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Zwei Tage, eine Nacht in Kassel

von | Dez 1, 2015

Ich weiß nicht viel über Kassel. Abgesehen von der documenta natürlich bringe ich bloß den Filmladen mit dieser Stadt in Verbindung, ein kleines Glanzstück der deutschen Filmkultur, mit wundervollem Programm, possierlichem Kinosälchen, netten Menschen wie Du und ich hinter’m Tresen. Und dem heiligen Spruch an der Wand: „Filmemacher sollten bedenken, dass man ihnen am Tag des Jüngsten Gerichts all ihre Filme wieder vorspielen wird.“ Erfreulicherweise ist der Filmladen wichtiger Teil meines Festival-Besuchs. Es gibt kaum etwas Schöneres als den seltenen Anblick einer ganzen Reihe von Menschen, die – im niedrigen Foyer eines kleinen unabhängigen Kinos sich tummelnd – darum bangen, doch noch einen freien Platz in der ausverkauften Vorstellung einer experimentierfreudigen Dokumentation über das Zusammenleben einer Gemeinde in Ruanda zu ergattern. Viele davon sind auffallend jung. Das Kasseler Dokfest, das dieses Jahr in die 32. Runde geht, kommt ohne viel Pomp aus. Aber es besticht mit einer lauschigen, stressfreien Atmosphäre, mit kurzen Distanzen zwischen den drei Hauptspielstätten, unkomplizierten Reservierungsprozessen, einem ebenso ästhetischen wie hintergründigen Festivaltrailer – und mit einem großartigen Programm, das über die Filme hinaus ebenso Raum für experimentelle Klanginstallationen wie für vorbildliche Vermittlungsangebote bereithält.

Über Kassel an sich weiß ich nach zwei Tagen dort immer noch nichts. Außer dass die Buslinien in manche Gegenden den Betrieb zu unmöglichen Abendzeiten einstellen und dass der Hauptbahnhof ein Glanzstück deutscher Wiederaufbaus-Geschmacklosigkeit ist. Dafür aber darüber, wie Krieg im Hier und Heute aus nächster Nähe aussieht, (nach THE ACT OF KILLING nun einmal mehr dank UNFORGIVEN: RWANDA) wie unüberbrückbar die Kluft zwischen Menschen sein kann, die während eines Genozids füreinander zu Tätern und Opfern geworden sind, und was für eine coole Sau David Hockney eigentlich ist. Durchweg großartige Filme stehen auf meinem Programm. Das ist keinesfalls selbstverständlich, sondern wirklich lobenswert. Wie bei so vielen Festivals mit gesellschaftlichem Bewusstsein nimmt die derzeit besonders aktuelle Migrationsthematik einen zentralen Platz im Programm ein. Auf erfrischend beschwungene, aber nichtsdestoweniger schockierende Weise nähert sich der Eröffnungsfilm des Dokfests TRAPPED BY LAW dem Schicksal zweier in Deutschland geborener und aufgewachsener Rapper, die aus heiterem Himmel in die Heimat ihrer Eltern, den Kosovo, abgeschoben werden – und hier völlig deplaziert sind. Die grausamen Absurditäten unserer Welt sind auch das große Thema meiner weiteren Festival-Highlights.

TELL SPRING NOT TO COME THIS YEAR

SetWidth960-32.KasselerDokfest-TellSpringNotToComeThisYear-SaeedTajiFarouky-MichaelMcEvoy-Gloria-11.11.-14.2Eine einzige Misere zeigt TELL SPRING NOT TO COME THIS YEAR, völlig berechtigter Träger des Filmpreises von Amnesty International und des Panorama-Publikumspreises der diesjährigen Berlinale. Der Film von Saeed Taji Farouky und Michael McEvoy begleitet den Alltag von Soldaten der Afghanischen Nationalen Armee in der südlich gelegenen Provinz Helmland, die als Rebellen-Hochburg gilt. Zur Routine gehören hier ebenso wie diverse Reinigungsarbeiten, der Kontakt über das Handy mit den Angehörigen und abendliches Kickerspielen im Stützpunkt auch Streifzüge in voller Montur durch ein völlig zugrunde gerichtetes Land. In einem Klima des gegenseitigen Misstrauens begeben sich die Truppen auf die Suche nach Anhängern der Taliban unter den Bewohnern der Region und nach den Besitzern eines der zahlreichen Opiumfelder, zu deren Bewirtschaftung die Bevölkerung wegen herrschender Niedrigstpreise für Getreide gezwungen ist. Immer wieder Bilder von Märschen über sandfarbenen Boden unter blauem Himmel. Und doch ist kein Weiterkommen in Sicht – das spürt man so deutlich in jeder Sequenz, man bräuchte nicht einmal all die abgekämpften, ratlosen Gesichter. „Unser aller Leben ist in höchster Gefahr, und all das für Nichts“, sagt eines dieser Gesichter einmal. Leben im Hamsterrad. Manchmal fallen Schüsse. Und mittendrin die Zivilbevölkerung, die verschreckt Deckung sucht – mal vor der Armee, mal vor den Taliban. Auch das: Alltag.

Über den Bildern liegen die Stimmen von Soldaten, die von der Lage ihres Landes berichten, und davon, wie sie aus Pflichtgefühl, aber auch aus Armut und Perspektivlosigkeit zur Armee gekommen sind. Und sie erzählen von dem rasenden Wunsch die Feinde zu töten, der sie manchmal überkommt – und der schnell wieder abflaut, wenn sie ihren Landsmännern aus dem feindlichen Lager in die Gesichter blicken. Es bleibt die leise Hoffnung, sie mögen einfach zur Vernunft kommen. Immer wieder geht es auch um die Amerikaner, in deren Ankunft viele große Hoffnungen setzten, die schnell enttäuscht wurden. Und doch fühlt sich ihr Abzug wie ein endgültiges Im-Stich-Gelassen-Werden an. Bilder einer verlassenen US-Base sprechen Bände. Die Idee, dass der Krieg in Afghanistan mit dem Abzug der NATO-Truppen beendet wäre (Man denke an George Bushs „Mission Accomplished“-Banner, vor dem er 2003 den Sieg über die Taliban verkündete) – ein geschmackloser schlechter Witz. Jemand bemerkt: „Andere Länder kommen für ihren eigenen Profit hierher. Die haben viel Geld in ihren Einsatz gesteckt. Glaubst du wirklich, das haben die einfach so umsonst für uns getan?“

TELL SPRING NOT TO COME THIS YEAR ermöglicht uns nicht zuletzt durch seine visuelle Glanzleistung einen eindringlichen Eindruck der Realität in der Region. Situationen und Handlungsabläufe werden in bruchstückhafte einzelne Momentaufnahmen zerhackt. Selbst wenn Schüsse fallen, fängt die todesmutige Kamera noch wundervoll komponierte Bilder ein, jedes einzelne ein vor Kraft strotzendes Foto für die Titelseite. Und gegen Ende des Films, in der Stadt Sangrin, wo plötzlich Menschen um uns herum verwundet werden und sterben, katapultiert sie uns mitten hinein in einen blutigen Krieg. Den bis zur Unkenntlichkeit verwackelten Blick der Kamera teilend, reihen wir uns ein in eine atemlose Flucht, bei der es um Leben oder Tod geht.

Dieser Film drückt eine unfassbare Hoffnungslosigkeit aus – darüber kann auch sein Schluss nicht hinwegtäuschen, der einen kleinen Funken Hoffnung in einem – Pardon – gewaltigen Haufen Scheiße ausgräbt. Ein Soldat trägt einen verwundeten Vogel, den er aufgelesen und aufgepeppelt hat auf der Hand. „Egal was demjenigen geschehen ist – jeder, der diesen kleinen Vogel hier ansieht, muss lachen“, sagt er. Ein flüchtiger Moment, der gleich wieder von einer Tafel mit den Namen dutzender während der Dreharbeiten gefallener Soldaten abgelöst wird. Deutlicher als in TELL SPRING NOT TO COME THIS YEAR könnte die absolute Dringlichkeit eines von den europäischen Medien längst wieder vergessenen Konfliktes nicht kommuniziert werden.

DEMOCRACY

SetWidth960-32.KasselerDokfest-Democracy-DavidBernet-Gloria-11.11.-17.00Der Anblick dieser beiden zerzausten Grünen zwischen all den steif uniformierten EU-Parlamentariern, wie sie aus Beatles-Tassen trinken und Space Invadors T-Shirts unter ihren Sakkos tragen, ist einfach eine Wucht. Die Rede ist von dem 30-jährigen MdEP Jan Philipp Albrecht und seinem politischen Berater Ralf Bendrath. Ersterer wird 2012 zum Berichterstatter des EU-Parlaments für ein Reformpapier zum europäischen Datenschutzgesetz ernannt und wird fortan einen Dorn im Auge aller Interessenvertreter aus der Wirtschaft darstellen. Seine Aufgabe ist es, Meinungen von Experten und Vertretern unterschiedlicher Interessen und Fachrichtungen einzuholen und alle Parteien an einen Tisch zu bringen, um schließlich eine Einigung über einen Gesetzesentwurf zu erzielen. Ein Ding der Unmöglichkeit, so scheint es.

Die bedingungslose Sympathie seiner Protagonisten setzt David Bernets außergewöhnlichem Film DEMOCRACY das Sahnehäubchen auf. An ihrer Seite ergründen wir liebend gerne verschiedene Postionen zum Themenkomplex Big Data und Massenüberwachung, die sich schnell in einen Konflikt zwischen Bürgerrechten und Wirtschaftsinteressen gruppieren lassen. Eine Menschenrechts-Anwältin gibt eine ebenso simple wie kluge Antwort auf die häufig gestellte Frage nach dem konkreten Schaden, den Einzelpersonen von der Auswertung personenbezogener Daten nehmen könnten: Das Recht auf Privatsphäre benötigt keine weitere Rechtfertigung, es ist ein Grundrecht. Und Überwachung bedeutet in diesem Fall sogar, Menschen zu kontrollieren, zu manipulieren und zu instrumentalisieren.

DEMOCRACY verflechtet sein Thema eng mit seinem visuellen Stil. Selten ist mir die Fähigkeit des Schwarz-Weiß-Bildes, die Wirklichkeit zu Mustern zu abstrahieren, so sehr ins Auge gesprungen. So ist der Verzicht auf Farbe hier kein einfacher effekthascherischer Kunstgriff, sondern spiegelt geschickt wieder, wie sich unsere Welt zunehmend in Strukturen, in patterns auflöst – Straßenzüge, Passanten, das Gebäude der Europäischen Kommission oder ihr Tagungssaal.

Manchmal wird die Verfremdung in Negativ-Bildern auf die Spitze getrieben. Und immer wieder erscheint uns der transparente Mensch des digitalen Zeitalters als Spiegelung in verglasten Fronten oder bewegt sich gut sichtbar hinter ihnen hindurch. Obgleich sich hier noch einmal viele zugespitzte Argumente zum Thema versammelt finden, ist das Gesetz zum europäischen Datenschutz in DEMOCRACY in Wirklichkeit nur Fallbeispiel für das, was uns der Film tatsächlich klarstens vor Augen führt: den Wahnwitz einer Entscheidungsfindung in unserem demokratischen System. Und dieser nimmt eben gerade dann groteske Züge an, wenn es um Gesetze geht, die Bürgerrechte stärken und damit der Wirtschaft Grenzen auferlegen sollen (wie die damalige EU-Justizkommissarin und Initiatorin des Reformanliegens Vivian Reding herausstellt). Über mehrere Jahre hinweg bekommen wir einen Einblick in die Mühlen der EU, die gewöhnlich hinter verschlossenen Türen formgebende Arbeit an unserer aller Zukunft leisten. Albrechts Entwurf bricht mit 4000 eingegangenen Änderungsanträgen den Rekord in der Geschichte der EU-Gesetzgebung. Es folgen zwei Jahre knallharter Verhandlungen, während derer wir Albrecht dabei begleiten, wie er in mühsamer Detailarbeit mit allen Beteiligten über jede einzelne Formulierung rangelt. Einmal beschreibt er das Europaparlament als überdimensionalen Tanker, dessen Steuer von niemandem gehalten wird. Stattdessen wird er durch Gewichtsverlagerung gemächlich zu bewegen versucht. Es braucht also die nötige Überzeugungsarbeit, um möglichst viele und möglichst schwergewichtige Leute auf die eigene Seite zu ziehen. Mit Blick auf die eigene Karriere wird seine Aufgabe auch für den jungen Politiker persönlich zum Balanceakt zwischen der Position der eigenen Partei und den Zugeständnissen, die erforderlich sind, um seinem Entwurf überhaupt eine Überlebenschance zu bieten. In solchen Momenten nimmt DEMOCRACY zuweilen die Form eines durch und durch packenden Politthrillers an.

Am 12.03.2014 wird Albrechts Entwurf schließlich abgesegnet – ein großer Schritt für Albrecht, ein kleiner Schritt innerhalb des Systems. Und so erleben wir Demokratie endgültig als Sysiphosarbeit: Bis heute dauern die Verhandlungen mit EU-Kommission und den Vertretern des Rats an, deren Zustimmung der nächste Schritt auf dem Weg zur Verabschiedung eines neuen Gesetzespakets ist.

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