im männlich dominierten Action-Kino übergestülpt wird, liegt ungeheuer daneben. Nur um Missverständnisse auszuräumen: ZERO DARK THIRTY ist adrenalinhaltiges Kino. Aber wirklich pures Action-Kino, wie man es von Michael Bay, John Woo oder John McTiernan gewohnt ist, regelrecht barocke Opern der Zerstörung mit manieristisch inszenierten Schusswechseln, kamen von der Regisseurin höchstens in einem Einzelfall, nämlich in GEFÄHRLICHE BRANDUNG, der auch bis heute ihr größter kommerzieller Erfolg bleibt. Wo steckt dagegen in ZERO DARK THIRTY die Kathryn Bigelow, die ein düsteres Bild amerikanischer Pop-Kultur gezeichnet hat, wie in THE LOVELESS oder NEAR DARK – DIE NACHT HAT IHREN PREIS? In ZERO DARK THIRTY gestaltet sich die Jagd nach bin Laden zwar gegen Ende spannend und durch die Abwesenheit des Antagonisten fast kammerspielartig. Aber Zweifel daran, dass nun endlich der Kopf von al Qaida gefunden wurde, dass Bilder auch Lügen können, kommen beim Zuschauer niemals auf. Einzelfälle, wie die Satellitenfotos von den angeblichen Massenvernichtungswaffen, die Saddam Hussein gehortet haben soll und die den unmittelbaren Grund für den Irakkrieg lieferten, oder die Vorfälle von Abu Ghraib werden kurz erwähnt, aber das war es auch. So bleibt das eigentlich Subversive, die völlige Ambivalenz aus und man bekommt im letzten Drittel einen fast anderen Film geboten, wenn die Stürmung von bin Ladens Versteck bis ins kleinste Detail inszeniert wird. Und am Ende kann die Protagonistin ihre Menschlichkeit nur wiedererlangen, wenn sie als einzige tiefe emotionale Reaktion eine Träne vergießt. Natürlich nicht für den toten Terroristen, sondern für sich selbst. Nach dieser Katharsis erhofft sich so mancher Amerikaner wohl, dass das Leben normal weitergehen kann. Die Frage ist nur: wäre dies nicht vorher schon möglich gewesen?

***

Textempfehlungen zu Zero Dark Thirty:

Fotos: © Universal