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David gegen Goliath - Der Kampf zwischen Oberyn Martell und Gregor Clegane brannte sich aufgrund seiner Spannung, Intensität und des drastischen Ausgangs als unvergesslicher Moment der Serie in die Köpfe der Zuschauer.

David gegen Goliath – Der Kampf zwischen Oberyn Martell und Gregor Clegane brannte sich aufgrund seiner Spannung, Intensität und des drastischen Ausgangs als unvergesslicher Moment der Serie in die Köpfe der Zuschauer.

Wie schon der Titel vermuten ließ, war der Zweikampf zwischen Oberyn „The Red Viper“ Martell und Gregor „The Mountain That Rides“ Clegane der unbestrittene Höhepunkt der Episode. Doch bevor dem Zuschauer in den letzten Minuten von THE MOUNTAIN AND THE VIPER das ersehnte Ereignis geboten wurde, sprang das Geschehen der Folge von großen zu kleinen Handlungssträngen, die mal mehr, mal weniger interessant waren. In den meisten von ihnen machte jedoch so manche Figur eine bedeutende Wandlung durch: Ramsay ist vom Bastardsohn zum offiziellen Erben des Hauses Bolton erklärt worden, Ser Jorah wurde von seiner khaleesi verstoßen und Sansa ist auf dem Weg, zu einer ernstzunehmenden Teilnehmerin im Spiel der Throne zu reifen.

Obwohl also die ein oder andere Szene in THE MOUNTAIN AND THE VIPER den Eindruck vermittelte, vor allem dazu da gewesen zu sein, das Finale der Folge hinauszuzögern, hatte die Folge noch vor dem spektakulären Kampf durchaus seine herausragenden Momente. So war gleich der Einstieg ein kleines visuelles Spektakel. Regisseur Alex Graves inszenierte den blutigen Angriff der Wildlinge auf Mole’s Town als in sich geschlossener und perfekt arrangierter Schauwert. In ihm rückten zudem zwei reguläre Cast-Mitglieder, die in der laufenden Staffel bisher eher vernachlässigt wurden, wieder ins Bild – wenn auch nur kurz: Ygritte und Tormund Giantsbane. Insgesamt wirkte die Sequenz wie ein Vorgeschmack des Angriffes der Wildlinge auf die Mauer, der die gesamte Staffel über aufgebaut wurde und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit sich in der nächsten Folge, THE WATCHERS ON THE WALL, ereignen wird. Regie wird Neil Marshall führen, der sich vor allem für BLACKWATER, die neunte Folge der zweiten Staffel, verdient gemacht hat. Wird auch in dieser Folge das Geschehen an einem Handlungsort in einer Nacht spielen?

Die Parallelen zwischen Ramsay und Theon werden immer deutlicher. Ihr drastisches Handeln ist von dem inneren Drang bestimmt, die Anerkennung ihrer Väter gewinnen zu müssen.

Die Parallelen zwischen Ramsay und Theon werden immer deutlicher. Ihr drastisches Handeln ist von dem inneren Drang bestimmt, die Anerkennung ihrer Väter gewinnen zu müssen.

Neben inszenatorischen Leckerbissen wie diesen gab es in THE MOUNTAIN AND THE VIPER darüber hinaus natürlich auch wieder herausragende schauspielerische Leistungen zu sehen. Etwa von Alfie Allen. Reek wurde von Ramsay damit beauftragt, in der Tarnung seiner zerstörten Persönlichkeit Theon Greyjoy die Ironborn in Moat Cailin zur Kapitulation zu Überreden. Als die Verhandlungen mit seinen Landsmännern jedoch zu scheitern drohten – unter anderem weil sie ihm den Auftritt als Theon Greyjoy nicht abgekauft wollten – stand Theon/Reek die nackte Panik ins Gesicht geschrieben. Ein Augenblick länger und seine Fassade wäre vollkommen zusammengebrochen. Eine intensive Szene, in der Allen einmal mehr eindrücklich die innere Versehrtheit seiner Figur veräußerlichen konnte.

Ramsay und Reek bilden schon ein seltsames Paar. Durch Ramsays psychologische wie auch körperliche Folterspielchen haben sie eine unheimliche Vertrautheit, ja fast schon Intimität miteinander gewonnen. Sie stehen in einer perversen Wechselbeziehung zueinander – Reek ist abhängig von Ramsay, doch ist auch Ramsay in seinem Wahn abhängig von Reek. Er ist sein Lieblingsspielzeug, sein geliebtes Haustier, sein Fetisch. Sie spiegeln sich gegenseitig, erscheinen manchmal wie zwei Teile derselben Seele. Aufgewachsen als politische Geisel am Hofe der Starks wurde Theon ebenso wenig von seiner richtigen Familie akzeptiert wie der Bastardsohn Ramsay. Aussichtslos rangen sie um die Gunst ihrer distanzierten Väter, griffen zu drastischen, verzweifelten Mitteln. Doch während Theon sein grausames Vorgehen schnell bereute, ging Ramsay voll in ihm auf. In THE MOUNTAIN AND THE VIPER wurde er schließlich sogar dafür belohnt. Er bekam das geschenkt, was Theon versagt bleibt: Anerkennung. Aus Dank für die Einnahme von Moat Cailin erklärte Roose Bolton Ramsay zu seinem offiziell anerkannten Erben. Was für eine grausige Dynastie.

Auf der Eyrie fragt man nach den mysteriösen Umständen von Lysa Arryns Tod – und will Littlefingers Erklärungsversuchen nicht wirklich glauben.

Auf der Eyrie fragt man nach den mysteriösen Umständen von Lysa Arryns Tod – und will Littlefingers Erklärungsversuchen nicht wirklich glauben.

Eine weitere bemerkenswerte Leistung in THE MOUNTAIN AND THE VIPER lieferte Sophie Turner. Sansas falsche Tränen, mit denen sie Littlefinger vom Mordverdacht an Lysa befreit, waren so überzeugend, dass man selbst als Zuschauer ihr für einen Moment auf den Leim gegangen ist – wäre da nicht dieser kalte, leicht triumphierende Blick, den sie am Ende ihrer Darbietung einem überraschten Littlefinger zuwarf. Sansa ist nicht mehr das naive Mädchen, das mit dem Kopf voller romantischer Vorstellungen in der ersten Staffel aus Winterfell aufgebrochen war. Von Angst, Leid und bitterer Enttäuschung geprägt, scheint sie nun endlich das Intrigen-Spiel verstanden zu haben. Sie rettete den in Erklärungsnot geratenen Littlefinger nicht aus Sympathie, sondern aus kalter Berechnung. Wenn er von den Lords der Vale eliminiert würde, was wäre dann mit ihr geschehen? Außerdem weiß sie genau, was Littlefinger will – nämlich alles – und hat ihren Weg gefunden, daran Anteil zu haben.

In ihrer letzten Szene aus THE MOUNTAIN AND THE VIPER war Sansas Verwandlung in ein erwachseneres, dunkleres Ich perfekt. Elegant kommt sie die Treppen hinunter gestiegen, die Haare schwarz gefärbt, um die Tarnung als Littlefingers Nichte Alayne aufrecht zu erhalten, in einem dunklen, gefiederten Kleid. Kein unschuldiges Küken mehr, sondern ein schwarzer Schwan. Eine starke Erscheinung, die nicht nur Littlefinger den Atem verschlagen ließ. Wird die neu erblühte Stark-Tochter bald den gefährlichsten Mann von Westeros um ihren kleinen Finger wickeln?

When I’m done with this world, I don’t want to come back

Im Zweikampf der Viper mit dem Berg scheint sich die Essenz von GAME OF THRONES selbst zu verdichten: Lass dich von deinen Gefühlen leiten, und dir wird es in Westeros schlecht ergehen. Für den Zuschauer heißt das: Je mehr du hoffst, desto größer die Enttäuschung.

Im Zweikampf der Viper mit dem Berg scheint sich die Essenz von GAME OF THRONES selbst zu verdichten: Lass dich von deinen Gefühlen leiten, und dir wird es in Westeros schlecht ergehen. Für den Zuschauer heißt das: Je mehr du hoffst, desto größer die Enttäuschung.

Schließlich ließ sich das Finale nicht weiter hinauszögern. Ohne große Umschweife standen sich Gregor Clegane und Oberyn Martell zum tödlichen Kampf gegenüber. Nervenkitzel pur: Sowohl in seiner Choreographie als auch in seiner Wirkung auf die beiwohnenden Zuschauer war das Duell als mitreißende Achterbahnfahrt der Gefühle in Szene gesetzt. Die agilen Sprünge de Viper trafen auf die schweren Hiebe des Berges, im ausgeglichenen Kampf zwischen Schnelligkeit und Körperkraft dominierte mal die eine, mal die andere Seite. Entsprechend vielseitig waren die Reaktionen der Zuschauer, allen voran die von Tyrion, Jaime und Cersei. Unbehagen, Hoffnung, Verzweiflung und Freude gingen Hand in Hand. So viel stand in diesem Kampf auf dem Spiel. Jeder Angriff der Viper war ein Akt der Rache für seine Schwester: „You raped her! You murdered her! You killed her children!

Dann passierte das Unglaubliche: Die Viper zwang mit gezielten Speerstößen den gewaltigen Clegane zu Boden. Tyrion und Jaime atmeten auf, Cerseis Miene verfinsterte sich. Der Sieg war für Oberyn zum Greifen nahe. Doch konnte er, beflügelt von seinem Zorn, nicht loslassen. Immer wieder schrie er den Namen seiner Schwester, wollte den bezwungenen Gegner gestehen lassen, wollte Genugtuung, wollte Gerechtigkeit. Nachdem er den Kampf über immer aus der sicheren Distanz angegriffen hatte, kam Oberyn seinem Feind nun zu nahe und wurde prompt zu Boden gerissen. Eine Sekunde der Unachtsamkeit, teuer bezahlt. Oberyn bekam das, was er wollte. Der Berg brüllte sein Geständnis der Viper entgegen – und schlug ihr dabei den Schädel ein: „Elia Martell. I killed her children, then I raped her. Then I smashed her head in…LIKE THIS!

Ungläubig versuchte man wie die Zuschauer in King’s Landing das Geschehen zu realisieren. Mit bloßen Händen hat Gregor Clegane den Kopf der Viper zu einer breiigen Masse zerschmettert. Man weiß nicht, was schlimmer ist: Der Anblick von Oberyns eingedrückten Augen, das Geräusch seines zerplatzenden Schädels oder das vor Entsetzen verzerrte Gesicht seiner Geliebten Ellaria Sand. Langsam erhob sich Lord Tywin von seinem Sitz, verhängte mit klarer Stimme das Todesurteil über seinen Sohn. Tyrion ist fassungslos, Jaime erschüttert, Cersei entzückt. Wie konnte das geschehen? Binnen weniger Sekunden hat GAME OF THRONES auf anschauliche Weise die Hoffnung auf ein gutes Ende zerschmettert. Oder doch nicht? Würde die Serie so weit gehen, eine Figur wie Tyrion umzubringen? Zwei Folgen bleiben, um es heraus zu finden.

Andere Gedanken:

* Dass ausgerechnet jetzt ein königliches Schreiben aus Westeros in Essos ankommt, in dem Ser Jorah Mormont von Robert Baratheon (!) für seine Dienste als Spion begnadigt wird – und dass dieser Brief zuerst in die Hände von Barristan Selmy fällt – kann kein Zufall sein. Dennoch: Die khaleesi ist gekränkt und weist ihren treuesten und vielleicht wichtigsten Berater von ihrer Seite. Ob das die richtige Entscheidung war?
* Die interessantesten Begegnungen in GAME OF THRONES sind die, welche beinahe stattgefunden hätten. Nach der Fast-Wiedervereinigung zwischen Jon und Bran in FIRST OF HIS NAME steht die Stark-Reunion zwischen Arya und Sansa ebenso auf der Kippe. Endlich am Ziel angekommen, wurden Arya und der Hound am Tor der Eyrie mit der Nachricht von Lysas Tod konfrontiert. Werden sie nun umkehren und Brienne und Pod um ein Haar in die Arme laufen?
* Apropos: Im Hinblick auf die steigende Düsternis der Serie im Allgemeinen und dem schockierenden Ende der Folge im Besonderen empfand ich Aryas Reaktion auf die Nachricht vom Tod ihrer Tante geradezu befreiend. Ihr Lachen kam aus tiefsten Herzen. In ihm vermischte sich Fassungslosigkeit, schwarzer Humor, Schadenfreude, und eine gewisse Abgebrühtheit: Ja klar, natürlich ist wieder jemand aus meiner Verwandtschaft tot. Sandor, dein Plan war scheiße.
* Auch wenn ich die Kerkerszenen zwischen Jaime und Tyrion sowie die damit verbundenen Monologe sehr genieße, kam mir diese hier doch ein wenig willkürlich vor. Tyrions Erzählung vom käferzermatschenden Cousin hatte zwar schön die darauffolgende, sinnlose Brutalität vorweg genommen, doch kam sie mir im Ganzen ein wenig bemüht vor. Schön jedenfalls, dass Tyrion den Käfer nicht zerquetscht hatte, den er während seines Monologs vom Boden auflas. Er gehört eben zu den letzten zarten Seelen in Westeros.
* Winterfell! Nachdem wir es in Modellform in MOCKINGBIRD bereits gesehen haben, durften wir seit langem wieder einen Blick auf den Sitz der Starks (oder was von ihm übrig ist) werfen, wenn auch aus der Ferne. Ausgerechnet der Verräter Roose Bolton hält nämlich in die Burg Einzug.
* Moat Cailin bekommt für seinen kurzen Auftritt im Vorspann seine eigene Animation? Und Braavos ist auch wieder zu sehen, obwohl weder der Ort selbst in der Folge vorkam noch ein Plot, der mit diesem Schauplatz verbunden wäre? Irgendwie ist mir das System, welcher Ort im Vorspann gezeigt wird und welcher nicht, gerade in dieser Staffel nicht ganz ersichtlich.
* Tywin darf mal wieder seine Verachtung für alles Ideelle zum Ausdruck bringen, indem er Grandmaester Pycelles Gebet zu Beginn des Kampfes von Fanfaren unterbrechen lässt. Göttlich. Vielleicht mag er ihn aber auch nur nicht. Sehr menschlich.
* Langsam wird’s zum Klischee, dass die Ironborn ihren redenschwingenden Anführern abrupt in den Rücken fallen – Theon hat es bereits in VALAR MORGHULIS zu spüren bekommen. Und beide Male hat es absolut nichts gebracht.
* Sweet Robin verlässt das Nest. Wie lang wird sich der junge Vogel an der Seite einer neu erstarkten Sansa wohl halten?
* Ging es nur mir so, oder hatte THE MOUNTAIN AND THE VIPER im Vergleich zu anderen GOT-Folgen besonders viele Momente, die an andere Werke der Popkultur erinnern ließen? Oberyn Martells wiederholende Kampfschreie über seine ermordete Schwester verwies auf Inigo Montoyas berühmten catchphrase aus THE PRINCESS BRIDE: „Hello. My name is Inigo Montoya. You killed my father. Prepare to die.“ Sansas an eine Spottdrossel angelegtes Kleid erschien wie eine Mischung aus den Outfits von Charlize Therons Königin Ravenna in SNOWWHITE AND THE HUNTSMAN, Jennifer Lawrences Spotttölpel-Kleid aus CATCHING FIRE und natürlich Natalie Portmans BLACK SWAN. Roose Boltons Blick über die Weite seines neuen Nordreiches mit Ramsay wirkte wie eine verdrehte Variante der Szene zwischen Mufasa und Simba aus THE LION KING.
* Wie wär‘s mit „Patruelicide“ als Wort für den Mord an Cousins?

Bildcopyright: HBO

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