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Zum Schaden Israels?

von | 10 Aug 2015 | Locarno 2015 | 0 Kommentare

Sensibles, Unsensibles und Sensibilitäten: Das Filmfestival von Locarno startet am ersten Wochenende mit starker israelischer Beteiligung – und mit einer Kontroverse

 

„Dieser Film enthält Szenen, die sensible Zuschauer schockieren könnten.“ – für manche Kinofans klingt dieser Hinweis im Katalog bestimmt wie eine Werbebotschaft, für andere ist er eher Grund, den Film zu meiden. Doch beide Gruppen könnten enttäuscht sein, wenn sie sich jetzt TIKKUN ansehen, den israelischen Beitrag im Wettbewerb um den „Goldenen Leoparden“ von Locarno. Der Film von Avishai Shivan handelt von Haim-Aaron, einem ultra-orthodoxen Studenten, dessen Intellektualität und religiöser Scharfsinn von allen in seiner Umgebung ebenso bewundert wird, wie seine Frömmigkeit. Doch eines Tages bricht der junge Mann nach einer selbstauferlegten Fastenzeit zusammen, verliert das Bewusstsein und wird vom Notarzt für tot erklärt. Sein Vater allerdings will das nicht akzeptieren und wahrhaben, er erzwingt gegen den Willen der Ärzte Reanimierungsmaßnahmen und tatsächlich wacht Haim-Aaron entgegen allen Prognosen wieder auf. Aber er ist verändert: Er verliert sein Interesse für das Studium. Er wird von Alpträumen gequält, verspürt Glaubenszweifel und er erlebt ein plötzliches Erwachen seiner Sexualität. Was ist geschehen? Stellt Gott ihn auf die Probe? Oder bestraft er den Vater, weil er seinem Willen zuwider gehandelt hat? Hat Haim-Aaron mit dem Trauma einer Nahtoderfahrung zu kämpfen, oder ist er eigentlich schon ein Untoter?

Auf Hebräisch bedeutet „Tikkun“ soviel wie „Verbesserung“. Aber „es gibt noch eine zweite religiöse Bedeutung: Die Idee der Wiedergeburt und der Erlösung einer Seele, bevor sie ins Jenseits übergehen kann“, sagt der Regisseur. TIKKUN ist nicht nur der zweite Spielfilm des 1977 geborenen Avishai Shivan, der mit seinem Debüt THE WANDERER 2010 gleich eine Einladung auf die Filmfestspiele von Cannes erhielt, und beim Jerusalem-Filmfestival mit dem Preis für das „Beste Debüt“ prämiert wurde – es ist auch der zweite Teil einer Trilogie über jüdisch-orthodoxes Leben und Glaubenskrisen. „TIKKUN ist eine Geschichte auf Leben und Tod, angesiedelt in einer Gesellschaft mit rigiden, klaren Regeln.“

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Mit insgesamt großer israelischer Beteiligung findet diesmal das Filmfestival von Locarno statt: In der Jury des Wettbewerbs um den Goldenen Leopard sitzt der israelische Regisseur Nadav Lapid (Jahrgang 1975), der 2011 für seinen Film „HA’SHOTER“ (POLICEMAN) in Locarno einen Silbernen Leopard (Preis der Jury) gewann. Der Film startete später auch im deutschen Verleih. Wie alle Jurymitglieder zeigt auch Lapid eigene Filme. Lapid hat sogar (neben seinem letzten Langfilm THE KINDERGARDEN-TEACHER) ein neues Werk mitgebracht: Den Kurzfilm LAMA? (2014) – ein Film über die Macht des Kinos, der Pasolinis TEOREMA mit der Erfahrung in der israelischen Armee konfrontiert.

Zu den Nachwuchshoffnungen des israelischen Kinos gehört auch Osi Wald, wie Lapid Absolventin der „Sam Spiegel Film & Tv School“ in Jerusalem. Ihr Kurzfilm SHIKUF (REFLECTION) läuft im Kurzfilmwettbewerb, und erzählt von einem israelischen Schauspieler, der eine Rolle in einer großen Hollywood-Produktion bekommt. Für ihn wird der Trip nach Amerika zu einer inneren Reise von einem „Gelobten Land“ ins andere.

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Ob Locarno 2015 allerdings auch ein Fest des israelischen Kinos wird, steht noch in den Sternen. Seit Anfang des Jahres hatte das Festival eine „Carte Blanche“ für das Israelische Kino geplant. Dann gab es Proteste. Zunächst ging es nur um den Titel, denn man in interessierten, also israelfeindlichen Kreisen, doch etwas schlicht als „Carte Blanche für die israelische Regierungspolitik“ interpretierte. Tatsächlich knickte das Festival ein, und die Auswahl neuer israelischer Produktionen wurde in „Spotlight on Israel“ umbenannt. Für Anstoß sorgte vor allem die „Partnerschaft“ des Festivals mit dem, von der Jerusalemer Regierung finanzierten „Israel Film Fund“.

Diese staatliche israelische Förderung ist nun auch keine Regierungsorganisation, bekommt aber – wie alle Filmförderer in der ganzen Welt – öffentliche Gelder.

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Vielleicht war es, bei allem offensichtlichen guten Willen, nicht sehr geschickt vom Festival, die „Carte Blanche“ ausgerechnet parallel zur diesjährigen „Open Doors“-Sektion zu legen, die dem Kino der Maghreb-Staaten gewidmet ist. Konflikte, auch für die dialogbereiten arabischen Regisseure in ihren Ländern, waren da vorprogrammiert.

So gingen die Proteste weiter. Es folgte ein Protestschreiben, das von Schweizer Filmemachern initiiert und von international bekannten Regisseuren (u.a. Ken Loach, Jean-Luc Godard, Mira Nair, Eyal Sivan, Jasmina Zbanic), darunter auch mehreren jüdischen, unterzeichnet wurde, auch etwa von Hany Abu-Assad, der für seinen Film PARADISE NOW einst immerhin selbst Fördergelder des „Israeli Fiolm Fund“ bekommen hatte, zogen Ende vorvergangener Woche zwei tunesische Regisseure ihre Filme aus den „Open Doors“ zurück. Sieben andere, auch das muss man hierzu bemerken, sind nach Locarno gefahren.

Dessen ungeachtet sind in diesen Tagen auch viele israelische Gäste in Locarno zu Gast. Sie begleiten die sechs ausgewählten Filmprojekte, und sind mit ihren individuellen Stimmen vernehmbar – ohne Frage wird die Debatte vor Ort fortgesetzt. Zum Schaden Israels und seines Kinos muss das nicht sein.

Rüdiger Suchsland aus Locarno

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